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01.12.1995

Sprach- und Datendienste im Metropolitan Area Network Colt macht in Frankfurt Jagd auf Grossanwender der Telekom

LONDON (pg) - In Frankfurts City zeichnet sich ein Showdown ab. Schon Anfang 1996 koennten naemlich Grosskunden mit Colt gegen den Giganten Telekom zu Felde ziehen. Hinter Colt verbirgt sich kein Schiesseisen, sondern ein privater Netzbetreiber. Der Newcomer beabsichtigt, mit einem eigenen Metropolitan Area Network (MAN) den Rivalen Telekom und MFS lukrative Auftraggeber abzujagen.

Banken, Versicherungen und sonstige Unternehmen im Herzen Frankfurts reiben sich die Haende. Die Gebuehren fuer TK-Verbindungen und -Services sind in Downtown und Umgebung auf dem besten Wege, in den Keller zu fallen. "Es geht fast zu wie auf dem Basar", schildert Horst Enzelmueller, Geschaeftsfuehrer der Colt Telecom GmbH, die Situation in der Main-Metropole. Der Grund: Seit die MFS Communications GmbH mit einem eigenen City-Netz gegen die Telekom antritt und Colt von Minister Boetsch ebenfalls die Lizenz zur Errichtung eines MAN in Frankfurt erhalten hat, weht dem Bonner Monopolisten der rauhe Wind des Wettbewerbes ins Gesicht. Laut Enzelmueller hat die Telekom in Frankfurt die Preise fuer vergleichbare Dienste zum Teil bereits um 90 Prozent von 500000 auf 50000 Mark gesenkt.

Die Entwicklung in "Mainhattan" gibt einen Vorgeschmack auf das kommende TK-Szenario in Deutschland. Anbieter wie MFS oder Colt versuchen, in den attraktiven Wirtschaftszentren durch eigene Netze und Dienste der Telekom Grosskunden streitig zu machen. Enzelmueller bekennt sich dabei ganz freimuetig zu der "Rosinenpickerei" und rechtfertigt sie mit dem Risiko sowie hohen Investitionen.

Rund 50 Millionen Mark wird die Colt GmbH in den naechsten drei Jahren in den Bau und Betrieb eines privaten Glasfasernetzes stecken. 30 Millionen Mark sollen allein bis Ende 1996 investiert sein. Geht es nach dem Willen des hessischen TK-Neulings, werden bis Mitte Dezember 1995 bereits zwoelf Kilometer des MAN in Frankfurts Strassen verlegt sein, naechstes Jahr sind weitere 40 Kilometer geplant.

Die Finanzmittel fuer die Investitionen in die europaweit vorgesehenen Colt-City-Networks schiesst die Mutter Fidelity Investment, Boston, vor, mit 500 Milliarden Dollar die weltweit groesste private Gesellschaft fuer Kaptialanlagen. Nach Angaben von James Hynes, Chairman Colt und Managing Director von Fidelity Capital, investiert das Unternehmen jaehrlich rund 300 Millionen Mark in neue Technologien. Fidelity war unter anderem Gruender der TK-Unternehmen Rolm und MCI.

Das Colt-MAN besteht aus Monomode-Glasfaserkabeln und basiert bis hin zum Endkunden auf der Technologie Synchronous Digital Hierarchy (SDH). Die ringfoermige Konzeption des Netzes soll Anwendern ein Maximum an Ausfallsicherheit sowie kurze Reaktions- und Reparaturzeiten garantieren.

Das Produktspektrum von Colt umfasst, soweit es regulatorische Vorschriften in Deutschland zulassen, Sprach- und Datendienste, Festverbindungen, LAN-zu-LAN-Services sowie Videodienste, jeweils mit Bandbreiten nach Bedarf. Colt wird unter dem Stichwort Last Mile alle Dienste bis zu den Inhouse-Systemen der Kunden realisieren. Laut Enzelmueller beabsichtigt seine Company auch, zu einem spaeteren Zeitpunkt Sprache aus dem eigenen MAN in Netze anderer Carrier zu schalten. Berechnungsfaktoren fuer die Colt- Infrastruktur und -Dienste werden die Entfernung sowie Geschwindigkeit der Uebertragung sein.

In der Rolle des Davids gegen den Goliath Telekom anzutreten, sieht Enzelmueller durchaus als Chance. "Wir muessen in unserem Netz Dienste anbieten, die besser sind als die der Telekom", weiss der Geschaeftsfuehrer um die Voraussetzung, am Markt ueberhaupt zu bestehen. Seiner Ansicht nach hat Colt gegenueber dem TK-Giganten jedoch den Vorteil, flexibler zu sein und damit auf individuelle Kundenwuensche leichter reagieren zu koennen. Der Mitbegruender von Wang Deutschland raeumte aber ein, dass auch die Telekom mittlerweile wesentlich beweglicher agiert.

Rechtliche Basis fuer Colt und MFS, in Frankfurt Netze betreiben zu duerfen, ist das Fernmeldeanlagengesetz. Es sieht vor, dass ein Betreiber mehrere Grundstuecke und darauf installierte TK-Anlagen mit eigenen Leitungen verbinden darf, vorausgesetzt, keines der Grundstuecke ist von einem anderen weiter als 25 Kilometer entfernt oder alle befinden sich in demselben Ortsnetzbereich der Telekom. Ausserdem ist eine Lizenz des Bundesministeriums fuer Post und Telekommunikation noetig.

