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25.08.1995

Stimmen aus dem deutschen Telecom-Markt (I): RWE Telliance Kraeftig auf die Pauke hauen fuer den langerwarteten Tag X

Zum magischen Datum 1. Januar 1998 wird viel gesagt und geschrieben - und dennoch scheint man ueber die neuen und alten Player im kuenftigen deutschen Telecom-Markt noch nicht allzuviel zu wissen. Die COMPUTERWOCHE will bis Ende des Jahres, an dem auch der Gesetzentwurf fuer das neue Telekommunikationsgesetz fertiggestellt sein soll, in loser Reihenfolge alle Unternehmen mit Ambitionen in diesem Markt zu Wort kommen lassen. Den Anfang macht RWE Telliance, die Telecom-Holding des Essener RWE-Konzerns. CW-Redakteur Gerhard Holzwart sprach mit Peter Schwarzmann, Mitglied des Vorstandes von RWE Telliance.

CW: Ihr Unternehmen war, wie alle anderen Wettbewerber der Deutschen Telekom auch, aufgerufen, das Ende Maerz von Bundespostminister Wolfgang Boetsch vorgelegte Eckpunktepapier zu kommentieren. Zudem ist vor einigen Wochen die Verleihungverordnung vom Regulierungsrat verabschiedet worden. Wie zufrieden ist man bei RWE Telliance mit dem Stand der Dinge?

Schwarzmann: Selbstverstaendlich haben wir das Eckpunktepapier kommentiert und dabei, um es einmal pauschal auszudruecken, grundsaetzlich dessen liberalen Ansatz begruesst. Dies aendert jedoch nichts daran, dass schon ein genauerer Blick in die Details erforderlich ist, wenn man es mit dem Wettbewerb im deutschen Telecom-Markt ernst meint. Wer moeglichst schnell den freien Wettbewerb will, und ich denke, fast alle wollen ihn, der muss sich auch mit den gegebenen technischen und wirtschaftlichen Restriktionen auseinandersetzen. Zum Beispiel mit der Regelung des Ortszuganges und damit der gesamten DECT-Problematik oder ganz einfach mit der Tatsache, dass es aufgrund eines vorhandenen uebermaechtigen Noch-Monopolisten wenig Sinn machen wuerde, in eine Art Kleinstaaterei zu verfallen.

CW: Mit anderen Worten: vom Monopol zum Oligopol. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass man in Ihrem Unternehmen Bauchschmerzen angesichts der vom Bundespostminister vorgesehenen Nicht- Begrenzung von Infrastruktur- und Telefondienst-Lizenzen hat.

Schwarzmann: Unsere Aussagen beziehen sich nur auf die vertikal integrierten Lizenzen. Wir sind der Ueberzeugung, dass beliebig viele kleine und kleinste vertikal integrierte Telefongesellschaften, die in den Regionen und vor allem in den Ballungszentren ihre Dienstleistungen anbieten wollen, auf Dauer nicht im Markt ueberleben wuerden. So gesehen halten wir auch nichts von der vielzitierten Rosinenpickerei. Wer in dieses Geschaeft will, der muss investieren - unter anderem in ein sehr aufwendiges Netz-Management. So etwas rechnet sich nur in der Flaeche.

CW: Bekanntlich gibt es aber neuerdings eine Reihe kleinerer Carrier, zum Teil direkt vor Ihrer Haustuer, die das anders sehen.

Schwarzmann: Richtig. Wobei sich, wenn man mit den dort Verantwortlichen spricht und genauer hinhoert, durchaus verschiedene Tonlagen feststellen lassen - etwa in Form zum Teil doch ganz unterschiedlicher Konzeptionen. Zum Beispiel die von MFS, wo das Ganze unter dem Blickwinkel des sogenannten Business- Case relativ kurzfristig angelegt ist. Und natuerlich gibt es in anderen Faellen auch auf eine ungewisse Zukunft ausgerichtete Kalkulationen - naemlich dort, wo man glaubt, auf Goldadern zu sitzen. Hier gilt es, Aufklaerungsarbeit bei der Frage zu leisten, wo die Moeglichkeiten und vor allem auch die Grenzen des lokalen Telecom-Geschaefts liegen. Was im uebrigen aber nicht bedeuten muss, dass es im Umfeld grosser ueberregionaler Netzbetreiber und Dienstleister keinen Platz fuer Nischenanbieter oder reine Service- Provider geben wird.

