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19.06.1987 - 

Bremer Forscher untersuchen elektromagnetische Effekte:

Strahlengefahr bei Arbeit an Bildschirmen umstritten

MÜNCHEN (dow) - Der Arbeitsschutz bei der Bildschirmarbeit ist nicht ausreichend. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Mitarbeiter des Forschungs- und Informationsbüro Bremen. Im Auftrag der Gruner + Jahr AG & Co. und der Zeitschrift "P. M. Computerheft" haben die Diplomphysiker eine Studie über die Strahlenbelastung bei der Arbeit am Bildschirmterminal erstellt und Insgesamt 16 Bildschirme verschiedener Hersteller auf biologische Effekte elektromagnetischer Strahlung hin untersucht.

Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse eindeutig zu sein: Keines der Geräte erreicht die derzeit in der Bundesrepublik geltenden Grenzwerte. Die Arbeit am Bildschirm würde demnach die Gesundheit eines Arbeitnehmers nicht beeinträchtigen. Das dreiköpfige Forschungsteam vermutet dennoch Gefahrenquellen weit unterhalb der gesetzlich festgelegten Werte. In ihren Ausführungen betonen sie: "Die heutigen Grenzwerte sind nicht als Schwellenwerte zwischen Gesundheitsschädlichkeit und Unwirksamkeit von Strahlungen aufzufassen, sondern sie sind lediglich zur Vermeidung deutlicher, akut feststellbarer Schäden geeignet."

Elektromagnetische Strahlung bedingt physikalisch den Aufbau und die Ausbreitung eines elektromagnetischen Wechselfeldes, das den menschlichen Körper durchdringt. Ein Einfluß auf biologische Systeme kommt nach Meinung der Forscher als Störgröße in Betracht, weil Kommunikationsprozesse von Zellen mit ähnlichen Frequenzen ablaufen. Bei der elektromagnetischen Strahlung sei nicht allein die Menge der Strahlung für biologische Effekte maßgeblich, sondern auch die Frequenz, mit der abgestrahlt werde.

Biologische Auswirkungen nicht einschätzbar

Die Wissenschaftler erwarten biologische Auswirkungen auf den menschlichen Organismus, die langfristig noch nicht einschätzbar sind, aber die körperliche Unversehrtheit entscheidend beeinflussen könnten. Bereits jetzt sehen sie Gesundheitsstörungen wie Kopfschmerz, Rötungen der Gesichtshaut, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, Augenschmerz, Streß, Atmungsprobleme sowie langfristig Herz-/Kreislaufstörungen als Folgeerscheinungen von Bildschirmarbeit. Äußerlich meßbarer Effekt sei die übermäßige Abgabe von Kalzium aus dem Zellverband, auf das der menschliche Körper bei einer Reihe wichtiger Regelungsprozesse im Körper angewiesen ist.

Elektromagnetischer Streß als Folge von dauernder Bildschirmarbeit führe zu physiologischen Abläufen, bei denen Streßhormone freigesetzt würden, die eine Steigerung des Herzschlages und Erhöhung der Atemfrequenz bewirkten.

Die Strahlenuntersuchung der Bremer Forschungsgruppe berücksichtigt folgende Aspekte:

- elektrostatische Felder aus der Hochspannung;

- das elektrische Feld aus der Bildwechselfrequenz;

- das elektrische Feld aus der Zeilenfrequenz;

- das elektromagnetische Feld aus den Ablenkspulen;

- die Röntgen-Streustrahlung aus der Bildröhre.

Lästig, aber noch nicht schädlich so wird die Strahlung bei der Arbeit am Bildschirm in den derzeit in der Bundesrepublik geltenden Richtlinien bewertet. Verglichen mit den derzeit herrschenden Normen sind die Ergebnisse der Messungen an den Bildschirmen positiv. Die Abstrahlungen erreichten zum Teil nicht einmal die Größenordnung des Grenzwertes; nur das elektrostatische Feld kann diesen Bereich streifen.

Die von der Deutschen Elektrotechnischen Kommission in der DIN VDE 0848 festgelegten Grenzwerte wurden also in keinem Fall überschritten. Die Bremer Forscher sind jedoch der Meinung, daß die derzeit geltenden Maßstäbe, nach der eine Schädigung des menschlichen Organismus beurteilt wird, zu hoch angesetzt sind: "Die Beeinflussung muß so deutlich sein, daß Sinnesorgane und Einzelzellen stimuliert werden, Reizschwellen der Muskel- und Nervenzellen erreicht werden oder die Herztätigkeit gestört wird. Wirkungen hingegen, die nur mit der Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder zusammenhängen, wie zum Beispiel Flimmerwahrnehmungen mit den Augen in starken Magnetfeldern, Bewegungen von Körperhaaren, Mikroschocks, Funkenentladungen oder kurzzeitige Entladungsschocks nach der Berührung von Gegenständen durch eine statisch aufgeladene Person, wurden nicht berücksichtigt."

