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10.10.1986

Spag: König Artus' Tafelrunde offen für MAPTOP-User Groups

Mit dem Vorsitzenden der Spag Services S.A., Brüssel, Herbert Donner, sprach Helga Biesel

- Spag hat zwölf Mitglieder; nur acht haben Anteile an Spag Services gezeichnet. AEG, Plessey, CGE und GEC fehlen. Allein an der mehr nachrichtentechnischen Ausrichtung dieser Unternehmen kann doch wohl deren Zurückhaltung nicht liegen und auch nicht an mangelnder Finanzkraft. Wollen sie sich vielleicht ihren US-amerikanischen Kunden nicht als "europäisch normiert" präsentieren?

Im Augenblick ist die Priorisierung der Themen durch die Produktinteressen der DV-Gruppierung dominiert. Und das spiegelt sich in der Mitgliedschaft. Spag Services hat von Anfang an das Schwergewicht auf Applikationsprofile gelegt, die heute auf Rechnern laufen - das Message Handling (MHS) und File Transfer (FTAM).

- Warum ist bei Spag Services ISDN kein Thema? Bei der amerikanischen OSI-Guppe Corporation for Open Systems (COS) wurde kürzlich bei ihrer Europatournee (vergleiche CW Nr. 38/86, Seite 6) immer auch auf ISDN hingewiesen.

Spag Services sieht seine Aufgabe nicht darin, fehlende Standards zu entwickeln, sondern auf Basis existierender Standards die Verfeinerung in Richtung "functional standards" zu betreiben. Für ISDN besteht zunächst kein Bedürfnis. Offen sind die Signalisierungsfrage für Non-voice-Endgeräte und auch Schnittstellen- und Netzkoppelungsfragen bei ISDN-orientierten Nebenstellenanlagen. Aber da muß sich zuerst die Standardisierung bewegen. COS hat für die nächsten anderthalb Jahre im übrigen keine ISDN-Projektvorhaben, soweit wir die Pläne kennen.

- Worauf bezieht sich denn zur Zeit überhaupt noch die Mitgliedschaft der vier genannten "unsicheren Kantonisten" innerhalb von Spag?

Ich würde nicht von "unsicheren Kantonisten" sprechen. Aber es gibt den klaren Wunsch der EG-Kommission, daß Spag sich ein neues Gesicht gibt. Es muß einen klaren Status und ein starkes Management bekommen, produktiver werden und sich öffnen. Es muß nicht alles so bleiben wie seinerzeit bei "König Artus' Tafelrunde".

- Spag Services ist also offen auch für andere, möglicherweise wesentlich kleinere Unternehmen. Welche Bedingungen müssen diese erfüllen? Was kostet eine Mitgliedschaft bei Spag Services?

Der Preis ist in zwei Teilen zu nennen. An erster Stelle steht der Erwerb der notwendigen Aktienanteile. Jedes Mitglied muß hier den gleichen Anteil halten. Bei acht Mitgliedern ist das zum Beispiel ein Anteil

von 50 000 Mark. Soweit der formale Anteil, der geleistet werden muß. Wir erwarten nicht gleich am Anfang Geld zu verdienen, also muß ein Mitglied mittelfristig darüber hinaus noch die Betriebskosten von Spag Services anteilig mittragen.

- Spag umwirbt auch die Großanwender mit Multivendor-Konfigurationen (Nato etc.). Das amerikanische "Konkurrenzunternehmen" COS tut dasselbe. Und auch IBM Europe bietet seinen Kunden Validation Services an. Daraus könnte sich bei dieser meinungsbildenden Anwendergruppe eine Haltung ergeben, die mit "Abwarten und Tee trinken" zu umreißen wäre. Können Sie damit leben?

Die Nato ist an Spag herangetreten und hat um Unterrichtung gebeten. Das würde ich im Kontext dazu sehen, daß es dort Überlegungen gibt, auf OSI-Standards zu gehen. Das würden wir natürlich als sehr positiv empfinden, speziell für die weltweite Akzeptanz von OSI. Was die Großanwender generell anbelangt, so sieht es Spag vorläufig noch nicht als ihre Aufgabe an, ihnen bei Konformitätstests unter die Arme zu greifen. Vielmehr sind wir am Engagement großer europäischer Benutzergruppen in Analogie zu den MAP- und TOP-Usern in den USA interessiert.