CW: Kommen wir noch einmal zurueck zur Kommentierung des Eckpunktepapiers. Dort war unter anderem von einer Universaldienst-Verpflichtung fuer marktbeherrschende Unternehmen die Rede, sofern der freie Markt ein bestimmtes Mindestangebot an Diensten nicht gewaehrleistet. Das Ganze ist nun vor kurzem vom Bundespostminister bei der Vorstellung des Referentenentwurfs zum Telekommunikationsgesetz praezisiert worden.

Schwarzmann: Wir sind allein schon mit dem Begriff Universaldienst nicht besonders gluecklich, weil ueber diesen viel zu lange diskutiert und spekuliert worden ist.

CW: Wie wuerden Sie Universaldienst definieren?

Schwarzmann: Ich muss gestehen, dass ich mich bis dato nicht darum bemueht habe, weil wir diesen Begriff nicht gepraegt haben und ihn nach wie vor auch nicht etablieren wollen. Eine Klaerung ist hier zunaechst von denjenigen einzufordern, die den Begriff in die Debatte geworfen haben. Derzeit scheint einiges dafuer zu sprechen, dass sich die Vorstellungen von Herrn Boetsch und damit auch der EU in puncto Bereitstellung des herkoemmlichen analogen Telefondienstes als von allen wichtigen Anbietern zu erbringendem Mindestangebot durchsetzen.

CW: Was bedeutet dies fuer Ihr Unternehmen?

Schwarzmann: Wir muessen uns als Anbieter mit bundesweiten Ambitionen natuerlich in jedem Fall mit dieser Frage auseinandersetzen. Dabei waere es wohl sehr blauaeugig, zu leugnen, dass es fuer uns von elementarer Bedeutung ist, ob wir - was ja immer noch im Raum steht - beispielsweise kuenftig die Telekom fuer eine Leistung, die wir angeblich nicht erbringen koennen oder wollen, ueber einen Fonds subventionieren muessen. Gleiches gilt fuer alle anderen Auflagen, die uns als vermeintlich marktsignifikantem Unternehmen aufgebuerdet werden koennten. Man kann allerdings, wie wir meinen, nicht mit den Auflagen beginnen, bevor die erste Mark verdient ist. Die neuen Netzbetreiber muessen hier schon eine faire Chance bekommen, sich erst einmal im Markt zu etablieren und Umsatz zu generieren.

CW: Unzufrieden ist man bei RWE Telliance offensichtlich aber auch nach wie vor mit dem Tempo der Liberalisierung. Ist denn Ihrer Ansicht nach aufgrund der Mehrheitsverhaeltnisse in Bundestag und Bundesrat ueberhaupt eine schnellere Gangart vorstellbar, oder haut man hier nur auf die beruehmte Pauke?

Schwarzmann: Ohne Zweifel gehoert auch das Klappern zum Handwerk. Hier ist es aber schon wesentlich mehr. Wenn man es ernst mit dem Wettbewerb ab 1998 meint, kann man sich nicht der Illusion hingeben, dass es am Tag X genuegt, einfach einen Schalter umzulegen. Alle Unternehmen, die hier Ambitionen haben erkennen lassen, benoetigen einen entsprechenden Vorlauf und Planungssicherheit. Was die erwaehnten Mehrheitsverhaeltnisse angeht, muss an die Adresse der Politik klar signalisiert werden, dass jede weitere Verzoegerung fuer den deutschen Telecom-Markt absolut schaedlich waere.

CW: Welche Ziele hat man sich bei RWE Telliance ueberhaupt gesteckt? Es sind zwar einige Zahlen publiziert worden, andererseits ist mancherorts schon von einem Ende der Goldgraeberstimmung die Rede.

Schwarzmann: Natuerlich sind von uns und von anderen Wettbewerbern Angaben zum Investment und zum erwarteten Umsatz gemacht worden - wenngleich ich es als nicht hilfreich empfinde, mit solchen Zahlen zu operieren. Wir werden sicherlich in ein weitgehend flaechendeckendes Backbone-Netz investieren; dann aber muss schon genau ueberlegt werden, wie man so schnell wie moeglich zumindest in der Naehe eines Return on Investment operieren kann. Im uebrigen bestimmt jedoch der Regulierer unsere Strategie und nicht umgekehrt. So gesehen muessen die im Raum stehenden Milliardensummen in Verbindung mit irgendwelchen Jahreszahlen spekulativ bleiben. Wenn man allerdings all die unsicheren Parameter aussen vor laesst, bleibt unsere Aussage unveraendert: Wir wollen der nach der Telekom fuehrende Anbieter werden. Den entsprechenden Marktanteil vorausgesetzt, koennte dies im Jahr 2000 Umsaetze zwischen fuenf und zehn Milliarden Mark bedeuten.

