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02.06.2000 - 

Versorgungswirtschaft/Web-Fähigkeit und auf Kooperation angelegte Funktionen im Trend

Standardsoftware als entscheidender Wettbewerbsvorteil für Energiedienstleister

Die IT-Landschaften des Energiemarktes müssen, angestoßen von der Liberalisierung dieses gewaltigen Sektors, umgestaltet werden. Neueste IT-Technologie soll helfen, Wettbewerbsvorsprünge zu erhalten beziehungsweise wieder zu erreichen. Auch hier stellt sich erneut die uralte Frage: Standardsoftware oder Individualsoftware? Jens Ehrhardt* plädiert für "unternehmensweite Anwendungen" als aktuelles Äquivalent zum herkömmlichen Begriff Standardsoftware.

Unbeeinflusst von Veränderungen sind ausschließlich Begriffs- und Sachdefinitionen, die sich auf einem genügend hohen Abstraktionsniveau befinden. Dagegen entwachsen Gegenstände, die einen Evolutionsprozess durchlaufen, oftmals ihren angestammten Kategorien. Neue Begriffsbestimmungen sind die Folge. So auch im Falle der vor allem seit Anfang des Jahres wieder aufgeflammten Diskussion "Standard- versus Individualsoftware" (vgl. CW Nr. 8, Seite 28; CW Nr. 14, Seite 24). Diese Diskussion ist nicht nur für sich genommen von Interesse, sondern vor allem auch angesichts des großen IT-Nachholbedarfs von kommunalen Energieversorgungsunternehmen von Bedeutung, die im regulierten Energiemarkt wenig Erfahrung mit unternehmensweiten IT-Projekten und den damit verbundenen Fragen der Neuorganisation von internen Geschäftsprozessen sammeln konnten.

Konkreter Anlass dieser neuerlichen Diskussion ist die im Internet- und E-Business-Zeitalter geforderte Flexibilität und Kundenfokussierung, die ein Unternehmen braucht, um sich gegenüber dem Wettbewerb positiv und für den Kunden deutlich erkennbar abzusetzen.

Standardsoftware, so die allgemeine These, könne per definitionem diese Forderungen nicht erfüllen, da sie vor allem Querschnittsbereiche, also in allen Unternehmen und Branchen identische Funktionen und technologische Standards, abdecke. Der angesprochene Gegensatz wird vor allem von Unternehmen vorgebracht, die sich auf das Programmieren von Individualsoftware beziehungsweise auf die Anpassung und Weiterentwicklung von Inhouse-Lösungen spezialisiert haben.

Doch diese zunächst intuitiv einleuchtende Abgrenzung verkennt zwei Trends, die ab Mitte der 90er Jahre immer stärker zu erkennen sind. Neben den zahlreichen Customizing-Möglichkeiten bieten heutige Standardsoftwarepakete vor allem branchenspezifische Ausprägungen beziehungsweise Add-On´s. Letzter Punkt ist besonders deshalb wichtig, weil Unternehmen davon mehrfach profitieren: Erstens stehen die Best-Practice-Funktionalitäten von Firmen aus derselben Branche zur Verfügung. Zweitens wird der individuelle Anpassungsaufwand in einem vernünftigen Rahmen gehalten, und drittens bleibt dennoch genügend Raum für unternehmensspezifische Ausprägungen. Damit behält auch das grundlegende Argument zugunsten des Standards, nämlich die Verteilung der Entwicklungs- und Fortentwicklungskosten auf viele Unternehmen, weiter seine Gültigkeit.

