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17.05.1991

"Synergiepotentiale kann man nur erarbeiten"

Mit Rainer Liebich Chef der NCR GmbH, Augsburg, sprach

Für die NCR Corporation tut sich ein neues Kapitel ein ihrer knapp 107jährigen Firmengeschichte auf. Künftig wird der Rechnerhersteller aus Dayton/Ohio nicht mehr ab eigenständiges Unternehmen, sondern als Computerdivision der American Telephone & Telegraph (AT&T) im weltweiten DV-Geschäft operieren. Obwohl sich die New Yorker Telefon-Company bislang im Computer-Business wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat und viele DV-Fusionen in der Vergangenheit kläglich scheiterten sehen Marktauguren in den USA diese Verbindung Positiv. Optimismus auf der ganzen Linie strahlt auch NCR-Deutschland-Chef Rainer Liebich aus. Er ist fest davon Überzeugt, daß NCR unter dem Dach von AT&T eine gute und erfolgreiche, Zukunft haben wird.

CW: Herr Liebich, was war denn Ihr erster Gedanke, als die Meldung vom definitiven Fusionsentscheid AT&T/NCR über den Ticher kam?

Liebich: Der erster Gedanke war: Gott sei Dank, jetzt ist es vorbei.

CW: Also Erleichterung auf der ganzen Linie?

Liebich: Sicher, denn diese doch lange Zeit der Unsicherheit hat die Mitarbeiter und auch die Kunden schon etwas unruhig gemacht.

CW: Obwohl Sie in den vergangenen Monaten immer wieder betont/eben, daß die Kunden auf das Übernahmegezerre eher gelassen reagieren.

Liebich: Trotzdem Unsere Aufgabe ist es nicht, Unternehmenszusammenschlüsse zu verkaufen, sondern Systemkonzepte.

CW: Woran lag es denn Ihrer Meinung nach, daß sich NCR und AT&T letztlich doch noch gütlich geeinigt haben? Hatte vielleicht das Ergebnis der außerordentlichen Hauptversammlung, die am 28. März 1991 stattfand, so etwas wie eine Signalwirkung?

Liebich: Es ist ein ganz normaler Prozeß, daß sich ein Handel, der geprägt ist durch hohe Forderungen und durch ein niedriges Gegengebot, bei einem Mittelwert einpendelt. Charles Exleys Verpflichtung als Manager ist es nun einmal, aus solchen Situationen das Beste für das Unternehmen und die Shareholder zu machen. Das hat er geschafft.

CW: Dennoch ist gerade für AT&T jene Hauptversammlung enttäuschend verlaufen. Die New Yorker hatten wohl mit einem klaren Votum zu ihren Gunsten gerechnet.

Liebich: Eine Übernahme ist immer eine Frage des Geldes. Sicherlich hat die Hauptversammlung AT&T aufgezeigt, daß sie in finanzieller Hinsicht noch etwas zulegen müssen. Wenn man nur 60 Prozent Stimmen erhält, aber 80 Prozent braucht, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als den Preis zu erhöhen.

CW: Sie haben den Zusammenschluß mit AT&T von Beginn an grundsätzlich positiv gesehen. Welche Vorteile bringt diese Verbindung für NCR nun tatsächlich?

Liebich: Das positivste ist eigentlich, daß wir mit dem Merger praktisch die Voraussetzungen für ein Konzept des Network-Computing von zwei Seiten haben. NCR stellt die DV-Systeme her, während AT&T weltweiter Spezialist in Sachen Datenübertragung ist. Das ist von großer Bedeutung: Heute geht es nicht mehr so sehr darum" eine Schnittstelle vom Computer zur Nebenstellenanlage zu schaffen. Vielmehr muß man ganz klar sehen, daß der monolithische Mainframe tot ist das Computing der Zukunft heißt Informationsverarbeitung in und mit globalen Netzen.

CW: Ist aber für NCR nicht auch von Vorteil, nun mit AT&T finanziellen Rückhalt für die im September letzten Jahres angekündigte Open-Systems-Strategie zu haben? Exley hat ja bereits vor anderthalb Jahren gesagt, NCR müsse innerhalb der kommenden fünf Jahre zu einem Zehn-Milliarden-Dollar-Umsatz-Unternehmen -aufsteigen, um als General-Purpose-Anbieter bestehen zu können.

Liebich: Exley zielte bei dieser, Aussage allerdings eigentlich darauf ab, daß wir dies mit unserer guten Produktpalette aus eigener Kraft schaffen. Das hätten wir auch...

