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09.06.2000 - 

IT im Transportwesen

Spezialisten ziehen im Backend die Fäden

Trotz eines missratenen Weihnachtsgeschäfts und schlechter Noten bei den Kunden: Der E-Commerce ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Insbesondere auf die Logistik rollt, so die Prognosen der Auguren, ein riesiger Aufgabenberg zu. Gut beraten ist, wer sich auf Basis der neuen interaktiven Netze mit überzeugenden Konzepten profiliert. Winfried Gertz* hat sich in der Szene umgehört.

Das ist noch einmal gut gegangen. Hätte der Bundesrat das vom Bundestag beschlossene neue Fernabsatzgesetz nicht gekippt, manch forsche Startup-Company hätte bald einpacken können. Besonders betroffen wären die Online-Buchhändler gewesen: Angesichts ihrer ohnehin dünnen Kapitaldecke hätten sie die zusätzlichen Aufwendungen, die aus dem kostenlosen Rückgaberecht der Verbraucher resultierten, nicht mehr stemmen können.

Vor allem für die Logistik hätte das Gesetz für den Internet-Einkauf erhebliche Konsequenzen gehabt. Demnach sind die Kunden berechtigt, bestellte Ware binnen 14 Tagen auf Kosten des Handels zurückzusenden. Wie der Bundesrat mitteilte, liegt die Rücksendequote speziell im Buchhandel schon heute bei fünf bis zehn Prozent.

Große Erleichterung herrscht nun in Hallbergmoos. Denn die deutsche Niederlassung des weltweit größten Online-Buchversands, Amazon.com, gibt die Kontrolle über ihre logistischen Leistungen nicht aus der Hand. Im Unterschied zu anderen, die mit spezialisierten Logistikunternehmen kooperieren und von diesen selbst komplexe Abläufe steuern lassen, unterhält Amazon in Bad Hersfeld ein eigenes Verteilzentrum. "So können wir schnell reagieren", erklärt Geschäftsführer Uwe Klausen, "und Kundenzufriedenheit selbst gestalten."

Ob er sich hier nicht gewaltig irrt? Die Logistik, das haben erfolgreiche Dotcoms inzwischen erkannt, ist nicht ihr Metier. Andere können das viel besser. Ehrgeizige Modelle wie das britische Online-Handelshaus Boo.com sind inzwischen pleite oder in der Gunst der Analysten und Investoren bedenklich gesunken. Aufgrund gestiegener Lagerhaltungs- und Logistikkosten kämpft Amazon mit hartnäckigen Verlusten. Andere Online-Shops wie die Webvan Group (www.webvan.com) sackten an der Nasdaq binnen weniger Monate von 25 auf fünf oder Streamline.com von 13 auf 3,5 Dollar ab. Viele E-Commerce-Anbieter unterschätzen den Aufwand. Neben Qualitätssicherung, Lagerung und Auslieferung, Auftragsannahme, Kundenbetreuung und Service sind komplexe Prozesse im Call-Center und Internet abzuwickeln. Zahlungsvorgang, Debitoren-Management, Inkasso, Transportverfolgung und Routen-Management verursachen ein Backend-Geschäft, das nach Angaben von Hartmut Ostrowski, Chef der Bertelsmann Services Group (BSG), rund 90 Prozent des Volumens ausmacht.

Zur Bewältigung solcher Aufgaben stehen inzwischen kapitalkräftige Anbieter bereit, zum Beispiel die Deutsche Fullfillment, Danzas GmbH oder der Hermes General Service. Als Töchter der Deutschen Post sowie des Otto Versands greifen sie auf dicht geknüpfte Logistikzentren zurück und betreuen Geschäftskunden und Endverbraucher. Beispiel Deutsche Post: Geht es um Auslieferungen an Konsumenten und Größenordnungen unterhalb 30 Kilogramm, kommt die Deutsche Fullfillment zum Zug. Handelt es sich um das Business-to-Business (B-to-B) und schwere Sendungen, ist Danzas an der Reihe.

Kundenbetreuung durch Call-CenterOnline-Shops sind gut beraten, sich die Dienste von Logistikanbietern zu sichern. Ein Erfolg des neuen Geschäftsfelds E-Commerce, mahnen Experten, sei nur über eine hohe Kundenzufriedenheit zu erzielen. Doch den Wunsch nach schneller und vor allem zuverlässiger Warenlieferung konnten die amerikanischen Händler leider nur enttäuschen: Wie Umfragen zeigten, beklagte sich etwa jeder zweite Online-Shopper über mangelhafte Angebote und Services.

