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Software-Reifeprozeß noch lange nicht abgeschlossen:


12.10.1984 - 

System-Approach verändert Einsatzrelationen

Die Informationstechnik ist die Schlüsseltechnologie der 80er Jahre. Keine andere Technologie, auch nicht die Umwelttechnik, wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren vergleichbare Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben: im Büro, in der Fertigung, im Produktions- und Dienstleistungssektor, im privaten Bereich oder nicht zuletzt auch in den Beziehungen zwischen Bürger und Staat. Diese Ansicht vertritt Dr. Klaus Neugebauer. Geschäftsführer der Softlab GmbH, München, der in seinem Beitrag nicht nur ein Resümee der vergangenen Softwareentwicklung zieht, sondern auch Chancen und Risiken für die Zukunft anschneidet. Unternehmensgründungen müssen demnach intensiver durchdacht werden.

Die Schlüsselrolle der Informationstechnik ist das Ergebnis einer außerordentlichen technologischen Entwicklung, die auf exponentiellen Steigerung der Leistungsfähigkeit und Miniaturisierung der Hardware beruht. Damit einher gingen Reduzierungen in Kosten und Preisen, die für Produkte der Informationstechnik wirtschaftliche Einsatzmöglichkeit unmittelbar am Arbeitsplatz geschaffen haben und hier zu weitreichenden Prozeß-Innovationen führten.

Bereits heute bauen 45 Prozent der Unternehmen aus so bedeutenden Wirtschaftszweigen wie Maschinenbau und Elektroindustrie mikroelektronische Meß-, Steuerungs- und Regeltechnik in ihre Produkte ein, um funktionstechnisch im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Es gibt eine Liste von rund 25 000 Produkten, die ohne Informationstechnik in Zukunft nicht entwickelt werden könnten - Zukunftschance für Betriebe aller Größenklassen auch in der Produkt-Innovation.

Mit dem wachsenden Einsatz de Informationstechnik ist daher die Nachfrage nach Software rapide gestiegen. Seit 1975 hat sich allein da Volumen des Softwaremarktes für traditionelle DV-Anwendungen das sind Verwaltungsanwendungen wie Finanzbuchhaltung oder Vertriebssteuerung und Fertigungsanwendungen wie Lagerhaltung oder Fertigungsplanung, nahezu verzehnfacht und liegt allein in der BRD derzeit bei über drei Milliarden Mark. Hinzu kommen acht bis neun Milliarden Wertschöpfung durch eigenerstellte Software der DV-Anwender.

Der neue Markt für Mikroprozessoren-Software wird weltweit bereit auf 50 Milliarden Mark geschätzt. Gleichzeitig sind die Anforderungen an die Qualität und Funktionsvielfalt der Software und damit an die Qualifikation ihrer Entwickler und deren Werkzeuge gewachsen und heute unvergleichbar höher als in den 60er und 70er Jahren.

Software ist heute nicht mehr eine "Anzahl von Programmen", die einzelne, relativ isolierte Anwendungen durchführen, sondern ein "System", mit dem so komplexe Aufgaben wie die Steuerung von Walzstraßen, der Betrieb eines Flughafens von der Gepäckbeförderung bis zur Beladung der Flugzeuge oder die Auswertung von Tausenden von Daten eines Wettersatelliten erledigt werden.

Zur Entwicklung solcher Software Systeme bedarf es eines umfassenden und detaillierten Organisationskonzeptes, eines Projektmanagement-Verfahrens und eines abgesicherten Systems von Software Erstellungsmethoden und -werkzeugen; also einer Software-Engineering-Technologie, die die hohe Komplexität meistern sowie die Wartbarkeit und Flexibilität des Systems sichern kann.

Umkehr der Prioritäten

Es nimmt daher nicht Wunder, daß die Kosten für Software bei den Anwendern die Hardwarekosten heute bei weitem übersteigen. Die frühere Relation von 70 zu 30 für Hardware zu Software hat sich in den letzten Jahren in ein 30-zu-70-Verhältnis also in das Gegenteil, gedreht. Der Softwareanteil kann in einzelnen Projekten sogar bis zu 90 Prozent erreichen.

Dies gilt übrigens nicht nur für große Systeme, sondern ebenso für Mikrocomputer-Anwendungen. Trotz des Einsatzes von Standardsoftware liegt die Kostenrelation oft bei zirka 1 zu 2, um einen Mikrocomputer als leistungsfähigen kommerziellen Rechner professionell nutzen zu können, zum Beispiel für eine ordnungsgemäße Buchführung. Die Anpassung an die Erfordernisse des Betriebes und die Schulung der Mitarbeiter sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Software ist aber nicht nur ein rasch wachsender Kostenfaktor, sondern vor allem auch ein Engpaßfaktor beim Einsatz von Informationstechnik geworden (siehe Abbildung 1). Andererseits wird sowohl die Software-Entwicklungskapazität als auch die -Produktivität nach einer Untersuchung des US-DoD um durchschnittlich vier Prozent pro Jahr steigen, die SW-Nachfrage jedoch um 15 bis 20 Prozent (s. Abb. 2).

Im einzelnen Unternehmen äußert sich der Softwareengpaß dadurch, daß bei den DV-Anwendern nur 30 Prozent der vorhandenen Kapazitäten für dringliche Neuanwendungen verfügbar sind. Der Rest sind alles Wartungsarbeiten an bestehenden Systemen.

Die klassischen DV-Anwender werden deshalb zunehmend externe Entwicklung, Organisationsberatung und Standardsoftware nachfragen, um ihre Aufgaben bewältigen zu können.