Produkte ergänzen StandardsoftwareSpiegelbildlich dazu und in Reaktion auf die kostengünstig "individualisierbaren" Standardpakete gehen einzelne Anbieter von Individualsoftware dazu über, generische Module über Metadaten zu parametrisieren. Das Ziel sind sozusagen "standardisierbare" Individuallösungen. Je höher der Standardisierungsgrad dieser Produkte, desto begrenzter sind allerdings die Einsatzgebiete. Allerdings ist aber auch der Anpassungsaufwand geringer1). Darüber hinaus werben die Hersteller solcher Lösungen damit, dass ihre Produkte die vorhandenen Standardpakete eher ergänzen als ersetzen. Doch fehlen hier noch leistungsfähige Schnittstellenlösungen - ein generelles und kostentreibendes Problem von Individuallösungen.

Diese Entwicklung zeigt deutlich, dass sich aufgrund des immer größeren horizontalen und vertikalen Funktionsumfangs sowie der Anwendungs- und Datenintegrität von Standardsoftware das Kosten- und Nutzenverhältnis zu Lasten von Individuallösungen verschoben hat. Gleichzeitig kommt diese Entwicklung in Verbindung mit den weiter sinkenden Hardwarekosten vor allem kleinen und mittleren Unternehmen ohne große IT-Abteilungen zugute, die sich damit die Einführung erprobter Standardsoftwarepakete und die IT-gestützte Abbildung ihrer Geschäftsprozesse leisten können.

Die Vorteile von Standardsoftware gelten auch im Internet- und E-Business-Zeitalter. Denn E-Business bedeutet die Abwicklung von Geschäftsprozessen über Unternehmensgrenzen hinweg. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass die Prozesskosten bei der Beschaffung von geringwertigen Wirtschaftsgütern mittels B-to-B-Funktionalitäten um bis zu 30 Prozent reduziert werden können. Weitet man den Ein- und Verkauf von Produkten und Leistungen auf Online-Marktplätze aus, so verspricht dies die Erschließung völlig neuer Kundensegmente und das Erzielen enormer Einkaufsvorteile. Letzter Punkt zeigt sich besonders deutlich bei Online-Bietverfahren, bei dem in den letzten Minuten ein Preiskampf entbrennt, in dem sich ähnlich einer Auktion die Bieter mit ihren Angeboten gegenseitig unterbieten.

Das Produktivitätspotenzial von E-Business ist dabei umso größer, je breiter der Funktionsumfang der eingesetzten Lösungen und je leichter die Integration der via Web miteinander verbundenen Systeme sind. Zwei Argumente, die für den Einsatz von Standardsoftware sprechen, unabhängig davon, ob diese im Unternehmen implementiert oder im Hosting beim entsprechenden Anbieter betrieben wird.

Verlieren Individuallösungen damit ihre Daseinsberechtigung? Nein, aber ihre Natur wird sich verändern - von einer realistischen Alternative zu Standardprodukten hin zu deren Ergänzungen in den Bereichen, in denen sich die Entwicklung eines Standards nicht lohnt. Man sollte deshalb in Zukunft auch eher von dem Gegensatz "Nischen- oder Spezial- versus unternehmensweite Anwendungen" sprechen statt von "Individual- versus Standardlösungen".

Diese Argumentation gilt insbesondere für die Energiewirtschaft. Denn dort besteht nicht nur ein großer Nachholbedarf in Sachen IT, sondern es gibt auch erhebliche Größenunterschiede der neuerdings im Wettbewerb zueinander stehenden Unternehmen. Dabei geht es nicht nur um die Differenzierung eines jeden Unternehmens von seinen Mitbewerbern, sondern auch um die notwendige Reorganisation der internen Abläufe und Strukturen, um die Wettbewerbsfähigkeit herzustellen.

Vor diesem Hintergrund sind branchenspezifisch voreingestellte Standardpakete die erste Wahl. Denn sie enthalten durchgehende Modellprozesse für Bereiche wie Kundenservice, Kundenabrechnung, Hausanschlussverfahren, Störfall- und Auftragsabwicklung.

