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13.03.1992 - 

SQL-Standards: Hersteller öffnen sich dem Wettbewerb

Standardisierung macht Datenbankprodukte und -Tools austauschbar

Am Datenbankmarkt zeichnet sich eine erstaunliche Entwicklung ab. Proprietäre Schnittstellen und Features galten bisher als Probates Mittel, Kunden auf Dauer an den Datenbankhersteller zu binden. Eine ähnliche Aufgabe erfüllten die so praktischen Entwicklungswerkzeuge der vierten Generation (4GL). Damit ist es bald vorbei. Noch in diesem Jahr wird das Normierungsgremium ANSI einen Standard für die Datenbank-Abfragesprache SQL verabschieden, der den Gebrauch herstellerspezischer Befehle überflüssig machen soll. Entgegen landläufiger Erwartungen haben sich die Hersteller keineswegs gegen diesen Standardisierungsprozeß gewehrt. Im Gegenteil: Da ihnen die ANSI-Bemühungen nicht weit genug gingen, gründeten sie mit der SQL Access Group eine Vereinigung, die sowohl die Datenbanken als auch die Entwicklungswerkzeuge der verschiedenen Hersteller austauschbar machen soll. Welche Pläne verfolgen Oracle, Informix, Sybase und Co., wenn sie ihre Produkte für die Anwender und damit auch für Konkurrenz öffnen?

Wenn die Hersteller halten, was sie in Sachen SQL-Standardisierung versprochen haben, dann stehen den Datenbankanwendern rosige Zeiten ins Haus. Der erweiterte ANSI-Standard wird nach Aussage von Ulrich Riepl, Chairman der X/Open Database Management Group, fast alle Anforderungen der kommerziellen Anwendungsentwicklung erfüllen. Auch Jochen Frickel, Vorsitzender der Deutschen Oracle Anwender Gruppe e.V. (DOAG), sieht in dem SQL-2-Standard einen Schritt in die richtige Richtung: "Der bisherige Sprachumfang hat einfach nicht ausgereicht."

Frickel interessiert sich nicht nur als DOAG-Vorsitzender, sondern auch in seiner Funktion als Gruppenleiter Standard-Anwendungssoftware bei der Hoechst AG I + K Software für den SQL-2-Standard. Wie viele andere Unternehmen arbeitet auch Hoechst mit mehr als nur einem Datenbanksystem. Um die Portabilität der Anwendungen zu gewährleisten, sind die Entwickler gehalten, nur solche Statements zu benutzen, die von allen verwendeten Systemen in gleicher Weise akzeptiert werden. Eine Erweiterung eines solcherart eingeschränkten Sprachumfangs ist dem Manager daher ausgesprochen willkommen.

Darüber hinaus wünscht sich Frickel die Möglichkeit, mit Abfragen und Anwendungen frei in heterogenen Umgebungen operieren zu können. Diese Hoffnung teilt er mit Jochen Karl, DV-Leiter des Deutschen Patentamts in München, der gerne mit den in der Oracle-4GL "SQL-Forms" entwickelten Applikationen auf die ebenfalls eingesetzte Informix-Datenbank zugreifen möchte.

Zur Realisierung solcher Ziele ist die SQL Access Group angetreten. Ihre Gründung wird immer wieder als Beleg dafür angeführt, wie ernst die Hersteller das Thema Standardisierung nehmen. Mitglieder sind unter anderem Microsoft, DEC, Apple, Sun, Ashton-Tate, Lotus, Oracle, Informix, Sybase, die Darmstädter Software AG und - als einziges Anwenderunternehmen - die amerikanische Du Pont Company. Insgesamt repräsentieren die SQL-Access-Group-Mitglieder nach eigenen Angaben rund 70 Prozent des Marktes für relationale Datenbanksysteme.

In diesem Rahmen, arbeiten die Hersteller an Standards für die Programmierschnittstelle sowie für Remote-SQL-Anfragen in heterogenen Datenbanksystemen. Die Aktivitäten zielen darauf, daß zum Beispiel Sybase-Front-ends oder Informix-4GLs auf Oracle-Back-ends zugreifen können. Auch beliebige andere Konstellationen sind denkbar.

Mit diesen Zielen ergänzt die Organisation die Standardisierungsbestrebungen des ANSI-Gremiums (siehe Kasten). Gegründet wurde die SQL Access Group nach Informationen von Georg Pöll, Marketing-Manager der Informix GmbH, maßgeblich auf Betreiben des Informix-Gründers Roger Sippl, der auch im X/Open-Board der Independent Software Vendors sitzt.

Die Tatsache, daß die Datenbankhersteller an einem SQL- Standard arbeiten, hindert sie jedoch nicht daran, auch weiterhin nützliche, aber nichtsdestotrotz proprietäre Erweiterungen in ihre Produkte einzufahren. So gehört Informix zu den Firmen, die nach Ansicht von Unternehmensberater und Datenbankspezialist Dieter Jenz ihre Datenbanken mit einer Reihe von Zusätzen wie Trigger ausrüsten, die dazu geeignet sind, die Anwender vom ANSI-Standard wegzulocken. Er bezeichnet dieses Vorgehen als Doppelstrategie. Informix sei mit dieser Vorgehensweise jedoch keineswegs eine Ausnahme.