Professionelle Logistik hingegen integriert den Kunden in den Geschäftsprozess, der zunehmend über globale Netze und interaktive Systeme gesteuert wird. Nach einer Studie der Technischen Universität Berlin können sich Logistikdienstleister künftig aus ihrem Umfeld abheben, wenn sie sich auf die Einrichtung und Pflege von Informationssystemen, den Betrieb von Systemen zur Sendungsverfolgung sowie die Kundenbetreuung durch Call-Center und das Internet konzentrieren.

Wie es in der Studie heißt, ist dabei die IT-Infrastruktur von großer Bedeutung: Schon heute beträgt das IT-Budget von Logistikunternehmen etwa sechs Prozent der Gesamtkosten und soll bis 2005 auf rund 8,5 Prozent steigen.

Nach Angaben des Bundesverbands Spedition und Logistik (BSL) wickeln bereits mehr als 60 Prozent der Betriebe ihre geschäftlichen Vorgänge auf elektronischer Basis ab. In den 90er Jahren entschieden sich viele Unternehmen, insbesondere größere Speditionen und Kooperationen, ihre Stückgutverkehre auf Basis von Electronic Data Interchange (EDI), Barcode und mobiler Datenkommunikation nachhaltig zu rationalisieren und zu beschleunigen. Doch nun geht es um zukunftsträchtiges E-Business: Um für das Geschäft von morgen gerüstet zu sein, wagen sich zunehmend auch kleinere Spediteure ins Internet.

Den Sprung von der kostenträchtigen und zugleich wartungsintensiven EDI-Technik mitten in den E-Commerce hinein hat auch die in Münster ansässige Fiege GmbH (www.fiege.de) gewagt. Inzwischen agiert das inhabergeführte Unternehmen, das aus einem dörflichen Fuhrbetrieb entstand, als weltweiter Logistikdienstleister. 1999 wurden im Bereich virtuelle Logistik bereits 160 Millionen Mark Umsatz verbucht. Für den amerikanischen Gabelstaplerhersteller Clark beispielsweise wickelt Fiege die gesamte Ersatzteilversorgung inklusive Teileverkauf und Vertrieb ab. Rund 80000 Maschinen sind in Betrieb. Clark-Händler greifen auf eine Fiege-Website zu, die ihnen Einblick und Zugriff auf den gesamten Bestand des in Mülheim angesiedelten Zolllagers gewährt. Sobald eine Bestellung eingeht, wird ein SAP-gestützter Prozess in Gang gesetzt.

Auf den Monitoren der Fiege-Spezialisten wird angezeigt, auf welchen Paletten sich bestellte Ersatzteile befinden. Zudem erscheinen in Windeseile sämtliche Daten, die für eine schnelle Abfertigung erforderlich sind: Gewichte und Maße der Einzelstücke, Verpackungsgröße, unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers sowie Rechnung, Frachtbrief und Zolldokumente.

Auflösung der zentralen MaterialwirtschaftMit ihrem Logistikkonzept ist die Firma Fiege der Branche voraus. Nach Angaben von Wolf-Rüdiger Bretzke, Professor für Logistik an der Universität Duisburg und Partner einer Unternehmensberatung, ergeben sich nämlich die gewünschten Einsparungspotenziale vor allem aus der Verzahnung von übergeordneten Prozessen und deren Unterstützung durch ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) wie SAP R/3. Würde dies mit automatischen Lieferabrufen und einer geteilten Informationsbasis (Information Hub) verkoppelt, könne das einem neuen Paradigma Vorschub leisten. Wie bei der Preisfindung für freie Flugplätze ließen sich auch in Produktion und Logistik Web-basierte ATP-Systeme konfigurieren (Available to Promise), die nicht mehr den Materialwert als primären Kostenblock attackieren, sondern den Beschaffungsprozess selbst. Bretzkes Fazit: "Diese Prozessrevolution hat erhebliche Auswirkungen auf den physischen Warenfluss. Die zentrale Materialwirtschaft wird nicht nur als Auslöser der Bestellungen, sondern auch als Empfänger der Lieferungen aufgelöst."

Logistik als "Enabling Technology" - ohne sie sind Internet-basierte Prozessinnovationen kaum möglich. Andererseits ist E-Commerce treibende Kraft für weit reichende Veränderungen des Wirtschaftens. Das lassen allein die Prognosen der Auguren erwarten. So rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bis 2005 hierzulande mit einem Marktvolumen von 100 Millionen Mark. Die Berater von Roland Berger rechnen schon für 2001 mit etwa 30 Millionen Mark. Und Durlacher Research prognostiziert für den B-to-B-Handel in Europa bis 2004 sogar rund 1,3 Billionen Dollar Umsatz. Für Spediteure und Logistikdienstleister wird es also jede Menge Arbeit geben.*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.