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Bislang nutzt nur Austrian Airlines dieselben Applikationen

Star Alliance: Der weite Weg zu gemeinsamen Systemen

21.04.2000
MÜNCHEN (qua) - Die operativen Systeme unterschiedlicher Fluggesellschaften miteinander zu verbinden ist ein hartes Stück Arbeit. Diese Erfahrung macht die Lufthansa gerade im Rahmen ihrer "Star Alliance". Immerhin entschied sich die Austrian Airlines Group (AUA), ihre passagierbezogenen IT-Systeme der Lufthansa anzupassen.

Derzeit sind unter dem Dach der Star Alliance elf Luftfahrtgesellschaften versammelt. Mit British Midland und Mexicana werden in Kürze zwei weitere hinzukommen. Das bedeutet: Ein Dutzend unterschiedlicher Systeme müssen miteinander verbunden werden. Es geht nicht nur darum, Passagiere und Gepäck durchzuschecken, was dank der vom Airline-Dachverband Iata definierten Schnittstellen heute keine Probleme bereiten sollte. Vielmehr sind beispielsweise auch die Vielflieger-Programme wechselseitig anzuerkennen. Zudem muss es in einer Anbietergemeinschaft möglich sein, den Kunden freie Plätze auf den Maschinen der Schwestergesellschaften anzubieten, falls die eigenen Kapazitäten ausgeschöpft sind.

Wie einfach wäre es, wenn alle Partner die Lufthansa-eigenen Systeme übernähmen! Aber die Fluggesellschaften haben selbstverständlich eigene Applikationen, von denen sie sich kaum verabschieden könnten, auch wenn sie sich dazu bereit erklärten. Außerdem gibt es in dem Bündnis von gleichberechtigten Partnern auch Lösungsansätze, bei denen andere Carrier als die Lufthansa federführend sind. So hat United kürzlich erst den Versuch unternommen, ein "Multi-Airline Reservation System" (Mars) zu entwickeln. Derzeit ruhen die Aktivitäten alledings. Wie es heißt, will United erst noch einmal darüber nachdenken. Der Anlass dafür könnte die konkurrierende "Elsa"-Initiative diverser europäischer Fluglinien gewesen sein.

Trotz aller Unterschiede ist Toni Reitz überzeugt, dass die Systeme der Bündnispartner mittelfristig zusammenwachsen werden. In seiner Funktion als Senior Project Manager des IT-Dienstleisters Lufthansa Systems GmbH prognostiziert der promovierte Physiker, dass 16 der 22 als relevant definierten IT-Systeme in der Star Alliance spätestens 2004 auf einheitlichen Plattformen laufen. Die sinkenden Profitmargen im Passagiergeschäft und die notwendigen, aber kaum noch finanzierbaren Modernisierungen der Systeme würden die Partner zwingen, immer stärker zusammenzuwachsen.

Ein Beispiel, das ihm Recht zu geben scheint, lieferten soeben Austrian Airlines, Tyrolean Airways und Lauda Air. Am 21. September 1999 hatten die drei in der AUA-Gruppe zusammengeschlossenen Luftfahrtunternehmen ihren Entschluss bekannt gegeben, aus der Swissair-dominierten "Qualifyer Group" in die Star Alliance zu wechseln. Gleichzeitig entschieden sie, ihre passagierbezogenen IT-Systeme denen der Lufthansa anzupassen.

Sechs Monate lang waren 220 IT-Spezialisten der AUA und 115 Mitarbeiter der Lufthansa Systems beschäftigt, in zehn Teilprojekten insgesamt 60 Anwendungssysteme zu migrieren beziehungsweise durch Lufthansa-Anwendungen zu ersetzen und dabei mehr als 120 Schnittstellen anzufassen. 250 Server, 4000 Endgeräte und 1900 Drucker mussten adaptiert werden. Die letzten Anpassungen sollen Ende Mai erledigt sein.

Im Wesentlichen wurden sieben Applikationen umgestellt:

-In das Reservierungssystem "Amadeus" und die Lufthansa-Applikation für die Ticketausstellung mussten rund 270000 Buchungsdaten ("Passenger Name Records") übernommen werden.

-Auch für die Passagierabfertigung setzt die AUA-Gruppe neuerdings das Lufthansa-System ein.

