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30.10.1992 - 

Projekt-Management in der Praxis (Teil 23)

SW-Entwickler zwischen hohen Belastungen und vielen Freiräumen

Die Tätigkeit vieler SoftwareEntwickler ist durch hohe Beanspruchungen gekennzeichnet. Daß die Beschäftigten bereit sind, sind so stark zu engagieren, ist nicht zuletzt auf den großen Gestaltungsspielraum zurückzuführen, den sie bei der Arbeit haben.

Bislang haben wir uns mit dem Prozeß der Software-Entwicklung unter Aspekten des Projekt-Managements und der Projektorganisation auseinandergesetzt: Wie tragen diese zum Projekterfolg bei? Welche erfolgversprechenden Ansätze gibt es, wo bestehen Defizite? Die Arbeits- und Beschäftigungssituation der Entwickler und die Abhängigkeit der Auftraggeber davon haben wir nur am Rande behandelt. Der Themenbereich war Gegenstand des Teilprojekts Arbeitspsychologie des Ipas-Projekts.

Der Wechselbezug von Projektorganisation und -Management einerseits und den

der Beschäftigten andererseits war immer wieder erkennbar. Der Verlauf und das Ergebnis von Projekten sind nicht zuletzt vom Eigenbeitrag ,von der Qualifikation und der Motivation der Software -Entwickler abhängig; deren Können und Einsatz werden ihrerseits wesentlich von Projektorganisation und -Management bestimmt. Auch Gudrun Trautwein-Kalms stellt in ihrer Untersuchung über die Arbeitsbedingungen von Computerfachleuten fest: "In komplexen anspruchsvollen Arbeitsabläufen und zunehmender Systemkomplexität wächst die Abhängigkeit von der Einsatzbereitschaft und Kreativität menschlicher Arbeitskraft, die wiederum von Motivation, Engagement und Arbeitsfreude der Beschäftigten abhängig ist. Direkte Kontrolle durch das Management Ó la Tay lor wäre kontraproduktiv."

Neben den eigentlich softwaretechnischen Kenntnissen und Fertigkeiten erwiesen sich Kompetenzen von Bedeutung, die mit "extrafunktional" oder "sozial" irreführend und zu eng umschrieben wären. Es geht hier um eine Kombination von technischen, organisatorischen und sozialen Leistungen und vor allem um die Bereitschaft und Fähigkeit, diese eigenständig einzubringen. Diese "offiziell" nicht vorgegebenen und auch letztlich nicht vorschreibbaren "stillen Leistungen sind für die Bewältigung der Entwicklungsprozesse unverzichtbar.

Gerade die Defizite, die unsere Untersuchungen im Projekt-Management aufgewiesen haben, die Notwendigkeit, Regulierungslücken zu füllen beziehungsweise statische Regelungen an die Erfordernisse des Softwareprozesses anzupassen ,zeigen die große Bedeutung dieser stillen Leistungen.

Dies gilt insbesondere für die Regulierung des Arbeitsablaufs im Entwicklungsprozeß. Der Soziologe J. Strübing hat den gängigen Arbeitsstil bei der Software-Entwicklung erforscht. Er stieß dabei bei der Mehrzahl der Entwickler auf einen sehr "hemdsärmeligen Stil". Typisch sei eine "situative Variation der sequentiellen Vorgehensweise", die man Durchmischung nennen könne, sowie eine "skizzenhafte Selbstverständigung", durch die man sich schrittweise von dem relativ groben Entwurf an die Lösung heranarbeite. Bezeichnend für diese Entwurfsprozesse sei ihre Zyklität.

Solche Methoden verdankten sich nicht persönlichen Marotten der Akteure, sie hätten vielmehr eine unverzichtbare Funktion im Arbeitsprozeß. Zwischen ihnen und den Regeln und Anforderungen eines statischen Projekt-Managements besteht notwendigerweise ein Spannungsverhältnis, und so konstatiert auch Strübing einen Bruch "zwischen arbeitslogisch unabweisbarer Zyklität und der dadurch nahegelegten Handlungsorganisation einerseits sowie den Regeln der Organisation andererseits." (Strübing, S. 60).