CW: Ein Unsicherheitsfaktor, ueber den wir noch nicht gesprochen haben, ist das Problem der sogenannten letzten Meile zum Kunden. Bei Ihnen im Haus haelt man, wie es scheint, grosse Stuecke auf die DECT-Technologie und hat dazu auch schon ganz konkrete, wenn man so will, politische Vorstellungen geaeussert. Bedeutet dies, dass Sie im Ortsnetzbereich von vornherein ohne die Telekom planen?

Schwarzmann: Hier muss man relativieren. Ohne eine Verstaendigung mit der Telekom geht in diesem Bereich gar nichts. Wir koennen ja nicht davon ausgehen, irgendwann bundesweit alle Kunden im Ortsnetzbereich zu bedienen - die Realisierung der entsprechenden Uebergaenge von Netz zu Netz wird also ein Thema bleiben. Die andere Frage ist, ob wir uns auf Dauer beim Zugang zu den Kunden von der Telekom abhaengig machen wollen. Hier lautet unsere klare Antwort: nein. Wenn man aber eine unabhaengige Infrastruktur bereitstellen moechte, hat man zwei Alternativen. Entweder man graebt die halbe Republik auf und verlegt eigene Kabel, was bei rund 40 Millionen Privatkunden unbezahlbar waere, oder man setzt auf die DECT- oder eine adaequate Technologie als technisch wie oekonomisch sinnvolle Alternative.

CW: Warum sollten Ihrer Ansicht nach die Telekom und die Mobilfunkbetreiber von der Nutzung der neuen Ortsnetztechnik auf Basis der Schnurlos-Telefonie ausgeschlossen werden?

Schwarzmann: Zum einen, weil in der gegenwaertigen Diskussion oft unter den Teppich gekehrt wird, dass wir es bei DECT mit handfesten physikalischen Restriktionen zu tun haben. Auf den jetzt schon von der Telekom im Zusammenhang mit der Schnurlos-Telefonie genutzten Frequenzen muessen sich ja kuenftige andere Lizenznehmer auch noch tummeln. Der andere, wenn Sie so wollen, politische Aspekt ist ohne Zweifel die Frage, wer eine solche Lizenz bekommen soll. Firmen wie E-Plus und Mannesmann Mobilfunk, die ueber ihre GSM- Frequenzen genug Moeglichkeiten zur Adressierung einzelner Kunden haben, oder gar der ehemalige Monopolist Telekom, dessen Draehte ohnehin im wahrsten Sinne des Wortes bis in jeden Haushalt reichen? Wir meinen nein und sprechen uns fuer die Vergabe von DECT-Lizenzen nur an solche Unternehmen aus, die bis dato ueber keinen Zugang zu den Privatkunden verfuegen.

CW: Ueber solche Aussagen wird man bei Ihrem Partner Mannesmann alles andere als erfreut sein.

Schwarzmann: Hier haben wir sicherlich eine andere Position als der D2-Anbieter Mannesmann.

CW: Bleibt dies denn auf Dauer voellig ohne Auswirkungen auf die Arbeit der RWE-Tochter CNI, wo Mannesmann sogar als Mehrheitsgesellschafter mit im Boot sitzt?

Schwarzmann: Ich habe schon zum Ausdruck gebracht, dass wir uns bei unserer Business-Strategie nicht im luftleeren Raum bewegen, sondern stets auf die Vorgaben des Regulierers angewiesen waren und sind. So ist auch die vor geraumer Zeit beschlossene und entstandene Partnerschaft mit Mannesmann im Rahmen von CNI zu werten - naemlich unter den damals gegebenen Voraussetzungen und Vermutungen, wohin sich die Dinge entwickeln werden. Heute stellt sich bekanntlich doch manches etwas anders dar. Daher ist es naheliegend, dass wir, wie uebrigens alle unsere Wettbewerber, in gewissen Bereichen ueber eine Neupositionierung nachdenken muessen.

CW: Heisst dies, dass RWE Telliance bei CNI aussteigt, wenn es, wie gemutmasst wird, doch noch zu einer Kooperation mit AT&T kommt?

Schwarzmann: Ich will hier nicht weiteren Spekulationen Tuer und Tor oeffen. Zudem ist eindeutig zwischen dem nationalen und dem internationalen Geschaeft zu trennen, wo zum Teil unterschiedliche Interessenlagen vorhanden sind. Auch fuer den nationalen Bereich gilt aber, dass eine wie auch immer geartete Konstellation arbeitsfaehig sein muss und nicht alle 14 Tage in Frage gestellt werden kann.