-Das "Flight Data Management" versorgt Amadeus und das Abfertigungssystem mit Flugplandaten.

-Das "Revenue Management System" hilft dabei, auf jedem Flug maximale Auslastung und höchstmöglichen Ertrag zu erzielen.

-Das Inventarsystem speichert Reservierungs- und Prognosedaten, unter anderem übernimmt es das Handling von Buchungen auf Wartelisten.

-Die Daten der 335000 Vielflieger waren in das von der Lufthansa aufgelegte "Miles&More"-Programm zu übernehmen.

-Auf Amadeus umgestellt wurden die Internet-basierten Buchungswerkzeuge der AUA: "Airnet" und "Airmanager".

Die restlichen drei Projekte widmeten sich folgenden Themen:

-Training: Seit Januar dieses Jahres wurden etwa 2400 AUA-Mitarbeiter im Umgang mit den für sie neuen Systemen geschult;

-Helpdesk: Für die Zeit nach dem stichtagbezogenen Umstieg wurde eine zentrale Anlaufstelle für die Anwendungsunterstützung eingerichtet;

-Infrastruktur: Hier standen die neuen Netzverbindungen zwischen AUA-Gruppe und Lufthansa sowie die Rahmenbedingungen der Systeminstallationen im Mittelpunkt.

Bei weitem stärker als der Jahrtausendwechsel hat das "Star 2000" genannte Vorhaben die Lufthansa Systems in Atem gehalten, so Projektdirektorin Susanne Ebel. Und dabei bezieht sich die Wirtschaftsinformatikerin beileibe nicht nur auf den spektakulärsten Teil der Aktion, als am letzten Wochenende im März über Nacht jede Sekunde zehn bis zwölf Buchungseinträge das System wechselten. Am Vormittag des 26. März mussten die neuen Systeme anstandslos laufen. Und tatsächlich betrugen die durch den Systemwechsel verursachten Verzögerungen maximal 17 Minuten. "Wir haben verdammt viel Glück gehabt", räumt Ebel ein. Aber sicherlich machte sich auch die akribische Vorbereitung bezahlt.

Star 2000 kann derzeit aber keineswegs als Modell für andere Star-Alliance-Partner dienen. Schließlich ließ die kleine AUA-Gruppe ihre operationalen Anwendungen bis dahin vom Swissair-eigenen IT-Dienstleister Atraxis betreiben. Aus nahe liegenden Gründen wollten sie dessen Service nach dem Allianzwechsel nicht mehr in Anspruch nehmen. Da erschien es nur logisch, dass Lufthansa Systems zumindest für die nächsten fünf Jahre einspringt.

Eine derart enge Servicebeziehung, wie sie in der auf finanziellen Beteiligungen aufgebauten Qualifier-Gruppe gang und gäbe ist, lässt sich in der Star Alliance oder den anderen großen Airline-Bündnissen - "Oneworld" mit British Airways, American Airlines, Qantas und Cathay sowie "Worldwide Reliability" mit KLM, Northwest und Alitalia - nicht durchsetzen. Die Luftfahrtgesellschaften haben zumeist große IT-Stäbe und eigene Systeme, mit denen sie Reservierung, operative Flugdaten, Auslastungs- und Ertrags-Management, Kundenbindung etc. unterstützen.

Bei diesen Applikationen handelt es sich in der Regel um durch und durch proprietäre, monolithische Systeme, an die eigentlich niemand rühren möchte. In diesem Zusammenhang von Client-Server-Architekturen zu sprechen klingt beinahe wie Science Fiction. Groß angelegte Umstellungsprojekte wie "Tango" von der Lufthansa (siehe untenstehenden Artikel) sind Ausnahmen.

Die Star Alliance hat die Notwendigkeit gemeinsamer IT-Strukturen durchaus erkannt. Unter der Bezeichnung "Star IT" schuf sie ein in Los Angeles ansässiges Gremium, dessen Aufgabe darin besteht, die Annäherung der Systeme voranzutreiben. 25 Vollzeitmitarbeiter tüfteln an Strategien und möglichen Rahmenbedingungen, die notwendig sind, um gemeinsame Lösungen zu schaffen. Die Ausführung überlassen sie den Systempartnern der Carrier. Allerdings übernehmen sie die Ausschreibung und überwachen die Umsetzung.

