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11.11.2008

Streit um die richtige Informatik

Professoren, Personaler und Praktiker sind uneins darüber, was unterrichtet werden soll und mit welchem Wissen die künftige Informatikergeneration am besten vorbereitet ist.

Wer heute Informatik studiert, droht auf absehbare Zeit zum neuen Prekariat zu gehören." Das sagt nicht etwa ein fachfremder Bürokrat, sondern jemand, der für die Ausbildung des Nachwuchses mitverantwortlich ist: Erich Ortner, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt. Gemeinsam mit seiner Fachkollegin Elisabeth Heinemann, die an der FH Worms unterrichtet und Mitglied im Präsidium der Gesellschaft für Informatik (GI) ist, legte Ortner ein Memorandum vor, das in seiner Kritik ungewöhnlich drastisch ausfällt und der Diskussion um mehr Praxisbezug in der Informatik neuen Zündstoff liefert. Das Fach Informatik, meint Ortner, sei zu sehr auf die Datenwelt fokussiert, obwohl in Wirtschaft und Verwaltung längst Prozesse wichtiger geworden sind. Aber darauf würden Studenten der Kerninformatik nicht hinreichend vorbereitet. Wirtschaftsinformatiker hingegen seien dank ihrer interdisziplinären Ausbildung sowie der praxisorientierten Denk- und Vorgehensweise klar im Vorteil.

Ortner zieht alle Register, um der ehrwürdigen Informatik am Zeug zu flicken. Das Curriculum müsse schleunigst auf Organisationsprozesse ausgerichtet werden und sich von seiner traditionellen Datenzentrierung verabschieden. Diesen Paradigmenwechsel hätten viele Professoren noch nicht wahrgenommen oder vielleicht sogar noch nicht begriffen. "Möglicherweise wird er auch aus Gründen des Machterhalts schlichtweg unter den Teppich gekehrt", argwöhnt der streitbare Hochschullehrer.

Laut Ortner stehen für den Daten- und für den Prozessansatz an den Hochschulen sehr unterschiedliche Kapazitäten zur Verfügung. "Während die Systeminformatik an der TU München allein 150 Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Software-Engineering beschäftigt", ärgert sich Ortner, "habe ich an der TU Darmstadt zurzeit fünf Mitarbeiter für die Entwicklung von Anwendungssystemen." Lernen vom Maschinenbau Gemessen am Bedarf in Wirtschaft und Verwaltung müsse das Verhältnis zwischen Systeminformatik (Rechnerprozesse) und Anwendungsinformatik (Organisationsprozesse) an den Hochschulen schleunigst auf den Kopf gestellt werden. Ein Argument, dem sich der IT-Verband Bitkom anschließt: "Wir teilen die Auffassung, dass der Anwendungsbezug in der Informatik zu kurz kommt", sagt Sprecher Stephan Pfisterer. "Seine Bedeutung sollte sich in der Ausrichtung und in den Ressourcen besser widerspiegeln."

Aufgaben der Hochschulen

  • Offenheit für die Erkenntnis, dass auch die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Absolventen zu ihren Themen gehört, und Vermittlung solcher Fähigkeiten;

  • schnellere Anpassung der Curricula an den technischen Fortschritt (kontinuierliche Qualitätssicherung);

  • Offenheit für engeren Austausch mit Unternehmen.

(Quelle: Stroh)

Dabei könne die Informatik Ortner zufolge von anderen Ingenieurwissenschaften lernen. "Wer etwa Maschinenbau studiert, muss ebenso wie in der Informatik Mathematik belegen. Nur handelt es sich hierbei um eine Mathematik, die sich auf die Aufgaben im Maschinenbau stützt und somit das Berufsfeld und seine Probleme per se in Betracht zieht", unterscheidet Ortner. Kaum hinnehmbar ist das ramponierte Image des Fachs bei jungen Frauen. Während ihr Anteil unter den Informatik-Erstsemestern laut Bitkom bei knapp 15 Prozent liegt, ist jeder zweite Mathematikstudent weiblich, selbst wenn man die Lehramtsanwärterinnen herausrechnet.

