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Problemlose Umstellung des DV-Betriebssystems:

Stadtwerke migrieren von DOS zur MVS Welt

14.04.1989

Die Stadtwerke Wiesbaden AG arbeiten seit 18 Jahren mit dem Betriebssystem DOS/VSE. Erweiterter Kundenstamm und wachsende Datenmengen erforderten den Umstieg auf das leistungsfähigere MVS-Betriebssystem. Den Weg über Inventur, Analyse und automatische Konvertierung, bis zur Mitarbeiterschulung on-the-job verfolgte Manfred Vossen*.

*Manfred Vossen ist freier Journalist in Bielefeld.

Die Datenverarbeitungsabteilung bei den Wiesbadener Stadtwerken (ESWE) vertrat schon seit geraumer Zeit die Meinung, daß wegen der ständig wachsenden Anforderungen der Umstieg auf ein neues Betriebssystem dringend erforderlich sei. Ein wesentlicher Grund hierfür war der begrenzte, adressierbare, virtuelle Speicher von 16 MB, der sich für die großen implementierten Online-Anwendungen zunehmend als Hemmschuh erwies. Der Umstellungswunsch wurde auch dadurch genährt, daß Systemsoftware (Netzwerke oder Betriebssystem), aber zum Beispiel auch Powerdruckerroutinen in den diversen Partitions mehrfach vorgehalten werden mußten. Das zog eine zusätzliche Reduzierung des Adreßraumes nach sich, was zu einer weiteren Belastung der lBM-4381-Anlage führte.

Umstellung mußte rasch und reibungslos ablaufen

Die beschriebene Situation ist im Zusammenhang mit den vielen komplexen Applikationen sowie den anfallenden gewaltigen Datenmengen zu sehen. Auf dem EDV-System wird für ca. 140 000 Kunden mit ihren mehr als 220 000 verschiedenen Strom-, Gas- und Wasserzählern die Abrechnung über den Jahresverbrauch durchgeführt. Daneben besteht das Anwendungspaket "SILKAM". In dieses "System für eine integrierte Leistungs-, Kosten-, Auftrags- und Materialabrechnung" ist die automatische Bestellschreibung für den Einkauf sowie die Finanzbuchhaltung integriert. Hierin werden rund 20 000 Artikel verwaltet. Hinzu kommt das Auftragsabrechnungssystem der Stadtwerke für den Reparatur- und Erneuerungsbetrieb, die Kostenrechnung und die Anlagenbuchhaltung.

Auch ein Betriebsmittelinformationssystem für Strom und Gas ist implementiert. Der gesamte öffentliche Nahverkehr (BUS), das ESWE-eigene Hallenbad und die Hafenverwaltung werden mit den Anwendungen verwaltet. Schließlich existiert noch die Lohn- und Gehaltsabrechnung für die 2000 ESWE-Mitarbeiter. Die Wiesbaden Tours International (WAG), ein Tochterunternehmen der ESWE, bedient sich ebenfalls des Systems.

Angesichts der vielen umfangreichen und zeitlich dringenden Verarbeitungen mußte die Betriebssystemumstellung möglichst schnell und weitestgehend reibungslos ablaufen.

Der Unterschied zu DOS/VSE ist nicht nur rein technischer Natur. MVS/XA bringt auch eine Veränderung der Arbeitsabläufe mit sich und verlangt eine andere Denkweise.

Das IBM-Betriebssystem besitzt ein hohes Maß an Zuverlässigkeit. Durch MVS/XA kann zudem die volle Nutzung eines Zwei-Prozessor-Rechners mit den entsprechenden peripheren Einheiten erreicht werden. Das im ESWE-Rechenzentrum eingesetzte Modell R24 mit seinem 32-MB-Hauptspeicher ist mit einem Doppelprozessor ausgestattet. Rund 200 der in der ganzen Stadt verteilten Terminals hängen im Online-Betrieb an der IBM 4381. Sie haben über Remote- oder DFU-Leitungen Zugriff auf die angeschlossenen Magnetplatten, die gegenwärtig eine Kapazität von 25 GigaByte besitzen. "Unser 4381-Dual-Rechner mit seinem dynamischen Kanalsubsystem erlaubt es nun", erläutert Walter Herrmann, Leiter des Bereichs Datenverarbeitung, "die peripheren Speichereinheiten auslastungsoptimiert zu bedienen. Dies war unter DOS/VSE nicht möglich."

