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26.10.1984 - 

Der Sprung vom Planen zum Entscheiden:

Tabellenkalkulationsprogramme - mehr Sein als Schein

In ihren schematischen Bestandteilen ist die Kalkulation auf den ersten Blick bestens für eine Automatisierung geeignet. Automatisierung heißt in diesem Fall Abwicklung mit Hilfe eines Computers nach vorgegebenem Programm. Das allein macht jedoch nicht das Wesen der Kalkulation aus. Viel wichtiger - und dabei weniger schematisch ablaufend - ist die

gedankliche Umsetzung und wiederholte Modifikation der Rechenvorgänge. Die unterschiedliche Kombination von Arbeitsschritten erschwert daher eine herkömmliche Programmierung stark. Mit moderner Software wurden Werkzeuge geschaffen. die weit mehr können, als sich hinter ihrem Namen verbirgt - Tabellenkalkulationsprogramme (TKP).

Im Jahre 1976 hatte der amerikanische Student Daniel Bricklin im Rahmen eines komplexen Finanzplanungsmodells eine große Anzahl von Rechnungen mittels eines Taschenrechners und Kugelschreibers auf einem Blatt Papier iterativ durchzuführen (Was ist iterativ bitte?). Bel all diesen stupiden Wiederholungen der gleichen Rechenoperationen, fragte sich Bricklin, ob es nicht möglich wäre, die Zahlen in einem der Textverarbeitung ähnlichen Verhalten zu bearbeiten. Zusammen mit seinem Freund Robert Frankston wurde die Idee in ein Produkt umgesetzt: Visicalc war geboren und damit erstmalig ein erfolgreiches Programm, das den Computer wirklich nutzbar machte für Angestellte im kaufmännischen Bereich. Im Jahre 1982 wurde VisiCalc als die bestverkaufte Softwareanwendung ausgezeichnet. Heute sind Tabellenkalkulationsprogramme Grundbausteine für Bürokommunikationssysteme, und der Schlüssel zu einer neuen Softwaregeneration.

Bei Tabellenkalkulationsprogrammen ersetzt der PC Papier, Stift, Radiergummi und Taschenrechner. Der Bildschirm wird zum elektronischen Arbeitspapier, daher auch die manchmal verwendeten Bezeichnungen wie Worksheet oder Spreadsheet also ein einfaches Arbeitspapier".

Programmierkenntnisse nicht mehr erforderlich

Auf dem Computerbildschirm wird dabei ein Formular oder Vordruck generiert. Der Benutzer arbeitet so wie auf einem normalen Blatt Papier, in das er Zahlen, Texte und ähnliches einfügen, überschreiben oder auch wieder löschen kann. Die einzelnen Rubriken und Kästchen, Zeilen genannt, die dort vorhanden sind, können im Hintergrund mit Rechenfunktionen belegt werden. Das Programm verarbeitet die Daten und Texte, um dann die gewünschte Zusammenstellung als Ergebnis zu liefern. Eine Kostenvergleichsrechnung, ein Soll-Ist-Vergleich oder ein Jahresabschluß werden wirklich zu einem Kinderspiel", bei dem Programmierkenntnisse nicht mehr erforderlich sind.

Ein elektronisches Arbeitspapier

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10...63

1

2

3

4

5

.

.

.

255

Der Bildschirm ist matrixähnlich aufgeteilt in 255 bis 3000 Reihen "Rows" und in 63 bis 255 Spalten "Columns". Dies ergibt eine Anzahl von 16 065 bis 648 000 Zeilen "Cells". Jede Zeile kann mit Text Zahlen und Rechenanweisungen belegt werden. Alle Zeilen sind untereinander verknüpfbar. Der Benutzer "programmiert", indem er sein Problem in Form einer Matrix beschreibt, die benötigten Zahlenwerte eingibt und die Zellen mit Formeln verbindet. Durch die Verknüpfungsmöglichkeiten mehrerer separater Tabellen, wird die Neuerstellung von größeren weiteren Tabellen unterstützt. Daher sind TKP nicht nur zur Kalkulation geeignet. Das Arbeitsblatt kann man sich auch als einen großen Journalbogen vorstellen; auf einem solchen Journalbogen kann man gut Tabellen anlegen und rechnen. VisiCalc war Urvater der TKP. Es folgten SuperCalc, Desktoplan, Plan 80 und Multiplan. Marktführer sind heute weltweit neben Visicalc - über 800 000mal verkauft - noch SuperCalc, Multiplan und das integrierte Programm Lotus. Angeboten werden derzeit über 200 verschiedene TKP, wobei die Unterschiede oft nur darin bestehen, daß entweder ein bestimmter Rechnertyp oder ein exotisches Betriebssystem benutzt wird. Für Spezialanwendungen werden besonders adaptierte Tabellenkalkulationssysteme offeriert.

