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12.01.1996 - 

Geschaeftskunden koennen sich auf Preisnachlaesse freuen

Tarifkonzept 96: Telekom laesst Online-Kunden im Regen stehen

Das Jahr 1996 begann fuer die Deutsche Telekom AG mit einem Debakel beim publizistischen Echo. Nach einer Softwarepanne am Neujahrstag, als bei einer Reihe digitaler Vermittlungsstellen die Umstellung auf die neue Tarifeinheit beziehungsweise die geaenderten Zeittakte nicht funktionierte, kam es fuer den Bonner Carrier erst recht knueppeldick. In seltener Einmuetigkeit liefen Politiker, Medien, Verbaende und unzaehlige Telekom-Kunden Sturm gegen das neue Tarifkonzept 96.

Wie von fast allen Experten seit Jahren gefordert, nimmt die Telekom darin eine Anpassung an das vielzitierte "internationale Niveau" vor - will heissen: eine Verteuerung der angeblich nicht kostendeckenden Ortsgespraechstarife und eine Preisreduktion bei den nationalen und internationalen Ferngespraechen (siehe Lexikothek und Abbildung unten). Ziel des bereits im Februar 1994 beschlossenen Tarif-tableaus war - angesichts der sich schon damals abzeichnenden Privatisierung des Unternehmens - eine Staerkung der Wettbewerbsfaehigkeit der Telekom im Hinblick auf den 1. Januar 1998.

"Eine Reform der Reform wird es nicht geben", erklaerte Telekom-Sprecher Juergen Homeyer gegenueber der COMPUTERWOCHE - was der bis dato offiziell geltenden Marschroute des Unternehmens entspricht, trotz der verheerenden Kritik am Tarifkonzept 96 festzuhalten.

Preiserhoehung um 108 Prozent

Zumindest die Privatkunden der Telekom muessen sich also aller Voraussicht nach vor allem im Ortsnetzbetreich mit hoeheren Kommunikationskosten abfinden; jedenfalls dann, wenn tagsueber zwischen 9.00 Uhr und 18.00 Uhr haeufig und lange telefoniert wird. Hier wurde, um ein - zugegebenermassen extremes - Rechenbeispiel anzufuehren, fuer die genannte Tageszeit der Zeittakt von sechs Minuten auf 90 Sekunden reduziert. Dies entspricht, trotz der neuen Tarifeinheit von 0,12 Mark statt bisher 0,23 Mark, bei einem Sechs-Minuten-Gespraech einer Preiserhoehung von nicht weniger als 108 Prozent.

Anders sieht es hingegen fuer die Geschaeftskunden des Bonner Carriers aus, auf die neben der allgemeinen und jetzt so umstrittenen Tarifreform zusaetzliche Aenderungen zukommen. So gibt die Telekom die seit Beginn des Jahres erstmals auf Telefongespraeche erhobene Mehrwertsteuer nicht an ihre Kunden weiter, so dass sich diejenigen, die Vorsteuer geltend machen koennen, ueber eine Preissenkung von rund 15 Prozent freuen koennen. Gleichzeitig hatten Verantwortliche der Telekom schon auf der Systems 95 in Muenchen Grundzuege eines neuen Rabattsystems vorgestellt, durch das Geschaeftskunden mit einer monatlichen Telefonrechnung von 5000 Mark und mehr in den Genuss von Sonderregelungen kommen sollen. Danach ist vorgesehen, fuer spezifische internationale Tarifbereiche einen sogenannten Grundnachlass zu gewaehren, der beispielsweise fuer Frankreich und Grossbritannien (allerdings ohne die Grossraeume Paris und London) rund 15 Prozent betraegt. Zusaetzlich will die Telekom volumenabhaengige Rabatte einfuehren (gestaffelt nach monatlichen Mindestumsaetzen von 5000, 18000 und 45000 Mark), bei denen eine generelle Preisermaessigung zwischen fuenf und 19 Prozent gewaehrt werden soll.

Heftige Proteste der privaten Telekom-Konkurrenz haben allerdings bis dato ein Inkrafttreten dieses Rabattsystems verhindert. So sprach etwa der Vorsitzende des Verbandes der privaten Telekommunikations- und Mehrwertdiensteanbieter (VTM), Gerd Eickers, von einer bewusst angelegten Dumpingpolitik, die zu Lasten der Privatkunden gehe, die letztlich mit hoeheren Telefongebuehren die Unternehmensrabatte bezahlen muessten.

Gleichzeitig wuerden die privaten Wettbewerber der Telekom erneut benachteiligt. Nach Angaben des VTMs will die Telekom bei einigen ganz wichtigen Grosskunden im Telefonbereich Preisnachlaesse bis zu 35 Prozent und bei Corporate Networks sogar bis zu 45 Prozent einraeumen - ohne, was der Wettbewerb eigentlich vorschreiben wuerde, ihrer privaten Konkurrenz aehnliche Verguenstigungen bei Mietleitungen zu gewaehren. Im uebrigen habe man, so Eickers gegenueber dem Wirtschafts-Informationsdienst "vwd", den "begruendeten Verdacht", dass die Telekom-Tochter DeTeSystem als Betreiberin von Firmennetzen von der Muttergesellschaft Leistungen zu Konditionen einkauft, die anderen Anbietern nicht zur Verfuegung stehen.