- Bahnt sich da schon etwas an?

Im Moment noch nicht sichtbar - aber es könnte bald zur Diskussion stehen, weil diese "Spiegel-Benutzergruppen" zu MAP/TOP in den USA zur Zeit auch in Europa Fuß fassen. Ich spreche von EMUG (European Map User Group), die sich um einen TOP-Anteil erweitert. Außerdem gibt es in Frankreich die ISO-TOP, die europäisch werden will.

- Konkurrenz schließt Kooperation speziell im Vorwettbewerb nicht aus. Welche Gemeinsamkeiten bestehen hinsichtlich der Vorgehensweise von COS und SPAG und welche Unterschiede. Die Ziele scheinen sich auf den ersten Blick zu ähneln.

Bestätigen kann ich, daß es in der gesamten Industrie weltweit hinsichtlich einer beschleunigten Einführung von OSI-Standards Kooperationsbedürfnisse gibt - dies ist die Gemeinsamkeit. Allerdings sind die Akzente bei COS und Spag unterschiedlich gesetzt. COS setzt ganz stark auf die Validierung und die zugehörige Zertifizierung. Spag Services macht zunächst mal symmetrisch Profilentwicklung, wohingegen COS nur Profilauswahl macht. Profile werden nach Meinung von COS von Special Interest Groups entwickelt. In Spag Services machen wir auch Validierung, aber wir werden den "Teufel tun" und zertifizieren. Ich bin davon überzeugt, das Zertifizierung unter öffentlicher Kontrolle stehen muß.

- Zertifizierung in der Bundesrepublik würde dann beispielsweise beim Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt laufen?

Das ist angedacht. Der erste Schritt sind öffentliche Validierungszentren, die von der EG-Kommission gesponsert werden. Ihre Zertifikate dürfen jedenfalls nicht nur lokale, sondern müssen europäische Gültigkeit haben. Die Prozedur muß irgendwo in der Nähe der Standardisierungsgremien festgelegt werden, zum Beispiel bei CEN/Cenelec. Aber die Hantierung sollte nicht bei den Standardisierungsbehörden liegen.

- Wie groß ist die Gefahr, daß durch die unterschiedlichen Aktivitäten unterschiedliche OSI-Ausprägungen zu "internationalen Standards" erklärt werden?

Mit Sicherheit haben Spag und COS nicht unterschiedliche Profile zum Ziel. Denn für beide sind die OSI-Basic-Standards die gleichen. Bei den funktionalen Standards ist zu unterscheiden zwischen den Transport- und den Applikationsprofilen. Für die Transportprofile ist das Rennen zu einem ersten Teil bereits gelaufen. COS hat sich anders festgelegt, als das in Europa möglich erscheint. Damit kann man aber leben. Bei den Kommunikationsanwendungen, wie Message-Handling, File-Transfer und Document-Architecture ist das viel kritischer zu sehen. Hier haben zunächst beide Organisationen das erklärte Ziel, nach Möglichkeit keine Unterschiede zu produzieren. Wir haben mittlerweile ein Profil verabschiedet, sowohl in den USA wie in Europa, und zwar für das Message Handling. Die Unterschiede sind marginal. Auch damit kann man gut leben.

- Bei der kürzlich stattgefundenen Esprit-Konferenz in Brüssel wurde deutlich, daß die Europäer gar nicht so schlechte Karten im Forschungswettbewerb haben; was sie nicht haben, ist Zeit. Das gilt sicher auch für die mehr oder weniger koordinierten europäischen Normierungsanstrengungen. Können oder sollen die privatwirtschaftlich organisierten Techniker und Mariager in Spag Services die Euro-Bürokraten überholen?

Die europäische Normierung ist gesetzlich geregelt. Da kann man an sich nichts beschleunigen. Aber man kann innerhalb der Spielregeln pragmatischer vorgehen. Dies müßte aber zwischen Regierungs- und Standardisierungsgremien geregelt werden. Was jedoch immer möglich ist: den Prozeß nachvollziehen, der in den USA läuft. Dort einigt man sich in den NBS-Workshops ( NBS = National Bureau of Standardization) auf die Profile, und die Hersteller knacken das in Übereinstimmung mit COS. Dann wird validiert, und dann läuft das. Es gibt dort eben keinen öffentlichen Standardisierungsprozeß, der behindert. Das haben wir in Europa zusätzlich am Hals. Zunächst ist das notwendig, weil wir ja möchten, das sich die öffentlichen Beschaffer zur schnelleren Durchsetzung der OSI-Akzeptanz auf OSI bindend festlegen. Dafür muß es eine saubere Basis geben. Denkbar wäre, daß sich Spag auf Profile festlegt, sie dem Standardisierungsprozess zuschiebt, und parallel in Richtung Validierung von Produkten weiterarbeitet.