Finanzplan auf die Schnelle

TKP stellen die meist angewendeten Standardprogramme auf PCs dar. Eine Finanzplanerstellung - meist hochkomplex - dürfte mehrere Tage in Anspruch nehmen, wollte man diesen per Taschenrechner durchrechnen. Ein PC mit einem TKP macht dies in wenigen Sekunden. Der Benutzer sieht das Ergebnis sofort und behält auch die Datenbasis im Überblick. Eine kurze Korrektur eines Zahlenwertes und schnell noch einmal alles durchgerechnet. Die Investitionskosten für den PC und das Programm rechtfertigen sich meist recht schnell; auch wenn nur eine einzige Anwendung auf dem System implementiert wird.

Die neu berechneten Werte können bei den meisten TKP an eine Grafiksoftware übergeben werden, die aus den numerischen Werten Balken-, Kreis-, Linien- und Punktdiagramme formt. Auch ist es möglich, die erstellten Tabellen in die Textverarbeitung zu übernehmen. Man erspart sich auf diesem Weg das wiederholte Eingeben oder Einkleben der Tabelle. In Systemen wie Lotus 1-2-3 wurde auch gleichzeitig eine Geschäftsgrafik und eine rudimentäre Datenbank in das TKP integriert.

Boom für TKP

Multiplan läuft auf allen PCs mit den Betriebssystemen CP /M-80, CP/M-86, MS-DOS und Apple-DOS. Es stellt dem Benutzer 255 Reihen und 63 Spalten, also 16 065 Zeilen zur Verfügung. Die im folgenden wiedergegebenen Funktionen stellen einen Ausschnitt aus der Menge der heute möglichen Anwendungen dar:

Mathematische Funktionen:

Addition

Subtraktion

Multiplikation

Division

Potenzieren, Exponentialfunktionen

In x, log x

Wurzel x

Absolutwert, Kehrwert

Indexverarbeitung

Statistische Funktionen:

Standardabweichung

Durchschnitt

lineare Regression

Trigonometrische Funktionen:

sin x

cos x

tan x

und deren Umkehrfunktionen

Finanzmathematische Funktionen:

Abzinsen der Rückflüsse

Zinseszins

Handling der Funktionen:

- Löschen, einfügen von Spalten

- Verändern der Spaltenbreite

- Vertauschen von Spalten beziehungsweise Reihen

- Suchprogramm zur Auffindung eines bestimmten Zelleninhaltes

- logische Abfragen mit Vergleichsoperatoren.

- Iteration

- Sortierprogramm mit freiwählbaren Sortierkriterien

- Konsolidierung mehrerer Spreadsheets

- Auf- oder absteigendes Sortieren der Zeilen nach Kriterien

- Relatives Kopieren von Rechnerfunktionen

- Optimierung

Multiplan bietet die Möglichkeit, mehrere Arbeitsblätter miteinander zu verknüpfen. Der Vorteil ist, daß die Änderungen einer einzelnen Einflußgröße die korrespondierenden

Änderungen aller davon abhängigen Größen nach sich ziehen. Eine Fragestellung wie: "Was passiert, wenn . . .?", ist damit leicht zu beantworten.

Als mögliche Anwendungsgebiete von TKP sind Einkauf, Verkauf und Materialwirtschaft zu nennen. Terminalplanung zählt dazu, genauso Kostenrechnung sowie Aufwands- und Ertragsrechnung (Bilanzen). Elektronische Kartei als einfacher Datenbanksatz, Visualisierung bei Zuordnungsproblemen, Liquiditätsstatus, Statistik (Trendberechnungen) und Investitionsrechnungen, Budgetüberwachungen sowie Berechnung elektrischer Schaltkreise lassen sich ebenfalls mit TKP lösen. Optimierung von chemischen Verfahrensabläufen, Finanzbuchhaltung, Einnahmeüberschußrechnung sowie Bildschirmmaskengestaltung bei der Softwareentwicklung sind weitere Punkte einer noch langen Liste.