Einen ersten Erfolg kann das Gremium bereits verbuchen: Das Extranet der Star Alliance - "Starnet" genannt - geht auf seine Initiative zurück. Damit hat das Airline-Bündnis einen ersten Schritt zur Vereinheitlichung der Systeme getan, erläutert Reitz, der unter der Bezeichnung "Bold Initiative" an einer Lufthansa-Systems-Strategie für die IT der Star Alliance bastelt. "Wir wollen zunächst eine intelligente Zwischenschicht einziehen (beispielsweise mit Application-Servern, Anm. d. Red.); dann können wir daran gehen, die Systeme dahinter umzustellen."

In Reitz´ Zukunftsprognose werden die Mitglieder der Luftfahrtallianzen künftig nicht nur den wechselseitigen Zugriff auf ihre Systeme erlauben, sondern auch ihre Datenbasen zusammenlegen und sich am Ende sogar auf einen "Hoflieferanten" einigen. "Es ist ja nicht so, dass die Airlines wirklich unterschiedliche Befürfnisse hätten," konstatiert Reitz. Alles, was einer Einigung noch im Wege stehe, seien "Traditionen".

Star AllianceDie Lufthansa ist keineswegs der größte Partner in der Allianz. Zu den insgesamt knapp 65 Milliarden Dollar, die das Bündnis im vergangenen Jahr einnahm, trug das deutsche Luftfahrtunternehmen 12,5 Milliarden bei, Gründungsmitglied United Airlines hingegen rund 18 Milliarden. Auch in Bezug auf die Passagierzahlen übertrifft United alle anderen Partner. 87 Millionen Flugpassagen haben die Amerikaner 1999 verkauft - fast doppelt so viele wie die Lufthansa, die es auf knapp 44 Millionen brachte. Beinahe 100000 Mitarbeitern und 600 Maschinen der US-Airline stehen 57000 Angestellte und 300 Flugzeuge auf Seiten der Lufthansa entgegen. Nur bei der Anzahl der Destinationen hat die Kranich-Airline die Nase vorn: Sie flog 340 verschiedene Flughäfen an, United nur 259.

Neben den beiden Giganten zählen derzeit folgende Airlines zur Star Alliance:

- All Nippon Airways (ANA) mit 8,6 Milliarden Dollar Umsatz, knapp 42 Millionen Passagieren, 15000 Mitarbeitern, 140 Maschinen und 62 Destinationen;

- Scandinavian Airline System (SAS) mit fünf Milliarden Dollar Umsatz, 22 Millionen Passagieren, rund 26000 Mitarbeitern, 190 Maschinen und 105 Destinationen;

- Singapore Airlines mit 4,6 Milliarden Dollar Umsatz, 13 Millionen Passagieren, 28000 Mitarbeitern, 91 Maschinen und 93 Destinationen;

- Air Canada mit 4,4 Milliarden Dollar Umsatz, etwas mehr als 19 Millionen Passagieren, rund 26000 Mitarbeitern, 240 Maschinen und 120 Destinationen;

- Varig mit drei Milliarden Dollar Umsatz, elf Millionen Passagieren, 18000 Mitarbeitern, 87 Maschinen und 120 Destinationen;

- Thai Airways International mit drei Milliarden Dollar Umsatz, 16 Millionen Passagieren, 24000 Mitarbeitern, 78 Maschinen und 75 Destinationen;

- Ansett Australia Holdings mit zwei Milliarden Dollar Umsatz, 13000 Passagieren, 15000 Mitarbeitern, 126 Maschinen und 142 Destinationen;

- Austrian Airlines Group mit zwei Milliarden Dollar Umsatz, acht Millionen Passagieren, 7000 Mitarbeitern, 90 Maschinen und 125 Destinationen;

- Air New Zealand mit 1,6 Milliarden Dollar Umsatz, etwa 6,4 Millionen Passagieren, knapp 10000 Mitarbeitern, 79 Maschinen und 48 Destinationen.

Im Juli dieses Jahres werden sich British Midland und Mexicana Airlines anschließen. Jetzt schon verfügt die Star Alliance insgesamt über mehr als 2000 Flugzeuge, die 800 Destinationen in über 130 Ländern anfliegen.

Abb.: Unter dem Druck der Konkurrenz werden sich die Systeme der Star-Alliance-Partner immer mehr annähern. Quelle: Lufthansa Systems