- Das läuft also darauf hinaus, daß COS und Spag zusammen diesen Prozeß sehr wohl beschleunigen können respektive Spag Services dahingehend auf die diversen Gremien einwirken kann, und zwar weil es COS gibt.

Ja, das ist eine interessante Idee.

- Druck kommt jetzt also in erster Linie von der US-Initiative COS, die bereits im Frühjahr 1987 erste "Produkte" vorstellen will (Profile, Test-Tools etc.). Welche Parallelen zieht Spag?

Beide Initiativen wollen keinen Unterschied bezüglich der Werkzeuge zur Validierung machen, also möglichst dieselben Tools und Szenarien verwenden. Es sind ganz pragmatische Überlegungen, die uns dazu veranlassen, eine eigene Aktivität hochzuziehen, einfach, um zu lernen und um im Notfall wenigstens ein Netz zu haben, ferner, um die Brücken zu schlagen von den Bedürfnissen der Industrie zu den kommenden öffentlichen Validierungszentren in Europa. Eine wichtige Entscheidung in Sachen Message-Handling-Systeme ist jetzt gefallen: Spag wird das Tool der Danet GmbH, Darmstadt, verwenden - genauso wie COS. Beim File-Trasfer (FTAM) haben wir uns noch nicht entschieden, neigen aber auch zu dem Danet-Tool.

- Wie wird sich die Zusammenarbeit mit den US-OSI-Größen IBM und DEC beispielsweise gestalten - direkt hier in Europa, die entsprechende Manpower ist ja im wesentlichen hier angesiedelt, oder über den Umweg der Schnittstelle COS/Spag?

Die Schnittstelle COS/Spag ist der gangbarste Weg. Spag hat ein vitales Bedürfnis und auch die Verpflichtung, ganz spezifisch europäische Angelegenheiten auf die Strecke zu bringen. Es besteht die Befürchtung, daß, wenn wir uns allen US-Töchtern in Europa öffnen, wir dann ganz schnell die Situation wie in ECMA und in den NBS-Workshops haben: Wir werden halt einfach dominiert.

- Wie sieht diese Schnittstelle aus?

Konkret: Es gibt Profil-Zuarbeit auf beiden Seiten für MHS und FTAM. Das gilt künftig auch für die Kommunikationsarchitektur. Bei diesen drei Aktivitäten werden sich die jeweils führenden Personen auf beiden Seiten austauschen.

-Es gibt gewichtige europäische "Ausreißer in die COS-Gemeinde". Zum Beispiel eine dem britischen Verteidigungsministerium nahestehende Beschaffungsorganisation. Offentliche Beschaffung ist aber - wie gesagt - das Salz in der Suppe der Durchsetzbarkeit von "europäischen" Normen weltweit. Auch die britische GEC ist der Spag Services bisher ferngeblieben, und ICL hat eine Doppelmitgliedschaft sowohl in Spag als auch in COS. Ist die traditionelle transatlantische Verbindung überhaupt noch zweigleisig oder schon eine Einbahnstraße Washington - London?

Auch die British Telecom ist COS-Mitglied geworden... Ich betrachte dieses alles nicht als eine Katastrophe. Aber es ist zum jetzigen Zeitpunkt für die europäische Standardisierung nicht besonders hilfreich. Zwangsweise gehen unseren Bemühungen dadurch Kräfte verloren.

- Könnten die Briten in die Rolle eines Züngleins an der Waage kommen?

Da es nicht die Companies sind, die die Politik machen, sondern einzelne Persönlichkeiten mit einem starken Engagement und Arbeitsvolumen, sehe ich solche Entscheidungswege und -prioritäten nicht. Nur in dem Maße, wie diese Einzelnen bereit sind, Außerordentliches zu leisten, wird Akzeptanz gewonnen.