In den USA hat dies bereits zu einem großen Boom für TKP geführt. Es gibt dort Softwarefirmen, die sich ausschließlich auf die Produktion anwendungsfertiger TKP spezialisiert haben.

Zahlreiche Vorteile von Multiplan werden von Benutzern geschätzt.

Die Felder können vor dem Überschreiten geschützt werden, eine Menüübersicht ist vorhanden, der Transfer von Visicalc-Daten in Multiplan-Modelle ist möglich und Tabellen können in Textverarbeitungsprogramme wie WordStar eingespielt werden.

Eine Fensterdarstellung ist bis zu acht Fenster (panes) gleichzeitig möglich, die Weiterentwicklung von Multiplan soll bei IBM vorgesehen sein, dann wird es möglich sein, beliebige Programmpakete in Multiplan zu übernehmen. Helpfunktionen runden den Katalog ab.

1-2-3 gehört derzeit zu den meistverkauften PC Softwarepaketen und unterstützt die Aktivitäten von TKP mit einer starken VisiCalc-Ähnlichkeit. Die elementare Businessgrafik ist ähnlich der von VisiTrend/VisiPilot, wobei allerdings die Regression und Trendanalyse nicht automatisch durchgeführt werden können. Die elementare Datenbank von 1-2-3 kann die vorhandenen Datensätze in auf- oder absteigender Reihenfolge sortieren oder einzelne Datensätze nach Kriterien selektieren.

Es muß aber zugleich erwähnt werden, daß viele andere spezialisierte Pakete angeboten werden, die eine höhere Leistungsfähigkeit in einem Bereich oder manchmal auch zwei Bereichen der obengenannten haben. Der Nachfolger von 1-2-3, das Softwarepaket "Symphony", bietet noch mehr Komfort. Als weitere Neuerscheinungen sind Open Access und Framework zu nennen.

Die zweite Generation derzeit auf dem Markt heißt Generik.

Diese Wortschöpfung stammt von amerikanischen Softwareherstellern im PC-Bereich und bezeichnet ein breites Spektrum von Software, wie Datenbanksysteme, Grafiksoftware oder Textverarbeitung die es erlauben, dieselben Daten in verschiedenen funktionalen Programmen zu verarbeiten.

Folgender Ablauf

- Absatzdaten in einem TKP kumulieren und Steigerungsraten berechnen

- Marktanteilsgrafik als Kreisdiagramm daraus erstellen

- im Monatsbericht, innerhalb der Textverarbeitung, sowohl Tabelle als TKP und die erstellte Grafik an den entsprechenden Stellen einsetzen, soll als Beispiel eine Anwendung verdeutlichen.

Abschließend noch ein kurzer Ausblick auf die weiteren Entwicklungen, die insbesondere durch die neuen softwareergonomischen Hilfestellungen wie Fenstertechnik, Mouse, Icons (Piktogramme) und das Softkey-Konzept eine vereinfachte Bedienung darstellen. Als den besten Personal Computer mit all diesen Features ist der Macintosh von Apple anzusehen. Gerade die Mouse-Steuerung (Rollkugelcursorsteuerung) erlaubt ein einfaches Arbeiten mit dem TKP. Die Softkeys, hier in der Form von Pull-down-Menüs, bieten zusammen mit dem hochauflösenden Grafikbildschirm Möglichtkeiten, die es heute jedem erlauben den Computer als Hilfsmittel einzusetzen.

Eine Frage des Geldes

Als Hardware wird ein PC bestehend aus Zentraleinheit mit einem Hauptspeicher von 256 KB, mindestens zwei Floppylaufwerken, einem Bildschirm und einem Drucker benötigt. Es ist heute eigentlich nur noch eine Frage des Geldes, ob man sich auch eine Winchesterfestplatte mit fünf bis zehn MB beschafft.

Die gängigsten TKP gibt es sowohl für CP/M-80/86 als auch MS-DOS. Für Unix-Betriebssysteme wird UltraCalc als auch schon Multiplan angeboten. Hierbei entfällt eine Begrenzung der Zeilen und Spalten, da eine virtuelle Speicherverwaltung stattfindet.

* Lutz Kredel ist Mitarbeiter im Informationszentrum Bürokommunikation, Technische Universität Berlin.