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14.09.1979

SPIEGEL-Bild

MÜNCHEN (de) - Auch die Publikumspresse beschäftigt sich neuerdings mit den Wertbewegungen im Computermarkt. So hat das Hamburger Nachrichten - Magazin "DER SPIEGEL" (Nr. 36 vom 3. 9. 1979, Seite 81) das Thema "IBM/38 - Lieferverzögerung" angegriffen (vergleiche nebenstehende Vorausbericht der COMPUTERWOCHE, der am 17. August 1979 erschienen ist.) SPIEGEL - Titel: Langsamer Denker.

Langsamer Denker

Kunden sind verärgert, die Konkurrenz frohlockt: Der Computer-Gigant IBM kann wegen peinlicher Planungsfehler seine neue Rechner-Serie 38 nur mit fast einjähriger Verspätung auf den Markt bringen.

Am 7. August erschien Gerd-Wulf Hoffrogge, Düsseldorfer Vertreter der weltgrößten Computer-Firma IBM, kleinlaut bei seinem besten Kunden. Verlegen überreichte er seinem Geschäftspartner Karl-Heinz Aufermann, Chef der Datenverarbeitung bei der Deutschen Rockwool Mineralwoll GmbH in Gladbeck, ein im billigen Offset-Druck abgezogenes Rundschreiben der deutschen IBM-Zentrale.

Er hätte es nicht verantworten können, erläuterte der Computer-Verkäufer seinen Besuch, die vervielfältigte Botschaft mit der gewöhnlichen Geschäftspost zu versenden. Mit Recht: Die dürre Mitteilung aus Stuttgart wirkte auf den Kunden "wie ein Offenbarungseid des Computer-Giganten".

"Voraussichtlich sechs bis neun Monate", so die Notiz, die IBM-Chef Walther Bösenberg verschicken ließ, werde sich die Auslieferung des neuen Computer-Systems 38 verschieben.

Zum erstenmal mußte der absolute Herrscher des Computer-Marktes eingestehen, mit einem bereits angekündigten Rechner-System nicht zurechtzukommen und die versprochenen Termine nicht einhalten zu können.

Dünn wie das Papier der Rückzugsmeldung - Computer-Fachmann Aufermann: "Sonst schreiben die alles auf feinstes Bütten" - war auch die Erklärung für den Aufschub. Man brauche Zeit, hieß es im Computer-Kauderwelsch, die neuen "Software-Elemente zu integrieren".

Gerade mit diesen Elementen aber hatten die IBM-Verkäufer die Kundschaft angeworben. Sie trugen das neue System vor allem den vom Rechner-Riesen bisher vernachlässigten Mittelbetrieben an. Die mit den Geheimnissen der Computer-Welt kaum vertrauten Mittelständler sollen ein nahezu schlüsselfertiges System ins Haus gestellt bekommen.

Auch ohne teure Datenverarbeitungs-Spezialisten, so die IBM-ldee, kannten die 38er-Kunden die neuen Anlagen auf die Bedürfnisse ihres Betriebs einfahren. Was Programmierer sonst in langwieriger und teurer Kleinarbeit dem Computer beibringen müssen, habe die 38 schon von Haus auf einer "Datenbank" intus.

Deswegen aber muß das elektronische Gehirn der neuen Computer-Generation weitaus größer und komplizierter angelegt sein als bei den herkömmlichen Anlagen. Gerade das, so vermuten Insider, macht die 38 zu einem Langsam - Denker. Bei den Tests lieferte die Maschine jedenfalls die Ergebnisse nicht mit der in den Prospekten schon versprochenen Geschwindigkeit.

"Es ist mir unbegreiflich", staunt Werner Poschenrieder, Siemens-Generalbe-vollmächtigter für Datenverarbeitung, "daß man etwas ankündigt, was noch nicht erprobt ist."

Ende Oktober letzten Jahres, als IBM das neue System in Deutschland und den USA zugleich vorstellte, hielten die Herren im IBM-üblichen dezentblauen Tuch nicht zurück mit Eigenlob. Rolf-Dieter Leister, Chef der "Basis-Datenverarbeitung" von IBM-Deutschland, versprach "benutzerfreundlichen Dialog in neuer Dimension".