Die Geschichte gescheiterter oder in Schwierigkeiten geratener Projekte ist nicht zuletzt durch den Entzug der genannten Eigenleistungen gekennzeichnet. Es war dennoch immer wieder bemerkenswert, in welchem Maße diese stillen Leistungen gerade auch unter erschwerenden Bedingungen erbracht wurden.Die Entwickler nahmen große mentale und emotionale Beanspruchungen sowie Überstunden in Kauf, um ein vorgegebenes Pensum zu erfüllen und Termine zu halten.

Unter welchen Umständen sind Beschäftigte dazu bereit? Welche Anforderungen und welche Gratifikationen kennzeichnet die Arbeitssituation der Software-Entwickler?

"Im großen und ganzen", resümieren Frese und Brodbeck die Ergebnisse des arbeitswissenschaftlichen Teilprojekts von Ipas, "sind die Arbeitsbedingungen der Software-Entwickler aus arbeitswissenschaftlicher Warte recht gut. Sie haben herausfordernde und ganzheitliche Aufgaben von hinreichender Komplexität sowie Möglichkeiten der sozialen Interaktion am Arbeitsplatz. Dennoch existieren einige Streßbedingungen, die durchaus auch in diesem zum Teil privilegierten Arbeitsbereich zu psychischen Beschwerden beitragen können: zuviel Arbeit, häufige Unterbrechungen, Informationen sind entweder ungenau oder kommen zu spät, schlechte Karrierechancen." (Frese und Brodbeck, S. 6).

Diese Charakterisierung der Arbeitssituation der Software-Entwickler wird durch die Befunde unserer Untersuchungen bestätigt: Relativ großen Gestaltungsfreiräumen stehen hohe Anforderungen gegenüber. Dabei besteht eine komplementäre Beziehung zwischen diesen beiden Aspekten. Beanspruchungen werden in Kauf genommen.,weil Freiräume bestehen, diese sind ihrerseits mit Beanspruchungen verbunden, etwa der Notwendigkeit, sich mit Eigeninitiative und Lernbereitschaft

voll einzubringen." Arbeitszufriedenheit zieht ein Softwar-Ingenieur weniger aus dem pünktlichen Schluß des Arbeits tages, nach dem erst das eigent liche Leben beginne. Selbst das Gehalt ist höchstens in der Zeit um die Gehaltserhöhungsrunden herum Thema Nummer eins. Vielmehr wird sein Engagement, sein Einsatz bestimmt durch die Aufgabe, die ihm übertragen ist. Je ganzheitlicher diese Aufgabe ist, um so interessanter erscheint dem Entwickler die Arbeit, um so mehr identifiziert er sich damit und stellt die seinem eigenen Qualitätsanspruch -genügende Erledigung dieser Aufgaben in den Mittelpunkt seines Handelns." (Simonsmeier, S. 208). Wo diese Komplementarität gestört ist ,weil Freiräume eingeschränkt werden oder Beanspruchungen über Gebühr anwachsen, wird die Situation problematisch: Sei es, daß man nicht mehr berei ist, sich stark zu engagieren weil die Gratifikationen nicht mehr im Verhältnis zu den Anforderungen stehen, und mit innerer oder äußerer Kündigung reagiert; sei es, weil man nicht mehr kann, weil die Beanspruchungen zu groß werden.

Die Wechselbeziehung zwischen Freiräumen und Beanspruchungen zeigt sich auch bei dem Phänomen des "Burn-Out" (Burisch, Simonsmeier).

