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27.08.1982 - 

Nach Programänderung und Wechsel des Auftragnehmers:

Stadtwerke konnten keine Gebühren kassieren

DACHAU - Für die 17 000 Privatkunden der Dachauer Stadtwerke ist die Zeit des kostenlosen Stroms und Warmwassers jetzt wohl vorbei. Mit einer Verzögerung von einem knappen dreiviertel Jahr scheint es der ATS Organisationsberatung GmbH, Dachau, endlich gelungen zu sein, ein funktionierendes DV-Programm für die Stromabrechnung des städtischen Unternehmens auf die Beine zu stellen. Bisher absehbarer Schaden aus der

Programmpleite: mindestens 130 000 Mark.

Dachaus Oberbürgermeister Dr. Lorenz Reitmeier, der Chef der Stadtwerke, Ingo Aigner, sowie die beiden ATS-Gesellschafter Thomas Neumayer und Dr. Anton Seidl äußern sich optimistisch, daß spätestens bis Ende August alle seit Februar ausstehenden Rechnungen zugestellt werden können.

Weniger bis gar nicht auskunftsfreudig zeigen sie sich allerdings bei der Frage nach Gründen für die Verzögerung. Aigner erklärt, für Informationen an die Presse sei allein der OB zuständig, der wiederum spricht lediglich von "Fehlleistungen" der ATS, die aber jetzt behoben worden seien. Seidl betont, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, er sei nur Gesellschafter. Sein Kompagnon Neumayer räumt immerhin ein, daß man den Auftrag der Stadtwerke unterschätzt habe.

Die Schwierigkeiten, die die ATS mit der Programmerstellung hatte, kamen erst Ende Juni durch einen Bericht der "Dachauer Neuesten", einer Regionalausgabe der "Süddeutschen Zeitung", zutage. Im Zuge der weiteren Berichterstattung wurde dann bekannt, daß ATS erst seit März dieses Jahres mit der Dachauer Stromabrechnung betraut war. Jahrelang hatte die Große Kreisstadt, die über keine eigene kommunale DV verfügt, für 7500 Mark monatlich die Dienste des Münchener Rechenzentrums Dr. Braun in Anspruch genommen.

Als Anfang dieses Jahres auf Grund einer Bundesverordnung die Stromrechungen für die Kunden verständlicher gestaltet werden mußten, wurde eine Programmänderung erforderlich. Dafür verlangte das RZ einen Betrag von 50 000 Mark.

Obwohl es keine öffentliche Ausschreibung des Auftrags gab, trat zum gleichen Zeitpunkt eine andere Gesellschaft auf den Plan: die ATS. Sie wollte ebenfalls für 7500 pro Monat die Abrechnung übernehmen, die Kosten für die Programmänderung sollten aber in dieser Summe bereits enthalten sein.

Am 3. März entschied sich der Werksausschuß des Dachauer Stadtrates, das für die Vergabe von Aufträgen städtischer Unternehmen zuständige Gremium, in nichtöffentlicher Sitzung für die kostengünstigere Lösung von ATS.

In einer späteren Stadtratssitzung rechtfertigte OB Reitmeier die Entscheidung nicht nur mit dem besseren, weil billigeren Angebot, sondern auch mit der Tatsache, daß der Auftrag an eine ortsansässige Firma gegangen sei und daß ATS-Gesellschafter Neumayer auf Grund seiner 14jährigen Tätigkeit als EDV-Leiter eines Münchener Fachverlags als besonders qualifiziert gegolten habe.

Auf Anfrage bestätigte Neumayer, der zugleich auch Chef der CSU-Stadtratsfraktion in Dachau ist, gegenüber der COMPUTERWOCHE, daß er im April 1980 zusammen mit seinem Partei- und Stadtratskollegen Seidl, im Hauptberuf Steuerberater, die ATS gegründet habe. Als Geschäftsführer waren die Ehefrauen der beiden Gesellschafter eingetragen, als Firmensitz die, Seidlsche Wohnung. Die monatliche Abrechnung für die Stadtwerke Dachau wollte Neumayer mit Hilfe eines Teilzeitprogrammierers auf einer stundenweise angemieteten NCR H 8555 bearbeiten lassen. (Anmerkung der Redaktion: Auf Befragen teilte NCR mit, daß es eine Anlage dieses Typs nicht gebe. Es müsse sich entweder um eine V 8555 M oder um eine V 8555 II handeln.)

Der Chef der Stadtwerke in Dachau, Aigner, hatte von Anfang an "schwerste Bedenken gegen die Auftragsvergabe" an die, ATS gehabt, da diese den zum Jahreswechsel 1981/82 veranstalteten Probelauf nicht zur Zufriedenheit bestanden hatte. Davon - so erklärte Aigner auf einer Stadtratsitzung zum Thema Stomabrechung Mitte Juli - habe er auch den Werksausschuß und den Oberbürgermeister in Kenntnis gesetzt.

Reitmeier bestätigte diese Darstellung, rechtfertigte aber das für ATS dennoch positive Votum des Werksausschusses damit, daß das "eine Frage des Vertrauens für die Dachauer Firma" gewesen sei.

Inzwischen will man in Dachau die ganze Angelegenheit als vergangen betrachten. Das Abrechnungsprogramm ist, wenn auch unter Zuhilfenahme des alten Programms der Firma Braun, angelaufen. Die Geschäftsführung der ATS hat mittlerweile Neumayer selbst übernommen. "Demnächst", so war von Partner Seidl zu hören, wolle man auch ein eigenes Büro anmieten. Für die Stadt ist laut Reitmeier keinerlei Schaden entstanden, da die beiden Gesellschafter sich in persönlichen Haftungserklärungen verpflichtet haben, über das ATS-Stammkapital von 20 000 Mark hinaus für alle entstandenen Kosten - das sind zur Zeit 130 000 Mark - geradezustehen. Die Stadtwerke hatten nämlich kurzfristig auf dem Kapitalmarkt rund sieben Millionen Mark aufnehmen müssen, um gegenüber dem Stomlieferanten Isar-Amperwerke trotz der nicht einlaufenden Gebühren zahlungskräftig zu bleiben.

An eine Kündigung des Vertrages mit der ATS denkt die Stadt nach Angaben des OB vorerst nicht. Für den Fall, daß das Abrechnungsprogramm weiterhin nicht oder nur unvollständig arbeite, müsse der Werksausschuß neuerlich zusammentreten und eine Entscheidung fällen.