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08.12.1995

Stimmen aus dem deutschen Telecom-Markt (IV): AT&T AT&T Deutschland: Es besteht kein Grund zur Torschlusspanik

Zum magischen Datum 1. Januar 1998 wird viel gesagt und geschrieben - und dennoch scheint man ueber die alten und neuen Player im kuenftig liberalisierten deutschen Telecom-Markt nicht allzuviel zu wissen. Insbesondere trifft dies auf den US-Telecom- Giganten AT&T zu, dem stets ehrgeizige Deutschlandplaene nachgesagt werden, der bis dato aber den entsprechenden strategisch grossen Wurf schuldig blieb. CW-Redakteur Gerhard Holzwart sprach darueber mit Detlef Linssen, Geschaeftsfuehrer der AT&T Network Systems Deutschland GmbH, und Hans Neetix, AT&T-Direktor International Public Affairs.

CW: Was ist los mit AT&T, fragen sich viele Insider - nicht nur, was die juengsten Entwicklungen in Ihrem Unternehmen, sondern vor allem auch das bis dato sehr zurueckhaltende Engagement im deutschen Telecom-Markt angeht. Spielt die Bundesrepublik in Ihren strategischen Planungen keine Rolle?

Neetix: Der deutsche Markt ist einer der wichtigsten Kommunikationsmaerkte, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Es ist daher unverzichtbar, dass wir unseren Geschaeftskunden im In- und Ausland auch fuer Deutschland One-Stop-Shopping fuer weltweite Sprach- und Datendienste anbieten koennen. Schliesslich reden wir hier allein bei den Dienstleistungen und Services ueber ein Volumen von rund 80 Milliarden Mark, das bis zur Jahrtausendwende auf ueber 100 Milliarden Mark ansteigen duerfte. Der britische Markt kommt uebrigens, um einen Vergleichswert zu nennen, nur knapp auf die Haelfte dieses Volumens.

Linssen: Was ich von der Equipment-Seite - also allem, was zur Ausstattung oeffentlicher Netze gehoert - nur bestaetigen kann. Nicht umsonst haben wir im Juli dieses Jahres mit Philips ein sogenanntes Memorandum of Understanding unterzeichnet, das die Uebernahme von Teilen der PKI in Nuernberg vorsieht. Unser Commitment ist eindeutig: Deutschland ist auch in diesem Bereich der mit Abstand groesste Markt in Europa - mit einem jaehrlichen Volumen von immerhin 15 Milliarden Mark. Und wir haben es hier mit einem der umkaempftesten Maerkte ueberhaupt zu tun. Wer im Wettbewerb mit Alcatel und Siemens bestehen kann, der ist in der Lage, sich ueberall zu behaupten.

CW: Trotz aller Lobeshymnen auf den deutschen Markt nochmals die Frage: Was ist los mit AT&T? Machen Sie heimlich Geschaefte mit deutschen Kunden, waehrend BT, Cable & Wireless, Bellsouth & Co. nur darueber reden?

Neetix: Hier sollte man sich nicht in populaere Pauschalurteile fluechten. Wir bieten in Deutschland nicht mehr und nicht weniger an, als das, was erlaubt ist - naemlich Datenkommunikation und mit allen derzeitigen Einschraenkungen auch Sprachkommunikation im Rahmen von Corporate Networks.

CW: Reicht Ihnen dies auch fuer die Zeit ab dem 1. Januar 1998?

Neetix: Natuerlich nicht. Wir werden mit einer entsprechenden Strategie versuchen, unser Standing im deutschen Telefondienstmarkt bei Firmen wie Privatkunden zu verbessern. Ob dies direkt oder indirekt geschieht, muessen wir zukuenftigen Vertragsvereinbarungen ueberlassen. Wir sehen andererseits aber nicht den geringsten Grund, um in Torschlusspanik zu verfallen. AT&T ist nicht die Firma von nebenan, sondern einer der bedeutendsten Carrier ueberhaupt, mit mehr als 190 Millionen vermittelten Telefongespraechen, die taeglich weltweit ueber unser Netz laufen.

