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26.08.1994

Studie untersucht Verhalten in DV-Projekten Ein Drittel der Arbeitszeit geht fuer die Kommunikation drauf Von Felix Brodbeck*

Kommunikation in Softwareprojekten ist gut, viel Kommunikation ist besser, auch wenn es die Chefs nicht wahrhaben wollen. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universitaeten Muenchen und Giessen, die in einer umfassenden Studie das Verhalten von Mitarbeitern in DV-Vorhaben untersuchten.

Namhafte Vertreter des Software-Engineerings behaupten, dass umfangreiche Kommunikation in Projekten zur Software-Entwicklung (SE) zu Prozessverlusten fuehrt und dass Arbeitszeit, die mit Kommunikation verbracht wird, nicht als produktive Zeit zu werten sei.

Dem stehen Beobachtungen aus der Praxis gegenueber, dass Software- Entwicklung in Projektarbeitsgruppen durch eine hohe Aufgabeninterdependenz zwischen den Projektmitarbeitern und durch interdisziplinaere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachgruppen gepraegt ist. Eine solche Arbeitssituation laesst vermuten, dass an die Projektmitarbeiter umfangreiche Kommunikationsanforderungen gestellt werden und dass ein lebhaftes Kommunikationsverhalten in SE-Projekten sich positiv auf die Projektleistung auswirkt.

Im Rahmen der arbeitswissenschaftlichen Untersuchung von Projekt IPAS (siehe Kasten auf Seite 38) wurden Arbeitstaetigkeiten und Kommunikationsverhalten von Mitarbeitern sowie die Produktivitaet von SE-Projekten analysiert.

Durchschnittlich werden etwa 33 Prozent der Arbeitszeit in SE- Projekten fuer rein kommunikative Taetigkeiten verwendet (Sitzungen, Beratung, Gespraeche, Akquisition, Praesentation und Projektorganisation). Typische SE-Taetigkeiten wie Spezifizieren, Codieren, Testen, Debuggen und Review machen weitere 43 Prozent der Arbeitszeit aus, und unterstuetzende SE-Taetigkeiten wie Dokumentation, Wartung und technische Unterstuetzung rund zwoelf Prozent.

Mit Ausnahme von Codieren und Dokumentation fallen bei allen typischen und unterstuetzenden SE-Taetigkeiten Kommunikationsanforderungen in einem Ausmass an, das auch bei Projektorganisation, Akquisition und Praesentation bewaeltigt werden muss.

Fuer die Behauptung, dass intensive Kommunikation die Produktivitaet von SE-Projekten vermindere, laesst sich in unserer Untersuchung kein empirischer Beleg finden. Im Gegenteil, es zeigt sich: Je intensiver die Kommunikation beziehungsweise je hoeher der zeitliche Aufwand fuer Kommunikation in SE-Projekten ist, desto hoeher ist die Projektleistung (Termin- und Kosteneinhaltung, Projekterfolg, Teameffizienz, Aenderbarkeit der Software), gemessen nach Ablauf von sechs bis zwoelf Monaten (siehe Grafik).

Projekte mit Benutzerbeteiligung - sie weisen in der Regel eine hohe Interdisziplinaritaet auf - profitieren noch deutlicher von einem lebhaften Kommunikationsverhalten der Mitarbeiter als SE- Projekte, in denen keine Anwender dabei sind.

Auch das Argument, es sei nur eine Frage der Zeit, dass im Zuge der Methoden- und Werkzeugentwicklung ein Standardisierungsgrad erreicht werde, der den bisher notwendigen Kommunikationsaufwand in SE-Projekten reduzieren koenne, wird durch die Untersuchung entkraeftet.

Weitreichende Standardisierung geht zwar erwartungsgemaess mit einer guten Projektleistung einher, reduziert aber den zeitlichen Kommunikationsaufwand in den untersuchten SE-Projekten nicht. Im Gegenteil, jene SE-Projekte, die einen hohen Standardisierungsgrad erreicht haben, weisen auch eine lebhafte und intensive Kommunikationskultur auf. Tiefergehende Analysen zeigen, dass intensive Kommunikation als Voraussetzung fuer Standardisierung angesehen werden muss.

Erklaeren laesst sich der gezeigte Effekt dadurch, dass die typischen Kennzeichen von SE-Projekten wie hohe Aufgabeninterdependenz und Interdisziplinaritaet es erfordern, die durch Standardisierung eingesparte Arbeitszeit doch wieder fuer Taetigkeiten mit umfangreichen Kommunikationsanforderungen zu verwenden.

Die Aus- und Weiterbildung muss sich daher staerker auf Seminare ueber Kommunikation und Kooperation fuer DV-technische Berufe stuetzen. Eine wirklich produktive Interaktionskultur in SE- Projekten entwickelt sich allerdings erst dann, wenn DV- technische, kommunikative und organisationale Kompetenzen anhand konkreter Arbeitsaufgaben und innerhalb bestehender Projektarbeitsgruppen integrativ weiterentwickelt werden koennen.

(wird fortgesetzt)

Produktivitaet und Qualitaet in der SW-Entwicklung

In dieser Serie wird ueber die arbeitswissenschaftliche Untersuchung von Projekt IPAS (Interdisziplinaeres Projekt zur Untersuchung der Arbeitssituation in der Software-Entwicklung) berichtet, die das Bundesministerium fuer Forschung und Technologie (BMFT) im Rahmen des Programms Arbeit und Technik foerderte. An insgesamt 200 Arbeitsplaetzen in 29 Software-Entwicklungsprojekten wurden Arbeitsanalysen, Interviews und schriftliche Befragungen durchgefuehrt. Die empirischen Ergebnisse sowie Vorschlaege fuer praktische Konsequenzen zum Human Resource Management sind in Buchform beim Oldenbourg Verlag im Juli 1994 erschienen unter dem Titel "Produktivitaet und Qualitaet in Software-Projekten" (Hrsg. Brodbeck, F.C. und Frese, M., 228 Seiten, 78 Mark).

*Dr. Felix Brodbeck ist wissenschaftlicher

Assistent am Institut fuer Psychologie der Universitaet Muenchen.