Zunächst meint dieser Begriff ein Symptom der Überforderung, der Konfrontation mit langanhaltenden hohen Beanspruchungen. "Alle mir bekannten, in der Industrie tätigen Software-Ingenieure-, so konstatiert ein selbst in der Software-Entwicklung aktiver Autor, "unabhängig von Berufserfahrung, Ausbildungsgang, Geschlecht, Alter, Selbstbewußtsein und von ihrem Wissen über Komplexität und Fehlerstatistiken, sind durch die Komplexität der zu realisierenden Software und die Mängel ihrer Arbeit ständig überfordert."

Zu diesem Gefühl der Überlastung können auch die hohen, kontinuierlichen Lernanforderungen beitragen. Aber auch hier sind Gratifikationen und Beanspruchungen komplementär: "Um Burn-Out zu verhindern, können zum einen Streßbedingungen am Arbeitsplatz verringert werden. Dies ist aber nicht der einzige Weg.

Es ist auch möglich, den Handlungsspielraum und die Arbeitskomplexität zu erhöhen. Ein hoher Handlungsspielraum impliziert, daß man entscheiden kann, was man auf welche Art und Weise unter welchen Bedingungen ausführt.

Eine hohe Arbeitskomplexität reduziert Monotonie und ermöglicht das Gefühl der Herausforderung

Sowohl Überforderung im Bereich der Streßbedingungen als auch Unterforderung bei geringer Komplexität der Arbeit stellen in der Software-Entwicklung eine potentielle Gefahr dar." (Frese und Brodbeck, S. 7).

Rigide Regulierungen reduzieren Belastbarkeit

Streßsituationen entstehen vor allem dort, wo die Diskrepanz zwischen einer rigiden offiziellen Projektsteuerung und den Anforderungen des Arbeitsprozesses groß ist und durch stille Leistungen überbrückt werden muß. Zugleich bietet diese Situation aber auch Herausforderungen und Freiräume, die die Bereitschaft, diese Aufgaben zu lösen ,stärken. Die Bereitschaft zu stillen Leistungen wird dabei weniger durch zu hoch gesteckte Ziele in Frage gestellt, als vielmehr dadurch, daß die Definition dieser Ziele wie auch der Weg zu ihnen formal in einer Weise reguliert und vorgegeben sind, die dem eigenen Arbeitsstil nicht entspricht. In dem Maß, in dem Freiräume rigiden Regulierungen zum Opfer fallen, reduzieren sich Belastbarkeit und Einsatzbereitschaft. Daraus folgt daß jeder Versuch, den entwicklerspezifischen Arbeitsstil durch ein engmaschigeres Netz von Vorgaben zu rationalisieren, letztlich ein Pyrrhussieg sein wird: Den stillen Leistungen wird sozusagen der Nährboden entzogen, aus dem sich die notwendige Motivation zu Eigeninitiative speist. Die Komplementarität von Gratifikation und Beanspruchungen gerät aus dem Gleichgewicht.

Literatur

Burisch, M: Das Burnout Syndrom. Berlin 1989

Frese, M; Brodbeck, F.: Psychologische Aspekte der Software -Entwicklung. Unveröffentlichtes Manuskript, Marburg 1992

Simonsmeier, W.: Arbeitszufriedenheit und Überforderung der Software-Entwickler und -Ingenieure.In: Trautwein-Kalms, G. (Hrsg.): Kontrast-Programm

Mensch-Maschine. Köln 1992

Sonnentag, S.; Brodbeck, F.; Heinbokel,

T.; Stolte,W.: Burnout in a Technical

Profession: Stressor Burnout Relationship in Software Development. Unveröffentlichtes Manuskript, Gießen 1992

J. Strübing: Arbeitsstll und Habitus - zur Bedeutung kultureller Phänomene in der Programmierarbeit. Kassel 1992

G. Trautwein -Kal ms: Beschäftigtenstruktur, Arbeitsbedingungen und Interessen von Computerfachleuten. Unveröffentlichtes Manuskript, Düsseldorf 1992