Seit Mitte August 1988 wird die Anlage unter dem neuen Betriebssystem gefahren. Von Anfang an stand für den EDV-Leiter fest: "Die Umstellung von DOS auf MVS mußte zusammen mit einem Softwarehaus abgewickelt werden, parallel zu den laufenden Arbeiten. Es mußte die ununterbrochene, volle Funktionsfähigkeit gewährleistet bleiben." Herr Herrmann entschied sich für die Bielefelder GEDO Unternehmensberatung, und weil das Dienstleistungsunternehmen seine Leistung zu einem kalkulierbaren Festpreis in einem festgelegten Zeitrahmen anbot. Außerdem erfolgte die Konvertierung inhouse bei paralleler Schular g der EDV-Mitarbeiter. Das Umstellungstool erlaubt es, die Programme und Jobs per Simulationen schrittweise in die neue Umgebung zu transferieren, um schließlich mit einem cut-over die Umstellungsarbeit zu beenden.

Zu den ersten Aufgaben zählte die Inventur und die Analyse in einem eigens geschaffenen Pool. Hierbei wurde das Verhältnis zwischen Programmen und Jobs festgestellt. Jener Pool wurde bei ESWE dahingehend erweitert, daß im Zuge der Migration "alte" Cobolprogramme nach COBOL II - gemäß den Konventionen - konvertiert werden konnten.

"Nachdem die Umstellung einiger separater Arbeitsgebiete abgeschlossen war, entschieden wir uns, bestimmte Anwendungen unter den neuen Rahmenbedingungen abzuwickeln - also noch geraume Zeit vor dem cut-over." Erstmalig eingesetzt wurde hierbei das Scheduler-System 'Doros'. "Diese Vorgehensweise, bereits vor der eigentlichen Umstellung Erfahrungen zu sammeln, hat sich als sehr sinnvoll erwiesen", erläutert der EDV-Bereichsleiter. So konnten die ersten praktischen Erfahrungen mit dem MVS-Betriebssystem und seinen Subsystemen an die Stelle der theoretischen Erkenntnisse treten. "Diese ersten Gehversuche zahlten sich später beim Volleinsatz des Systems aus. Möglich wurde dies aber nur deshalb", betonte Herr Herrmann, "weil mit Hilfe der Migrationssoftware eine schnelle Teilumstellung realisierbar war."

Weiterbildung on-the-job erwies sich als ein Vorteil

ln die MVS-Welt wurden bei ESWE alle Assembler-Programme, die Batch- und die übrigen Dialogprogramme konvertiert. Und wie schon erwähnt, wurden auch die Cobol-I-Programme auf Cobol II umgestellt. Ebenfalls über einen Konverter wurden die vorhandenen Job-ControlI-Karten beziehungsweise Anweisungen in MVS-fähige Jobs übertragen. Die Einbindung dieser JCL-Karten in ein Scheduler-System war freilich die Aufgabe der AV-Mannschaft von ESWE. Aufgrund der individuellen Anforderungskriterien konnte die Vernetzung der Jobs nicht automatisch von einem Konverter durchgeführt werden.

Daß bei der Betriebssystemumstellung ein erhöhter Arbeitsaufwand anfiel, war keine Überraschung. Das Tool Al-Mig hat, wie jedes andere Produkt dieser Art, seine objektiven Grenzen. "Das Problem war", erinnert sich Herrmann, "daß neben den

Anforderungen, welche die Umstellung mit sich brachte, auch weiterhin die üblichen Arbeiten zu erledigen waren."

Parallel zur Konvertierung wurden interne Schulungen durchgeführt. Die Weiterbildungsmaßnahmen erstreckten sich auf die Mitarbeiter aus der Arbeitsvorbereitung, aus dem Operating, aus der Organisation und aus der Programmierung. Jene hausinterne Schulung war ein wichtiges Kriterium bei ESWE. Manpower konnte nicht in beliebigem Ausmaß abgezogen werden; zudem ließen sich durch das Inhousetraining auch Kosten für externe Schulungen einsparen. "Die innerbetriebliche Wissensvermittlung gab uns die Sicherheit, bei irgendwelchen Problemen im Anwendungsbereich sofort auf alle Mitarbeiter zurückgreifen zu können", führt Herr Herrmann ins Feld.

Natürlich hat es sich auch in anderer Hinsicht als Vorteil erwiesen, die Weiterbildung on-the-Job ablaufen zu lassen. Eben Erlerntes konnte unmittelbar in die Praxis umgesetzt werden. Denn nur durch die gemeinsame organisatorische Zusammenarbeit zwischen Betriebssystemumsteller und RZ-Personal bot sich in der Schulung die Möglichkeit, ESWE-spezifische Anwendungsgebiete mit den neuen Anforderungen durch MVS thematisch zu verknüpfen.

Den Umstellungszeitraum hatte man auf neun Monate festgesetzt. Kurz vor Abschluß war ein cut-over-Test geplant. Dieser Test konnte bei ESWE auf die Netze beschränkt werden, da die Anwendungen bereits ausreichend in Simulationen überprüft worden waren.

