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14.07.1989 - 

Menschen sind noch immer der entscheidende Teil einer Organisation:

Soziale Rationalität mißt Wirtschaftlichkeit

Seit Beginn der kommerziellen DV hat sich nicht nur die Technik fortentwickelt. Immer mehr Bedeutung erhält auch das Thema Wirtschaftlichkeit. Dabei bestimmten lange Zeit Effizienz und Effektivität die Betrachtungsweise. Als drittes Meßkriterium ist aber in jüngster Zeit die soziale Rationalität hinzugekommen. Sie stellt die Auswirkungen organisatorischer Maßnahmen auf das soziale Umfeld fest.

In den Anfangsjahren des kommerziellen DV-Einsatzes in Industrie und Verwaltung, ein Zeitraum, der sich bis in die erste Hälfte der siebziger Jahre erstreckte, war die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes der DV- und Kommunikationstechnik für die meisten Anwender kein entscheidendes Argument. Teilweise wurde das Kriterium Wirtschaftlichkeit durch Prestigegesichtspunkte zur Seite gedrängt: "Wenn Organisation xy so etwas einsetzt, brauchen wir so etwas auch, koste es, was es wolle." Teilweise wurde aber auch den Aussagen der Anbieter von DV-Anlagen blind vertraut, die ihre Produkte als "Hilfsmittel zur Steigerung von Produktivität und Wirtschaftlichkeit" verkauften. Was auch immer der Grund war: Kritische Wirtschaftlichkeitsanalysen des DV-Einsatzes wurden in der Regel weder in der Planungsphase noch nach erfolgter Inbetriebnahme der neuen Technik durchgeführt .

Dieses Vorgehen kann nicht dadurch entschuldigt werden, daß in dieser frühen Phase des kommerziellen DV-Einsatzes auf Seite der betriebswirtschaftlichen Literatur keine Erkenntnisse der Wirtschaftlichkeitsproblematik von Automationsprojekten vorlagen. Denn ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurden zunehmend Aufsätze und Bücher veröffentlicht, die sich mit dem Einsatz und Wirtschaftlichkeitsfragen der kommerziellen Datenverarbeitung beschäftigten.

Im Vergleich zu diesen Anfangsjahren des kommerziellen DV-Einsatzes hat sich heute einiges geändert. Einerseits entwickelte sich die eingesetzte DV-Technik fort und andererseits auch die Einschätzung des Kriteriums Wirtschaftlichkeit.

Während bis gegen Ende der siebziger Jahre zentrale Großrechner zur Automatisierung von wiederkehrenden Routineaufgaben eingesetzt wurden, traten danach zuerst aktionsorientierte DV-Konzepte, die auf Basis von Datenbanken und Transaktionsverarbeitung realisiert wurden, und seit der ersten Hälfte der achtziger Jahre verstärkt vernetzte Anwendungen unter dem Schlagwort Bürokommunikationssysteme in den Vordergrund.

Wirtschaftlichkeit rückt in den Vordergrund

Diese Systeme sind sowohl technisch erheblich komplexer als auch erheblich kostspieliger als die bis gegen Ende der siebziger Jahre eingesetzten DV-Systeme. Vielleicht durch die erhöhte Komplexität und die erhöhten Kosten bedingt, vielleicht aber auch durch die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen läßt sich heute feststellen, daß der Problemkreis Wirtschaftlichkeit ein gewichtiges Thema wurde.

Das Wirtschaftlichkeits- oder Rationalprinzip, das die Basis jeglichen wirtschaftlichen Handelns sein sollte, kann in zweierlei Hinsicht formuliert werden:

- Maximierungs-Version:

Setze gegebene Mittel so ein, daß der maximale Ertrag erreicht wird oder

- Minimierungs-Version:

Ein definierter Ertrag (Zielwert) ist mit einem maximalen Aufwand zu erreichen.

Aus diesem Prinzip läßt sich folgendes Kalkül ableiten:

Wirtschaftlichkeitsfaktor =

Ertrag = Leistung

----------- ----------

Aufwand = Kosten

Effizienz und Effektivität als Bestandteile

Dabei muß der Faktor größer 1 sein. Im Falle eines Vergleichs mehrerer Alternativen, ist die Maßnahme die wirtschaftlichere, deren Faktor der größte ist.

In beiden Versionen des Wirtschaftlichkeitsprinzips ist allerdings jeweils noch eine Zielfunktion enthalten, die aus dem oben dargestellten Kalkül nicht direkt hervorgeht. Bei der Minimierungsversion ist dies beispielsweise der angestrebte Ertrag. Das Erreichen der angestrebten Zielfunktion geht aber aus dem Wirtschaftlichkeitsfaktor nicht hervor. Das Wirtschaftlichkeitskalkül muß deshalb um eine Nebenbedingung erweitert werden, an der sich dann der Wirtschaftlichkeitsfaktor messen läßt.