Bereits heute - und dieser Anteil ist in den letzten Jahren rasch gewachsen - beziehen zwei Drittel der größeren DV-Anwender externe Anwendungssoftware, kauft fast die Hälfte Standardprogramme und hat die Hälfte externe Organisationsberatung in Anspruch genommen. Die jahrelange Skepsis gegen externe Unterstützung bei der Anwendungsentwicklung haben die DV-Leiter heute aufgegeben; ein ganz wesentlicher Faktor für die Softwarebranche.

Entgegen den ursprünglichen Erwartungen haben die klassischen Softwarelieferanten, die Hardwarehersteller selbst, ihren Software-Marktanteil kaum ausgebaut.

Dagegen reagierten die Softwarehäuser auf den Nachfragedruck durch Strukturänderung ihres Angebots (siehe Abbildung 3). Softwarewerkzeuge und Verfahrenstechnik sowie Standardanwendungen haben wesentlich an Bedeutung gewonnen.

Das Verleihen von SW-Entwicklern, die am Arbeitsplatz des Anwenders arbeiten, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Eine neue Geschäftskategorie, die Abwicklung von Projekten, eigenverantwortlich für einen DV-Anwender, ist entstanden.

Software zunehmend kapitalintensiver

Das alles hat für die Softwarehäuser erhebliche Konsequenzen für die Zukunft:

- Die eigenständige Abwicklung von Automatisierungs-Projekten erfordert die Beschaffung technologischer Produktionsmittel in Hard- und Software und

- die Entwicklung von Produkten und Halbfabrikaten bedarf nicht unerheblicher Vorfinanzierung.

Das alles kostet eine Menge Geld. Die Softwareproduktion wird mehr und mehr ein kapitalintensives Geschäft - die Schranken für einen Markteintritt werden somit zwar höher, dennoch sind die Chancen auf dem Softwaremarkt noch enorm.

Aber immerhin scheiden etwa 15 bis 20 Prozent der Neugründungen innerhalb der ersten zwei Jahre ihrer Existenz aus dem Marktgeschehen wieder aus. Es ist nicht selbstverständlich, daß neugegründete Unternehmen bei uns ihre Ziele und die Mittel, sie zu erreichen, festschreiben; vor allem sich dabei auch auf ein vernünftiges Maß, eine Aktionsnische, beschränken, in ihr einen Vorsprung erreichen und diesen konsequent ausbauen. Zu viele der Neugründungen sind bloße Imitationsgründungen, ohne jeglichen Innovationscharakter, die "auf mehr oder weniger besetzten oder abgegrasten Feldern weiden wollen".

Mehr denn je sollten sich Gründer eines neuen Unternehmens - sehr häufig sind es hervorragende Techniker, die den Anstoß geben - von Anfang an darüber im klaren sein, daß eine erfolgversprechende Neugründung nicht nur technisches Know-how erfordert. Schon sehr bald werden sie feststellen, daß gute, ja sogar mittelmäßige Produkte und Dienstleistungen sich nur mit gutem Marketing und Vertrieb verkaufen lassen. Dies ist nämlich neben der Technik eine der Schlüsselrollen im Unternehmen.

Nur ganz selten sind beide Fähigkeiten in einer Person vereint. Man muß sich, je nachdem auf welcher Seite man steht, eine Ergänzung schaffen. Dabei geht es nicht darum, Verkäufer anzuheuern, sondern jemanden zu finden, der marktstrategische Konzeptionen entwickelt und vor allem realisiert.

Viele Newcomer unterschätzen die Bedeutung der vollständigen rechnungstechnischen Transparenz des Unternehmens, das heißt des Einsatzes und der Nutzung des Rechnungswesens als Führungsinstrument. Auch in einer Größenordnung von 20 bis 30 Mann ist es wichtig zu wissen, mit welchen Dienstleistungen und Produkten auf welchen Teilmärkten welche Ergebnisse in bestimmten Perioden erzielt werden. Die Verantwortlichen müssen natürlich fähig sein, daraus Schlüsse zu ziehen und

entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Fehlender Überblick endet leicht im Chaos

Auch kleine Unternehmen bedürfen sehr bald einer bestimmten Organisationsform, das heißt einer Einordnung aller Mitarbeiter in eine Verantwortungs- und Berichtsstruktur. Die Einführung solch einer Hierarchie in ein aus einem Ein-, Zwei- oder Drei-Mannbetrieb herausgewachsenen Unternehmen ist besonders schwierig. Deshalb ist auch eine Größe von 20 bis 30 Mitarbeitern besonders kritisch, denn hier beginnt die Grenze, ab der ein Kopf nicht mehr alles in einer bis dahin gewachsenen "natürlichen Ordnung" sichern kann und somit auch sehr leicht ein "Chaos" ausbricht.

Contracts- und Proposal-Management sind heutzutage wichtiger denn je. Hierunter versteht der Spezialist eine rechtliche und vor allen Dingen wirtschaftliche Abgleichung der Fähigkeiten eines Unternehmens an die Kundenwünsche. Angebote und Verträge mit Auftraggebern müssen so gestaltet werden, daß die Risiken für beide Partner erkennbar und tragbar sind. Man sollte deshalb gerade als neues Unternehmen die Verträge abschließen, deren Erfüllung man sich auch wirklich zutraut.

Der Softwaremarkt bringt auch künftig in der Bundesrepublik große Chancen mit sich. Die Anforderungen, die er an die unternehmerischen Fähigkeiten stellt, sind jedoch stark im Steigen begriffen - darüber sollte sich jeder Investor und jeder Gründer im klaren sein.