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14.08.1986 - 

BMFTNixdorf-Projekt "Modellqualifizierung für moderne Bürotechnologie", 1. Folge:

Soziale Qualifizierung gleichrangig mit Technik-Know-how

Technik und Einführungsstrategien von integrierten respektive integrierenden Systemen stellen den Anwender vor viele neue Probleme. Das Projekt "Modellqualifizierung für moderne Bürotechnologie", das das Nixdorf-Weiterbildungszentrum zusammen mit der Sozialwissenschaftlichen Projektgruppe (SPG), München, betreut, wurde vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) gefördert. Die COMPUTERWOCHE berichtet in loser Folge über dieses Projekt, das unter anderem neue Qualifizierungsstrukturen erarbeiten soll.

Die Installation von Computern, integrierten Bürosystemen und anderen elektronischen Arbeitsmitteln, sowohl in der Verwaltung als auch in der Fertigung verändern Arbeitsplätze, Anforderungen an die Mitarbeiter und den strukturellen Aufbau eines Unternehmens.

Bis heute werden Entscheidungen für neue Technologien von Geschäftsleitung und Organisationsabteilungen, eventuell unter Anhörung von Führungskräften der Fachabteilungen getroffen. Die betroffenen Mitarbeiter werden meist nicht in den Entscheidungsprozeß einbezogen.

Nach der Entscheidung für den Einsatz eines bestimmten technischen Systems wird die Arbeitsorganisation von der Organisationsabteilung auf die neue Technik umgestellt. Sie schreibt fest, welche Aufgaben, auf welche Weise, mit welchen Technologien und von wem auszuführen sind. Dabei steigt sie immer weniger in die "Niederungen" des einzelnen Arbeitsplatzes herab sondern pflanzt der EDV oft vorhandene Strukturen auf. Dem Mitarbeiter fehlen die technischen und organisatorischen Kenntnisse, meist sogar der fachliche Überblick über den Gesamtzusammenhang, er läßt "organisieren".

Die Entscheidung über möglicherweise notwendige Qualifizierung (oft nur in begrenztem Umfang erforderlich, da die vorhandene Qualifikation für die festgelegte Arbeitsteilung ausreicht) trifft ebenfalls der Technikexperte. Sie wird mit möglichst geringem zeitlichem und finanziellem Aufwand als notwendiges Übel fast ausschließlich in Form kurzfristiger Einweisungen in die Geräte- und Programmbedienung vorgesehen oder allenfalls als Folgemaßnahme akut auftretender Probleme mit der Technik nachgeschoben. Organisationsabteilung oder Rechenzentrum rekrutieren die Mitarbeiter ohne Mitwirkung der Aus- und Fortbildungsabteilung, die ihrerseits meist weder die technischen Kenntnisse noch die nötige Kompetenz hierfür besitzt. Die betroffenen Führungskräfte müssen sich auf die Aussagen von Technikexperten verlassen, da auch bei ihnen die entsprechenden Informationen und Qualifikationen fehlen.

Leistungspotential nur begrenzt genutzt

Zudem bleibt die Qualifizierung meist eine Einzelaktion ohne kontinuierliche Fortsetzung. Nachschulungen erfolgen im äußersten Fall als Funktionserläuterungen bei neue Softwareständen. Neue Mitarbeiter lernen ihren Arbeitsplatz "Computer" oft nur als "Training on the job" oder im "Trial and error" -Verfahren kennen, ohne die Möglichkeit, Hintergründe oder Zusammenhänge zu verstehen.

Folge dieser heute gängigen Qualifizierungspraxis ist, daß das Leistungspotential vorhandener und neuer Technologie nur sehr begrenzt genutzt werden kann und ihr Einsatz weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt ist.