Die Wirtschaftlichkeit einer Maßnahme ist also zum einen durch einen Faktor gekennzeichnet, der das Verhältnis von Ertrag zu Aufwand der untersuchten Maßnahme darstellt. Zum anderen umfaßt die Wirtschaftlichkeit eine Zielfunktion, von deren Erreichen die Relevanz des Faktors abhängt.

In der betriebswirtschaftlichen Terminologie werden für diese beiden Bestandteile der Wirtschaftlichkeit auch die Begriffe:

- Effizienz = das Verhältnis von Ertrag zu Aufwand oder von Leistung zu Kosten und

- Effektivität = der Grad der Zielerreichung

verwendet.

Der Mensch rückt in den Hintergrund

Diese beiden Bestandteile kennzeichnen eine Anschauung der Wirtschaftlichkeit, die primär technisch orientiert ist. Sie haben zwar den Vorteil, daß sie gut operationalisierbar, also rechenbar sind. Ihr Nachteil ist aber, daß der Mensch und seine Verhaltensweisen sowie Bedürfnisse entweder gar nicht oder nur mechanistisch betrachtet werden, das heißt als Maschine höherer Ordnung.

Eine Reaktion auf diese mehr technikbezogene Betrachtungsweise stellt der Ansatz der Human-Relation beziehungsweise die verhaltenstheoretisch orientierte Betrachtungsweise dar. Diese Ansätze oder Betrachtungsweisen stellen den Mensch innerhalb der Organisation sowie die Interaktionen zwischen den Menschen in der Organisation in den Mittelpunkt ihres Interesses. Ausfluß der Arbeiten dieser Forschungsrichtung ist, daß nun auch subjektive Gesichtspunkte der Organisationsmitglieder den technischen Gesichtspunkten des ursprünglichen Rationalprinzips als gleichberechtigt gegenüberstehen. Diese Ausprägung der Rationalität kann als "soziale Rationalität" bezeichnet werden.

Als sozial rational gelten dabei die Verhaltensweisen und Ziele der Individuen in Organisationen, die mit den allgemein anerkannten Rollenerwartungen und sozialen Normen übereinstimmen. Daraus folgt, daß Kriterien wie Arbeitszufriedenheit, Statuserhaltung beziehungsweise Verbesserung, aber auch die Verteidigung von Freiräumen bei der Gestaltung der individuellen Arbeitsabläufe gleichberechtigt gegenüber den mehr technischen Kriterien wie Effektivität und Effizienz bei der Feststellung der Wirtschaftlichkeit sind.

Die soziale Rationalität von organisatorischen Maßnahmen, wie zum Beispiel die Einführung der Datenverarbeitung oder der Bürokommunikation, ist aber nicht nur auf die Auswirkungen auf die Individuen innerhalb der Organisation beschränkt. Auch das Umfeld der Organisation, in der die Entscheidung ansteht - sowohl die Menschen als auch andere Organisationen -, haben ihre Erwartungen gegenüber der Organisation; und die Erfüllung dieser Erwartungen ist in der Analyse ebenso zu beachten. So sind die technologische Stellung oder das Ansehen der Organisation innerhalb ihrer Umwelt, ihrer Kriterien sowie deren Erfüllung Grundvoraussetzung, um eine organisatorische Maßnahme als sozial rational zu kennzeichnen.

Rationalität als weiteres Kriterium

Die beiden mehr technikbezogenen Kriterien der Wirtschaftlichkeit, nämlich Effektivität und Effizienz, müssen deshalb um das Kriterium soziale Rationalität erweitert werden. Dabei soll diese am Einklang der Maßnahme mit qualitativen Kriterien aus der sozialen Umwelt der Organisation gemessen werden, wobei nicht verkannt wird, daß sich gerade bei diesem Kriterium das "Messen" besonders schwierig gestaltet.

Im Gegensatz zur Effizienz, die durch einen Faktor ausgedrückt wird der sich aus quantitativ festgestellten Größen errechnet, oder zur Effektivität, die ebenfalls quantitativ festlegt, ob oder inwieweit das vorher festgelegte Ziel erreicht wird, handelt es sich bei der sozialen Rationalität um den qualitativ feststellbaren Grad des Erreichens von vorher definierten Zielen. Um die bei der Bewertung eines Zielsystems, das aus mehreren, teilweise konkurrierenden Einzelzielen besteht, auftretende Schwierigkeiten zu umgehen, bietet sich für die Bewertung des Kriteriums soziale Rationalität die Nutzwertanalyse an.

Mit einer übersichtlich aufgebauten Matrix

Die Nutzwertanalyse ist eine heuristische Technik zur Bewertung von qualitativ auftretenden Ausprägungen vorher definierter Kriterien. Sie arbeitet dabei mit einer übersichtlich aufgebauten Matrix. Bei der Nutzwertanalyse werden die einzelnen zur Entscheidung anstehenden Alternativen anhand des Erreichens der definierten Kriterien mittels gewichteter Benotungen gemessen und in eine Rangreihenfolge gebracht. Die Schwierigkeit bei der Anwendung dieser Analyse liegt dabei vor allem in der Festlegung aussagekräftiger Unterkriterien, an denen die Alternativen benotet werden.

