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20.03.1981

Techniker müssen ihre Technik engagiert vertreten

Dr.Ernst Berens Leiter des Redaktionsbüros der Süddeutschen Zeitung in Düsseldorf

Das Stichwort Kernenergie genügt. Genausogut könnten es die Mikroprozessoren, diese geheimnisvollen Chips, oder die weiter fortgeschrittenen Computer, könnten es auch die Gen-Ingenieure sein: Die Technik wird unheimlich und das allein reicht aus, um sie abzulehnen. Tausende, Abertausende gehen auf die Straßen zum Protest, fordern ein kompromißloses Nein, ohne Rücksicht auf die Folge. Stichwort: Brokdorf. Ist die technische Entwicklung, ist der über fast zwei Jahrhunderte gepriesene Fortschritt aus dem Ruder gelaufen, ist die Steuerbarkeit der Entwicklung verlorengegangen? Weckt dieser Fortschritt nur noch Ängste, Panikstimmungen, derentwillen er um jeden Preis abgelehnt wird? Löst er Stimmungen aus, die um ganz anderer Erwägungen willen ausgebeutet werden können, um dieses und jenes in Staat und Gesellschaft umzufunktionieren mit Folgen, welche die ehrlich Protestierenden, die wirklich Zweifelnden, die Idealisten, Utopisten und Romantiker gar nicht gewollt haben, als sie den Tönen der Rattenfänger gefolgt waren?

Dr.-Ing. Herbert Gassert, Vorstandsvorsitzer des Elektrokonzerns BBC in Mannheim, mithin "ex officio" dem Bau von Kernkraftwerken verhaftet, weiß um diese Frage nur allzu gut, denn auch er hat es in den letzten Jahren gelernt, daß neue Bewertungskriterien nötig sind, um die Steuerbarkeit der technischen, man darf getrost sagen, der ganzen naturwissenschaftlichen Entwicklung sicherzustellen. Er sieht genau die wachsende Skepsis gegenüber dem, was oft allzu gedankenlos Fortschritt genannt wird, weiß um die Ängste und Zweifel, die sich mit der Frage verbinden, ob die Kinder wirklich besser und glücklicher leben werden, so, wie es sich noch zu allen Zeiten die Eltern gewünscht hatten.

Alles Scharlatane - alles gekaufte Subjekte

Aber wo sind diese Bewertungskriterien? Gassert wußte während einer Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zum Thema "Welche Bedürfnisse steuern die technische Entwicklung?" die Antwort auch nicht; er ebensowenig wie seine Kollegen vom VDI oder den Referenten aus Wissenschaft und Politik. Diese Kriterien gibt es einfach nicht mehr. Was ist Fortschritt? Zerstörung des Erdballs, Raubau an allen Ressourcen, skrupelloser Egoismus oder rein verbal - Rückkehr in Verhältnisse von Anno dazumal, von denen niemand wirklich klare Vorstellungen hat? Rückkehr in eine vermeintliche Idylle, in jene goldenen Zeiten, die es nie gegeben hat? Die Ingenieure, die in ihrem Fortschrittsglauben längst unsicher geworden sind, riefen die Publizisten um Hilfe an. Aber wie können sie, absolute Unbefangenheit und Unabhängigkeit vorausgesetzt, helfen, urteilen, schreiben, reden, darstellen, wenn es für jeden Fachmann flugs einen Gegenfachmann gibt, wenn kein Experte ohne Gegenexperten bleibt und wenn es weit und breit keine Superautorität mehr gibt, wie sie vielleicht in den Zeiten von Albert Einstein und Otto Hahn noch bestanden hat? An was soll sich der Publizist halten, wenn ihm von der einen Seite zugeflüstert wird "alles Scharlatane", wenn die andere Seite ebenso eindringlich souffliert alles gekaufte Subjekte, gekaufte Interessenvertreter" - beide Seiten sich aber darin einig sind, daß man auf keinen Fall zitiert werden darf und kann, weil, weil, weil...

