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03.07.1992 - 

Qualifizierungskonzept für Informatikfachkräfte, Teil 3

Technik- und Arbeitsgestaltung weisen Weg in bessere Zukunft

Neue Techniken, neue Methoden, Arbeit in Projektgruppen, die Zusammenarbeit mit dem Anwender und veränderte Bewertungsmaßstäbe für ihre Arbeit stellen vorhandene Qualifikationen von Informatikfachkräften zunehmend in Frage. Für sie wird es immer komplizierter, den sich schnell wandelnden Anforderungen gerecht zu werden. Was müssen diese Spezialisten in Zukunft können, und was sollten sie schon heute lernen? Vor welchen Aufgaben werden sie stehen?

Die Aufgaben der Informatiker wandeln sich analog zum veränderten Charakter der Informationstechnik. Bisher bestanden sie in der Gestaltung der DV-Technik, die als spezialisierte Rechenmaschinen verstanden wurde. In den Prozeß der Arbeitsgestaltung selbst waren Datenverarbeiter nicht direkt eingebunden - die Arbeit in den Fachabteilungen mußte immer nachträglich auf das bereits entwickelte DV-System bezogen werden.

Die zunehmende Verschränkung von Arbeitsorganisation und IT führt aber dazu, daß Arbeitsgestaltung und Technikgestaltung nicht mehr losgelöst voneinander erfolgen, sondern systematisch miteinander verkoppelt werden.

Die IT ist in ihrem konkreten Einsatz immer ein Abbild betrieblicher Strukturen, die sich aus der gewählten Arbeitsorganisation und den Entscheidungs- sowie Kontrollstrukturen ergeben. Im IT-System vergegenständlichen sich diese Strukturen in der Verteilung von Ressourcen und Dienstleistungen, in der Regelung der Zugangsberechtigung und in der Flexibilität der verfügbaren Programme sowie ihrer Einsatzmöglichkeiten.

IT-Entwicklung ist in diesem Sinne mit der Veränderung dieser Strukturen verbunden. Sie wird so zum Gegenstand und Auslöser unternehmensstrategischer Entscheidungen, die in komplexen Prozessen des Interessenskonflikts der betrieblichen Gruppen getroffen werden.

Bei der Einführung eines neuen BK-Systems beinhaltet beispielsweise die scheinbar simple Frage, ob jedem Sachbearbeiter das Adreßverwaltungssystem und die unternehmensinternen Briefvorlagen zur Verfügung stehen, die arbeitsorganisatorische Option, Tätigkeiten des Schreibdienstes in die Sachbearbeitung zurückzuverlangen.

Aufgabe von DV-Spezialisten ist es, die IT in den Innovationsprozessen zu entwickeln, mit den unternehmensstrategischen Entscheidungen rückzukoppeln und den Interessensbezug der Einsatzalternativen der IT für alle beteiligten Akteure transparent zu machen.

Ein entwickeltes Informationssystem setzt sich aus einem Werkzeugkoffer (Gesamtheit der Anwendungssoftware), aus Ressourcen (etwa Speicher und Rechenkapazitäten) und aus einem Angebot von Dienstleistungen (zum Beispiel Verwaltung der Daten, Mail) zusammen. In ihrer Gesamtheit bezeichnen wir diese Bestandteile als Infrastruktur. Über diese Infrastruktur realisiert sich in Zukunft ein großer Teil der unternehmensinternen und -externen Informations- und Kommunikationsbeziehungen.

Arbeitsbeziehungen und Infrastruktur bedingen sich gegenseitig: Mit einer Vernetzung etwa wird über die unternehmensweite Verteilung von Daten und Ressourcen, über das Kommunikationssystem, über die Bereitstellung von Dienstleistungen und über den Werkzeugkoffer, der im gesamten Unternehmen eingesetzt wird entschieden. Jeder dieser Aspekte ist nur im Kontext der Optimierung der Arbeitsbeziehungen zu bewerten. So führt der Einsatz von E-Mail zur Veränderung der Kommunikationsstrukturen. Damit verbunden ist die Ausweitung von Arbeitsbeziehungen, die zu neuen Verknüpfungen zwischen Arbeitsbereichen und zu neuen Anforderungen an die Informations-Infrastruktur führen.

