Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

02.08.1991 - 

Ostdeutsche DV-Experten: Elan kompensiert Defizite

Solides Basiswissen hilft beim Start in die West-DV-Karriere

Zwei unterschiedliche DV-Landschaften treffen in Ost- und Westdeutschland aufeinander. Dies betrifft nicht nur Hard- und Software. DV-Spezialisten wechseln von West nach Ost und umgekehrt und sehen sich mit neuen Problemen konfrontiert. Klagen die Westler über Schwierigkeiten beim Telefonieren und Fahren, so müssen die Kollegen aus dem Osten ganz andere Hürden nehmen. Für sie gilt es, sich auf die High-Tech-Systeme im Westen einzustellen, betriebswirtschaftlich und gewinnorientiert zu denken und Selbstinitiative zu zeigen. Zugute kommen ihnen dabei ihre solide DV-Ausbildung und Lernbereitschaft.

Beim Westberliner Softwarehauses Condat kommen 13 der insgesamt 100 Mitarbeiter aus der ehemaligen DDR. Die ersten Kollegen, die größtenteils aus Ost-Berlin und Brandenburg stammen, begannen im September 1990 bei Condat. "Von den Mitarbeitern aus den neuen Bundesländern haben einige recht verantwortungsvolle Tätigkeiten. Eine Kollegin ist Projektleiterin, ein anderer baut den neuen Bereich SAS-Consulting auf", erklärt Pedro Schäffer, Geschäftsführer der Condat.

1500 Mitarbeiter beschäftigt die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG in ihrem elf Niederlassungen in den neuen Bundesländern, wobei 500 aus, der ehemaligen DDR kommen. Die Beschäftigten aus den neuen Bundesländern werden überwiegend als Programmierer, Servicetechniker und Systemspezialisten und nur in Ausnahmefällen als Führungskräfte eingesetzt. Das dürfte sich laut SNI in den nächsten ein bis zwei Jahren ändern. "Ich nehme an, daß von den Mitarbeitern aus dem Westen, die jetzt in den neuen Bundesländern arbeiten, einige wieder zurückkehren. Insofern werden wir ganz zwangsläufig auf die neuen Kollegen setzen", meint Joachim Deutschmann, Marketing-Leiter der Region Ost bei SNI.

Die DV-Landschaft der ehemaligen DDR wird von den Westdeutschen meist mitleidig betrachtet. Aber der erste Blick täuscht. Zwar arbeitete man mit PC-Veteranen und völlig veralteten Systemen, doch gerade deshalb haben hier die DV-Spezialisten gelernt, zu basteln und zu improvisieren, eine Fähigkeit, die auch in der DV sehr nützlich sein kann. Zudem können sie auf eine solide theoretische Ausbildung zurückgreifen. Allerdings hapert es am Anfang noch beim Umgang mit der modernen westlichen Technik. "Beim aktuellen Wissen gibt es Defizite. Während in den neuen Bundesländern viel mit Assembler, PL1 und Sprachen der dritten Generation gearbeitet wurde, kommt bei uns fast nur die vierte Generation zum Einsatz", sagt Schäffer. Der Wettbewerb stellt die Mitarbeiter vor eine neue Arbeitssituation: Vor der Wende hatten die Datenverarbeitungszentren feste Auftraggeber, während sich freie Softwarehäuser um neue Kunden bemühen müssen

Hier lobt Schäffer die schnelle Einarbeitung der Softwarespezialisten. "Wir haben Kollegen aus den neuen Bundesländern, die schon nach wenigen Monaten Kundenkontakte übernehmen. Wie schnell das geht, hängt wie bei den westlichen Kollegen von der Persönlichkeit ab." Um den Mitarbeitern aus Ost-Berlin den Start zu erleichtern, bietet Condat Seminare und Workshops an. Alle Neulinge, auch Westler, erhalten einen Coach, der über die ersten Anfangsschwierigkeiten hinweghilft.

"Die Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern sind exzellent motiviert, müssen jedoch noch viel dazulernen. Das betrifft vor allem die Älteren, die ja zum Teil 20 Jahre lang in einem System gearbeitet haben in dem Selbständigkeit nicht gefragt war", fügt Deutschmann hinzu. Es fehle auch an betriebswirtschaftlichem Denken und an Gewinnorientierung - Fähigkeiten, die aber mit der geeigneten Weiterbildung schnell erworben werden können. Bei SNI durchlaufen alle Mitarbeiter aus der Ex-DDR ein Trainingsprogramm mit einem theoretischen und einem praktischen Teil, das zwischen sechs und acht Monaten dauert.