Die Kernkraft ist zur Zeit zweifellos der Kristallisationspunkt jener Angst, die sich um Technik und Wirtschaft rankt und die beide immer mehr einengen kann. Morgen mag es etwas anderes sein, wie es vor 150 oder 200 Jahren Dampfmaschine, Spinning Jenny und mechanischer Webstuhl waren, Insofern ist nichts neu. Die Technik hat immer Lebensängste ausgelöst, war stets mit unzähligen Imponderabilien behaftet, selbst wenn das die Ingenieure nicht immer gesehen haben. Aber das ist Feststellung, nicht Trost und Hoffnung. Mit Polizeieinsatz läßt sich das Brokdorf-Syndrom kaum ausräumen. Erfolgreiches Zurückdrängen von Demonstranten garantiert noch nicht, daß man in einigen Jahren über diese Maschinenstürmerei ebenso den Kopf schütteln wird wie vor 150 Jahren, nach dem Aufstand der Weber in Schlesien. Wie herrlich weit hat es doch seitdem die industrialisierte Gesellschaft gebracht, wie sehr ist jedermanns Wohlergehen dank Technik seitdem gewachsen, um wieviel freier sind die Menschen geworden! Nur, über die Gegenwart kommt man damit nicht hinweg, gewinnt keine neuen Autoritäten, die jede Opposition zum Schweigen bringen könnten.

Hoffnungslose Gefangene der Technik

Diese Tagung des VDI hatte ihr Gutes dadurch, daß sie das Bewußtsein der Techniker, besser gesagt, der Naturwissenschaftler ganz allgemein, schärfen kann. Ist ihnen allen wirklich bewußt, daß ihnen Grenzen in den Unwägbarkeiten gesetzt sind? Wenn jährlich 15 000 Menschen ihr Leben durch Verkehrsunfälle verlieren, dann regt das im Grunde kaum jemanden auf und beschwört ganz sicher keine allgemeine Welle der Autofeindlichkeit. Nirgendwo erscheinen deshalb Plaketten: "Auto - Nein Danke".

Gleiches gilt für die Hausfrauen im Umgang mit Waschautomat und Spülmaschine. Die Beispiele sind beliebig vermehrbar, führt doch jedes kurze Überlegen zu der Einsicht, daß die Mitteleuropäer des Jahres 1981 hoffnungslose Gefangene der Technik sind, daß es letztlich keine Alternative und kein "Zurück zur Natur" gibt.

Von jenem "Zurück zur Natur" hat seit Rousseau noch jede Generation geträumt, die Romantiker mit der blauen Blume ebenso wie der Wandervogel auf dem Hohen Meißner und die Anhänger des "einfachen Lebens". Es waren immer nur Träume, bestenfalls Wirklichkeit für einen einzelnen. Die Gesellschaft an sich aber muß mit der Technik leben. Sie tut es fast zur Gänze reibungslos. Ihr Vertrauen in die Technik und deren Zuverlässigkeit, in das Wort der Fachleute, in die Fertigkeiten der Experten ist schier grenzenlos. Anderenfalls gäbe es weder einen Autoverkehr noch eine Luftfahrt, noch eine Motorisierung der Haushalte, noch sonst was. Nur dort, wo die Ängste aufgekommen oder bewußt geweckt worden sind, wie bei der Kernenergie, oder wo politische Propaganda ins Spiel gebracht wird wie vor einigen Jahren beim Staudamm Cabora Bassa (solange Mocambique portugiesisch war), da läuft es anders, da türmen sich die Hindernisse und Barrikaden bis hin zum Mord am leitenden Ingenieur eines Kernkraftwerkes. Kämen durch eine "Panne" in einem Kernkraftwerk irgendwo auf der Welt auch nur zehn Menschen zu Schaden, es bräche auf den Straßen und Plätzen die Hölle aus und die Politiker würden umzüglich handeln. Autofahren jedoch, daß ist nichts Geheimnisvolles, das kann jeder halbwegs intelligenter Mensch. Wer bemüht hier schon die Wahrscheinlichkeitsrechnung, zum Thema, wie häufig sich je Kilometer ein Achsbruch ereignet, der ein Menschenleben fordert, jene Wahrscheinlichkeitsrechnung, die bei der Anti-Kernkraft-Kampagne eine so große Rolle spielt?