Aufgabe der Informatikfachkräfte ist es, das IT-System als Infrastruktur in diesen Prozessen der Planung von Arbeitsbeziehungen zu entwickeln, mit neuen Anforderungen rückzukoppeln und den Kontextbezug für andere Akteure der Innovationsprozesse transparent zu machen.

IT dient in erster Linie als Werkzeug

Der einzelne Mitarbeiter im Arbeitszusammenhang nutzt die IT als Werkzeug, um sich der bereitgestellten Ressourcen für seine Arbeit zu bedienen und um die angebotenen Dienstleistungen etwa zur Kommunikation mit anderen Mitarbeitern zu verwenden.

In dieser Form ist die IT eng verknüpft mit der individuellen Arbeitsweise jedes Mitarbeiters und mit dem Bezug seiner Arbeit zur Arbeit anderer. Der Computer muß also auf die Aufgabe des einzelnen zugeschnitten sein. Allerdings hat der Mitarbeiter seine Arbeitsweise auf die neuen Werkzeuge einzustellen, er muß Erfahrungswissen neu entwickeln. Die Entwicklung der IT als Werkzeug betrifft so die Gestaltung der Arbeit des einzelnen, einer Gruppe von Mitarbeitern, die Arbeitsteilung und die konkrete Realisierung von Arbeitsbeziehungen.

Nehmen wir an, in einem Unternehmen, das ein BK-System einführt, werden bisher die meisten Bürotätigkeiten manuell erledigt. Lange Liegezeiten von Dokumenten, lange Kommunikationswege und die traditionellen Hilfsmittel (Ablagesystem, Aktenschränke, Schreibmaschinen etc.) bestimmen die Arbeit. Das BK-System soll mit den Werkzeugen Textverarbeitung, Grafik-Tool, Tabellenkalkulation, DBMS, Dokumentenarchiv, Kalender und Mail ausgerüstet werden. An der alten Arbeitsorganisation kann man sich bei der Entwicklung dieser neuen Werkzeuge nicht mehr orientieren. Sie müssen als Teil der Arbeitsgestaltung gemeinsam mit Aufgaben wie Briefverkehr, Erstellen von Präsentationen, Informationsbeschaffung, Auswertung von Unternehmensdaten, Dokumentenverwaltung und Terminplanung entwickelt werden.

Die Aufgabe von Informatikfachkräften besteht darin, die IT als Werkzeug in diesen Prozeß der Arbeitsgestaltung zu integrieren, mit neuen Anforderungen rückzukoppeln und den Kontextbezug herzustellen, also das Werkzeug in den Arbeitszusammenhang einzuordnen und andererseits die Arbeitsorganisation auf die IT-Struktur zu beziehen.

Ziel ist die Optimierung des ganzen Arbeitssystems

Informatiker stehen vor umfassend neuen Anforderungen. Die Optimierung der isolierten IT ist nicht mehr hinreichend, einfache Vorgehensmodelle und Optimierungsverfahren reichen nicht mehr aus, um einen effektiven Einsatz der IT sicherzustellen. Heute kann das Ziel nur noch die Optimierung des gesamten Arbeitssystems sein, dessen endgültige Gestalt vorab nicht mehr analytisch zu bestimmen ist.

Es geht um die Optimierung des Innovationsprozesses selbst, der sich aus der Verschränkung sehr verschiedenartiger Prozesse und der Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure ergibt. DV-Profis setzen in diesen Prozessen die IT in ihrem jeweiligen Entwicklungsstadium als Medium ein. Sie entwickeln technische Lösungsvarianten und verknüpfen sie mit Optionen der Arbeitsgestaltung. Die Zyklen technischer Entwicklung und die Rückkoppelung mit der Arbeitsgestaltung bestimmen die Dynamik des Innovationsprozesses entscheidend mit. Der Kontextbezug wird zu ihrem wesentlichen Beitrag im Innovationsprozeß.

