Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

31.10.1975 - 

Anwender-Bericht: Thyssengas GmbH - Mini in der Fachabteilung Unternehmensplanung

Spezialisten sollten ihre Probleme allein lösen können

Von Dipl.-Volksw. E. Flender*

1. Die StabsabteiIung Unternehmensplanung der Thyssengs GmbH, Duisburg, hat insbesondere die Aufgabe, aktuelle Entscheidungshilfen und -grundlagen für die Unternehmensleitung zu erstellen. Zu bedeutendem Rechenaufwand führen insbesondere die Erstellung der Absatz- und Investitionspläne sowie die Unternehmensplanungsrechnung (UPR).

Die Absatzplanung (bei Thyssengas Mengen- und Erlösplanung - MEP - genannt) ist ausgesprochen daten- und rechenintensiv, da jeder einzelne von Thyssengas belieferte Abnehmer mit seiner individuellen, auf lange Sicht konzipierten Vertragsstruktur korrekt in die Planung eingeordnet werden muß. Dabei sollen die zahlreichen Einzelheiten jedes

Vertrages (man denke z. B. an Preisbindungsklauseln) jederzeit beliebig variierbar sein (etwa als Ergebnis von Vertragsgesprächen) und ohne besonderen Aufwand sofort zu einer neuen Gesamtplanung verarbeitet werden können.

Die Investitionsplanung ist das Ergebnis von Einzelwirtschaftlichkeitsuntersuchungen (UPW genannt) jedes einzelnen in Frage kommenden Abnehmers; hauptsächliches Kriterium ist dabei die interne Verzinsung des eingesetzten Kapitals.

Die Unternehmensplanungsrechnung (UPR) schließlich liefert eine Aussage über den Erfolg bzw. die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens als Ganzes für eine zukünftige Periode. In die UPR fließen alle unternehmensrelevanten Daten und Überlegungen ein; es können sich hier Rückkoppelungen ergeben, so daß der Planungsprozeß u. U. mehrfach wiederholt werden muß.

Ein Ad-hoc-Job

Die UPR z. B. weist zwei Besonderheiten auf, die für die EDV-mäßige Ausführung entscheidende Konsequenzen haben:

1. Die "konventionelle" Problemstellung, also die Ergebnis- und Liquiditätsrechnung für das Gesamtunternehmen, muß veränderbar sein, ohne im Einzelfall auch noch so geringfügige Modifikationen der Programme zu erfordern. Das betrifft z. B. jene Fragestellungen, die etwa als Planungsüberlegung eine bestimmte Dividende als gewünscht voraussetzen und in Abhängigkeit davon z. B. die Höhe beliebiger Teile des Kostenblocks ermitteln wollen. Ähnliches gilt für die Verfolgung einer bestimmten Bilanz bzw. Finanzierungspolitik; das gemeinsame Problem der angesprochenen Punkte ist ein beliebiges Vertauschen von abhängigen und unabhängigen Variablen innerhalb des Gesamtsystems.

2. Es liegt in der Natur dieses Instruments, daß die UPR - ob bei "normalen" Sensitivity-Analysen oder Veränderung von Fragestellungen - als Ad-hoc-Job durchführbar sein muß d. h. die Ergebnisse sollen dann buchstäblich innerhalb von Minuten der Unternehmensleitung vorliegen (Beispiel: laufende Vertragsgespräche).

Keine Software lieferbar

Für die kurz umrissenen Arbeitsgebiete ist der Einsatz folgender mathematischer Hilfsmittel erforderlich lineare Algebra in einer für die UPR geeigneten speziellen, jedoch nicht an ein bestimmtes Unternehmen gebundenen Formulierung, Finanzmathematik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, lineare und nichtlineare Optimierungen. Erkundigungen ergaben, daß einschlägige Software weder bei Großcomputer-Herstellern noch im Bereich der MDT oder bei Minis vorliegt, eine gewisse Ausnahme bildet die lineare Optimierung, wobei jedoch die Mindestkonfiguration etwa von IBM (MPSX-Paket) bereits eine Größenordnung erreicht, die weit über den Bedürfnissen der übrigen Jobs auch anderer Unternehmensbereiche liegt und damit kostenmäßig uninteressant wird Die Software für die geschilderten Aufgaben war also im Unternehmen anzufertigen.

Die in der Unternehmensplanung anfallenden Arbeiten sind, wenngleich sehr häufig durchgeführt, dennoch keine Routinejobs. Es ist daher auch nicht möglich, für alle eventuell auftretenden neuen Probleme oder Modifikationen generalisierende Anweisungen bzw. Verfahrensvorschriften zu geben, was die Voraussetzung für jedwede Delegation etwa an ein Rechenzentrum ist. In jedem Falle wird daher der Sachkenner des Problems in die rechnerische Lösung mit einbezogen sein.

Wird versucht, die Probleme mit Hilfe eines Rechenzentrums konventionellen Zuschnitts zu lösen, so tritt hier zwangsläufig die unbekannte Problematik in der Kommunikationskette Sachkenner - Mathematiker/Systemanalytiker - Programmierer besonders stark zutage; auch beim besten Willen und Können aller Beteiligten wird man in keinem Falle mehr von Ad-hoc-Lösungen sprechen können, zumal über diese Problematik hinaus die Einordnung unvorhergesehener Aufgaben in die kaum zu vermeidende Bürokratie von Rechenzentren besondere Schwierigkeiten mit sich bringt. Ein Versuch bei Thyssengas mit einem sehr rudimentären Modell einer UPR hat diese Gegebenheiten voll bestätigt (zur Verfügung stand der hauseigene kommerzielle Rechner, eine IBM 360/20).