Modellprozesse machen Abläufe anschaulichGleichzeitig lässt sich durch diese Modellprozesse die Verzahnung der betrieblichen Abläufe veranschaulichen. So beinhaltet zum Beispiel das Hausanschlussverfahren Einkaufs-, Vertriebs-, Bau- und Abrechnungsfunktionalitäten bis hin zur Finanz- und Anlagenbuchhaltung. Die Unternehmen haben dadurch eine ideale Grundlage, um die eigenen Branchenprozesse bewerten und die Entscheidung zu deren Veränderung oder Beibehaltung treffen zu können. Sie erhalten dadurch die Möglichkeit, zeitnah mit der Einführung der ERP-Software ein Geschäftsprozess-Reengineering durchzuführen.

Ferner lassen sich erprobte Standardpakete in kurzer Zeit implementieren und bieten aufgrund ihres breiten Funktionsumfangs Transparenz hinsichtlich der Investitions- und Betriebskosten. Damit erst ist die Voraussetzung für maßgeschneiderte und auch für den Endkunden transparente Preis- und Angebotsstrategien geschaffen. Keine Individuallösung kann dies zu einem vergleichbaren Preis leisten.

Neben Funktionsumfang, kurzer Implementierungszeit und einer berechenbaren Preiskalkulation bieten Standardpakete noch weitere Vorteile, die gerade für die Energieversorgungsbranche wichtig sind. Dazu zählen insbesondere Zusatzleistungen wie Schulungen, Administration, Kunden-Hotline, präventive System-Checks oder Betrieb im Outsourcing. Weiterhin die standardmäßige Abbildung aktueller gesetzlicher Forderungen wie Unbundling, Euro-Umstellung und Verbändevereinbarung. Schließlich eine Vielzahl von Schnittstellen, die erst die Basis für unternehmensübergreifende Systeme und Prozesse schaffen, sowie die standardmäßige Internet-Fähigkeit.

Bietverfahren für GeschäftskundenDer nächste Schritt führt ins Internet. Insbesondere für Beschaffungsprozesse wie zum Beispiel den Einkauf von technischen Bauteilen mit Massencharakter (Zähler, Regler, Kabelmaterial etc.) ist dies interessant. Aber auch "umgekehrte" Auktionen sind denkbar, in denen Geschäftskunden ihren Strombedarf im Web veröffentlichen und damit ein Bietverfahren auslösen, bei dem die Energieversorger in die Rolle der Bieter schlüpfen. Ebenso kann der private Endanwender das neue E-Business-Geschäftsmodell für sich nutzen. So wird der Kundenservice von Energiedienstleistern in Zukunft über das Internet abrufbar sein und damit rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Zum anderen aber kann der Kunde online Kostenvergleiche zu den Angeboten der verschiedenen Energieversorger vornehmen.

Allerdings lässt sich der Nutzen des E-Business erst dann zur Gänze ausschöpfen, wenn dabei die Durchgängigkeit der Geschäftsprozesse gewahrt wird. Bei der Wahl des Anbieters sollten die Unternehmen deshalb genau darauf achten, ob es sich bei den angebotenen Funktionen wirklich um ganz spezielle, nicht standardisierbare beziehungsweise um auf absehbare Zeit nicht verfügbare handelt - die einzigen Gründe, die den Einsatz von Individuallösungen rechtfertigen würden. Standardpakete ersetzen können sie allerdings auf keinen Fall.

Anmerkungen:

1) Siehe CW 14/00, Seite 24

2) Tomas Glasow, Standardsoftware als Wettbewerbsfaktor?, Web-Publikation des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1998, http://www.wiwi.uni-frankfurt.de/glasow/ReferatSBWL/part01.html)

3) ebd.

4) Vgl. insbesondere http://www.wiwi.hu-berlin.de/arndt/BSS/bssw1.html, Humboldt-Universität Berlin, 1998

*Jens Ehrhardt ist Account Executive Utilities bei der SRS AG in Dresden.

Abb: Evolution von Anwendungssoftware: Individualsoftware bildet nicht mehr den Schwerpunkt bei den Unternehmensanwendungen. Quelle: SRS AG