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13.02.1987

Studienabbrecher können DV-Manpower auffüllen

Karl Bolle Geschäftsführer des Computer-Bildungs-Instituts (CBI), Wiesbaden

Laut Schätzungen des ZVEI gibt es zur Zeit etwa 30 000 bis 40 000 offene Stellen für DV-Fachkräfte: Das Überstundenpensum der Fachabteilungen sowie ein überproportionaler Einsatz von freien Mitarbeitern und Leihkräften belegen diesen Zustand. Gleichzeitig hat uns eine fehllaufende Bildungspolitik bereits heute zirka 150 000 arbeitslose Akademiker aller Fachrichtungen beschert. Bis zum Jahr 2000 wird wahrscheinlich ein Akademikerangebot von drei Millionen Menschen höchstens - einer Million adäquater Arbeitsplätzen gegenüberstehen.

Im boomenden Fachbereich Informatik leisten wir uns indes mit 4600 vergebenen, jedoch nur 2600 verfügbaren Studienplätzen eine Ausschußquote von nahezu 50 Prozent. Die schätzungsweise 1500 Diplom-Informatiker des Studien-Jahres 86/87 decken dabei gerade den Bedarf einer Firma wie Siemens.

Aber auch mit dem Studienabschluß 1991 werden aus allen wissenschaftlichen Hochschulen und Fachhochschulen nicht mehr als 6000 Informatik-Absolventen der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Um zu verstehen, was damit auf die DV-Verantwortlichen zukommt, muß man sich noch einmal die EDV-Berufszahlen der Enquete-Kommission für 1991 (vom größten deutschen Softwarehaus SCS in Hamburg ermittelt) vergegenwärtigen: Jeder zweite Berufstätige wird direkt mit Computern zu tun haben; jeder siebte Berufstätige soll programmieren können; jeder zwanzigste Berufstätige muß EDV-Spezialist sein. Woher sollen bei höchstens 300 000 verfügbaren Softwerkern in fünf Jahren mindestens 700 000 DV-Fachleute herkommen?

Das Studienparadies Bundesrepublik, deren Steuerzahler jeden Studienplatz mit zirka 200 000 Mark finanzieren, verkraftet nicht nur die fehlenden Facharbeiter. Unsere Gesellschaft leistet , sich auch noch den Luxus, etwa 500 000 Studienabbrecher als Treibholz, als Versager, als Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Das sind Fehlleistungen, die fast an die Ressourcenvergeudung sozialistischer Planwirtschaft erinnern. Leider geht es hierbei um unser wichtigstes. Potential: menschliche Intelligenz, Selbstvertrauen und Begeisterungsfähigkeit.

Wer diesen Dingen so wenig Beachtung schenkt wie unsere Bildungspolitiker es tun, der braucht sich nicht zu wundern, wenn wir mehr und mehr im Windschatten des amerikanisch-asiatischen Wirtschaftsraumes zurückbleiben.

Angesichts dieser Misere und anhand dessen, was in wenigen Jahren an Manpower-Problemen auf uns alle zukommt, ist die Wirtschaft gefordert. Langsam, aber sicher wird sich herumsprechen, daß nicht die Scheine der "Schein-Universitäten" gefragt sind, sondern betriebsnahe, praxisorientierte Ausbildung, wie es so manche private Ausbildungsstätte gerade im EDV-Bereich vorexerziert. Wie ist es sonst zu erklären, daß postgraduierte Absolventen aller Fachrichtungen bereits während der nur neunmonatigen Umschulung zum Organisations-Programmierer zu 80 Prozent Jobangebote in der Tasche haben?

Haben sich private Weiterbildungsinstitute deshalb nicht vorzunehmen, den immer stärkeren Bedarf der Wirtschaft nach fähigem DV-Nachwuchs vermehrt aus den Reihen talentierter Studienabbrecher und Abiturienten zu suchen?

Heinrich Franke, der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, sagte vor kurzem, daß die EDV sich zur vierten Kulturentwicklung entwickle. In diese Richtung zielt die geplante Bildungsoffensive der Bundesanstalt für Arbeit. Um hierbei den größtmöglichen Nutzen zu erzielen, sollte die Bundesanstalt mit allen angeschlossenen Arbeitsämtern folgenden Umdenkungsprozeß einleiten:

- Die Bevorzugung lokaler Billiganbieter ist für die Teilnehmer in der Regel nicht so erfolgreich, wie sie es sein könnte.

- Wie in der Wirtschaft üblich, sollte vermehrt nach dem bewährten Preis/Leistungs-Verhältnis verfahren werden. Da eine gute Schulung in der Regel kleiner, aber der Erfolg - sprich die Jobvermittlungsquote - meistens überproportional größer ist, müßte dieser Gesichtspunkt besonders honoriert werden.

- Wenn auf diese Weise vermehrt neutrale, unabhängige Schulungs-Schwerpunktzentren als verläßliche Nachwuchslieferanten der Wirtschaft die verdiente Unterstützung finden werden, dann wird auch das Steuergeld der Beitragszahler optimal angelegt sein.

Viele Studienabbrecher können sich beispielsweise mit Hilfe des Arbeitsförderungsgesetzes die einjährige Ausbildung zum DV-Fachmann finanzieren. Oder Abiturienten haben die Möglichkeit über das zweijährige Wirtschaftsinformatik-Programm, das mittels Azubi-Verträgen mit vorausdenkenden Firmen durchgeführt wird, in das DV-Dorado einzusteigen.

Wer jetzt schläft, sei es Abiturient, Studienabbrecher, fertiger Akademiker oder auch Unternehmen, wird es schwer haben, in der vor uns liegenden Informationsgesellschaft zu bestehen.