Experte als Operator

Es ist also schon aus diesen Gründen sinnvoll, für die Unternehmensplaner einen abteilungsinternen - freilich sehr leistungsfähigen - Computer zu verwenden. Das setzt voraus, daß der Sachkenner des Problems in der Praxis gleichzeitig Systemanalytiker und Programmierer, notfalls auch Operator ist. Daß dies keine Utopie, sondern bei einigem Engagement der Mitarbeiter im Gegenteil außerordentlich effizient durchführbar ist, hat die Jahrelange Praxis bei Thyssengas erwiesen: der Experte löst das Problem selbst.

Weitere Argumente gegen die Verwendungen kommerzieller Großrechner (auch größerer als das vorhandene System) ergeben sich aus der täglichen Praxis: da ist z. B. das Problem, einen (sehr komplizierten) Programmablauf an mehreren Stellen zu modifiziern und ohne Wartezeit das Ergebnis am Arbeitsplatz zu haben, um der Unternehmensleitung Bericht zu erstatten. Moderne Großcomputer-Systeme mit Terminals im Time-sharing-Betrieb bieten diese Möglichkeiten neuerdings zwar auch, aber mit welchen Kosten? Allein das zur Kommunikation mit dem Großrechner erforderliche Terminal - natürlich mit Drucker - steht sich im Finanzierungsaufwand mit einer kompletten Minicomputeranlage in etwa gleich. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, daß eine Großanlage, die diese Möglichkeiten eröffnet, wegen ihrer Größe nur für eine Minderheit von Unternehmen interessant sein dürfte.

Großrechner zu ungenau

Ein besonderes Problem ist die Numerik: überraschenderweise zeigt sich daß kommerzielle Großrechner bei hohen Anforderungen an die numerische Genauigkeit schwierig einzusetzen sind. Um noch höhere Genauigkeiten als mit Hilfe der ,,double precision" zu erreichen, sind hier individuelle Software-Vorkehrungen erforderlich die die Lösung des gegebenen Problems nicht gerade erleichtern.

War insoweit geklärt, daß für die fraglichen Probleme der Einsatz einer Großcomputeranlage keine befriedigenden Lösungen bringen würde, so stellte sich die Frage, welchen Rechner man in der Unternehmensplanung einsetzen sollte. Man entschied sich bei Thyssengas für eine WANG-Computeranlage der Serie 2200 B, und zwar aus folgenden Gründen:

- Der interpretative BASIC-Code ist sehr leicht erkennbar, d. h. insbesondere ohne Vorkenntnisse in der EDV in der Fachabteilung effizient einsetzbar. Trotzdem eröffnet das WANG-BASIC alle Möglichkeiten auch kompliziertester Programmierung einschließlich Bit/Byte-Manipulationen.

- Die Anlage kann kapazitätsmäßig sehr flexibel den tatsächlichen Bedürfnissen angepaßt werden (Ausbaustufen von jeweils 4 K Bytes bis zu 32 K Bytes, verschiedene Platten- und Magnetbandeinheiten usw.)

- Es ist möglich, eine virtuelle Speichertechnik wie bei Großrechnern per Software einzuführen, dadurch erhöht sich de facto die Hauptspeicherkapazität um das Fassungsvermögen des angeschlossenen Magnetplattenspeichers. Hiervon wird in der Praxis ausgiebig Gebrauch gemacht.

- Spezielle ROMs (Matrix-ROM, EDIT-ROM) erhöhen noch Effizienz und Flexibilität bei Programmierung und Modifikationen.

- Die naturgemäß gegenüber Großanlagen geringere Rechen- bzw. Verarbeitungsgeschwindigkeit wird, wie auch die praktische Erfahrung bestätigt hat, durch die übrigen Vorteile mehr als aufgewogen.

Die nunmehr installierte Anlage hat eine Hauptspeicherkapazität von 32 K Bytes, periphere Geräte: 1 Magnetplattenspeicher von 5 Mio Bytes (ausbaubar) sowie 1 Schnelldrucker. Eine Kostenuntersuchung hat ergeben, daß eine Großanlage, die zumindest in etwa qualitativ gleichrangige Problemlösungen ermöglicht, in der Jahresmiete mehr kostet als der gesamte (einmalige) Anschaffungspreis der WANG-Anlage.

Künftig Prozeßrechner?

Die in die beschriebene Thyssengas-Konzeption gesetzten Erwartungen sind voll erfüllt worden. Angesichts der jüngsten Entwicklungen auf dem Prozeßrechnermarkt ist es erforderlich, auch die Möglichkeiten zu prüfen den abteilungsinternen Rechner als intelligentes Terminal an einen modernen Prozeßrechner (z. B. HARRIS) anzuschließen, um gewisse Vorteile dieser Anlagen in bezug auf die Geschwindigkeit und Kapazität für einige Teilaufgaben isoliert zu nutzen. Ein irgendwie gearteter Ersatz des abteilungsinternen Rechners ist jedoch bei den beschriebenen Aufgaben auch angesichts dieser Möglichkeiten nicht sinnvoll.