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25.11.1988

Technische Intelligenz sollte nicht in Häme verfallen

Dr. Gerhard Zeidler, Mitglied des Vorstands der SEL AG, Stuttgart, Vorstandsvorsitzender des Verbandes Deutscher Elektrotechniker VDE

Technik, für sich alleine genommen, ist bestenfalls ein akademisches Thema. Die Wirtschaftlichkeit ist eine notwendige Bedingung, weshalb, wie der Berliner Technikhistoriker Wolfgang König feststellte, eine "Technikgeschichte der Sieger" fünf Bände, eine "Technikgeschichte der Verlierer" dagegen leicht das Dreifache an enzyklopädischer Ausbeute erbrächte. Und Techniker haben diesen Mechanismus verstanden. Warum sollten sie nicht auch verstehen lernen, daß bei optimaler Technikgestaltung und optimaler Wirtschaftlichkeit noch eine dritte Hürde zu nehmen ist: die gesellschaftliche Organisation. Wenn unsere Gesellschaft tatsächlich nicht imstande ist, die Risiken bestimmter Großtechnologien organisatorisch zu beherrschen, ohne daß die Vorzüge unserer Gesellschaft verlorengehen, dann gibt es eben ein neues Kapitel in der "Technikgeschichte der Verlierer".

Aber dies heißt für mich nicht, daß etwas dann als "nicht organisierbar" feststeht, wenn die ersten Bedenken diskutiert werden. In der Telekommunikation zum Beispiel hat allein das Kürzel "ISDN" so viele Bedenken erzeugt, daß selbst pragmatische Politiker an ein baldiges Breitband-ISDN gar nicht zu denken wagen. Da stehen Zukunftsperspektiven zur Debatte, und ohne Not wird Unsicherheit erzeugt. Und wenn die Perspektive fehlt, dann gibt es unerwünschte Nebenresultate wie im Fall der Atomenergie, wo niemand - kein Befürworter und kein Gegner - noch Kernphysik studieren will: Dabei ist doch klar, daß man sogar zum Aussteigen Leute braucht, die mehr können, als nur das Licht auszumachen. In der Telekommunikation - diese Bemerkung sei mir gestattet - brauchen wir zwingend und dringend Leute, die mit dem Licht umgehen können, und zwar mit dem infraroten Licht der Optoelektronik.

Die Entwicklung im Technikverständnis kontrastiert also wohl hart mit der gegebenen guten Perspektive der Technikentwicklung. Auf der Suche nach einer Erklärung ist die "Technische Intelligenz" an vielen Stellen fündig geworden. Die Techniker haben es verstanden, ihr Ohr zu schärfen für ernstzunehmende zielführende Hinweise auf eine bessere Technikentwicklung. Eines der ersten Probleme, das in einem interdisziplinären Dialog schon vor über zehn Jahren als ein übergreifendes Problem identifiziert wurde, war das Problem des Zusammenwirkens von Mensch und Technik beim Umgang mit komplizierten technischen Einrichtungen - vom Leitstand eines Kraftwerks über ein Flugzeugcockpit hin zu Datenbanken oder PCs.

Was damals wie ein Wunschtraum erschien, ist heute bereits Allgemeingut. Niemand stellt in der Technik die Notwendigkeit einer physikalischen Ergonomie in Frage, und niemand streitet der Technik ab, daß hier große Fortschritte erzielt wurden. Jetzt ist die Ergonomie - als Resultat interdisziplinären Zusammenwirkens - bereits in der zweiten Generation, in der es um die Unterstützung des Menschen auch hinsichtlich seiner kognitiven, nicht mehr allein um die physischen Eigenschaften und Fähigkeiten geht.

Ein weiteres Problem ist erkannt worden: Auch in die Information über Technik muß Zeit und Mühe investiert werden, wenn ein Dialog greifen soll. Hubert Markl, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat es vor kurzem so formuliert: "Vor allem soll sich kein Wissenschaftler über unverständige Journalisten beschweren, der sich nicht selbst damit geplagt hat, das, was nur er so recht versteht, auch anderen verständlich zu machen." Und von Frieder Naschold, Direktor am Berliner Wissenschaftszentrum, stammt die Einsicht, daß man "Information nicht zum Nulltarif bekommt". Ich möchte nicht wissen, wieviel "Technik-Verlierer" ihre Niederlage vor allem der Tatsache zuzuschreiben hatten, daß eine qualitativ oder quantitativ unzureichende Informationsleistung geboten wurde, auch und gerade von Technikern.

Wie sollen wir denn unbefangen in einen Dialog über Technikfolgenabschätzung einsteigen, wenn schon der Prozeß der Technikinformation, also der Berichterstattung über das bereits technisch Realisierte, unübersichtlich und unstrukturiert verläuft?

Das geänderte Technikverständnis ist keine Modeerscheinung, sondern ein Faktum, das dauerhaft bleiben wird. Technikeuphorische Phasen sind genauso die historische Ausnahme, wie abgründiger Technikpessimismus. Unsere Technikverbände blühten auf in einer Phase, in der die Technikentwicklung - wenn schon nicht euphorisch, so doch eher unreflektiert als "unproblematisch" eingeschätzt wurde. Weil sich Organisationen wandeln müssen, weil sie - wie jeder Mensch auch - ständig hinzulernen müssen, kann es nicht verwundern, wenn eine wichtige Entwicklungsrichtung von Technikverbänden dieses geänderte Technikverständnis der gesamten Gesellschaft zur Grundlage hat.