Die Beschäftigten selbst können ihre Fähigkeiten nur unzureichend einbringen. Arbeit am Computer oder am Bildschirm heißt für sie vielfach, nach streng vorgegebenem Ablaufschema vorzugehen, keinen Raum für individuelle Arbeitsgestaltung zu haben, Verlust von Erfahrungswissen und Einschränkung der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Auch nach langjähriger Arbeit mit EDV-Geräten bleibt das Gefühl des Nicht-Verstehens, der Ohnmacht, des Sich-Nicht-Auskennens der Unsicherheit und gar der Angst vor der DV.

Diese Probleme werden sich in Zukunft mit neuen Technologien noch ausweiten, wenn nicht schon im Vorfeld der Installation eine Beteiligung von betroffenen Fachabteilungen (Führungskräften und Mitarbeitern) und dazu eine entsprechende Qualifizierung erfolgt.

Wie kann die Zukunft aussehen? Über anstehende Technikentscheidungen müssen alle betroffenen Führungskräfte und Mitarbeiter umfassend informiert werden. Ausgehend davon, daß Technik keine Probleme löst, sondern vorhandene sogar verstärkt, wenn sie 1:1 übernommen werden, muß schon hier eine Beteiligung angestrebt werden. Zusammen mit allen Betroffenen können organisatorische Veränderungen diskutiert und durchgeführt werden, wobei frühzeitig das Wissen aller Mitarbeiter einbezogen wird. Nur gemeinsam läßt sich das Hilfsmittel "Technik" effizient in den Arbeitsablauf integrieren.

Welche Qualifizierungsmaßnahmen sind für solche Prozesse und deren Fortdauer auch nach einer Erstinstallation erforderlich?

Zunächst müssen Führungskräfte und Mitarbeiter von Fachabteilungen und Technikexperten auf neue Kooperationsformen vorbereitet werden. Die Führungskraft muß lernen, "denkende" Mitarbeiter zu akzeptieren, sie anzuleiten, zu unterstützen und ihnen Diskussionspartner zu sein. Der Mitarbeiter muß wissen, wie er ein Problem analysiert, beschreibt, Lösungsvorschläge erarbeitet, wo er Zusatzinformationen anfordert, Lösungen präsentiert und wie er sich verhält, wenn seine Vorschläge nicht angenommen werden. Der Technik- beziehungsweise Organisationsexperte muß sich wirklich als Experte für Technik und Organisation verstehen, nicht als Profi für Anwendungslösungen. Er muß Technikwissen und "Handwerkszeug" zur Verfügung stellen.

Für die Zukunft erfordert dies andere als bisher in der Qualifizierung der Technik übliche Inhalte aber auch wesentlich veränderte Qualifizierungsstrukturen.

Neben umfassendem technischem und fachlichem Wissen und dem Erlernen einer gemeinsamen Sprache ist die soziale Qualifizierung (das Verhalten untereinander) von großer Bedeutung.

Eine neue Struktur für Technikqualifizierung muß es ermöglichen, Wissenspotentiale zu erkennen und aufzugreifen oder Wissensdefizite zu beseitigen. Schulung kann dabei nicht mehr in der Form reiner Wissensvermittlung in "klassischen" Seminaren durch Qualifizierungsexperten vorgenommen werden, die festlegen welche Inhalte für die Teilnehmer sinnvoll sind und wie sie weitergegeben werden.

Durch permanentes Feedback Einfluß nehmen

Der Anwender muß durch permanentes Feedback gegenüber der Qualifizierungsinstanz Einfluß nehmen können auf das zu vermittelnde Wissen und die Art der Schulung. Nur so kann Praxisnähe, Umsetzbarkeit und die direkte Orientierung am Bedarf gewährleistet werden.

Langfristig muß also ein Prozeß in Gang gesetzt werden, in dem Qualifizierung für Technologie und deren Anwendung zur Daueraufgabe wird. Sie darf nicht nur reaktiv gestaltet sein, sondern muß aktiv auf zukünftige Anforderungen ausgerichtet werden.