Mußte also mit keinerlei Problemen während der Umstellung gekämpft werden? "Natürlich gab es die eine oder andere Schwierigkeit, denn es handelt sich um eine außerordentlich komplizierte Materie", gibt der EDV-Leiter zu. "Aber", ergänzt er, "fast alle Fehler wurden bereits in der frühen Phase der Umstellung erkannt und eliminiert." Für diese Aussage spricht, daß dies Systemumstellung tatsächlich innerhalb des versprochenen Zeitrahmens erfolgte. Dies stellte enorme Anforderungen an alle Beteiligter des Projektes.

Vor der Umstellung war die Anlage voll ausgelastet. Eine Aufstockung war notwendig, um die Umstellung durchführen zu können. Zum Zeitpunkt der Umstellungsphase war das System mit den Betriebssystemen VM/XA, VM/SP, DOS/VSE und MVS/XA belastet.

Trotzdem spürten die Sachbearbeiter an den Terminals kaum die Umstellung. Die verschiedenen Abteilungen der Stadtwerke Wiesbaden mußten ab und zu lediglich mit etwas längeren Antwortzeiten leben.

Nach dem Herausnehmen der nicht mehr notwendigen Betriebssysteme VM/XA, VM/SP und DOS/ VSE hat sich die Performance wesentlich verbessert und die Anlage ist wieder für die Zukunft belastbar.

Trotz Skepsis gab es keine Überraschungen

Der cut-over erfolgte bei den Stadtwerken an einem Wochenende durch das Umladen der Datenbanken und aller Dateien auf das neue System. Es gab trotz mancher Skepsis keine Überraschungen, da schon im Vorfeld ausreichende Testphasen durchgeführt worden waren. Der Online-Betrieb wurde dann am folgenden Montag aufgenommen.

Was hat die Umstellung den Wiesbadener Stadtwerken, neben den schon erwähnten Leistungsaspekten, gebracht? Zunächst einmal Kostenvorteile hinsichtlich der Speicherperipherie und der Lizenzgebühren für MVS selbst; darüber hinaus natürlich weitere Leistungsvorteile.

Aufgrund von MVS/XA konnte ESWE mm die neuen, preisgünstigen Speichereinheiten und Subsysteme vom Typ 3380 und 3480 einsetzen. Die 3380-Speicher hatte man schon während der Umstellungsphase eingesetzt. In der normalen Arbeitszeit konnten so Parallelläufe vorgenommen werden, um die Applikationsabwicklung in DOS im Verhältnis zu MVS direkt vergleichen zu können.

Ein finanzieller Vorteil ergab sich daraus, daß die DOS/VSE-Lizenzgebühr nicht parallel zur MVS-Gebühr bezahlt werden mußte. Wegen der recht kurzen Umstellungsphase konnte die neunmonatige kostenlose Bereitstellung des MVS-Betriebssystems in diesem Zeitraum sogar noch aktiv genutzt werden.

Im Hinblick auf die jetzige Kapazitätsauslastung hat MVS der ESWE jedenfalls einiges gebracht. "Zur Zeit fahren wir die Anlage mit einer mittleren Belastung. Ich bin überzeugt, daß wir mit der momentanen Hardwarekonfiguration und dem neuen Betriebssystem eine längere Zeit auskommen werden", bilanziert Herrmann. Bei den Stadtwerken fühlt man sich in der glücklichen Lage, das MVS-Betriebssystem native fahren zu können.

Welchen Rat würde der EDV-Leiter seinen Kollegen geben, die ebenfalls mit der Umstellung auf MVS liebäugeln? "Es ist erst einmal entscheidend, das betriebliche Management von der Umstellung zu überzeugen. Die Umstellung sollte vollzogen werden, wenn dies noch auf der Produktionsmaschine möglich ist. Es ist auch wichtig, daß die Umstellungskosten als fixe Beträge erscheinen. Das macht die Angelegenheit während der Übergangsphase kalkulierbarer und überzeugt die Geschäftsführung. Wenn man dann noch nachweisen kann, daß mit MVS ein Schritt in die Zukunft getan wird, weil das Betriebssystem nach oben hin keine Leistungsbeschränkungen besitzt, dann ist die Entscheidung zumeist gefallen."

Als wichtig erachtet er aber auch, daß ein spezialisiertes Unternehmen die Projektleitung für die Umstellung übernimmt und sein Know-how einbringt. Herrmann: "Das Rad muß nicht zweimal erfunden werden. Eigenentwicklungen machen die Umstellung nicht billiger, sondern verlängern den Zeitablauf erheblich. Unter dem Strich kommt das teurer, denn solche Projekte stecken voller Tücken."