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22.11.2002 - 

Interview mit Ulrich Fricke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME)

Sprachverwirrung kostet Zeit und Geld

BERLIN (rg) - Trotz anhaltender Skepsis auf Einkäufer- und Zuliefererseite scheint die Nutzung elektronischer Beschaffungsverfahren unaufhaltsam voranzuschreiten. Mit Ulrich Fricke, Vorstandsvorsitzender des BME, sprach CW-Redakteur Robert Gammel auf dem 37. Symposium Einkauf und Logistik.

CW: Viele Einkäufer haben mit E-Procurement nichts am Hut. Software könne nur einen kleinen Teil ihrer Aufgaben übernehmen, lautet ihr Einwand.

FRICKE: Man muss grundsätzlich den operativen vom strategischen Einkauf unterscheiden. Der operative Einkauf ist viel stärker mit der Disposition verknüpft. Da wird sich bei der Aufgabenverteilung bestimmt einiges ändern. Möglicherweise löst sich der operative Einkauf auf und wandert in die Disposition oder umgekehrt. Jedenfalls lassen sich in diesem Bereich Einkaufsprozesse mit entsprechenden Tools automatisieren. Unstrittig werden aber auch künftig weiterhin fähige Einkäufer gebraucht. Die Automatisierung wird ohnehin nur in kleinen Schritten kommen - die Menschen sind ja jetzt schon überfordert.

CW: Lassen sich derzeit auf dem Arbeitsmarkt überhaupt E-Business-fähige Einkäufer finden?

FRICKE: Leider nein. Aber auch die Weiterbildung vorhandener Kräfte ist schwierig. Da gibt es große Probleme, weil viele Mitarbeiter nicht von ihrer gewohnten Arbeitsroutine abrücken wollen. In den USA geht das mittlerweile so weit, dass Unternehmen einen Dienstleister mit dem strategischen Einkauf betreuen, wenn intern Zeit, Ideen und Know-how fehlen. So weit ist es in Europa sicherlich noch nicht, aber auch hier bleiben Mitarbeiter auf der Strecke, die die Umstellung nicht schaffen.

CW: E-Procurement genoss den Ruf einer Wunderwaffe zur Kostensenkung. Bei vielen Anwendern macht sich mittlerweile Ernüchterung breit.

FRICKE: Besonders die Änderung der operativen Einkaufsprozesse gestaltet sich schwierig. Da lässt sich manches nicht durchhalten - auch weil man da besagte Mitarbeiter bewegen muss. Das kann nur funktionieren, wenn die Geschäftsleitung überzeugend dahinter steht. Vergleichsweise einfach ist dagegen die Nutzung von Tools für elektronische Ausschreibungen oder Auktionen, da hier nur wenige strategische Einkäufer geschult werden müssen. Folglich lassen sich schnelle Erfolge erzielen. Allerdings liegt in den operativen Prozessen das größere Kostensenkungspotenzial.

CW: Ist das geringe Interesse der Zulieferer nicht das größere Problem?

FRICKE: Das gilt in erster Linie für das Thema elektronische Kataloge. Die großen Zulieferer sind zwar mittlerweile fast alle fähig, entsprechende Kataloge zu liefern, kleineren Unternehmen, insbesondere Spezialartikelherstellern mit einer starken Produktfixierung, fällt das jedoch schwer. So mancher Zulieferer, der von seinem Kunden zur Abgabe elektronischer Kataloge gedrängt wird, wägt den damit verbundenen Aufwand gegen die erzielbaren Umsätze ab und lässt im Zweifel die Finger davon. Vor einem Jahr waren nach meiner Erfahrung nur zwei bis drei Prozent der Lieferanten E-ready. Mittlerweile haben jedoch auch zahlreiche Mittelständler den Sprung geschafft.

CW: Mittelständische Unternehmen stehen häufig vor dem Problem, Kunden mit unterschiedlichen Katalogformaten bedienen zu müssen. Macht die Verbreitung geeigneter Standards Fortschritte?

FRICKE: Hier hat sich ein Trampelpfad herausgebildet. Wer sich darauf bewegt, kann wenig falsch machen. Zu den wichtigen Standards zählt in Europa E-Class für die Klassifizierung von Produkten sowie BMEcat, dessen Spezifikation auf unserer Website für den kostenlosen Download zur Verfügung steht. Momentan gibt es Bestrebungen, E-Class mit dem in Amerika weit verbreiteten Klassifizierungsstandard UN SPSC zusammenzuführen. Darüber hi-naus haben wir mit dem European Content Club (siehe Kasten "European Content Club") eine neue Initiative gestartet, die den Beteiligten zusätzliche Investitionssicherheit verschaffen soll. Ein sehr ärgerliches Kapitel ist das Thema IT-Standards. Oft hängt es an den Bits und Bytes, wenn Informationen nicht fließen oder falsch interpretiert werden. Dann wird wochenlang gebastelt, bis das funktioniert.

CW: In der Folge müssen elektronische Kataloge also immer noch langwierige Prüfverfahren durchlaufen, bis sie in die aktiven Systeme eingespielt werden können?

