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09.05.1975 - 

IG-EDV e.V. gegründet: Interessenvertreter oder Arbeiterverräter?

Tanz um den Maibaum

DÜSSELDORF/FRANKFURT - Die bloße Ankündigung, daß die Gründungsversammlung der Interessengemeinschaft EDV - Verband der in der EDV Beschäftigten (IG-EDV) ausgerechnet am 1. Mai stattfinden werde, hatte beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Düsseldorf eine gewisse Unruhe ausgelöst.

Am Vortag, dem 30. April, diskutierten etwa 25 Mitglieder des DGB-Arbeitskreises "Datenverarbeitung" hauptamtliche Gewerkschaftsvertreter und gewerkschaftlich organisierte Betriebsräte aus dem EDV-Anwender- und Herstellerbereich die "Marschrichtung" gegenüber dem lästigen "David", IG-EDV, der dem mächtigen "Goliath", dem DGB, die Stirn bieten wollte.

Nach der Sitzung erklärte Gustav Kocherscheid (32), Leiter des Referats "Kaufmännische und Verwaltungsangestellte" beim DGB-Bundesvorstand, im Einklang mit dem Betriebsratsvorsitzenden der Zentrale der Deutschen Shell AG, Rolf Kleinesper (35) und Wolfgang Henseler (37) von der Vorstandsverwaltung der IG-Metall, Frankfurt: "Wir haben überhaupt keine Reaktion diskutiert, weil wir den Laden nicht ernst nehmen."

Flugblatt als Morgengabe

Bei strahlendem 1. Mai-Arbeitnehmerwetter traf im dennoch überheizten Tagungsraum des Frankfurter Hotels "Caravelle" ein 38 Mann starker lG-Metall-Trupp mit Gewerkschafts-Profi Wolfgang Henseler an der Spitze auf 39 gründungswillige IG-EDV-Sympathisanten, die zum Teil ebenfalls gewerkschaftlich organisiert sind. Als "Morgengabe" hatten die IG-Metall-Mitglieder ein vom Fachausschuß Datenverarbeitung beim Vorstand der IG Metall herausgegebenes Flugblatt mit dem beziehungsvollen Titel "Brauchen Sie eine Interessenvertretung" mitgebracht. Den IG-Menschen (Datenverarbeitern aus den Häusern Univac, Control Data, Nixdorf, Honeywell, Siemens, MDS) wurden darin noch einmal die von den DGB-Gewerkschaften im Interesse der EDV-Beschäftigten durchgesetzten Sozialleistungen vor Augen geführt. Die lieben Kolleginnen und Kollegen wurden gewarnt: "Sie wissen, daß die historischen Erfahrungen zeigen, daß Splittergruppen zu schwach sind, Forderungen gegenüber den Unternehmern durchzusetzen. Im Gegenteil: sie fördern den von Arbeitgeberseite angestrebten Entsolidarisierungsprozeß der Arbeitnehmer."

Massive Forderungen

Doch IG-Metall-Mitglied Dieter Bickel (31), Anwendungsspezialist und Betriebsratsmitglied bei Sperry Univac verkündete aufmüpfig: "Außer der Satzung und dem Mitgliedsbuch hörte ich in zwei Jahren nichts von denen."

Der bisherige Sprecher der IG-EDV und ihr später neugewählter 1. Vorsitzende Klaus G. Nimbs, fulltime freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei Sperry Univac, ließ sich nicht davon abbringen, die Ziele der IG-EDV zu preisen: BerufsbiIderdefinitionen, Abschluß von Tarifverträgen, Abbau der nächtlichen Test- und Wartungszeiten, Sicherung der Fortbildung, Herabsetzung der Altersgrenze für die in der EDV Beschäftigten.

Ein übereifriger IG Metaller wollte indes den bevorstehenden Gründungsakt "in letzter Minute" verhindern: Er beantragte eine mehrheitliche Abstimmung darüber, ob die IG-EDV überhaupt zu gründen sei.

DGB-Vorhut Henseler pfiff seinen Kollegen zurück und verließ mit seinen Getreuen das Versammlungslokal, weil er erkennen mußte, daß nach Bürgerlichem Recht nichts, aber auch gar nichts eine entschlossene Gruppe daran hindern kann, einen e. V. zu gründen. Nach rauchgeschwängerter Marathonsitzung, in der noch um Punkt, Komma, Strich des vorliegenden Satzungsentwurfes getüftelt, in der eine Führungsmannschaft (siehe Kasten) gewählt wurde, gingen 39 von insgesamt bisher 81 IG-EDV-Mitgliedern gefühlsgefestigt nach Hause: "Wir wollen noch viele, viele neue Mitglieder werben."