Die Weichen fuer das Netz in Frankfurt hatte Colt endgueltig im Juni gestellt. Im Sommer schloss das Unternehmen mit dem Magistrat einen Vertrag ueber die Erteilung des Wegerechts sowie die Nutzung von Leerrohren. Der Zugriff auf staedtische Kapazitaeten soll unnoetige Baumassnahmen in der City vermeiden. Der Vertrag laeuft zunaechst 15 Jahre, mit einer Option fuer den gleichen Zeitraum. Colt zahlt dabei an die Stadt eine pauschale Jahresgebuehr, eine Miete fuer die Nutzung der Leerrohre sowie eine vom Umsatz abhaengige Tantieme.

Colt erhielt ausserdem die Auflage, seine Bauaktivitaeten in Frankfurt mit dem Konkurrenten MFS abzustimmen. Beide werden deshalb im Schulterschluss dort Leitungen verlegen, wo keine Kapazitaeten der Stadt vorhanden sind. Aus finanziellen Gruenden ist diese Massnahme fuer beide Carrier durchaus sinnvoll. Laut Enzelmueller kostet die Installation eines Glasfaserkilometers zwischen 300000 und 400000 Mark plus die Kosten fuer die Kabel.

Anschauungsunterricht nehmen die Deutschen bei ihrer Schwester, der Colt Telecommunications, London, wobei die Bezeichnung Colt urspruenglich fuer "City of London Telecommunications" steht. Mit der Expansion auf weitere europaeische Staedte wurde der Name jedoch in Colt Telecommunications umgewandelt. Die Londoner, seit 1993 im Besitz einer Lizenz fuer die Metropole, haben laut President Paul Chisholm ein MAN von rund 100 Kilometer Laenge installiert. An das Glasfasernetz sind derzeit 350 Gebaeude angeschlossen, darunter Kunden wie Reuters, Bankers Trust, Barings Bank, Midland Bank, die Londoner Boerse sowie die Verlage Daily Telegraph, Express Newspapers und Guardian Newspapers.

Fuer 1998 rechnen die Londoner, die bisher 100 Millionen Mark in ihr Netz investierten, mit einem Umsatz von knapp 200 Millionen Mark, 1995 mit rund 27 Millionen Mark. Die Frankfurter muessen zunaechst kleinere Broetchen backen. Enzelmueller haelt zwar bis zur Jahrtausendwende Einnahmen von 80 Millionen Mark fuer realistisch, geht allerdings davon aus, dass 1996 nur ein bis zwei Millionen Mark in die Colt-Kasse fliessen werden. In vier bis fuenf Jahren hofft der ehemalige Chef von BT Deutschland jedoch, die Gewinnschwelle zu ueberschreiten.

Enzelmueller glaubt, den Vorsprung von MFS in wenigen Monaten kompensiert zu haben. Im Gegensatz zu dem Konkurrenten koenne Colt freilich, wie der Geschaeftsfuehrer einraeumte, noch keine Kunden vorweisen. Seine Company fuehre aber vielversprechende Verhandlungen. Wichtig sei vor allem, bei den noch sehr Telekom- hoerigen Kunden einen Prozess des Umdenkens auszuloesen. "Der Markt ist nicht erzogen und vertraut der grossen Telekom, auch wenn alles laenger dauert", bewertet der Colt-Chef das Anwenderverhalten.

Waehrend die Gesetze des Wettbewerbes in der TK hierzulande erst noch greifen muessen, profitieren die Kunden in London bereits von der Competition. Laut Don Overton, Network Operator der Nachrichtenagentur Reuters, hat die Liberalisierung in Grossbritannien unter den Carriern einen harten Kampf um Marktanteile entfacht. Nutzniesser sind Kunden wie Reuters, die heute zu drastisch reduzierten Tarifen Verbindungen mit weitaus besseren Diensten anmieten koennen. Darueber hinaus habe die Digitalisierung zu wesentlich schnelleren und sichereren Strecken gefuehrt.

Bei Reuters sind Overton zufolge die Kosten fuer TK-Verbindungen zwar gestiegen, allerdings werde ueber die Leitungen heute auch das Hundertfache an Daten transportiert. Derzeit faehrt Reuters in London einen Glasfaser-Doppelring mit von BT und Colt geschalteten 155-Mbit/s-Leitungen. Weil aber bereits 250 Kunden mit 2-Mbit/s- Anschluessen Informationen ueber das Reuters-Netz jagen, planen die Strategen, 625-Mbit/s-Ringe bei den Carriern auszuschreiben. Geradezu steinzeitlich nehmen sich da die ehemals 20000 angemieteten analogen Kupferstrecken aus, die Reuters mit zunehmenden Wettbewerb kuendigte, die in Deutschland wegen der hohen Gebuehren aber noch Standard sind.

Aus der Sicht Enzelmuellers soll sich dieser Zustand bald aendern. Colt sondiert derzeit die Moeglichkeit, auch in Berlin, Dresden, Hamburg, Koeln, Leipzig und Muenchen Fuss zu fassen. Kopfzerbrechen bereitet dabei jedoch die Regulierung. "Das Thema Wegerecht ist regulatorisch noch nicht abschliessend geklaert", mahnt der Manager zur Vorsicht, seit die Kommunen die Chance wittern, durch entsprechende Nutzungsgebuehren Geld in die leeren Kassen zu bringen.