CW: Mit Kraftspruechen dieser Art befinden Sie sich in bester Gesellschaft auf dem deutschen Markt, wo es von neuen "bedeutenden" Netzbetreibern nur so wimmelt. Wir haetten es aber gerne etwas genauer. Darf man etwa mit einer Bewerbung von AT&T - mit oder ohne Partner - um eine bundesweite Telefondienst-Lizenz rechnen?

Neetix: Das sind keine Kraftsprueche, sondern Fakten, die sich aus unserer weltweiten Position ergeben. AT&T ist nun einmal einer der wenigen wirklich global operierenden TK-Unternehmen. Was Ihre Frage angeht, so kann man diese derzeit schlichtweg nicht beantworten. Wir wollen unsere Services zum Kunden bringen. Ob und wie wir das in Zukunft in Deutschland bewerkstelligen koennen, wird vor allem vom neuen Telekommunikationsgesetz abhaengen, das noch in den Ausschuessen beraten wird und dessen endgueltige Fassung demzufolge keiner kennt.

CW: Haben Sie sich deshalb auch bis dato bei der Auswahl eines deutschen Partners zurueckgehalten?

Neetix: Nein. Hier spielt die Diskussion um die Netzinfrastrukturen, also Ortsnetze versus Fernverbindungen, und deren Wettbewerbswirksamkeit eine Rolle. Diese Diskussion wird unserer Ansicht nach in der Bundesrepublik voellig falsch gefuehrt. Es geht nicht so sehr um die vermeintlich wichtigen alternativen Weitverkehrsnetze von RWE, Veba und Deutscher Bahn, deren vorzeitige Freigabe wir im uebrigen begruessen, sondern um den vielzitierten Local Loop. Hier bleiben alle Beteiligten naemlich die Antwort auf die entscheidende Frage schuldig, woher die restlichen 95 Prozent an Netzinfrastruktur fuer einen flaechendeckenden Dienst kommen sollen. Mit anderen Worten: Es muss ueber die Ortsnetze geredet werden und darueber, wie die 40 Millionen Anschluesse der Telekom in Zukunft auch von anderen Anbietern sinnvoll und fuer beide Seiten vertretbar genutzt werden koennen.

CW: Wie koennte dies konkret aussehen?

Neetix: Beispielsweise in Form einer fairen, diskriminierungsfreien Regelung des Zugangs, verbunden mit Tarifen, die sich an den langfristigen Grenzkosten des Telekom- Netzes orientieren. Die Tarife wiederum sollten vom Regulierer festgelegt und Verstoesse der Telekom sanktioniert werden. Wir fordern also eine sogenannte Ex-ante-Regulierung, das heisst, die Interconnection ist fuer alle transparent und verbindlich durch eine neue unabhaengige Regulierungsbehoerde als oberste Bundesbehoerde geregelt. Nur so kann jeder, der in das Servicegeschaeft einsteigen will, einen Business-Plan aufstellen und seine eigenen Preise kalkulieren.

CW: Soll die Telekom von der Vergabe etwaiger DECT-Lizenzen ausgeschlossen werden?

Neetix: Wir sehen bei der Telekom jedenfalls keinen Bedarf fuer den Einsatz von drahtlosen Ortsnetzen - egal, auf welcher Technik diese basieren. Der Wireless Local Loop sollte den neuen Anbietern vorbehalten bleiben. Andererseits muessen sich diejenigen, die hier ernsthaft glauben, den Noch-Monopolisten ausbremsen oder gar ueberholen zu koennen, fragen, wie sie mit Hilfe von drahtlosen Ortsnetzen all die derzeit hoch gehandelten Multimedia- und Online-Dienste zum privaten Endkunden bringen wollen. Wer ernsthaft in den Markt einsteigen moechte, kommt an den technischen Moeglichkeiten, die das Festnetz bietet, nicht vorbei. Aber ein fairer Wettbewerb steht und faellt mit den Regeln fuer ein Zusammenschalten der Netze.