FRICKE: Das ist zwar besser geworden, zufrieden stellend läuft es aber noch nicht. Die Überwindung der babylonischen Sprachverwirrung wird weiterhin viel Zeit, Geld und Nerven kosten. Der BME hat mittlerweile eine Prüfsoftware entwickeln lassen, mit der die BMEnet GmbH Kataloge testet und zertifiziert.

CW: Bei der Nutzung von elektronischen Marktplätzen sind Zulieferer wie Einkaufsorganisationen gleichermaßen von der anhaltenden Pleitewelle verunsichert. Ist diese Konsolidierungsphase schon abgeschlossen?

FRICKE: Ich glaube, es werden noch einige Marktplätze verschwinden. Andere, denen das Wasser bis zum Hals steht, springen über ihren Schatten und schließen sich zusammen. Meines Erachtens wird sich der Markt in sechs bis zwölf Monaten bereinigt haben.

CW: Offenbar haben die Marktplätze viel Potenzial an die E-Procurement-Initiativen der großen Konzerne verloren.

FRICKE: Nicht unbedingt, jedenfalls nicht auf dem Markt für wenig strategische Güter. In der Chemiebranche ist es beispielsweise sehr verbreitet, Marktplatzbetreiber als Dienstleister zu nutzen. Andere Unternehmen wollen das lieber selbst steuern und organisieren, vergessen aber, dass sie dabei einiges an Leergeld zahlen müssen. Ich verstehe das nicht, und die Erfahrung zeigt auch, dass viele Unternehmen derartige Projekte abbrechen.

CW: Was halten Sie von den Bemühungen der Softwarehersteller, unter dem Schlagwort Supplier-Relationship-Management neue Lösungen für den Umgang mit Zulieferern anzubieten?

FRICKE: Das ist ein Thema für den strategischen Einkauf. Dabei geht es nicht um die Beschaffung unkritischer C-Teile, sondern um die Pflege langjähriger Beziehungen mit Partnern. Wenn ich einen Zulieferer in eine Supply Chain integriert habe, komme ich da nicht so schnell wieder heraus. Diese Lieferanten muss man richtig managen. Dazu zählen zum Beispiel auch Entwicklungspartnerschaften.

CW: Angesichts leerer Kassen investieren Unternehmen aber zurückhaltender in die medienbruchfreie Organisation von Lieferketten.

FRICKE: Das sehe ich anders. Hier liegt nach wie vor ein großes Potenzial. Die Idee ist uralt - vor 20 Jahren nannten wir das integrierte Materialwirtschaft. Die notwendigen IT-Lösungen stehen heute zur Verfügung. Diese Möglichkeiten nutzt die Industrie auch, insbesondere zur Organisation produktionsnaher Prozesse. Vorreiter sind hier die Automobilhersteller. In der Prozessindustrie herrschen dagegen andere Bedingungen. Dort liegt man im Vergleich bestimmt ein bis zwei Jahre zurück. Der Servicebereich steckt noch ganz in den Startlöchern. Dienstleistungen lassen sich zwar ähnlich gut standardisieren wie Schrauben, aber wer macht das schon! Außer einigen Arbeitskreisen des Fraunhofer-Instituts fällt mir da nicht viel ein.

Wir beobachten zudem einen Trend, die Steuerung von Lieferketten an Logistikdienstleister auszulagern, die somit immer größere Stücke der Supply Chain übernehmen.

CW: Welchen Stellenwert nimmt heute die Organisation der Lieferkette über mehrere Zuliefererebenen ein?

FRICKE: In vielen Fällen ist das gar nicht notwendig. Dafür wurden ja die Systemlieferanten erfunden. Die Fertigungstiefe nimmt in vielen Unternehmen ab. In der Folge binden die Firmen in erster Linie direkte Zulieferer ein. Die haben dann die Verantwortung und kümmern sich um ihre nachgelagerten Lieferanten selbst.

European Content Club

Für elektronische Kataloge gibt es immer noch keine einheitlichen Standards. E-Business-willige Zulieferer müssen ihre Katalogdaten daher in einer ganzen Reihe von verschiedenen Formaten anbieten, Einkaufsorganisationen müssen aufwändige Prüfverfahren aufsetzen. Die deutschen Großunternehmen Bertelsmann, Chemfidence, Deutsche Bahn, Deutsche Post, Deutsche Telekom, EADS und Lufthansa haben sich daher zum European Content Club (ECC) zusammengeschlossen. Sie wollen von ihren Lieferanten nur noch Daten in festgelegten Release-Ständen der Standards UN-SPSC, E-Class, BMEcat sowie ISO-Codes verlangen. Um die bereitgestellten Kataloge zentral verwalten zu können, hat sich der ECC entschlossen, die Errichtung eines "Content Management und Distribution Centers" (CMDC) auszuschreiben. Dadurch soll jedoch kein Mega-Marktplatz entstehen. Der ECC erhebt ausdrücklich keinen Anspruch auf Exklusivität und lädt alle Unternehmen mit relevanten Beschaffungsvolumina ein, der Initiative beizutreten.