Mit nicht genehmigten Rabatten auf Kundenfang

Ungeachtet dessen will die Telekom an den Vorschlaegen hinsichtlich einer Rabattstaffelung fuer Geschaeftskunden festhalten. Das entsprechende Tariftableau soll nach gegenwaertigen Planungen vom Regulierungsrat am 29. Januar abschliessend beraten und verabschiedet werden. Nach Angaben von Telekom-Sprecher Homeyer geht man davon aus, dass es "ohne Abstriche" genehmigt wird. Wie sicher sich die Mannen um Telekom-Chef Ron Sommer in dieser Angelegenheit sind, zeigt auch die Tatsache, dass die Vertriebsleute des Bonner Carriers draussen bei ihren Kunden laengst Naegel mit Koepfen machen. Recherchen der COMPUTERWOCHE ergaben jedenfalls, dass bei einer Reihe von grossen Firmen entsprechende Vertraege unterschriftsreif vorliegen. Telekom-Sprecher Homeyer hierzu: "Natuerlich zeigen wir unseren Kunden schon jetzt, was wir demnaechst machen duerfen."

DIHT fordert eine grundsaetzliche Revision

Trotz allem erntete die Telekom aber in Sachen Tarifkonzept 96 nicht nur Kritik von seiten der Privatkunden, dem Verband der Postbenutzer oder diversen Politikern, sondern auch vom Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT). Der in Bonn ansaessige Spitzenverband forderte in einer Stellungnahme eine grundsaetzliche Revision der Telekom-Tarife fuer die Jahre 1996 bis 1998. Die jetzt vorgesehene grosszuegige Rabattgewaehrung zeige deutlich, dass die seinerzeit genehmigten Tarife eine "Menge Luft" enthielten. Im uebrigen sei, so der DIHT, die Telekom nicht gerade vertrauenswuerdig, wenn sie noch 1993 eine Tarifniveausenkung als Katastrophe fuer das Unternehmen beschrieben habe, nun aber selbst das genehmigte Tarifkonzept aufweiche. Fazit des DIHT: Wenn das ehemalige Postunternehmen jetzt in grossen Kampagnen mit Kostenentlastungen von fuenf Milliarden Mark werbe, liege es auf der Hand, dass dies in Wirklichkeit durch zusaetzliche Einnahmen im bis 1998 monopolistisch geschuetzten Ortsbereich kompensiert werde.

Darueber hinaus stellt der DIHT in seiner Stellungnahme fest, was mittlerweile laengst zum Aufschrei einer ganzen Branche gefuehrt hat: Die ab dem 1. Januar 1996 hoeheren Tarife im Ortsnetzbereich bedeuten gleichzeitig eine wesentliche Verteuerung der Online-Dienste. Dementsprechend haben Berechnungen ueber Preissteigerungsraten fuer das Surfen im Internet oder die Nutzung professioneller Dienste wie T-Online und Compuserve Hochkonjunktur. Nach Angaben des Verbandes der Postbenutzer beispielsweise werden Online-Verbindungen, abhaengig von der jeweiligen Tageszeit, um bis zu 150 Prozent teurer (Detailliertere Beispielrechnungen der COMPUTERWOCHE-Redaktion finden Sie auf dieser Seite).

Entscheidend neben der Verteuerung der Einwahl bis zum naechsten Knotenrechner eines Online-Dienstleisters ist auch die Tatsache, dass es aller Voraussicht nach so schnell keine Sonderregelungen fuer die Benutzer von Online-Diensten geben wird. Telekom-Sprecher Homeyer erwartet trotzdem nicht, dass die Tariferhoehung im Ortsnetzbereich etwa zu Lasten des eigenen T-Online-Services gehen wird. "Wer sich ueberdurchschnittlich lange in Online-Diensten aufhaelt, wird eine gewisse Verteuerung spueren", gibt jedoch auch er zu. Bei einer mittleren Nutzungszeit von vier bis fuenf Stunden im Monat steige die Rechnung um rund acht Mark. Dies werde jedoch "in etwa kompensiert durch die Preisermaessigung im Fernbereich".

Fuer Abhilfe kann und will die Telekom hier offensichtlich erst dann sorgen, wenn fast alle Ortsnetze mit digitalen Vermittlungsstellen ausgeruestet sind. Dies wird fruehestens Ende 1996, Anfang 1997 der Fall sein, und dann duerfte es Homeyer zufolge ein weiteres Tarifkonzept (Arbeitstitel: "Friends and Family") geben. Gegen Zahlung eines erhoehten Sockelbeitrages soll dann bei haeufig gewaehlten Telefonnummern, darunter denen der Einwaehlknoten diverser Online-Service-Provider, ein Rabatt gewaehrt werden. Eher sei sein Unternehmen, wie Homeyer bedauert, "technisch nicht dazu in der Lage". Ein Tatbestand uebrigens, mit dem selbst der Bundespostminister hadert. Wolfgang Boetsch sei, so hiess es in Bonn, mit dieser Verzoegerung "unzufrieden".