Weiterhin formulieren die Forscher den Vorwurf, daß bei der Festlegung der international im Westen gültigen Orientierungsnormen nicht geprüft wurde, "ob bei gleichzeitiger Einwirkung mehrere Abstrahlungskomponenten, zum Beispiel aus unterschiedlichen Frequenzbereichen, neuartige Effekte auftreten oder sich die Wirkungen addieren oder gar wechselseitig verstärken". Die Bremer rechnen in bezug auf die sogenannten nicht-ionisierenden Strahlen damit, daß man sich darauf einstellen müsse, "daß die biologische Wirksamkeit bei Null beginnt und zunimmt, je höher die Frequenz der Wellen und die Intensität des Feldes ist".

Starke statische Felder seien die Ursache für ein feines Schmutzpartikel-Bombardement auf die Gesichtshaut der Person vor dem Terminal. Die Wechselwirkungen der schwachen Bildschirmfelder sollen die Kolloidstruktur der Körperzellen beeinflussen und damit die elektrische Leitfähigkeit verändern, von der die Informationsübertragung der Nerven abhängig ist.

Heute gültige Maßstäbe, an denen die Arbeitsbedingungen an Bildschirmen überprüft werden, beziehen sich im allgemeinen auf die ergonomische Gestaltung. In den unter anderem auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund formulierten Forderungen geht es um die Anpassung der Arbeitsgeräte an die physiologischen Erfordernisse des Menschen.

Strahlensicherheit blieb völlig unberücksichtigt

In neueren Untersuchungen zur Qualität von Arbeitsplätzen am Bildschirmterminal bleibt die Frage nach Strahlensicherheit ebenfalls noch völlig unberücksichtigt. Das Hamburger Amt für Arbeitsschutz legt zum Beispiel bei einer Untersuchung von rund 600 hanseatischen Betrieben mit insgesamt über 30 000 Arbeitnehmern den Schwerpunkt seiner Klage darauf, daß vor allem die Anordnung der Arbeitsplätze zu Fenstern und Lampen sowie die Beschaffenheit der Tastaturen und Arbeitstische mangelhaft seien und zu Belastungen der Augen und gesundheitsschädigenden Körperhaltungen führten.

Keinerlei Hinweise darauf, daß es Krankheiten gibt, die ursächlich auf die Arbeit am Bildschirm zurückzuführen sind, sieht Walter R. Riedinger, Pressesprecher der Barmer Ersatzkasse, Wuppertal. Auch in den eigenen Büros der größten bundesdeutschen Krankenkasse sind etwa 6000 Bildschirmterminals installiert. Nach Meinung Riedingers werden fälschlicherweise allgemein auftretende Beschwerden bei der Büroarbeit jetzt verstärkt mit der Arbeit am Bildschirm in Zusammenhang gebracht.

Oft ließen sich schon zum Beispiel durch eine günstigere Sitzhaltung oder eine neue Brille einige der Schwierigkeiten beheben. Außerdem habe die Akzeptanz oder die Ablehnung der neuen Technologien einen wichtigen Einfluß auf die Einschätzung der eigenen Befindlichkeit desjenigen, der damit umgehen muß. Gefährdungen durch Strahlenbelastungen - auch für Schwangere - sind nach dem derzeitigen Kenntnisstand der BEK nicht bekannt. Die Bremer Forscher verweisen jedoch auf bevölkerungsstatistische Untersuchungen aus Schweden, die aufzeigen, daß Frühaborte, Mißbildungen und Fälle von zu geringem Geburtsgewicht der Säuglinge bei Bildschirmarbeiterinnen verstärkt auftraten.

Das Bundesamt für Arbeitsschutz in Dortmund will sich erst nach eingehender Prüfung der Bremer Studie zum Thema Strahlenbelastung bei der Arbeit an Bildschirmterminals äußern. In Empfehlungen zum Arbeitsschutz weisen die Dortmunder jedoch die Arbeitgeber darauf hin, bei der Neuanschaffung der Geräte Vergleiche anzustellen, um vorsichtshalber strahlungsarmen Terminals den Vorzug zu geben.

Die Forschergruppe aus Bremen weist auf neue Techniken für Bildschirme wie Flüssigkristall und Plasma hin. Sie benötigten keine Hochspannung mehr - das elektromagnetische Feld ließe sich auf ein Zehntel der Untersuchungsergebnisse verringern. Mindestens müßten aber die Herstellerfirmen in Zukunft exakte Meßwerte über die Bildschirm-Abstrahlung in die Produktinformation aufnehmen.

Die IBM als größter Hersteller von Bildschirmterminals fühlt sich durch die Studie der Bremer Physiker "gar nicht angesprochen", wie eine Sprecherin des Unternehmens erklärt. Den eigenen Ergebnissen aus dem Jahre 1985 seien nach sorgfältiger Prüfung keine neuen Erkenntnisse hinzuzufügen.