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19.10.2001 - 

Quelloffene Bürosuite konzentriert sich auf Kernfunktionen

Star Office 6 löst sich vom Microsoft-Vorbild

MÜNCHEN (ws) - Rund ein Jahr, nachdem Sun Microsystems den Quellcode der zugekauften Bürosuite "Star Office" freigab, trägt das Projekt "openoffice.org" erste Früchte. Mit dem Wegfall umstrittener Zusatzprogramme konzentriert sich Sun wieder stärker auf die Kernanwendungen, offene Standards wie XML sollen Microsoft-Anwender locken.

In den letzten Jahren gelang es keinem Microsoft-Konkurrenten, im Markt für Office-Anwendungen zu bestehen oder dort gar Fuß zu fassen. Der Desktop-Monopolist aus Redmond kontrolliert dieses Segment derart erdrückend, dass selbst für Nischenanbieter kaum Platz bleibt - die desolate wirtschaftliche Situation von Corel oder die völlige Bedeutungslosigkeit der "Lotus Smartsuite" belegen dies. Sun Microsystems stieg erst vor zwei Jahren durch die Übernahme der Hamburger Star Division in diesen schwierigen Markt ein. Die Unix-Company versprach sich mit einer Open-Source-Strategie wohl am ehesten Chancen gegen Microsoft.

Sun folgt dabei einem ähnlichen Modell wie Netscape mit "Mozilla": Im Rahmen eines Open-Source-Projekts entsteht ein Basisprodukt, das Softwarehäuser als Grundlage für kommerzielle Angebote nutzen können. Diese dürfen nach der Sun Internet Standard Source Licence beispielsweise proprietäre Erweiterungen hinzufügen und das Ganze sogar unter einer eigenen Marke vertreiben. Sun selbst verfährt mit Star Office nach genau diesem Muster. So umfasst die eben erschienene Beta der Version 6.0 die Kernanwendungen von openoffice.org, ergänzt diese aber beispielsweise um eine eigene Rechtschreibhilfe, Schriftarten, ein Hilfesystem oder zusätzliche Importfilter für Fremdformate.

Während die Version 5.2 noch ganz die Produktphilosophie von Star Division widerspiegelte, setzt Sun in der aktuellen Ausführung nun eigene Akzente. Am deutlichsten zeigt sich die neue Ausrichtung darin, dass Star Office nicht mehr ein möglichst getreues und kostengünstiges Abbild der Microsoft-Suite sein will.

Verzicht auf eigenen DesktopIm Gegensatz zur Konkurrenz aus Redmond konzentriert sich die Unix-Company stärker auf die Kernfunktionen von Office-Anwendungen und verabschiedet sich zumindest in der aktuellen Version vom Wettlauf um mehr Features.

Beim Hamburger Stammhaus war dieser Ehrgeiz noch so weit gegangen, mit einem eigenen Desktop jenem des Betriebssystems Konkurrenz zu machen. Openoffice.org beseitigte nun diese speicherhungrige und bei vielen Nutzern unbeliebte Erweiterung und eliminierte zudem den integrierten Mail-Client und News-Reader. Für das Weglassen der E-Mail-Komponente spricht allemal, dass die meisten Anwender ohnehin schon Software nutzen, die mit dem Betriebssystem oder einem Browser ausgeliefert wird. Star Office 6 lässt sich so einrichten, dass Nutzer über den bevorzugten Mail-Client Office-Dokumente versenden können. Zusätzlich ist die Software in der Lage, auf dessen Adressbücher oder sogar LDAP-Verzeichnisse zurückzugreifen, beispielsweise für Serienbriefe.

Im Fall des Desktops geht es Sun wohl auch darum, Star Office an den hauseigenen "Sun One Webtop" anzugleichen. Hinter Letzterem verbirgt sich unter anderem die Client-Server-Version des Office-Pakets, bei dem die Anwendungen auf dem Backend laufen und die Nutzer über ein Browser-Plugin darauf zugreifen. In diese Umgebung passt der "Star Desktop" grundsätzlich nicht.

Nach Beseitigung der umstrittenen Office-Oberfläche erwecken die Textverarbeitung ("Star Writer"), die Tabellenkalkulation ("Star Calc") und die Präsentationsgrafik ("Star Impress") den Eindruck eigenständiger Applikationen. Diverse News-Dienste wollten deshalb eine neue Modularität der Bürosuite entdeckt haben. Tatsächlich hat sich deren monolithische Architektur nicht geändert. Keines der Programme lässt sich separat und unabhängig vom gesamten Star Office installieren. Gerade für ein Open-Source-Projekt hat Modularität aber eine besondere Bedeutung, die über bloße Fragen des Softwaredesigns hinausgeht.

Wunsch nach UnsterblichkeitDie Aufteilung großer Projekte in weitgehend unabhängige Komponenten erleichtert die Arbeitsteilung von weltweit verteilten, virtuellen Entwicklerteams. Das Beispiel Mozilla hingegen zeigt, dass zu umfangreiche Programme und die dafür nötigen großen Gruppen bald an die Grenzen der Open-Source-Kooperation stoßen.

Im Fall von openoffice.org handelt es sich indes noch um kein typisches Open-Source-Projekt, da rund 150 Entwickler des ehemaligen Hamburger Softwarehauses die Hauptlast der Entwicklung tragen. Unabhängige Programmierer beteiligen sich zurzeit nur in geringer Zahl und können erst nach längerer Anlaufzeit produktiv tätig werden - sie müssen sich zuerst Übersicht über mehr als drei Millionen Zeilen Quellcode verschaffen. Im Gegensatz zu Netscape geht es Sun gar nicht so sehr um das Auslagern der Programmierarbeit an freiwillige Helfer, sondern darum, das Vertrauen möglicher Kunden zu gewinnen. Nach Auffassung führender Open-Source-Theoretiker erlangt Software durch die Freigabe der Quellen eine Art Unsterblichkeit. Sollte beispielsweise Sun aus irgendwelchen Gründen aus dem Office-Markt aussteigen wollen, könnten stattdessen beliebige andere Entwickler das Projekt fortführen.