Das Echo auf Ortners Thesen, mit denen er die fachliche Ausrichtung der Informatik und ihre Praxisrelevanz anzweifelt, fällt zwiespältig aus. Die kritisierten Informatikvertreter weisen die Anschuldigungen erwartungsgemäß harsch zurück. Manfred Broy, Professor an der TU München, räumt zwar Nachholbedarf ein, etwa bei den Schlüsselqualifikationen: "Neben der Programmierung müssen Teamarbeit und auch Führungsfragen viel stärker zur Geltung kommen." Doch eine Konkurrenz zwischen System- und Anwendungsinformatik, wie von Ortner heraufbeschworen, sieht Broy nicht.

Während Broy seinen Kollegen dazu einlädt, gemeinsam daran zu arbeiten, dass die Disziplin ihrer Verpflichtung in Ausbildungs- und Forschungsaufgaben nachkommen kann, hält Stefan Jähnichen, Präsident der Gesellschaft für Informatik (GI) und Professor für Softwaretechnik an der TU Berlin, die Debatte "für relativ unnütz". Gefragt seien nicht nur die beispielsweise von Ortner ausgebildeten Wirtschaftsinformatiker als Prozess-Spezialisten, sondern auch und gerade Informatiker mit der Fähigkeit, Systeme zu entwerfen und zu gestalten. Auch Jähnichen appelliert, "mehr junge Menschen für die Informatik zu begeistern".

Während die von Ortner attackierten Fachkollegen dessen Kritik zurückweisen, stoßen seine Thesen in der Wirtschaft auf großes Echo. Beklagt wird nicht nur der Mangel an ausgebildeten Informatikern. Ebenso kritisiert wird, wie wenig die akademische Ausbildung auf die berufliche Praxis vorbereitet und wie sehr es jungen Informatikern an Schlüsselqualifikationen fehlt. "Informatiker werden wegen ihres häufig fehlenden Verständnisses für das Geschäft erst nachrangig gesucht", sagt zum Beispiel Karl-Heinz Stroh, Personalvorstand des Baumarkt-Konzerns Praktiker.

Was Firmen tun können

  • Die Studiengänge Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sowie insbesondere die neuen Bachelor-Abschlüsse durch die Bereitstellung von Praktika und Arbeitsangebote für Absolventen unterstützen;

  • Initiativen starten zur engeren Verzahnung von Studium und Praxis (zum Beispiel durch Innovationsprojekte);

  • attraktive duale Informatikstudiengänge fördern.

Ingenieure basteln irgendetwas, Informatiker sitzen den ganzen Tag vor dem Computer: Halten sich hier etwa hartnäckige Vorurteile? Keineswegs, meint Stroh. Anwenderfirmen nähmen nicht nur zu Unrecht an, dass Informatiker "eher auf sich und ihre eigene Arbeitswelt zentriert sind und sich schwertun, sich anderen Mitarbeitern oder Kunden lösungsorientiert verständlich zu machen". Dies bestätige sich auch in Bewerbungsgesprächen. Zudem berichtet Stroh, Mitgründer der "HR Alliance", die sich fortschrittlicher Personalarbeit verschreibt, dass das Wissen der Absolventen häufig nicht dem aktuellen Entwicklungsstand entspricht. Stroh bekräftigt Ortners Kernargument: "Letztlich wird die Beschäftigungsfähigkeit der Hochschulabsolventen in Frage gestellt."

Dieser Einschätzung schließt sich Thomas Sattelberger an. Wie der Personalvorstand der Deutschen Telekom erläutert, fehle es nicht wenigen Informatikern an den nicht fachgebundenen Fähigkeiten, die im klassischen Informatikerprofil sträflich vernachlässigt würden. "Heutzutage kann ein Informatiker nicht mehr nur Technik-Freak sein, sondern muss ebenso Teamfähigkeit und Geschäfts-Know-how mitbringen." Bei der Auswahl von Informatikern lege die Telekom daher großen Wert auf überfachliche Kompetenzen und ein Denken in Geschäftsprozessen. Sattelberger stellt klare Forderungen an die Professoren: "Die Vermittlung einer prozessorientierten Denkweise sowie Kenntnisse in der Projekt- und Teamarbeit sollten integraler Bestandteil jedes Informatikstudiums sein."