Die beiden Unternehmen loben nicht nur die guten Grundkenntnisse der Kollegen aus Ostdeutschland, sondern auch ihre Flexibilität. "Die Einarbeitung in Technik und Sprachen erfolgt sehr viel schneller, als wir zunächst angenommen haben. Das hängt damit zusammen, daß alle neuen Mitarbeiter aus der Programmierung kommen und sich grundsätzlich mit Systementwicklung auskennen. Hier bestehen kaum Unterschiede zu Mitarbeitern aus dem Westen", lobt Schäffer. Etwas länger dauere die Einarbeitung in das Projekt-Management. Alles in allem ist Condat mit seinen neuen Mitarbeitern hochzufrieden. "Der Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung ist für uns unter dem Aspekt des Arbeitskräftepotentials ein Glücksfall", resümiert Schäffer.

Auch die Berliner PSI hat nur Lobenswertes über die Kollegen aus den neuen Bundesländern zu berichten. "Sie haben sich sehr gut integriert. Es gab keine Probleme bei der Einarbeitung, weil die Mitarbeiter gut ausgebildet und zudem äußerst motiviert sind", erzählt Marga Tayler, zuständig für Personalbeschaffung bei PSI.

Bei der Bezahlung machen weder Condat noch PSI einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen, allerdings mit einer Ausnahme: Das Einstiegsgehalt ist bei den Kollegen aus den neuen Bundesländern etwas niedriger. "Es wird aber nach der Einarbeitszeit angeglichen", berichtet Schäffer.

In Berlin ist ein Arbeitsplatz-Wechsel von Ost nach West sicher am einfachsten, bedeutet er doch vielfach nur einen längeren Anreiseweg. Zieht ein Sachse oder Thüringer nach München, bringt dies sicher mehr Schwierigkeiten und Anpassungsprobleme mit sich. Was aber bewegt die DV-Spezialisten dazu, nach Westen beziehungsweise nach Osten zu gehen? "Wir haben hier sehr junge Geschäftsführer, denen eben nur hier diese Karriere möglich ist. Das neue Aufgabengebiet bietet vielen eine Chance, die man nicht alle Tage bekommt", argumentiert Deutschmann.

Auch bei den Ostdeutschen spielen Karrierechancen eine größere Rolle als die bessere Bezahlung. "Mein Mann und ich arbeiten in einem Betrieb, der Ende dieses Jahres aufgelöst werden soll. Einer mußte sich deshalb nach einem sicheren Arbeitsplatz umsehen", erzählt Karin Nagel, zuständig für Großrechnersoftware bei Condat. "Daß ich jetzt bei einem westlichen Unternehmen arbeite, ist eher Zufall. Geld war bei dieser Entscheidung nicht der ausschlaggebende Punkt. Ich hätte genauso bei einem Unternehmen in Ost-Berlin angefangen. Wichtiger erschien mir die Möglichkeit, mit moderner Hard- und Software zu arbeiten ."

Ihr Kollege Arne Leissner, Leiter SAS-Consulting, denkt ähnlich. Maßgeblich für ihn waren die fehlenden Zukunftsperspektiven im alten Unternehmen. Auch der Reiz des neuen Arbeitsumfeldes und die Sicherheit spielten bei ihm eine Rolle.

Nach dem Umzug sehen sich West- wie Ostdeutsche mit einer neuen Arbeitsumgebung und neuen Schwierigkeiten konfrontiert. "Die alltäglichen Hauptprobleme sind Telefonieren, Wohnen, Fahren und auch die enorm hohen Kosten für Büros und Privatwohnungen", klagt Deutschmann.

