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15.07.2005

Softwareprojekte: Gefragt sind Übersetzer

Uwe Rainer
Das Anforderungs-Management vermittelt zwischen Programmierer und Anwender.

Mehr als die Hälfte der Softwareentwicklungsprojekte weltweit sind laut Chaos Report 2004, einer Studie der Standish Group, in Gefahr. Sie werden nicht rechtzeitig abgeschlossen, überschreiten Budgets oder liefern Software mit falschen oder fehlenden Funktionen. Weitere 15 Prozent scheitern definitiv. Die Gründe liegen meist in einer mangelhaften Kommunikation und Dokumentation des Bedarfs: In einer Umfrage der Frankfurter PA Consulting Group bezeichneten 70 Prozent der knapp 100 befragten Unternehmen "unklare Anforderungen und Ziele" als Ursache für das Misslingen von IT-Projekten. Weil die Anforderungen grundlegende Eigenschaften und Funktionen der Software festlegen, haben nebulöse Vorgaben fatale Konsequenzen: Applikationen entstehen, die den Bedürfnissen der Anwender nicht gerecht werden. Die Folge: Es muss nachgebessert werden, die Entwicklungsabteilungen überschreiten Zeit- und Kostenrahmen beziehungsweise die Gewinnmargen der externen Entwickler schrumpfen.

Vermeiden lassen sich solche Probleme durch ein systematisches Anforderungs-Management (AM). Gemeint ist, dass die in Alltagssprache formulierten Ansprüche der Anwender in mess- und testbare Softwarespezifikationen übersetzt werden, Änderungswünsche aufgenommen und die Anforderungen immer wieder neu dokumentiert werden. Auf diese Weise lassen sich die Risiken reduzieren, und die Softwareentwicklung wird insgesamt effizienter.

Allerdings ist es nicht einfach, ein AM einzuführen und vor allem, es dauerhaft in den Arbeitsalltag zu integrieren. Unterstützung versprechen Beratungsunternehmen wie die Münchner Hood GmbH, die vorrangig Großunternehmen in AM-Fragen betreut. Die Consultants passen ihre Methoden an die kundenspezifischen Bedingungen an. Neben Schulungen und Workshops setzen sie dabei auf Schlüsselpersonen, die das AM nachhaltig im Unternehmen verankern sollen: Ausgesuchte Mitarbeiter, die dem Thema gegenüber positiv eingestellt sind und als Meinungsführer gelten, werden zu Beratern ausgebildet und als Ansprechpartner in Competence-Centern eingesetzt. Als Multiplikatoren verbreiten sie das AM-Wissen in der gesamten Company.

Die Ängste der Mitarbeiter

Kompliziert wird die AM-Einführung vor allem, wenn die Mitarbeiter mit Ängsten und Vorbehalten auf die Neudefinition der an sie gestellten Anforderungen reagieren. Denn beim systematischen Abgleich von Entwicklungszielen und -ergebnissen werden individuelle Arbeitsleistungen sichtbar. "So mancher Programmierer, der bisher Software gezaubert und Code geschrieben hat, den keiner außer ihm versteht, verliert da seinen Heldenstatus", so Rupert Wiebel, Geschäftsführer von Hood. Hier sei vor allem Überzeugungsarbeit gefragt: "Wir müssen jedem einzelnen Mitarbeiter die Vorteile des AM individuell vor Augen führen", beschreibt der Berater. Auf der anderen Seite stellten sich die Erfolgserlebnisse meistens schon nach kurzer Zeit ein: "Die Leute merken selbst, dass sie besser und schneller werden."

Wie schwer es ist, ein AM gegen den Willen der Angestellten einzuführen, weiß auch Chris Rupp, Geschäftsführerin der Nürnberger Beratungsfirma Sophist. Ihrer Ansicht nach funktioniert der Prozess am besten, wenn alle Mitarbeiter - auch die Geschäftsführung - über ein entsprechendes Problembewusstsein verfügen: "Das Management muss schließlich bereit sein, in eine Phase zu investieren, in der Anforderungen geschrieben und diskutiert werden, aber keine Zeile Code entsteht."