Linssen: Trotzdem betrachten wir, um hier kein Missverstaendnis aufkommen zu lassen, den Wireless Local Loop als sehr wichtige Entwicklung; insbesondere auch, was dessen Komplementaritaet zum Mobilfunk angeht.

CW: Sind Sie mit den derzeitigen Plaenen des Bundespostministers, Netzbetreibern gemaess Paragraph 22 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschraenkungen das Angebot eines flaechendeckenden Dienstes zwingend vorzuschreiben, einverstanden?

Neetix: Wir haetten uns hier auch andere Kriterien vorstellen koennen, halten aber eine asymmetrische Regelung beim Universaldienst fuer zweckmaessig. Ob es allerdings Sinn macht, so etwas prinzipiell zu fordern, ist eine andere Frage, zumal wir doch laengst eine flaechendeckende Versorgung in der Bundesrepublik haben. Wozu also die unnoetige Belastung der Anbieter im Markt?

CW: Damit die Rosinenpickerei verhindert wird, wuerde zumindest Telekom-Chef Ron Sommer sagen.

Neetix: Ob die neuen Wettbewerber der Telekom aus den Ballungszentren in die Flaeche gehen koennen und wollen, haengt , wie schon erwaehnt, vom diskriminierungsfreien und kostenorientierten Zugang zum Telekom-Netz ab.

CW: Kommen wir zu dem, was vor einigen Wochen fuer Schlagzeilen gesorgt hat. Mit der angekuendigten Aufteilung des AT&T-Konzerns in drei unabhaengige Unternehmen wird die vertikale Integration bald der Vergangenheit angehoeren. Ihr CEO Robert Allen sprach auf der Telecom '95 in Genf von Beruehrungsaengsten, die bei der Kundschaft abgebaut werden muessen.

Linssen: Ich denke, dass man bei AT&T hinreichend deutlich gemacht, hat, was fuer eine Restrukturierung des Unternehmens spricht. Es sind mit Sicherheit mehrere Gruende. Was den Vorwurf einer Quersubventionierung zwischen dem Service- und Equipment-Geschaeft angeht, so existiert dieser mindestens seit der Gruendung der neuen - man muss jetzt ja schon wieder sagen: alten - AT&T im Jahre 1984. Was ihn im uebrigen nicht stichhaltiger macht. Jede Gruppe des Unternehmens war bisher fuer sich selbst verantwortlich. Dies wird durch die Restrukturierung unterstrichen. Nur ein kleiner Teil der Jahresumsaetze von Network Systems wird in Komponenten fuer das eigene AT&T-Netz investiert. Im uebrigen koennen Sie davon ausgehen, dass der Bereich AT&T-Services immer der anspruchsvollste Kunde von AT&T Network Systems war. Der wichtigste Grund fuer die Neuausrichtung von AT&T ist, dass wir mit einem Teil unserer Kunden als Carrier im Wettbewerb stehen und gleichzeitig deren Equipment- Lieferant sind.

CW: Welche Vorteile versprechen Sie sich denn von der Restrukturierung in bezug auf das Geschaeft mit Tele-com-Services und -Equipment?

Linssen: Wir wollen mit der Neuausrichtung sicherstellen, dass alle Geschaeftseinheiten noch besser den Anforderungen ihrer Maerkte und Kunden gerecht werden koennen, ohne dabei auf die strategischen Interessen anderer Einheiten Ruecksicht nehmen zu muessen. Mit anderen Worten: Es ist nicht mehr laenger moeglich, im Wettbewerb mit anderen TK-Dienstleistern zu stehen und gleichzeitig ihnen Telecom- oder Computer-Equipment verkaufen zu koennen. Wie Bob Allen schon sagte: Die Vorteile der Groesse des Unternehmens wurden zunehmend durch die Nachteile der Komplexitaet und des Bedarfs an internem Konflikt-Managements uebertroffen.