Obwohl das Wirtschaftlichkeitskriterium soziale Rationalität auch mit Hilfe einer Technik wie der Nutzwertanalyse relativ schwierig zu operationalisieren ist, hat es für die wirtschaftliche Beurteilung komplexer organisatorischer Maßnahmen, wie der Einführung moderner DV- oder Kommunikationstechniken, eine übertragende Bedeutung. Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung ohne die Beachtung der sozialen Rationalität ist deshalb nur eine partielle Analyse, die das gesamte soziale Umfeld der organisatorischen Maßnahme ignoriert.

Folgekosten nur schwer errechenbar

Über all diesen Problemen bei der Operationalisierung des Kriteriums soziale Rationalität darf aber nicht vergessen werden, daß auch eine Analyse auf der Basis der Kriterien Effizienz und Effektivität nicht unproblematisch ist. Zwar lassen sich diese Kriterien problemlos operationalisieren, die Probleme kommen dann dafür bei Durchführung der Analyse.

So ist es zwar recht einfach, die direkten Kosten, die bei der Einführung der DV oder der Bürokommunikation anfallen, festzustellen. Doch schon bei der Abschätzung der Folgekosten oder der Kosten des laufenden Betriebes werden die Schwierigkeiten erheblich größer. Die eigentlichen Schwierigkeiten kommen aber erst zum Vorschein, wenn es an die Analyse der Nutzen- oder Ertragsseite geht. Gerade in einer Analyse vor der Einführung einer organisatorischen Maßnahme muß in der Regel mit Schätzwerten gearbeitet werden. Da das Ergebnis der Festlegung der Effizienz in diesem Fall von Schätzwerten abhängt, besteht die Gefahr, daß bei einem nicht genügend sorgfältigen Vorgehen die errechnete Effizienz nicht der Realität, sondern den subjektiven Erwartungen des Analytikers entspricht.

Auch die Analyse des Kriteriums Effektivität, das heißt die Messung des Grades der Zielerreichung, durch die organisatorische Maßnahme, ist nicht unproblematisch. Bevor nämlich überhaupt ein Grad der Zielerreichung gemessen werden kann, muß das Ziel quantifiziert sein. Das Vorliegen qualitativer Ziele ist hier nicht ausreichend. Das Ziel: "Verbesserung des Informationsflusses" ist nur qualitativ, und es ist kaum möglich, die Effektivität einer Maßnahme an diesem Ziel zu messen. In der Realität ist es nur mittels einer umfassenden Zielanalyse möglich, die angestrebten Ziele zu quantifizieren. Genauso schwierig ist es dann, die Zielerreichung der einzelnen Alternativen zu prognostizieren - besonders in einer Analyse vor der Einführung einer Maßnahme.

Soziale Rationalität als wichtiger Faktor

Gerade durch die oben angeführten Schwierigkeiten bei der Feststellung von Effizienz und Effektivität steigt die Bedeutung des Kriteriums soziale Rationalität. Denn wenn die mehr technische Betrachtung des Problems Wirtschaftlichkeit nicht zu eindeutig zweifelsfreien Ergebnissen führt, spricht kein Grund dafür, die Auswirkungen auf das soziale Umfeld der Maßnahme nicht zu analysieren. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn schon Effizienz und Effektivität nicht zweifelsfrei festgestellt werden können, so sollten die Unterkriterien der sozialen Rationalität, mit Hilfe des Werkzeuges Nutzwertanalyse ausgewertet, als wichtige Bestandteile mit in die Entscheidung einfließen.

Die Betriebswirtschaftslehre stellt als klassische Kriterien für die Beurteilung organisatorischer Maßnahmen die Effizienz und die Effektivität in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. In neuerer Zeit wurden diese beiden Kriterien um ein drittes, die soziale Rationalität, erweitert. Durch diese drei Kriterien ist es möglich, die monetären Aspekte einer organisatorischen Maßnahme, den Grad des Erreichens der vorgegebenen Ziele sowie die Auswirkungen der Maßnahme auf das soziale Umfeld in die Wirtschaftlichkeitsanalyse einfließen zu lassen.

Da eine Organisation heute auch als "sozio-technisches System" charakterisiert wird, ist die soziale Rationalität ein unverzichtbares Kriterium für die Feststellung der Wirtschaftlichkeit von DV- oder Kommunikationssystemen in Organisation.

Ohne Beachtung der sozialen Rationalität ist jede Wirtschaftlichkeitsuntersuchung, gleichgültig welche Kriterien dabei zur Anwendung kommen, eine partielle .Analyse. Schließlich ignoriert sie die Auswirkungen auf das soziale Umfeld, das heißt auf d e Menschen - und die sind immer noch der entscheidende Teil einer Organisation.