Sattelberger favorisiert duale Studienangebote wie etwa die Telekom-eigene Ausbildung zum "Telekommunikationsinformatiker". Sie erfreue sich hoher Nachfrage. Ihre Absolventen würden von der Telekom auch mit offenen Armen empfangen. Professoren hingegen verweisen auf die neuen Bachelor-Studiengänge, die deutlich mehr an den Interessen des Arbeitsmarktes ausgerichtet seien.

Dem Vorwurf, die Informatik sei zu praxisfern, tritt GI-Präsident Jähnichen aber entschieden entgegen. Vielmehr seien die Kerngebiete "sehr anwendungsorientiert", die Disziplin selbst sei eine Schlüsseltechnologie. Weil ohne Informatik kein Auto fahre und kein Flugzeug fliege, sei sie eine Schnittstellentechnik, die in interdisziplinären Projekten die Führungsrolle übernehmen müsse. "Deshalb werden IT-Experten überall benötigt, und nicht nur Fachleute aus den Anwendungsgebieten, die nebenbei etwas Informatik gelernt haben."

Dieser Argumentation kann Bernhard Schmid, selbst Informatiker und nach zahlreichen Stationen mit operativer Verantwortung heute Beirat in IT- und Dienstleistungsfirmen, nichts abgewinnen. Ortners Kritik hingegen hält er für überfällig. So sei die klassische Programmierung in der beruflichen Praxis inzwischen von modellbasierender Entwicklung und agiler Programmierung abgelöst worden, hier sei genaueste Prozesskenntnis gefragt. Schmid gehen die Vorschläge von Ortner hinsichtlich der Prozessoptimierung nicht weit genug. "Im Vergleich zum Automobilbau mit seinen ausgefeilten Wertschöpfungsketten ist die Entwicklung von Anwendungen noch nicht übers Werkstattniveau hinausgekommen."

Freilich finden die gescholtenen Hochschullehrer auch Verbündete. "Das Studium ist schon okay", sagt zum Beispiel Ulrich Bode, stellvertretender Sprecher für Freiberufler in der GI. "Ich kann mich nicht beklagen." Projekt-Management, Kundennutzen und Soft Skills "sollte man im Elternhaus, in der Schule und vor allem durch praktische Tätigkeit lernen".

Laut Bode ist es unerheblich, ob man sich zunächst mit System- oder Anwendungsinformatik vertraut macht. "Ich habe neben dem Studium berufsnah gearbeitet. Das war die beste Lehrzeit." Übungen an der Universität, so anwendungsnah sie auch sein mögen, ersetzten nicht die "gelebte Praxis". Die duale Ausbildung, da stimmt Bode Sattelberger ausdrücklich zu, könnte durchaus ein Modell für die Hochschulen sein.

Die Diskussion zeigt, dass zwischen Hochschulen und Wirtschaft unterschiedliche Auffassungen bestehen. Wer die mangelnde Praxisorientierung der Informatik beklagt hat, sieht sich durch die von Ortner angestoßene Debatte bestärkt. Gewiss ist seine Argumentation etwas zugespitzt, ein "Zerrbild", wie Bitkom-Sprecher Pfisterer kritisiert. Doch auch er räumt ein, dass ein Problem der Informatik darin liege, "dass sie oft die technisch beste, nicht die wirtschaftlichste Lösung sucht". Wenn Innovationsfähigkeit künftig das Rennen im globalen Wettbewerb mitentscheidet, werden Unternehmen Wirtschaftsinformatiker wie Systeminformatiker gleichermaßen benötigen. "Aber eben ausgestattet mit den zusätzlichen Befähigungen jenseits des fachlichen Wissens", hakt Praktiker-Personaler Stroh nach, "ohne die niemand mehr in den vernetzten Unternehmensstrukturen auskommt."