CW: Das klingt fast schon wie ein Nachruf auf den Ex-Partner Mannesmann.

Schwarzmann: Wir haben die Partnerschaft mit Mannesmann und darueber hinaus vieles mehr aufgrund der neuen, sich abzeichnenden regulatorischen Bedingungen zu ueberpruefen. Mehr will ich dazu im Moment nicht sagen.

CW: Gilt dies auch fuer das internationale Geschaeft und den Noch- Wunschpartner AT&T?

Schwarzmann: Hier kann ich nur auf die derzeitige offizielle Sprachregelung verweisen. Wir sprechen mit AT&T und anderen, sehen aber keinen Anlass zur uebertriebenen Eile. Erst recht betrachten wir es als keinen Nachteil, als einziger der grossen Player noch umworben zu sein. Wir werden rechtzeitig die richtige Entscheidung treffen und uns den Partner ins Boot holen, der nach Lage der Dinge am besten zu uns passt.

CW: Koennen Sie dies anhand eines Anforderungsprofils beschreiben?

Schwarzmann: Es wuerde zum Beispiel die Faehigkeit bedeuten, bei virtuellen privaten Netzen auf ein sogenanntes Global Seamless Network zugreifen zu koennen - mit Features wie One-Stop-Shopping und einem einheitlichen Billing. Darueber hinaus waere fuer uns ganz allgemein ein gewisses Carrier-Know-how beim Start in einen neuen Markt durchaus hilfreich. Dies sind nur zwei, wenn auch vielleicht die wichtigsten Eigenschaften.

CW: Was heisst fuer RWE Telliance ueberhaupt internationales Geschaeft?

Schwarzmann: Das Potential, wie auch immer und mit welchem Partner auch immer, dem Kunden ein unter Umstaenden weltweites Dienstleistungsangebot machen zu koennen. Das ist heute das international taetige Grossunternehmen und kann morgen schon der Mittelstaendler um die Ecke sein, der eine Filiale in Suedostasien eroeffnet.

CW: Und wenn nur der Brueckenschlag ueber den Rhein erforderlich ist, gibt es die neue deutsch-franzoesische Telecom-Achse zwischen RWE und Compagnie Generale des Eaux (CGE).

Schwarzmann: Ganz so hoch, wie Sie es gerade getan haben, wuerde ich die Angelegenheit mit CGE noch nicht haengen. Wie Sie wissen, gibt es derzeit nur ein Memorandum of Understanding zu gewissen Fragen. Wir sprechen mit den Franzosen ueber eine ganze Reihe von Gebieten, wo sich gemeinsame Interessen vermuten lassen - etwa die DECT-Problematik oder das Thema Datenfunk. Mit anderen Worten: Wir wollen zunaechst von einem gegenseitigen Erfahrungsaustausch profitieren, und es ist beileibe noch nicht daran gedacht, daraus sofort irgendwelche gesellschaftsrechtlichen Konsequenzen im Form von Joint-ventures oder aehnlichem zu ziehen.

Vision 2005

RWE Energie verfuegt ueber ein eigenes Glasfasernetz von 4300 Kilometern, das im Fernbereich rund 40 Prozent der Flaeche der Bundesrepublik abdeckt und in den vergangenen Jahren zum groessten und leistungsfaehigsten privaten Hochgeschindigkeitsnetz ausgebaut wurde. ... Auf der Basis vorhandener Aktivitaeten sowie ohne Beruecksichtigung von Neuakquisitionen duerfte der Konzern im Geschaeftsfeld Telekommunikation bis zur Jahrtausendwende ein Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Mark sowie ein deutlich positives Ergebnis erzielen. ... Allerdings sind vor dem Hintergrund des geplanten Ausbaus dieses Geschaeftsfeldes zusaetzliche Beteiligungskaeufe und strategische Allianzen wahrscheinlich, wodurch sich das Umsatz- und Ertragspotential wesentlich vergroessern koennte. Dies gilt vor allem, wenn RWE bei der Vergabe der Telefon- und Festnetzlizenzen beruecksichtigt werden sollte. In diesem Falle erscheint fuer den Konzern in rund zehn Jahren ein Anteil am deutschen Markt (geschaetztes Marktvolumen: etwa 100 Milliarden Mark) von fuenf Prozent moeglich.

Quelle: Branchen-Analyse Bayerische Vereinsbank Research