Klares Bekenntnis zu XMLTrotz der untypischen Situation von openoffice.org, wo ein hauptberufliches Entwicklerteam die Arbeit fast alleine leistet, zeigen sich Auswirkungen des offenen Entwicklungsmodells. Befürworter von freier Software führen immer wieder als Vorteil ins Feld, dass freie Projekte wegen der offenen Quellen voneinander profitieren. Die Wiederverwertung von bewährtem Code beschleunige die Entwicklung und funktioniere nach dem Vorbild der natürlichen Evolution. Die Programmierer von openoffice.org nutzten diese Möglichkeiten unter anderem durch Verwendung der Webdav-Client-Bibliothek "Neon", des XML-Parsers "Expat" von James Clark oder der "Zlib Compression Library" für die Erzeugung von Zip-Archiven (eine Aufstellung benutzter Komponenten findet sich unter http://www.openoffice.org/dev_docs/source/ext_comp.html).

Die neue Offenheit von Star Office manifestiert sich auch in der weitgehenden Nutzung von Standards. Besonders augenfällig wird dies beim aktuellen Dateiformat. Die laufende Änderung ihrer binären, proprietären Speicherformate diente den Anbietern stets als Mittel, um Anwender zum Umstieg auf die neueste Version ihrer Software zu zwingen. Eine wahre Meisterschaft in dieser Hinsicht entwickelte der Marktführer Microsoft. Star Office 6 setzt nun als erstes Anwendungspaket konsequent auf XML und darauf aufbauende Standards. Die Entwickler versuchten dabei, Inhalt und Layout möglichst zu trennen. Star-Office-Dokumente liegen als Zip-Archive vor, die separate Dateien für den Inhalt, die Definition von Druckformaten, Grafiken und Metadaten enthalten. Die Software hinterlegt auch Stilvorlagen im XML-Format, wozu sie weitgehend auf XSL:FO zurückgreift. Letzteres hat beim W3C mittlerweile den Status einer Proposed Recommendation erreicht. Für Metainformationen wie Autorname oder Erstellungsdatum nutzt openoffice.org die RDF-Anwendung "Dublin Core", für das Speichern von Grafiken das offene "Portable Network Graphics" (PNG).

Sun möchte mit dem neuen Dateiformat nicht nur die Weiterverabeitung der Star-Office-Dokumente mit anderen Anwendungen ermöglichen, sondern damit generell einen offenen Standard für Büroanwendungen setzen. Der Erfolg dieses Vorhabens wird nicht unwesentlich von der Haltung Microsofts abhängen. Angesichts der Kräfteverhältnisse ist Sun allerdings gezwungen, sich mit den Dateiformaten von MS Office auseinander zu setzen. Tatsächlich besteht eine wesentliche Verbesserung von Star Office 6 in den grundlegend überarbeiteten Import- und Exportfiltern für die Dokumente der rivalisierenden Bürosuite. Diese können jedoch keine Makros zwischen Microsofts Visual Basic for Applications (VBA) und Star Basic konvertieren.

Auch wenn Suns Büroanwendungen XML für die Speicherung der Dokumente nutzen, so eignen sie sich dennoch nicht als XML-Editoren im Stil von "XML Spy" oder "X-Metal". Die Arbeitsweise folgt weiterhin dem gewohnten Office-Ansatz, der etwa die Validierung von Eingaben an Hand einer Document Type Definition (DTD) nicht vorsieht.

Sun bietet die Betaversion für Star Office 6 für Windows, Linux und Solaris zum Download unter http://www.sun.com/software/star/staroffice/6.0beta/get.html an. Über die Zukunft der Mac-Version herrscht derzeit noch Ungewissheit. Die endgültige Version der Software soll Anfang nächsten Jahres freigegeben werden und wie die Beta kostenlos erhältlich sein. Offenbar will Sun auf diese Weise Marktanteile gewinnen, wobei die Möglichkeiten für spätere Einnahmen noch unklar sind. Die Verbreitung von Star Office soll aber der Akzeptanz des hauseigenen Webtop Vorschub leisten. Dieser eignet sich besonders für Application-Service-Provider (ASP), die Office-Funktionen über das Internet anbieten wollen und dafür nach Möglichkeit Sparc-Server nutzen. In Deutschland konnte Sun mit dem norddeutschen Netzbetreiber Mobilcom (http://www.mobilcom-e-business.de) bereits einen prominenten Partner gewinnen.

Neues im Überblick-Wegfall des "Star Desktop", des Mail- und News-Clients;

-der Terminplaner "Schedule" fehlt in der Beta und soll durch ein besseres Tool ersetzt werden;

-Integration der "Image"-Funktionen direkt in das Office-Paket;

-Zugriff auf Adressbücher diverser Mail-Programme und auf LDAP-Verzeichnisse;

-XML-Dateiformat;

-Dateikonverter für MS Office, der auch eine große Zahl an Dokumenten im Batch-Modus umwandeln kann;

-verbesserter HTML-Export;

-Unicode-Unterstützung;

-der "Data Source Browser" gibt eine Übersicht über alle per "Star Base" eingebundenen Datenquellen;

-Kopieren von Abfragen und Tabellen zwischen registrierten Datenquellen per Drag and Drop.