Sophist verfolgt bei der AM-Einführung einen interdisziplinären Ansatz: Die Berater sind Informatiker, die zusätzlich über eine fundierte Ausbildung in den Bereichen Organisationsentwicklung, Gruppendynamik und Linguistik verfügen. Die vornehmlich für Großunternehmen in Deutschland entwickelte Anforderungserhebung basiert auf neuro-linguistischer Programmierung (NLP). Grundsätzlich geht es laut Rupp aber vor allem darum, Know-how von A nach B zu transferieren und die richtigen Leute zusammenzubringen.

Die Angestellten miteinbeziehen

Das Düsseldorfer Beratungsunternehmen RDS hat für seine vorwiegend mittelständische Klientel ein dreistufiges Konzept zur Einführung eines "Effizienten Managements von Anforderungen" (EMA) entwickelt. Dabei passen die Consultants das AM an die jeweiligen kundenspezifischen Bedingungen an und versuchen, die bislang im Unternehmen praktizierten Vorgehensweisen zu verbessern und in ihr Modell zu integrieren. Zu diesem Zweck erarbeiten sie die Stärken und Schwächen der Mitarbeiter und entwickeln auf Basis dieser Erkenntnisse gemeinsam mit den Betroffenen ein neues Anforderungsprofil. In von den Kunden ausgewählten Pilotprojekten werden die definierten Methoden anschließend praktisch erprobt und eingeführt.

"Den Mitarbeitern wird kein Konzept übergestülpt, sondern die Prozesse werden zusammen mit ihnen entwickelt - von Anfang an", fasst Edgar Brodde, Leiter der Qualitätssicherung bei RDS, zusammen. Dies sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass das AM verstanden, akzeptiert und im Arbeitsalltag auch angewendet werde. Entscheidend sei zudem, dass die Einführung in einem überschaubaren Zeitrahmen bleibe und zu raschen Erfolgen führe. RDS setzt in der Regel ein Jahr dafür an.

Nachdem das Verfahren ursprünglich in der Luft- und Raumfahrt praktiziert wurde, investieren derzeit vor allem Firmen aus der Automotive- und Pharmaindustrie in AM. "Banken und Versicherungen stehen noch am Anfang, aber diese Branche wird unsere nächste große Baustelle sein", prognostiziert Hood-Geschäftsführer Wiebel. Auch die Kunden der Methodpark Software AG, eines Dienstleisters für Software Engineering, Training und Consulting, stammen überwiegend aus der Auto- mobil- und Medizintechnikbranche. "Weil wir selbst Software im Embedded-Umfeld entwickeln, sind wir im Gegensatz zu Häusern mit reinen Beratern sehr nah an der Praxis", erläutert Methodpark-Vorstand Jürgen Schmied.

Methodpark pflegt sein AM-Konzept anhand konkreter Projekte gemeinsam mit dem Auftraggeber zu diskutieren und als kundenspezifischen Prozess zu definieren, bevor dieser anschließend pilotiert und unternehmensweit eingeführt wird. Um die erarbeiteten Prinzipien nachhaltig zu verankern, wird zudem, ähnlich wie bei der Hood GmbH, ein so genannter Process-Owner ausgewählt: ein Mitarbeiter des Unternehmens, der das AM künftig als Experte und Coach pflegen und am Leben halten soll.

Für die unter Entwicklern meist recht ungeliebte Dokumentation verwendet Methodpark ein eigens konzipiertes Werkzeug, das Prozess und Dokumentation integriert: "Der Prozess wird zur Benutzeroberfläche für das Projekt", erklärt Schmied. "Diese führt die Beteiligten anhand von Dokumentvorlagen durch den Prozess und dokumentiert gleichzeitig das Projekt."

Kostenlos: AM für kleine Firmen

An kleinere und mittlere Unternehmen richtet sich das laufende Projekt "Reqman" des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering, das aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) bis zum Jahr 2006 mit 2,2 Millionen Euro gefördert wird. Reqman ist die Abkürzung für Requirement- und Qualitäts-Management und hat sich zum Ziel gesetzt, die Softwaretechnik in Deutschland stärken.

Firmen, die sich unter contact @re-wissen.de als Evaluierungspartner für das Projekt zur Verfügung stellen, versprechen die Betreiber einen doppelten Nutzen: Einerseits können sie anhand ihrer eigenen praktischen Erfahrungen aktiven Einfluss auf das Projekt nehmen. Andererseits erhalten sie von den Experten des Instituts eine kostenfreie Analyse, die darauf abzielt, ein an ihre individuellen Rahmenbedingungen angepasstes Anforderungs-Management einzuführen. (sp)