Die sozialen Prozesse werden immer wichtiger

Die Verknüpfung von Technik- und Arbeitsgestaltung fordert grundlegend neue Kompetenzen, die wir als Technikgestaltungs-, Prozeß- und Kooperationskompetenz fassen. In ihrer Gesamtheit bezeichnen wir diese als ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz. Sie unterscheidet die Datenverarbeiter der Zukunft von den technikorientierten DVern der vergangenen Jahre.

Für die Technikgestaltung werden Kriterien der Arbeitsgestaltung bestimmend, die selbst wiederum nur auf der Grundlage von Einsatzmöglichkeiten der IT entwickelt werden kann. In diesem Sinn muß Technikgestaltungs-Kompetenz als das klassische Qualifikationsmerkmal der Informatikfachkräfte neu definiert werden. Technik muß im Kontext "Arbeit" und im Interessenbezug interpretiert und bewertet werden.

Die Arbeitsgestaltung und die Neudefinition von Regulierungsmechanismen sind Gegenstand von Interessenskonflikten im Unternehmen. Diese Auseinandersetzungen um den Interessensausgleich sind gleichzeitig auch ein Motor der Innovationsprozesse. Durch die Verknüpfung der IT-Entwicklung mit der Arbeitsgestaltung und der Entwicklung neuer Regulierungsformen sind Informatik-Fachkräfte in diese Prozesse involviert und gestalten sie maßgeblich mit.

Das Agieren in sozialen Prozessen rückt daher ins Zentrum ihrer Aufgaben. Um hier aktiv und verantwortlich handeln zu können, benötigen sie Prozeßkompetenz. Das bedeutet im einzelnen, soziale Prozesse in ihrer Dynamik zu verstehen, Interessen und Widersprüche als Motor der Entwicklung zu verstehen und zu nutzen, Zyklizität und Rückkoppelung als Methoden in Entwicklungsprozessen ohne Zielkonstanz einzusetzen.

Durch die Verknüpfung von Arbeitsgestaltung und IT-Entwicklung arbeiten DV-Profis zunehmend in kooperativen Entwicklungszusammenhängen. Um Synergieeffekte in der Zusammenarbeit der Datenverarbeiter und anderer Akteure in komplexen sozialen Strukturen erreichen zu können, wird Kooperationskompetenz zu den notwendigen Qualifikationsmerkmalen der Berufsgruppe gehören.

Kooperation bedeutet, in einer Gruppe gleichberechtigter Experten zusammenzuarbeiten, eigenes Expertenwissen und Entwicklungsleistung als Teile eines übergreifenden Innovationsprozesses einzubringen und sich auf Expertenwissen anderer Akteure und deren Entwicklungsleistung in der eigenen Arbeit aktiv zu beziehen.

Die Informatikfachkraft als Techniker, der nur in den starren Strukturen eines technischen Systems denkt, ist angesichts - der neuen Anforderungen, die die Systementwicklung in Zukunft stellt, überfordert. Dies macht sich in vielen Unternehmen schon in einem Mangel an kompetenten Mitarbeitern die in kooperativen Entwicklungszusammenhängen arbeiten können, deutlich bemerkbar.

Notwendig für diese Berufsgruppe ist einerseits eine neue berufliche Identität und ein neues Aufgabenverständnis, andererseits müssen neue Kompetenzen entwickelt werden. Ganzheitliche Arbeitsgestaltungs Kompetenz ist das Qualifizierungsziel von morgen. (wird fortgesetzt)

* Andrea Baukrowitz, Andreas Boes, Christian Boß, Ulrich Hütten, Ulrich Jung arbeiten im Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) Marburg.