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16.07.1999 - 

Wegen DV-Umbaus geschlossen

Systemwechsel macht Sozialamt zum Pflegefall

CW-Bericht, Ulrike Ostler MÜNCHEN - "Wegen DV-Umstellung für den Publikumsverkehr geschlossen", heißt es seit fast zwei Monaten bei der Sozialverwaltung des Bezirks Oberbayern, München. Schuld ist die Ablösung eines 18 Jahre alten Systems durch "Sozius Open" von der AKDB. Die neue Software hat Macken, die alte ist weder Jahr-2000-tauglich noch funktionsgerecht.

"Uns geht es wie der Titanic, es schaut nur noch der Wimpel heraus", beschreibt Johann Geier, stellvertretender Referatsleiter EDV des Bezirks Oberbayern, die gegenwärtige Überlastung. Betroffen sind die 250 Sachbearbeiter des Sozialamts und die DV-Fachkräfte, die in die Einführung von Sozius Open involviert sind. Insgesamt arbeiten 27 Mitarbeiter in der Bezirks-IT. Allein der DV-Teilbereich Technische Kommunikation habe im vergangenen halben Jahr 4000 Überstunden angehäuft.

Das neue Produkt von der Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern (AKDB), München, setzt einige Vorbereitungen voraus. Im Gegensatz zum Vorgängersystem, einer Terminalemulation, die von der AKDB in Cobol programmiert und auf einer HP 3000 implementiert wurde, soll Sozius Open den Sachbearbeiter durchgängig unterstützen. Das alte Programm taugte nur zum Anlegen von Akten, Verwalten von Betreueradressen sowie zum Buchen von Einnahmen und Ausgaben. Letzteres habe eine eigene, mit 20 Personen besetzte Rechnungsstelle notwendig gemacht.

Die Sozialverwaltung des Bezirks regelt die überörtliche Sozialhilfe. Sie tritt beispielsweise gegenüber Asylbewerbern als Kostenstelle auf oder zahlt den zurückkehrenden Kosovo-Flüchtlingen Überbrückungsgeld aus.

Die meisten Fälle der Bezirksbehörde beschäftigen sich mit der Pflegehilfe; beispielsweise müssen Anträge auf die Erstattung von Kosten für Altenheimplätze geprüft werden. Ein monatlicher Rechnungslauf umfaßt etwa 30000 Buchungen im Wert von rund 59 Millionen Mark.

Der Publikumsverkehr besteht aus Antragstellern, zum Beispiel wenn es um eine Nachlaßregelung geht, und Vertretern der Pflegeheime und Wohlfahrtsverbände, die wegen der Pflegesätze verhandeln wollen. Normalerweise ist das Amt wochentags jeden Morgen geöffnet, keiner der 250 Sachbearbeiter ist von dieser Regelung ausgenommen. Seit 1. Juni bis 31. Juli dieses Jahres kann das Amt jedoch nur noch schriftlich erreicht werden, es geht niemand ans Telefon. In Notfällen sind Gruppenvorgesetzte für die Bearbeitung zuständig.

Buchungsrückstände von einem halben Jahr

Die Angestellten und Beamten des Sozialamts sind zur Zeit damit beschäftigt, die 35000 registrierten Fälle durchzuarbeiten und die Informationen händisch in die der Anwendung zugrundeliegende Oracle-Datenbank zu übertragen. Zwar wäre es möglich gewesen, die Altdaten aus einem Ingres-System in die neue Anwendung zu migrieren, doch hätte das wenig Sinn gehabt. Sie bestehen vornehmlich aus den Geburtsdaten der Pflegefälle, so daß ohnehin jede Akte hätte aufgearbeitet werden müssen.

Zusammen mit sechs der sieben bayerischen Bezirke hatte Oberbayern ein Pflichtenheft erstellt, auf dessen Grundlage es vor zwei Jahren eine Ausschreibung gab. Laut DV-Mann Geier hat sich neben der AKDB nur noch das Prosoz Institut, Herten, um den Auftrag beworben. Die Münchner verfügten bereits über eine Sozialamtssoftware für kommunale Träger und erhielten deshalb 1996 den Zuschlag.

Daß die Bezirksverwaltung noch im vergangenen Jahr von der fristgerechten Fertigstellung ausging, beweist der Schulungstermin vom Herbst 1998. Inzwischen hat sich im Umgang mit Sozius Open so viel geändert, daß die Sachbearbeiter im Juni dieses Jahres nachgeschult werden mußten.

Parallel zu den Arbeiten an der neuen Software muß das Altsystem gepflegt werden. Es dient noch eine Zeitlang zu Auskunftszwecken, wird aber auch benötigt, um den aufgelaufenen Buchungsrückstand von einem halben Jahr aufzuarbeiten.

Bis Ende des Jahres müssen alle anderen bayerischen Bezirke, bis auf Unterfranken, den Wechsel auf Sozius Open geschafft haben. In Unterfranken nutzt die Sozialverwaltung längst ihr eigenes System, das die GSO AG, Hamburg, programmiert hat. Die anderen haben ebenfalls das alte AKDB-Produkt im Einsatz, das beim Wechsel ins Jahr 2000 unbrauchbar wird. Damit kommen auch auf sie Probleme wie das Umschreiben der Akten und die Einarbeitung in neue Abläufe zu. Somit sind dort ebenfalls Einschränkungen im Publikumsverkehr zu befürchten. Die anderen Ämter sind allerdings kleiner; in Oberbayern, zu dem auch die Landeshauptstadt gehört, lebt etwa die Hälfte aller Bayern.

Derweil berichtet Geier von Leistungsproblemen der AKDB-Software, die damit in Zusammenhang zu bringen seien, daß sämtliche Berechnungen auf dem Client laufen. Darüber hinaus verändere die AKDB immer noch die Oberfläche und ganze Abläufe im Programm. Die gelieferten Updates funktionierten zunächst nicht. Außerdem seien die Spezialisten des Lieferanten meistens nicht erreichbar.

Alfred Trageser, Vertriebsdirektor bei der AKDB, weist sämtliche Vorwürfe zurück: "Wir haben ein reines Gewissen, weil wir gute Arbeit geleistet haben." Die vorgenommenen Nachbesserungen seien auf geänderte Wünsche der Bezirke zurückzuführen. Ob es jemals zu Ausfällen nach einem Update kam, ist umstritten. Im übrigen sei im User-Support seines Unternehmens immer jemand erreichbar.