CW: Aber eine gewisse Beruhigung ist es doch trotzdem...

Liebich: Nun gut, die Fusion mit AT&T gibt uns ein gewisses Standing im Markt. Neue Umsatzpotentiale lassen sich aber wohl frühestens im nächsten Jahr erschließen. Man darf nicht vergessen, daß AT&T einen Verlust im Computergeschäft mitbringt, der erst einmal an den Erträgen der fusionierten DV-Aktivitäten knabbert. De facto werden deshalb unsere Ressourcen kurzfristig sicher nicht verstärkt. Zugute kommt uns vorerst höchstens die Erfahrung, die AT&T im gesamten Servicebereich, im kundenorientierten Vertrieb von Dienstleistungen hat. Vielleicht können wir künftig auch ein paar Werbe-Dollars mehr einsetzen, und möglicherweise fallt von dem Brandname" AT&T etwas Glanz auf die neue Computerdivision. Gerade das "Brandnaming" wird - meines Erachtens - neben dem technischen Konzept natürlich - in Zukunft in der Computerindustrie eine große Rolle spielen.

CW: Sie sprachen die Verluste an, die AT&T im Computerbereich bislang gemacht hat, die Schätzungen belaufen sich momentan immerhin auf rund 200 Millionen Dollar. Befürchten Sie nicht, daß sich dieses kranke AT&T-Geschäft negativ auf NCR auswirken wird?

Liebich: Zumindest im internationalen DV-Bereich erwarte ich keine negative Sogwirkung auf die Geschäfte, weil AT&T dort kaum präsent ist und somit auch keine negativen Ergebnisse erzielen konnte. In den USA muß man die Entwicklung abwarten. Ich glaube, es wird auch viel von unserem Management abhängen. Denn - wie AT&T-Chairman Allen es versprochen hat - zeigen die ersten betroffenen Personalentscheidungen mit Gil Williamson als Chief Executive Officer der neuenialten Corporation und Elton White als NCR-President, daß die NCR-Führung diese neue Aufgabe managen soll.

CW: Denken Sie nicht trotzdem daran, daß diese Verbindung scheitern kannte? Ich darf nur an das Beispiel IBM/Rolm erinnern. Letztlich hat auch der Branchengrößte im Computer-Business eingesehen, daß es mehr bringt, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.

Liebich: Ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen schon im März gesagt -habe: Man kauft sich nicht einen Mercedes, um ihn hinterher gegen die Wand zu fahren. Sicher, in der Zukunft ist grundsätzlich alles möglich. Doch die Welt wird eigentlich mehr vom Glauben regiert als von den Fakten. Ich denke, wir haben eine gute Chance.

CW: Sie glauben also an eine gute und erfolgreiche Zukunft unter

AT&T?

Liebich: Ich glaube nicht nur daran, ich bin sogar überzeugt davon.

CW: AT&T ist im US-Markt bekanntlich mit Minicomputern und PCs vertreten. Gab es da bislang in der Vergangenheit in irgendeiner Form Berührungspunkte, daß man sich gegenseitig sozusagen die Happen wegschnappte?

Liebich: AT&T ist in einigen Fällen sehr große Regierungskontrakte eingegangen, die allerdings bekanntermaßen immer nur zu sehr schlechten Preisen zu erhalten sind. Dort hat man indirekt auch NCR das Geschäft weggenommen. Von einer starken Konkurrenzsituation zwischen beiden Unternehmen im DV-Geschäft kann man aber wohl nicht reden. Vorsichtig sollte man indes zumindest in diesem Fall auch mit den vielzitierten Synergien sein.

CW: Wie sieht es mit Überschneidungen in der Produkt-Palette aus?

Liebich: Wenn es sie Oberhaupt gibt, dann nur im mittleren Bereich. Zwar hat AT&T auch einen Laptop im Angebot, aber der ist von einem Japaner gefertigt und entwickelt werden. Über eine eigene PC-Entwicklung verfügen die New Yorker nicht.

CW: Dennoch hat es, in den nachten Monaten zu klären, wo Redundanzen entstehen, welche Produkte weiter am Markt geführt beziehungsweise eingestellt werden. Könnten auch NCR-Produkte am dem Angebot gestehen werden?

Liebich: Nein, ich sehe unsere Produktlinie als die wesentlich konsistentere an. Zu einer Produktbereinigung wird es wohl eher bei AT&T kommen. Die Strategie aber müssen die verschiedenen Komitees erarbeiten. Von Vorteil ist, daß beide Unternehmen Unix-Systeme anbieten. Deshalb wird man verschiedene Produktfamilien zusammenführen können - eine Migration in einer Computerpalette sozusagen.

