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19.06.1987 - 

Individuallösungen halten wirtschaftlicher Betrachtung oft nicht Stand, aber:

Standardprodukte sind nicht populär genug

Immer noch erstellen viele Anwender den Großteil ihrer benötigten Software-Lösungen in Eigenproduktion. Unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet, hat diese Vorgehensweise allerdings eine Reihe von Fußangeln. Als Alternative bietet sich der Einsatz von Standardprodukten an, doch wird diese Möglichkeit in bundesdeutschen Unternehmen noch nicht ausreichend genutzt. Ein Mittelweg wäre für Heinz Streicher die Entscheidung für "SW-Maßkonfektion".

Die Entwicklungen am Softwaremarkt zu verstehen und - bezüglich zukünftiger Strategien - zu deuten, wurde immer wieder durch fehlende quantitative Strukturdaten erschwert. Aber selbst dann, wenn Zahlen vorhanden waren, führten die Interpretationen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Bereits die Frage, was eigentlich alles zum Softwaremarkt gehört, bleibt umstritten:

- Ist die - von Anhang des DV-Zeitalters an - sehr hohe Eigenentwicklung der Computeranwender ein Bestandteil des Marktes?

- Wie mißt man den Wert der dort entstandenen Software?

Standardsoftware deckt ein Drittel des Bedarfs

Nach Berechnungen des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. (VDMA), die sich auf repräsentative Befragungen stützen, wird zur Zeit im Jahr für rund 3,8 Milliarden Mark Software von den Anwendern, das heißt den Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sowie den Behörden und anderen Institutionen selbst entwickelt. Etwa für den gleichen Wert produzieren Software- und Beratungsunternehmen, Systemhäuser und Programmierbüros, aber auch Hardware-Lieferanten maßgeschneiderte Softwaresysteme für Anwender. Das letzte Drittel des jährlichen Softwarebedarfs wird durch Standardsoftware-Käufe am Markt gedeckt (siehe Abbildung 1).

Eine oberflächliche Interpretation könnte aus der Tatsache, daß der Anteil der Standardsoftware in den letzten zehn Jahren von weniger als einem Viertel auf mehr als ein Drittel gestiegen ist, falsche Schlüsse für die Datenverarbeitung eines Unternehmens ziehen. Bei näherem Hinsehen stellt man nämlich fest, daß sich der Eigenentwicklungsanteil bei den großen DV-Anwendern in der letzten Dekade gesenkt hat.

Untersuchungen der Infratest Kommunikationsforschung GmbH, München, zeigen, daß der relative Eigenentwicklungsanteil nur deswegen zurückgeht, weil sich die Zahl der Computeranwender enorm durch Benutzer kleiner und sehr kleiner Rechner, zum Beispiel Personal-Computer, erhöht hat. Da jedoch diese Anwender aus fachlichen und wirtschaftlichen Gründen so gut wie keine Eigenentwicklung betreiben, sind sie zu nahezu 100 Prozent Standardsoftware-Käufer.

So erklärt es sich, daß im Gesamtmarkt 1985 die neu eingesetzte Anwendungssoftware zur Hälfte aus Standardsoftware bestand, während der entsprechende Anteil 1975 erst 16 Prozent betrug. Betrachtet man 1985 nur die Angaben von Anwendern mit großen DV-Anlagen, so ist die Relation in den zehn Jahren praktisch unverändert.

Der zwar absolut gestiegene, aber relativ noch immer bescheidene Einsatz von Standard-Anwendungssoftware bei den großen DV-Anwendern ist um so verwunderlicher, als die Kapazitätsprobleme in den DV-Abteilungen nach wie vor bedrohlich sind. Nach Repräsentativbefragungen bei großen DV-Anwendern entfallen zur Zeit auf die Neuentwicklung von Software nur rund 30 Prozent der internen Entwicklungskapazität. Den höchsten Bedarf weist immer noch die Wartung vorhandener Programme (33 Prozent) auf, und weitere 20 Prozent der Kapazität werden für die Umstellung von Anwenderprogrammen (zum Beispiel auf neue Betriebssysteme) gebraucht. Damit bleiben für die Neueinführung von Standard-Anwendungsprogrammen nur 12 Prozent übrig, da auch noch 5 Prozent für "sonstige" Tätigkeiten beansprucht werden (siehe Abbildung 2).