Für Irritationen sorgen aber nicht nur die proprietären Zusätze, sondern auch die voneinander abweichenden Standardisierungsstrategien der Datenbankhersteller. So bekennen sich Unternehmen wie Sybase und Oracle nicht nur zu ANSI und der SQL Access Group, sondern darüber hinaus auch zur Distributed Relational Database Architecture (DRDA) für verteilte Datenverarbeitung von der IBM.

Dieser Vorschlag beruht zwar auf SQL - schließlich stammt die Datenbank-Abfragesprache von der IBM -, wurde jedoch für das auf proprietäre Mainframe-Anwender ausgerichtete Information-Warehouse-Konzept der Armonker für verteilte Datenverarbeitung entwickelt. Der Branchenriese ist kein Mitglied der SQL Access Group und hat daher sein DRDA als Standardisierungsvorschlag im Remote-Data-Access-Gremium (RDA) von ANSI eingebracht. Die Bekenntnisse einiger Datenbankhersteller zu dem IBM-Vorschlag ließen nicht lange auf sich warten.

Frank-T. Wolniak, Direktor Operations Germany von Sybase, nennt freimütig die Gründe für das Einschwenken auf den neuen Kurs: "Wenn IBM einen Vorschlag einreicht, das zeigt die Erfahrung, dann wird er über kurz oder lang auch Standard." Außerdem sei Big Blue durch den Erfolg mit dem Unix-Rechner RS/6000 nach Sun Microsystems zum zweitgrößten Kunden seines Unternehmens geworden.

Die derzeit schwer abzuschätzenden Folgen der IBM-Initiative sowie das aus Anwendersicht nicht unbedingt logische Streben nach einem SQL-Standard sind für die meisten der befragten Branchenkenner kein Anlaß, an der Ernsthaftigkeit der SQL-Standardisierung zu zweifeln.

Eine Ausnahme stellt hier Unternehmenberater Jenz dar.

"Wenn ich Hersteller wäre, dann hätte ich kein Interesse an verbindlichen und für die Software-Entwicklung umfassenden SQL-Standards", sinniert der Datenbankspezialist. Für den Fachmann, der in regelmäßigen Abständen Vergleichsstudien zu relationalen Datenbanksystemen herausgibt, ist es eine abgemachte Sache daß die Anbieter ihre Kunden mit durchaus nützlichen, aber proprietären Zusätzen von ihrem Produkt abhängig machen wollen.

"Wenn der Kunde die proprietären Features nutzt, dann wird kein Hersteller darüber böse sein", meint auch Fritz Häussermann, Leiter Systemplanung und OLTP bei der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI). Allerdings sind für ihn die proprietären Zusätze kein Grund, an der Aufrichtigkeit der Anbieter, zu denen auch SNI gehört, zu zweifeln. Es sei eine Frage der Einstellung der Anwender, ob sie Standards einsetzten oder nicht.

Für den Hersteller sei klar, so Häussermann, daß er Produkte anbieten müsse, die dem Kunden die Wahl zwischen ANSI-SQL oder Nicht-ANSI-SQL ließen. Diese Wahlfreiheit sieht der SNI-Mitarbeiter als gegeben an. Sesam-SQL und Informix seien nur zwei Beispiele für Datenbanken, die - auf Wunsch - Statements monierten, die nicht dem ISO/ANSI-Standard entsprächen.

Obwohl sich kaum Argumente für einen grundsätzlichen Zweifel am Standardisierungswillen der Anbieter finden lassen, bleibt eine entscheidende Frage offen: Was erwarten sich die Hersteller von offenen SQL-Standards? Solange die Motive im dunklen liegen, müssen die Anwender dahinter versteckte "Lock-in"-Strategien vermuten.

Die Hersteller rücken als Grund für ihr Standardisierungsengagement die Befriedigung der Anwenderinteressen und ihre Bekenntnisse zu offenen Systemen in den Vordergrund. Zwar ist der wachsende Einfluß der Anwender kaum zu leugnen, Marktbeobachter vermuten jedoch noch weitergehende Ambitionen bei den Herstellern.

Darüber hinaus geben die Datenbankanbieter unumwunden zu, daß sie den Mitbewerbern Marktanteile abnehmen wollen. Diese Möglichkeit ergibt sich aus der angestrebten Integrierbarkeit der Datenbankprodukte. Auch am bisher eher herstellergebundenen 4GL-Markt werden die Datenbankanbieter künftig miteinander konkurrieren.

Konkret betroffen von dieser Entwicklung ist zum Beispiel Hans Keutgen, Leiter Produktbereich Software-Tools bei der Debis-Tochter GEI. Der GEI-Manager: "Für uns bedeuten die Standards der SQL Access Group, daß die bisher proprietären 4GL-Produkte der Datenbankhersteller zumindest innerhalb der SQL-Welt demnächst genauso portabel sind wie unsere 4GL Uniface." Bis dahin gingen jedoch noch einige Jahre ins Land, die die Uniface-Entwickler zu nutzen wüßten.