CW: Sie sprachen bereits das beliebte Wort "Synergie" an. Ich habe das Gefühl, daß dieses Wort vor allem verwendet wird, um die Probleme zu übertünchen, die nun einmal jede Fusion mit sich bringt.

Liebich: Lassen Sie es mich so formulieren: Sicher hat jede Fusion ihre Vor- und Nachteile, wie auch ihre Synergien. Aber: Synergiepotentiale kann man nur erarbeiten, nicht erträumen.

CW: Wo sehen Sie die Synergiepotentiale für NCR?

Liebich: Wir dürfen nicht vergessen, daß AT&T immer mehr Computertechnologie für den eigenen Bedarf - eben im gesamten Telefonbereich - einsetzt. Ein Teil des Bedarfs ist bislang von außen bezogen worden. Künftig haben wir hier erhebliche Möglichkeiten, mit einem großen Anwender auch DV-Technologie praktisch umzusetzen. Darüber hinaus hat AT&T immer wieder verkündet, im Servicebereich, auf dem Gebiet der Value Added Networks und der Systemintegration tätig werden zu wollen. Selbst Outsourcing - da bin ich allerdings skeptisch - ist bereits im Gespräch. Uns eröffnen sich von daher eine Reihe von Möglichkeiten für Produkte und Produktstrategien, die wir aufgrund unserer eigenen Größe wahrscheinlich nicht in der Konsequenz angegangen wären, weil wir uns vielleicht zu sehr auf die Serie 3000 und die damit verbundenen Produkte konzentriert hätten.

CW: Inwieweit werden Sie durch ihre neue Muttergesellschaft Vorteile bei neuen Entwicklungen im Unix-Bereich haben?

Liebich: Das ist ein sehr sensitiver Bereich, den Sie da ansprechen. Unix darf durch uns jetzt nicht zum proprietären Betriebssystem werden. AT&T aber hat ja in kluger Voraussicht vor einigen Wochen die Entwicklungsaktivitäten für Unix in den Unix Software Laboratories (USL) aufgegliedert und interessierten Investoren eine Minderheitsbeteiligung eingeräumt. Von daher erwarte ich im Prinzip keine Wettbewerbsvorteile gegenüber den an der Development-Gesellschaft beteiligten Firmen.

Ich sehe sicher Wettbewerbsvorteile gegenüber den Bemühungen verschiedener anderer Hersteller, die in einigen Fällen Unix nur noch als Alibi benutzen, aber den Großteil ihrer Aktivitäten weiterhin im proprietären Bereich haben werden.

CW: Wie werden sich denn die Maßnahmen im Rahmen der Fusion in den kommenden Wochen oder Monaten in Deutschland auswirken?

Liebich: Im operativen Bereich sehe ich für den Rest des laufenden Geschäftsjahres relativ wenige Auswirkungen in Deutschland. Deshalb werden wir auch vorerst ganz konkret in Richtung AT&T gar nichts unternehmen. Zunächst haben wir nämlich erst einmal genug mit uns zu tun. Schließlich haben wir erst vor wenigen Tagen die große 3600 angekündigt, im Juni Juli wollen wir den Notebook Notepad vorstellen. Somit werden wir uns den Rest des laufenden Geschäftsjahres von auf unsere Strategie konzentrieren. Erste Ergebnisse, erste Maßnahmen aus den Beratungen der NCR-/AT&T-Task-forces in den USA bezüglich allgemeiner Strategien sind ohnehin frühestens im Herbst zu erwarten. Diese werden sich aber in der ersten Phase nur auf den Bereich -der Computeraktivitäten beziehen - und das gilt nun einmal fast ausschließlich für die USA. Hierzulande wird es rein um Definitionen von Rechtsstrukturen und steuerliche Geschichten gehen.

CW: Planen Sie denn in den nächsten Wochen oder Monaten eine Kontaktaufnahme mit der Frankfurter Computerniederlassung von AT&T, sprich: Jürgen Tepper?

Liebich: Ich habe da keine Berührungsängste. Sicher werde ich in der nächsten Zeit mal mit ihm telefonieren. Rein formal aber gibt es bei uns keine Überschneidungen - Herr Tepper ist bekanntlich für die Europa-Aktivitäten von AT&T zuständig, ich für das NCR-Geschäft in Deutschland.