Signale bekommt die Technikentwicklung aus der Umwälzung der Märkte, worunter ein geändertes Verhalten der Verbraucher, der Unternehmen und der Administration viel bedeutsamer ist, als die Erhöhung der Konkurrenz im Marktgefüge. Die Internationalisierung unserer technischen Entwicklung ist Realität und fast banal; die daraus resultierende globale Verantwortung der Techniker ist als Postulat zwar gängig, jedoch gibt es erst schwache Signale dafür, daß diese Verantwortung auch wahrgenommen wird. Schließlich sollten gerade die Technikverbände mehr Sensibilität entwickeln, wenn aus der Gesellschaft heraus deutliche Signale der Überforderung zu erkennen sind.

Techniker und Naturwissenschaftler müssen auch jeden Anschein vermeiden, daß sie den Prozeß der technischen Entwicklung als einsame Karawane voranbringen, die sich bekanntlich um bellende Hunde nicht schert und weiterzieht: Wir müssen mit vereinten Kräften Technikprozesse so gestalten, daß sie in ihrem Ergebnis den Menschen dienlich sind. Für mich besteht kein Zweifel daran, daß die Strukturierung des Informationsprozesses rund um die technische Entwicklung dabei eine zentrale Aufgabe ist.

Daß Technikprozesse gestaltet werden können, lehrt uns die Technikgeschichte. Daß sie so gestaltet werden können, daß ein Höchstmaß an gesellschaftlicher Zustimmung erreicht wird, ist als Erkenntnis noch relativ neu. Natürlich geht dies nicht im "Stop-and-Go-Rhythmus". Inzwischen ist wohl klar, daß der technische Entwicklungsprozeß uns - auch nicht, wenn wir wollten - eine längere Denkpause gestattet. Kurskorrekturen, dies ist banal, müssen unter dem laufenden Rad gemacht werden. Man ist auch bei den nichttechnischen Wissenschaften - jedenfalls dort, wo Wissenschaftler den Kontakt zur Praxis der Innovationsprozesse nicht aufgegeben haben - dazu übergegangen, Wege zur sozialverträglichen Gestaltung von Technik prozeßbegleitend zu verfolgen. Aufgeschlossene Gewerkschafter haben sich ebenfalls für diese Art der interdisziplinären Realisationsforschung ausgesprochen. Erste Kooperationsmodelle zwischen Technikern und Nichttechnikern funktionieren bereits in den Unternehmen. Aber es kann nicht über die Tatsache hinweggesehen werden, daß die Mehrheit der nichttechnischen Wissenschaftler aus wissenschaftstheoretischen oder auch aus gesellschaftspolitischen Gründen sich nicht - wie man sich ausdrückt - vor den "Karren der privatwirtschaftlichen Verwertbarkeit" spannen lassen will. Die "Technische Intelligenz" sollte darüber nicht in Häme verfallen, sondern bedauern, daß diese volkswirtschaftliche Ressource nicht voll zur Verfügung steht. Ein Technikverband kann nicht mehr tun, als zusätzliche Energie in den begleitenden Prozeß der Information über den Technikprozeß zu investieren und dafür zu werben, daß alle bei diesem gestalterischen Aufbruch mittun.

Wer den Diskussionsprozeß der letzten beiden Jahrzehnte verfolgt hat, der sich um die Technologiepolitik entwickelt hat, der wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß es dieser Diskussion vor allem an Struktur gefehlt hat. Denken Sie daran, wer denn über Technik informiert hat: Da trafen sich Werbeagenturen mit seriösen Verbandsvertretern, da äußerte sich ein Wissenschaftler aus der Abgeschiedenheit des Elfenbeinturms, da projizierte der Betriebsrat sein drängen des Problem über alle Bereiche hinweg und da äußerte sich auch so mancher Unternehmer mit schnell zusammengeschusterten Pauschalaussagen. So kam es zu solchen Begriffsfehlbesetzungen wie "Die Mikroelektronik betrifft alle Arbeitsplätze", die bei den Arbeitnehmern Betroffenheit bewirkte. So kam es zu voreiligen Aussagen wie den angeblich unaufhaltsamen Trend zur Informationsgesellschaft, der niemals die Notwendigkeit aufwarf, die Gestaltung einer solchen Informationsgesellschaft zu erarbeiten.

War es noch vor zehn Jahren geradezu wagemutig, wenn ein Politiker oder ein Manager sich dem Thema Technikentwicklung stellte, so wurde die Informationsarbeit immer deutlicher eine ganz normale Alltagstätigkeit der Verantwortlichen.

Hier müssen Politik, Wirtschaft, Verbände und andere gesellschaftliche Gruppen wohl umdenken und umsteuern. Es fehlt an anerkannten Institutionen und an gesellschaftlichen Etats, die diesen Informationsprozeß strukturieren können, die für Transparenz der technischen Entwicklung sorgen, für habhafte Information, die dann jeweils in Handlungsvorschläge umgesetzt werden und im Konsens ausgehandelt werden kann.