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07.12.1990 - 

Pessimistische Einschätzung der eigenen Lage

Sowjetische DV-Spezialisten hoffen auf die Marktwirtschaft

RÜSSELSHEIM (hk) - Pessimistische beurteilen sowjetische DV-Spezialisten die Situation in ihrem Lande. Die Forschungsmöglichkeiten verschlechterten sich, und auch mit dem Equipment hinke man "mindestens zehn Jahre" dem Westen hinterher. Selbst ein AT-Rechner kostet das Achtfache (!) des russischen Mittelklassewagens "Lada".

Für die Moskauer DV-Spezialisten, die zur Zeit in Rüsselsheim den Umgang mit der Cyber 960 kennenlernen, hängt die Definition dessen, was Wohlstand bedeutet, ganz einfach mit einer gut entwickelten DV-lndustrie zusammen. Und davon sei ihr Land weit entfernt.

Einstimmig meinten die neun Wissenschaftler, die zum Großteil am Moskauer Research and Development Institute of Power Engineering (RDIPE) beschäftigt sind, daß sie dem Westen in der Computertechnologie "mindestens zehn Jahre, wenn nicht noch mehr" hinterherhinkten. Victor Koziko geht da sehr hart mit der eigenen DV-Industrie ins Gericht: "Wir können keine guten Computer bauen." Als beste Lösung böte sich aus seiner Sicht an, westliche Technologie einzukaufen.

Zwar gebe es IBM-kompatible Mainfraimes und DEC-kompatible Minicomputer, insgesamt jedoch sei die Ausstattung mit Rechnern nicht besonders gut. Dies zeige sich zum Beispiel daran, daß ein Homecomputer zu den luxuriösesten Gütern überhaupt gehöre. Muß man für einen XT noch etwa 30 000 bis 40 000 Rubel bezahlen, so koste ein AT gar 80 000 Rubel und das bei Monatsgehältern von rund 300 Rubel. Da könne es nur ein schwacher Trost sein, daß die Wohnungsmiete 20 Rubel betrage.

Tröstlich sei der Umstand, so Vladimir Taran, daß es in den Instituten eine große Auswahl von englischsprachigen Zeitschriften und Büchern gebe, so daß man zumindest in der Theorie wisse, was sich in der DV-Welt abspiele. Wolle man jedoch westliche Originalliteratur erwerben, müsse man bis zu 50 Rubel hinblättern für etwas, das auch nicht mehr das Neueste sei. Immerhin blühe das Geschäft mit den Übersetzungen. Da koste dann die Fachliteratur in Russisch nur drei bis fünf Rubel.

Schlechtes Image und wenig Geld

Frustriert würden sie dadurch, daß das Image des Ingenieurs und Forschers im eigenen Land schlecht sei und daß auch die Bezahlung zu Wünschen übrig lasse. Die Gehälter lägen in der Industrie, selbst für Arbeiter, höher als für Wissenschaftler. Kozik verdiente Anfang der 70er Jahre nach eigenen Angaben rund 200 Rubel, während es ein Arbeiter auf rund 300 Rubel brachte. Seit der Perestroika gehe es mit der Bezahlung der Ingenieure wieder aufwärts. Heute bringe er immerhin ein Monatssalär von 340 Rubel nach Hause, "wenn es keine Überraschungen gibt".

Damit meint er die Folgen der Diskussion um die Einführung der Marktwirtschaft. Allgemein seien die Gelder für Forschung, und im besonderen für Grundlagenforschung, gekürzt werden. Es werde darüber diskutiert, nur solche Projekte finanziell zu unterstützen, die sich nachher auch in der Praxis umsetzen ließen. Jetzt schon gebe es Monate, und da stimmten die anderen Teilnehmer Kozik zu, in denen sie nicht den vollen Lohn erhielten, weil die staatlichen Mittel bereits spärlich flössen.

Zufrieden könne man nach Auffassung von Grigori Bykov nur mit der fünfjährigen Hochschulausbildung sein. Im allgemeinen umfassen die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge in den ersten beiden Jahren einen allgemeinen Teil mit Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie. Anschließend gehe es weiter mit einem Abschnitt über Grundlagen der Ingenieurwissenschaften und zum Schluß folge dann die Spezialisierung, etwa Computertechnik. Mikroelektronik oder allgemeine Elektrotechnik. Bestandteil der Ausbildung sei auf jeden Fall das Erlernen von Programmiersprachen, und dazu gehörten in erster Linie Fortran, Algol und Assembler.

Daß die Teilnehmer aus Moskau keine Schwierigkeiten mit dem Erlernen der DV-Materie hatten, bestätigten auch die CDC-Kursleiter. Allerdings mache das lernen hier auch großen Spaß, meint Kozik: "In der Sowjetunion gab's nur die Möglichkeit zu notieren, was der Referent vortrug, also war man ständig am Schreiben". Hier werde mit Overhead-Folien, Videofilmen und didaktisch gut aufbereiteten Unterlagen gearbeitet, so daß es eine Freude sei zu lernen.