CW: Wie sieht denn Ihr Geschaeft mit den neuen Wettbewerbern der Deutschen Telekom aus?

Linssen: Die Umsaetze, die wir mit unserer Netztechnik und Systemkonfigurationen bei den neuen Anbietern generieren, nehmen, allerdings auf einem niedrigen Niveau, staerker zu als die mit der Telekom. Was jedoch nichts daran aendert, dass letztere bis auf weiteres der groesste und damit wichtigste Investor bleiben duerfte.

CW: Sie sprachen im Zusammenhang mit der Local-Loop-Problematik ueber die immense Bedeutung von Festnetzen fuer Multimedia. Welches kuenftige Anwendungsszenario schwebt Ihnen da vor?

Linssen: Zunaechst einmal kann man wohl feststellen, dass die Multimedia-Euphorie abgenommen hat und die Diskussion realistischer gefuehrt wird - in Europa sowieso, aber auch in den USA. Evolution statt Revolution heisst die Devise. Wir bei AT&T gehen davon aus, dass sich Multimedia zunaechst eher im Business- Bereich durchsetzen wird. Anwendungen wie Teleworking und Videokonferenz praktiziert man heute schon, waehrend das interaktive Fernsehen noch in Feldversuchen steckt. Im Entertainment-Bereich wird man, wie ich glaube, noch eine Menge Hausaufgaben erledigen muessen.

Umgemuenzt auf die Technik bedeutet dies, dass fuer uns vor allem ATM und Frame Relay wichtige Themen sind - weniger ADSL (Asymetric Digital Subscriber Line), was vielleicht der eine oder andere vermuten wuerde. Unsere Erfahrungen im US-Markt deuten jedenfalls darauf hin, dass eine hybride Kombination zwischen Glasfaser und Koax - also Glasfaser so nahe wie moeglich bis zum Endkunden - richtungsweisend sein koennte.

CW: Kommen wir zum Schluss noch einmal zurueck zum deutschen Markt. Die Frage nach einer Bewerbung um eine bundesweite Telefondienst- Lizenz haben Sie ausweichend beantwortet. Ich versuche es daher anders: Wann wird der deutsche Partner von AT&T bekanntgegeben?

Neetix: Wie Sie sicherlich wissen, haben wir zusammen mit Unisource einen Letter of Intent mit CNI Communications Network International GmbH unterzeichnet.

CW: Ist man bei AT&T darueber noch besonders gluecklich, nachdem der vermeintliche Wunschpartner RWE bei CNI ausgestiegen ist?

Neetix: Wir haben uns fuer einen Partner entschieden, an dem bis dato drei Gesellschafter beteiligt waren. Der Umstand, dass es nun innerhalb dieser Gesellschafterstruktur zu Veraenderungen gekommen ist, hat auf unsere Planung keinen Einfluss.

CW: Das Engagement bei CNI ist eher international ausgerichtet. Daher nochmals die Frage: Kommt es doch noch zum erwarteten Duo AT&T/RWE, auf das zumindest in Essen alles hinzudeuten scheint?

Neetix: Ihre Feststellung zu unserem Engagement bei CNI entspricht nicht den Tatsachen. Die Zielsetzung mit CNI besteht darin, den deutschen Markt zu bearbeiten.

CW: Setzt mit der Liberalisierung des deutschen Marktes fuer die Anbieter tatsaechlich der Geldsegen ein? Jedenfalls hat man bei RWE, Thyssen, Veba & Co. entsprechende Zahlen und Prognosen veroeffentlicht.

Linssen: Solange die Rahmenbedingungen fuer die Interconnection noch nicht festgeschrieben sind, die einen Kostenanteil von mehr als 50 Prozent ausmachen koennen, kann kein Unternehmen ernsthafte Kalkulationen anstellen. In diesem Zusammenhang wird noch so mancher Business-Plan umgeschrieben werden muessen.