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31.08.2001 - 

Supply-Chain-Management/Anforderungen an Supply-Chain-Manager

Tausendsassa auf heißem Stuhl

Im Zeitalter des elektronischen Geschäftsverkehrs ist Supply-Chain-Management zu einer der größten Herausforderungen geworden. Die Liste der Anforderungen an SCM erscheint unendlich. Was kann ein "Supply-Chain-Manager" überhaupt bewältigen, und was muss er können? Von Winfried Gertz*

Wen Personalreferent Günter Saller von der Lear Corporation GmbH & Co. KG in Ebersberg über eine Stellenanzeige in der "Süddeutschen Zeitung" sucht, den gibt es eigentlich nicht. Nicht nur die obligatorische akademische Ausbildung sowie eine weit reichende berufliche Erfahrung als Führungskraft erwartet die deutsche Tochter des weltweit größten Herstellers von Fahrzeugsitzen und Innenausstattungssystemen vom Bewerber. Sie wünscht auch einen Qualifikationsnachweis, der eher auf eine "eierlegende Wollmilchsau" denn auf einen IT-Manager aus Fleisch und Blut zugeschnitten sein dürfte. Erfahren in branchenspezifischen Anwendungen, im Design von Prozessen sowie im Einsatz von Plattformen, Hardware, Software, Sprachen und Tools soll der Kandidat Verantwortung übernehmen in der Entwicklung von IT-Anwendungsstrategien und für Produktionsstätten selbständig Lösungen für Barcode und Kanban erarbeiten.

Ferner wird er verantwortlich sein für den gesamten Support von ERP-Systemen und deren Einbindung ins Divisionsreporting, nebenbei als Projekt-Manager die Einführung von Software für E-Procurement und Supply- Chain-Management steuern und schließlich die fachlich-methodische Führung bei Gesamtlösungen übernehmen, also vom Design über den Test bis zur Implementierung und Dokumentation komplexer Softwareprodukte die Kontrolle behalten. Verhandlungssicheres Englisch sowie weitere Fremdsprachen muss er ebenso unter Beweis stellen wie Verhandlungsgeschick, sicheres Auftreten und Kontaktstärke. Schließlich heißt es: "Wenn Sie bereit sind, den Wissensstand über künftige Entwicklungen (etwa IT-Technologie, IT-Designmethoden, Mitbewerberlösungen oder Branchen) ständig zu aktualisieren, eine hohe Reisebereitschaft besitzen und flexible Arbeitszeiten Sie nicht abschrecken, sollten wir uns kennen lernen!"

Neigung zur PerfektionWen diese Mammutaufgabe anspricht, der wird ein ordentliches Selbstbewusstsein mitbringen müssen. "Daran erkennt man wieder die typisch deutsche Neigung zur Perfektion und Übertreibung ins Extrem", kritisiert Professor Michael Zeuch, Experte für Supply-Chain-Management an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Dabei ist das in der Lear-Annonce präzisierte Kompetenzniveau längst nicht alles, was ein Supply-Chain-Manager beherrschen und verantworten muss. Neben der Errichtung, Steuerung und Optimierung einer komplexen IT-Architektur steht er dafür gerade, dass Kunden dem Anbieter gewogen bleiben und pünktlich ihre Ware erhalten. Dafür muss er den Lieferanten und Distributoren auf die Finger klopfen und Einkaufsprozesse optimieren. Ferner ist es seine Aufgabe, Akteure in Materialwirtschaft und Logistik zusammenzuschweißen, die gewöhnt sind, nicht über ihren "Tellerrand" hinauszuschauen. Bei alledem darf er nicht versäumen, Timing und Qualität ständig zu verbessern.

Der Supply-Chain-Manager ist einem hohen Verantwortungsdruck ausgesetzt: Wird der Informationsfluss irgendwo unterbrochen, leistet einer der zahlreich involvierten Leistungspartner innerhalb der "Kette" seine Arbeit nicht wie vereinbart, kann das ganze System zusammenbrechen. Werden etwa in der Automobilindustrie die Bänder abgeschaltet, weil wichtige Systembausteine - wie zum Beispiel komplette Fahrzeugsitze von Lear - nicht "just-in-sequence" auf der Produktionsinsel eintreffen, geht das in die Millionen. Den verantwortlichen Managern auf Seiten des Autobauers und des Zulieferers, der ja seine Produkte so spät wie möglich vorfertigen und reihenfolgengenau ans Montageband andocken muss, dürfte ein solches Desaster schlaflose Nächte bereiten.

Wer sich Supply-Chain-Manager nennt, muss also gemäß seiner Verantwortung in der Topetage angesiedelt sein. Laut Zeuch ist SCM eine Management-Philosophie, die auf eine hohe Partnerschaftlichkeit aller Beteiligten und damit auf eine sehr offene Informationspolitik bis in die Stufen weit entfernter Unterlieferanten aufbaut. SCM ziele darauf ab, Unsicherheiten zu beseitigen und damit die Planbarkeit von Geschäftsprozessen zu optimieren. Um Zeit- und Kostenvorteile zu erschließen, müsse SCM Synergien in den Geschäftsprozessen identifizieren und Redundanzen beseitigen. Zeuch, selbst rund 20 Jahre in der Praxis tätig: "Diese Philosophie ist uralt, und wer sie nicht schon von sich aus als Materialwirtschaftler in Einkauf oder Logistik beherzigt hat, galt für mich seit jeher als rückständig."

Neu an der Philosophie sei eigentlich nur, dass inzwischen die Technologie zur Verfügung steht, um die Prozesse bis hin zu den 7th-tier-Zulieferern online und ohne Medienbruch zu realisieren. Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn niemand einen Supply Chain Manager aus dem Ärmel schütteln kann? Je nach Konstellation des Unternehmens und je nach Design der Geschäftsprozesse kann es laut Zeuch einen Spezialisten geben, der auf die Optimierung angesetzt ist. Mit Einschränkung könne das sogar ein Controlling-Mitarbeiter sein. An der übergreifenden Aufgabe aber arbeiten verschiedene Disziplinen wie Forschung und Entwicklung, Einkauf, Produktion, Logistik sowie Vertrieb gemeinsam im Team und orientieren sich an einer gemeinsam fixierten Matrix von Zielkenngrößen. Zeuch: "Denn das Internet hat die Geschäftspartner physisch keinen Zentimeter näher zusammengebracht."

Ein Sechser im LottoEinen derart hohen Grad von Teamarbeit haben laut Zeuch bisher nur wenige Unternehmen realisiert. Wer es indes geschafft habe, dessen Name finde sich in den Hitlisten der erfolgreichen Unternehmen wieder. Dort sind auch jene Qualifikationen versammelt, die ein erfolgreiches Supply-Chain-Management erst ermöglichen: soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, ganzheitliches und vernetztes Denken sowie die Beherrschung der Kommunikationstechnologie. Und woher rekrutieren die Firmen ihren SCM-Nachwuchs? Zeuch: "Ausbildungskonzepte, die uns den SCM-Manager bescheren sollen, gibt es nicht von der Stange." Und werde es auch nie geben: Würde man heute ein solches Konzept entwickeln und nach langwieriger Verabschiedung Studenten zu SCM-Experten ausbilden, so Zeuchs Analyse, "sind bis zum Examen der ersten Absolventen mindestens sieben Jahre vergangen". So lange kann die Lear-Personalabteilung nicht warten. Sollte sie auf ihre aktuelle Anzeige tatsächlich einen Supply-Chain-Manager finden, dürfte das wie ein Sechser im Lotto sein.

*Winfied Gertz ist freier Journalist in München.