Für die Ostler beginnen die Schwierigkeiten schon vor dem Umzug. "Bei den Bewerbungen muß man viel Eigeninitiative zeigen, was ja für uns ziemlich neu ist", meint Steffen Koch, Organisationsprogrammierer bei dem Münchner Softwarehaus RCT. In der ehemaligen DDR hatten die Universitäten die künftigen Arbeitsplätze zentral vermittelt. Bei seinen ersten Bewerbungen stieß Koch auf wenig Interesse. Ein möglicher Grund: "Die West-Unternehmen können die Studienrichtungen in der ehemaligen DDR nicht einordnen und insofern die Qualifikation schwer abschätzen." Dies kann auch Schäffer bestätigen. Bei den westdeutschen Universitäten kenne man die relevanten Studiengänge und die einzelnen Schwerpunkte der Institute: "Wir wissen, was dort vermittelt wird und was für uns in Frage kommt."

Neu für Koch war vor allem die technische Ausstattung im Westen. Weil er mit der C-Programmierung schon vertraut war, fiel ihm die Einarbeitung und die Umstellung vom XT auf einen Hochleistungs-PC recht leicht und ging innerhalb kurzer Zeit vonstatten.

"In der ehemaligen DDR belasteten mich die vielen Tätigkeiten, die kaum etwas mit Software-Entwicklung zu tun haben, wie Organisation und Schreibarbeiten. Hier funktioniert die Arbeitsorganisation weitaus besser. Ansonsten ist es eher eine Fortsetzung meiner früheren Arbeit als eine totale Umstellung", führt Leissner aus. Neu hinzugekommen seien die Marketing-Orientierung mit Akquisition und Kundenbetreuung, wobei wichtige Gespräche mit dem Geschäftsführer vorbereitet werden. Meist agiere er aber selbständig. "Bei den Kundenkontakten gibt es typische Anfangsfehler. Die machen Westdeutsche aber genauso wie wir", faßt Leissner zusammen.

Claudia Schulz aus Ost-Berlin, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei Condat, lobt die enge Zusammenarbeit in den Arbeitsgruppen: "Beim Kampf um die knappen Arbeitsmittel mußten sich die Teams eng zusammenschließen. Diese Alltagsprobleme haben eine Verbundenheit geschaffen, die für das Arbeitsklima sehr förderlich war." Viele Mitarbeiter aus dem Osten hätten befürchtet, daß im Westen menschliche Kontakte so gut wie ausgeschlossen seien. Dies treffe zumindest bei Condat nicht zu.

Auch für Koch ist der unterschiedliche Arbeitsstil ein Thema: "Die Teamarbeit wird zwar in den West-Unternehmen stark propagiert, aber ihr stehen die Eigeninteressen der Mitarbeiter etwas im Wege. Dies hängt wahrscheinlich mit dem Konkurrenzdruck im Westen zusammen, den es in der DDR ja kaum gab". Mit Vorbehalten von seiten der Kollegen sei er nicht konfrontiert worden. Da er sofort in einem Projekt voll mitgearbeitet hätte, sei die Integration problemlos verlaufen. "Dies ist eine gute Gelegenheit für Westler, etwas über die neuen Bundesländer und die Arbeitsweise dort zu erfahren", fügt Schulz hinzu.

Die Zusammenarbeit erfordert ein Umdenken auf beiden Seiten, da es mit der einseitigen Anpassung der Ostdeutschen an die westliche Arbeitsweise nicht getan ist. "Die forsche Arroganz, die im Westen oft üblich ist, kommt in den neuen Bundesländern schlecht an. Wir haben bei den Mitarbeitern, die aus dem Westen kommen und hier arbeiten, darauf geachtet, daß sie soziale Fähigkeiten besitzen und integrativ wirken, um einer Polarisierung entgegenzuwirken", berichtet Deutschmann. Bis jetzt sei SNI mit dem Betriebsklima und auch mit der Zusammenarbeit von Ost und West sehr zufrieden.

Die wirtschaftliche Lage in den neuen Bundesländern ist immer noch alles andere als rosig, die Arbeitslosenzahlen steigen - für viele ein Grund zur Resignation. Deutschmann kommt zu dem Schluß, daß dieser radikale Umbruch jedoch langfristig positiv zu Buche schlägt. "Da in den Unternehmen im Osten sowieso umorganisiert werden muß, kann ohne großen Zusatzaufwand die neueste Software implementiert werden. In ein paar Jahren stehen dort modernere Systeme als im Westen. Diese Entwicklung wird dazu führen, daß in einigen Jahren die neuen Bundesländer in manchen Bereichen wettbewerbsfähiger sind als der Westen."