Der Anteil der Softwarekosten an den Gesamtausgaben für die Informationsverarbeitung wird auch in Zukunft zu Lasten des Hardware-Anteils steigen. Die Gründe hierfür liegen nicht nur im raschen Rückgang der Hardware-Preise und in der Steigerung des Preis/Leistungs-Verhältnisses der Geräte und Systeme. Entscheidend ist vielmehr auch das Steigen der spezifischen Kosten für den Produktionsfaktor "Personal", der immer noch die SW-Kosten prägt.

Unabhängig davon, ob die Software auch weiterhin überwiegend in Eigenentwicklung bei den Anwendern entsteht, im Auftrage von Software- und Beratungsunternehmen erstellt wird oder als Standard-Pakete für den Markt vorfabriziert wird, bleibt die Forderung nach dem Einsatz eines modernen Software-Engineering immer gültig.

Das Ziel dieses vieldiskutierten Software-Engineering ist einerseits die Steigerung der Arbeitsproduktivität der Software-Entwickler und andererseits die Sicherstellung einer definierten Qualität unter Einhaltung geplanter Termine und Kosten. Die Grundprinzipien einer solchen Vorgehensweise lassen sich folgendermaßen beschreiben:

- Definition der Anforderungen an das zu schaffende Produkt, abgeleitet von den Anwenderbedürfnissen;

- Einsatz spezieller Methoden und Verfahren für Entwurf und Konstruktion unter Berücksichtigung von aktuellen Normen und Standards beziehungsweise Verwendung geeigneter Werkzeuge;

- Sicherstellung der definierten Qualität durch Einsatz geeigneter

Methoden zur Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle;

- Bereitstellung einer vollständigen und verständlichen Dokumentation aller Teilsysteme und deren Verbindungen, um eine spätere Produktwartung und -pflege durch Dritte zu gewährleisten;

- Einsatz verbindlicher Organisations- und Managementregeln für die Vorbereitung und Durchführung des Projekts sowie der Tests, der Dokumentation und der Übergabe des Produktes.

Methoden und Werkzeuge miteinander verknüpfen

Seit Anfang der Achtziger Jahre hat sich der technische Fortschritt in der Software-Erstellung in Form umfangreicher SW-Entwicklungsumgebungen niedergeschlagen. Dabei trat immer stärker die Erkenntnis in den Vordergrund, daß die Methoden und Werkzeuge als integrierte Systeme miteinander verknüpft und aufeinander abgestimmt sein müssen.

Verbunden damit war die zunehmende Nutzung der Datenverarbeitung zur informationstechnischen Unterstützung der Methoden und Werkzeuge. Software-Entwicklungsumgebungen und -systeme, die diesen Ansprüchen gerecht werden, werden heute von Software- und Hardware-Unternehmen eingesetzt und auch am Markt angeboten.

Es geht bei diesem Thema zwar vordergründig um technische Fragen, die Triebfeder ist aber eindeutig wirtschaftlicher Natur. Wenn es nicht gelingt, bald die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen und die psychologischen Widerstände abzubauen, um Anwender-Software wirklich systematisch wie andere industrielle Produkte zu produzieren, dann dürfte es eines Tages Probleme geben: All die hervorragend ausgebildeten und teuren Software-Professionals in den DV-Abteilungen werden von der Software-Neuentwicklung abgezogen sein und sich damit beschäftigen, bestehende Software über die nächste Betriebssystem-Umstellung zu retten oder an neue Bedingungen anzupassen.

Neben der rationellen Erstellung von individueller Software mit Hilfe der Methoden und Tools, die das Software-Engineering ausmachen, gibt es einen zweiten Weg aus der anhaltenden Softwarekrise: den verstärkten Einsatz von Standard-Software-Paketen, also vorfabrizierten Konfektionslösungen. Trotz beeindruckender Vorzüge der Standard-Software wird weiterhin in großem Umfang individuelle Software erstellt, nicht nur dann, wenn es um einmalige und sehr spezielle Anwendungen geht. Es stellt sich also die Frage, welche Vorbehalte noch bestehen und was bei der Produktion oder beim Einsatz von Standard-Software noch falsch gemacht wird.