"Die Euphorie war groß", erinnert sich der Dortmunder Daten-Chef Aufermann an die IBM-Schau. Denn außer dem vereinfachten Umgang mit dem intelligenten Dialog-Partner versprachen die Marketing-Leute Vorzüge, wie sie bisher nur größere Rechner bieten.

Und das alles zu einem attraktiven Preis: Schon für 12 000 Mark Monatsmiete wurde ein voll einsatzfähiges System angeboten. Bis Ende letzten Jahres, schätzen Branchenkenner, waren schon über 30000 Aufträge eingegangen.

Einige Monate später, auf der Hannover-Messe im Frühjahr, begannen manche Interessenten schon zu argwöhnen, daß in den ausgestellten 38-er-Blechschränken noch reichlich viel heiße Luft war.

"Manche Software-Teile waren überhaupt nicht zu sehen", bemerkte Rainer Hamann von der Landshuter Kondensatoren-Fabrik Ernst Roederstein, "die Auskünfte, wie das funktioniert, waren wachsweich."

Der enttäuschte 38er-Kunde Aufermann vermutet, daß "die Schwierigkeiten schon länger bekannt waren". Spätestens nach der Hannover-Messe hätte IBM wenigstens seine größten Kunden informieren müssen. Doch der kommunikationsscheue Großkonzern wartete bis zum äußersten Termin - und gab die peinliche Nachricht erst bekannt, als die Auslieferungen nach Plan

hätten anlaufen sollen.

Etliche Besteller der 38 hatten das neue System schon eingeplant. Die Datenverarbeitung der Gladbecker Rockwool zum Beispiel war schon sieben Monate lang auf die Neuheit vorbereitet worden. Die Trachtenfabrik Loden Frey im österreichischen Bad Ischl konnte infolge der 38er-Debakels nicht wie geplant ihren alten Rechner vom Typ 3--12 an einen Interessenten verkaufen.

Die IBM-Konkurrenten witterten sogleich ihre Chance: Bei den Bestellern der 38 sprechen jetzt reihenweise die Vertreter anderer Computer-Hersteller vor.

Kurz hintereinander meldeten sich in der Datenverarbeitungs-Abteilung des Gasbetonwerks Hebel in Alzenau letzte Woche Verkäufer von Siemens und Honey-Bull. NCR in Augsburg forstete sofort seine Adressenkartei nach möglichen IBM-Abspringern durch. Und Nixdorf-Vorstand Klaus Luft verspürte gar schon "eine durchaus verstärkte Nachfrage nach unseren Systemen im oberen Bereich".

Einhellig beteuerten die Konkurrenten, durchaus Vergleichbares wie der Marktführer bieten zu können. Doch die Kundschaft, von den Wettbewerbern als "IBM-hörig" verdächtigt, ist skeptisch.

"Konkret als Datenbank", weiß Computer-Experte Hamann, "ist nichts da." Siemens zum Beispiel kommt erst gegen Ende des Jahres mit einer erweiterten Datenbank für sein System 7500 heraus.

Viele IBM-Kunden sind zwar verärgert und müssen sich mühsam über die Runden helfen. Doch letztlich werden sie wohl doch wieder bei dem Computer-Multi landen.

Eckhard Haas, Chef der Datenverarbeitung bei den Optimol-Ölwerken in München, fühlt sich "wieder einmal angeschmiert". Aber am Ende bleibt er "vielleicht doch bei der 38". Klaus Peter Star von der Münchner Brillenfabrik Optyl verzichtete auf eine 38 - und wechselte doch nur von einer IBM-Abteilung zur anderen: Die Firma kauft die Anfang des Jahres angekündigte und früher lieferbare größere Datenverarbeitungs-Anlage 4300 aus dem Hause IBM.

"Was macht IBM schon der Verlust von ein oder zwei Prozent aus", resigniert Siemens-Manager Poschenrieder, "wenn sie 60 Prozent Marktanteil haben?"