Sackgasse der heillos festgefressenen Vorurteile

Erklären sich die Diskrepanzen aus fehlender Information? Die Gegenfrage muß zunächst lauten, ob die Menschen überhaupt Information wollen. Literatur, auch leichtverständliche, gibt es zum Thema "wie funktioniert das?" wahrlich genug. Eine Informationslücke besteht für diejenigen, die guten Willens sind und es wissen wollen, nicht. Trotzdem man nicht nachlassen, Information, Information und nochmals Information zu geben, anzubieten. Informationen müssen nicht nur die Ökonomen und Politiker geben, ganz vorne stehen nicht minder die Ingenieure und Naturwissenschaftler, so fern ihnen zunächst diese Materie auch sein mag. Es geht um die Glaubwürdigkeit ihres Gewerbes, beileibe nicht nur in Sachen Kernkraft, sondern beispielsweise bei jeder Maschine, die eine menschliche Arbeitskraft überflüssig macht. Sie dürfen in ihrem Informationsdrang und in ihrer Bereitschaft zur Diskussion nie deshalb erlahmen, weil sie vielleicht in der Sackgasse der heillos festgefressenen Vorurteile landen können.

Freilich nützt die beste Einzelinformation nichts, wenn von interessierter Seite immer wieder entscheidende Probleme zunächst geleugnet und vertuscht, dann heruntergespielt werden. Die Diskussion um die Kernenergie wäre nie so hitzig geworden, wenn diese Politik von den Erbauern und Betreibern der Kernkraftwerke nicht allzulange verfolgt worden wäre. Es hat viel zu lange gedauert, bis die Atomphysiker und die Betreiber von Kernkraftwerken zugegeben haben, zugeben mußten, daß das Problem der Entsorgung, des radioaktiven Mülls, nicht gelöst ist, nirgendwo in der Welt, daß man lediglich glaubt, es lösen zu können. Es genügt der bloße Eindruck, jemand wolle etwas vertuschen, herunterspielen - und das Mißtrauen wird hellwach. Es greift wie ein Flächenbrand um sich. Wie ist das mit den Mikroprozessoren, denen der Ruf anhängt, sie seien Job-Killer? Was hat es mit der Automatisierung des Büros auf sich, wie steht es mit der "elektronischen Sekretärin"? Was ist mit der unheimlichen Berufsgruppe der Gen-Ingenieure? Das alles ist undurchsichtig, schwer verständlich, das ist mit wirtschaftlichen, finanziellen Interessen verbunden, was allein genügt, um schier unausrottbares Mißtrauen zu wecken.

Die Techniker müssen es endlich lernen, sich verständlich zu

machen. Das war auch eine Forderung der VDI-Tagung in Düsseldorf. Jeder Ingenieur wird sich, wenigstens innerlich, ganz anders als bisher mit der Frage zu beschäftigen haben, welche Auswirkungen der Auftrag haben mag, an dem er gerade arbeitet, er wird sich nicht mehr darauf zurückziehen können, er habe lediglich einen technischen Auftrag ausgeführt, mit den Konsequenzen und der Verantwortung habe er nichts zu schaffen. Viele, sehr viele Ingenieure und Naturwissenschaftler werden jetzt empört sein und erklären, damit seien sie glatt überfordert, das sei praktisch auch nicht durchzuhalten. Aber wo liegt die Antwort auf diese bewußte Provokation im positiven? Während der Düsseldorfer VDI-Tagung war sie nicht zu hören.

Dieser Gastkommentar wurde der Süddeutschen Zeitung vom 7./8. März - mit freundlicher Genehmigung der Wirtschaftsredaktion - entnommen. Er kommentiert eine Veranstaltung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Titel "Welche Bedürfnisse steuern die technische Entwicklung?"