Die praktischen Erfahrungen mit dem Einsatz von Standard-Software und vor allem dem dabei häufig auftretenden beträchtlichen Anpassungsaufwand führen zu der Überlegung, ob es nicht einen dritten Weg zwischen Selbermachen und Von-der-Stange-Kaufen gibt, eine Art "Maßkonfektion" also. Auf der Basis moderner Software-Technologie erstellte Programme könnten solche individualisierten Lösungen geschaffen werden, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

- Ingenieurmäßig erstellte, klar dokumentierte, in einzelne Module gegliederte Programmsysteme;

- Möglichkeit für den Anwender, aus verschiedenen Modulen auszuwählen und diese dann variabel zusammenzufügen, um damit seine individuelle Problemstellung besser zu lösen;

- durch Parameter-Eingaben variable, Steuerbare Systemangaben, zum Beispiel Listen aller Art, Bildschirmabfragen und Bildschirmauskünfte;

- klar definierte Systemausgänge/ Schnittstellen, an die der Anwender eigene oder zusätzliche Programme ankoppeln kann, ohne die Stabilität der Standardprogramme und die Wartungsverpflichtung des Anbieters zu gefährden.

Ein weiterer Aspekt muß schließlich genannt werden, wenn es darum geht, einen langfristig gangbaren Weg aus dem Software-Problem zu finden: In den letzten Jahren haben sich die Informations- und Kommunikations-Techniken in den Anwender- beziehungsweise Nutzer-Abteilungen seßhaft gemacht. Nun gilt es, dafür zu sorgen, daß die unternehmerischen Aspekte dieser Techniken stärker Berücksichtigung finden. Dazu müssen zum Beispiel Fragen nach der Wirkung der Informationstechnik auf den Wettbewerb, auf das Konkurrenzverhalten beantwortet werden. Die Frage nach ihrer Bedeutung für die Unternehmensstrategie harrt ebenso einer Antwort wie die nach der Zuständigkeit in der unternehmerischen Struktur. Informations- und Kommunikationssysteme müssen in die unternehmensweite Rahmenplanung eingebaut werden und sind in dieser Beziehung als Zukunftsinvestitionen zu betrachten.

Eine neue betriebswirtschaftliche Dimension hat die Informations- und Kommunikationstechnik vor allem dadurch gewonnen, daß heute nicht mehr die gezielte technische Unterstützung einzelner betrieblicher Funktionen - wie zum Beispiel das Personalwesen, die Lagerwirtschaft, das Prozeßaggregat - im Vordergrund steht, sondern die Verknüpfung der isolierten Systeme, die Integration der Funktionen.

Die Informations- und Kommunikationstechnik wird dadurch zum kritischen Erfolgsfaktor für das Unternehmen. Zum einen ist die Meßlatte für den Nutzen immer seltener die Rationalisierung im engeren Sinne; es geht vielmehr um die Erhöhung der Flexibilität, der Reaktionsfähigkeit, die Überwindung der automationsbedingten Starrheit mit Hilfe der Automation. Zum anderen läßt sich die Nutzenanalyse nicht mehr isoliert auf eine Funktion beschränken, sondern muß unter Berücksichtigung der diversen Teilsysteme im Sinne eines Gesamtoptimums durchgeführt werden. Damit wird die Zurechnung von informationstechnischen Kosten zu bestimmten Anwendungen immer schwieriger.

Außerdem überschreiten informations- und kommunikationstechnische Installationen zunehmend die Grenzen der klassischen Vorstandsressorts. Die Zuständigkeit und Verantwortung läßt sich immer schwieriger lokalisieren, wobei gleichzeitig die Komplexität der Entscheidungen und die Höhe der Investitionen zunehmen. Dadurch wird auch die Gefahr eingedämmt, daß die Entscheidung für den Einsatz von Informationstechnik vorrangig unter dem Aspekt "Was ist möglich?" und nicht "Was ist sinnvoll und nötig?" fällt.

Schließlich wird das Unternehmen immer stärker vom ungestörten Funktionieren der Informations- und Kommunikationstechnik abhängig. Das "Zurückschalten" auf Handbetrieb ist nicht mehr möglich. Höhere Sicherheitsrisiken entstehen auch durch die stärkere Verteilung der Geräte und damit der Zugriffsmöglichkeiten. Die Gefahr der fahrlässigen oder vorsätzlichen Eingriffe und Störungen steigt.

Die Lösung der Probleme besteht in einer neuen betriebswirtschaftlichen, das heißt struktur- und führungsorganisatorischen Denkweise, die der veränderten Struktur der Unternehmen entspricht. Was die Unternehmen brauchen, sind neue Methoden der Nutzungsmessung, sind neue Formen der Investitionsentscheidung, ist mehr Projektmanagement anstatt Linienentscheidungen, sind Sicherheitskonzepte als automatischer Bestandteil einer Investitionsentscheidung, ist die Bewältigung des Informationsmanagements, ist - kurz gesagt - eine Aktualisierung der Betriebswirtschaftslehre.