Für die Datenbankanbieter zeichnen sich hier neue Märkte ab. Der Preis ist jedoch hoch: Der heute noch durch proprietäre Features an das Datenbankprodukt gebundene Anwenderstamm kann bald auch zu den Produkten der Konkurrenz greifen. Das einheitliche SQL zwingt die Hersteller zu einem Wettbewerb auf der Ebene der Features und Leistungen des jeweiligen Systems. Bisher suchen sich die Anwender das Produkt nicht selten danach aus, mit welchem Hersteller es sich lohnt, eine "dauerhafte strategisch Partnerschaft" einzugehen.

Franz Niedermaier, Geschäftsführer der deutschen Oracle GmbH, kommentiert dieser Entwicklung im Sil eines routinierten Marketiers: "Die Herausforderung müssen wir annehmen; sie wird unsere Entwickler anspornen." Auf die Frage nach den Motiven für die Öffnung der seiner Produkte weicht der Oracle-Geschäftsführer mit allgemeinen Hinweisen auf die Open-Systems-Strategie seines Unternehmens aus.

Deutlicher wird GEI-Manager Keutgen, der vermutet, daß die Erstellung von Standards um die SQL-Abfragesprache möglicherweise die Basis für neue Produkte abgeben könnte, die dann wiederum nichts mehr mit Standards zu tun hätten. Konkret handele es sich dabei wohl, so Keutgen, um Techniken für verteilte heterogene Umgebungen und Netze.

Auch Helmut Gümbel, Analyst und Technischer Direktor Software Management Strategies der Gartner Group, München, fällt auf, daß sich sie SQL Access Group vor allem um Standards für den Bereich verteilter Umgebungen bemüht. Dort, so schließt er, suchen die Anbieter neue Perspektiven, nachdem das Datenbankgeschäft derzeit nur mäßig läuft.

Dabei verfolgen die einzelnen Anbieter nach Gümbels Informationen durchaus unterschiedliche Ziele. So setze die Software AG auf das Geschäft mit Entwicklungswerkzeugen, während sich Oracle im Bereich Applikationen engagieren möchte. Ingres dagegen baue darauf, seine Tools über OEMs zu vermerkten. Als Beispiel nennt er die Digital Equipment Corp. und deren rdb-Datenbank-Produkt.

Eine Rückfrage bei Sybase scheint zu bestätigen, daß die Datenbankanbieter auf dem Weg zu neuen Ufern sind. Sybase-Chef Wolniak: "Wir verstehen uns schon längst nicht mehr als reiner DB-Hersteller. Unsere Zukunft liegt im Geschäft mit Client-Server-Umgebungen für das Downsizing." Sein Unternehmen mache nur noch etwa 51 Prozent des Umsatzes mit dem Datenbank-Server. Der Tool-Bereich sei dagegen in den letzten eineinhalb Jahren von Null auf eine Umsatzanteil von 17 Prozent geschnellt.

Ganz anders wird die Marksituation bei Oracle und Informix eingeschätzt. Von einem Abflauen des Geschäfts im klassischen Datenbankbereich wollen beide Unternehmen nichts wissen. Oracle-Geschäftsführer Niedermaier verweist darauf, daß angesichts des anhaltenden Unix-Booms genug Potential für Marktwachstum gegeben sei.

Auch SNI-Manager Häussermann will sich nicht der Deutung anschließen, daß die Datenbankanbieter die derzeitige SQL-Standardisierung für die Einführung gänzlich neuer Techniken benutzen. Sie bedeute schließlich nicht, daß dadurch die Produkte der verschieden Hersteller identisch würden. Die Anbieter müßten künftig mehr über die Leistungen konkurrieren, die nicht an den SQL-Schnittstellen sichtbar werden, wie Verfügbarkeit und Performance. Vermarktbare Techniken für verteilte Datenbankumgebungen erwartet er bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrzehnts nicht. Marktbeobachter Gümbel macht äußere Zwänge für das Engagement der Datenbankanbieter für Standards verantwortlich. Neben den Anwendern drängten vor allem die Entwickler von Anwendungen auf Standards. Der Erfolg vor allem von Standardsoftware hänge wesentlich von ihrer Fähigkeit ab, mit den verschiedenen Datenbankprodukten kommunizieren zu können.

Als Beispiel nennt er die R/3-Standardsoftware der SAP. Das neue Produkt sei für Zusammenarbeit mit relationalen Datenbanksystemen konzipiert worden, wobei heute Oracle der Partner der Wahl sei. Eine standardisierte SQL-Schnittstelle würde es dem Walldorfer Softwarehaus jedoch wesentlich erleichtern, R/3 auch für andere Datenbanksysteme anzubieten.

Auch die Hardwarehersteller erinnert SNI-Manager und X/Open-Fachmann Riepl, hätten generell ein großes Interesse an portierbarer Software. "Nicht wenige Kunden", so Riepl, "wählen die Rechner danach aus, ob ihr Datenbanksystem darauf läuft."