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11.12.1987 - 

Auf dem Wes zum ISDN-Pilotprojekt: Konzepte - Erwartungen - Zwischenbilanz

Technische Werke wollen acht ISDN-Anwendungen testen

Öffentliche Verwaltung ist als konservativ verschrieen. Daß sich dieses als Vorurteil herausstellen könnte, signalisieren erste Anwendungen von ISDN, wie sie in Berlin (siehe Seite 35) und Stuttgart praktiziert werden. Im "Ländle" geht man besonders ehrgeizig vor: Neben IBM-Hosts sind ISDN-Anlagen von Siemens und Telenorma sowie Rechner von Digital Equipment mit von der abwechslungsreichen Pilot-Partie.

Noch 1985 stand ISDN für "Ich sehe dieses Netz von Ferne", und der Anwender im Telefon- und Datenübertragungsbereich mußte sich fragen, obwohl ein tragfähiger Standard entwickelt werden wird oder ob er im ISDN unter Umständen das Schicksal der Fliege im Spinnennetz erleiden wird. Gleichzeitig gebar die Fernmeldeindustrie Slogans wie "ISDN - wir machen es" oder "In Sachen Digital Nixdorf", Weltpremieren wurden gefeiert und ISDN als Gegenwart präsentiert. Eine verwirrende Vielzahl von "Pre-ISDN"-Schnittstellen ließ den Anwender zwischen Hoffen und Fürchten schwanken.

Ganz anders stellte sich die Sache dar, begab man sich in die Gesellschaft traditioneller EDV-Hersteller: "ISDN - ein Thema fürs Jahr 2000 oder später", lieber Anwender, "denn die Standards werden vorher nicht stabil und damit bleiben die Produkte unzuverlässig." Doch seit dem dritten Quartal 1987 trat auch hier der große Umschwung ein. Selbst der Marktführer schaffte es, gerade noch rechtzeitig zum ISDN-Pilotprojekt eine eigene ISDN-Nebenstellenanlage (Telekommunikationsanlage) anzukündigen, was auch bei den Vertriebsaussagen seine Konsequenzen zeitigen mußte: "Connectivity" heißt das neue Schlagwort; ISDN ist da, obwohl die Kanalstruktur der Rolm-TK-Anlage dem Standard 2 mal B (64 KBit/s) + einmal D ( 16 KBit/s) nicht entspricht.

Im Frühsommer dieses Jahres hatte TWS/F bei der Konzeption der Pilotteilnahme bei den beiden Großen der Computerindustrie angeklopft und angeboten, Datenübertragungsanwendungen, Basisanschlüsse, Engagement und in begrenztem Umfang auch die Mittel für die notwendigen Geräte zur Verfügung zu stellen, wenn es in Zusammenarbeit möglich sein sollte, Netzschnittstellen und -anpassungen für die Datenübertragung im Pilotnetz zu erproben. Leider erntete TWS/F nur Unverständnis für dieses Anliegen und Kopfschütteln. Um so größer war die Überraschung, als auf der Telecom 87 in Genf all das zu sehen war, wonach vergeblich gefragt worden war.

Datenübertragung im Pilotnetz

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen in Stuttgart voraussichtlich acht unterschiedliche Applikationen zur Datenübertragung im ISDN-Pilotnetz erprobt werden:

Die zwei ersten Applikationen verwenden die an PCs in der Regel vorhandene Schnittstelle V.24. Über Terminal-Adapter (TA) V.24 wird die asynchrone Schnittstelle mit maximal 9600 Bit pro Sekunde an den synchronen 64-KBit/s-Kanal der Up-Schnittstelle einer TK-Anlage angepaßt. Diese Lösung ist gegenwärtig nur innerhalb einer TK-Anlage möglich, da der TA V.24 bisher noch nicht genormt ist und von der Post im öffentlichen ISDN nicht angeboten wird. Die Wahl erfolgt über die V.24-Schnittstelle entsprechend V.28 oder über ein parallel angeschlossenes digitales Telefon mit Datentaste, über welches auch die Parameter der V.24-Schnittstelle am Terminal-Adapter programmiert werden.

Die zweite Applikation geht den Weg über Modem, TA a/b und Up oder S0. Da alle verwendeten Komponenten standardisierte Schnittstellen verwenden und auch in ihrer Funktion genormt sind, kann dieses Konzept sowohl an TK-Anlagen als auch am öffentlichen ISDN als auch zwischen beiden zur Anwendung kommen. Die Wahl der Verbindung muß von dem Modem oder einem analogen Telefon mit Datentaste in einem im analogen Telefonnetz üblichen Verfahren auf der a/b-Schnittstelle erfolgen. Der TA a/b setzt die Wählsignale in den ISDN-D-Kanal um.

Die dritte Applikation verwendet zukunftsorientiert direkt die S0-Schnittstelle am PC. Für den Einsatz zu Testzwecken am ISDN-Pilotnetz bietet IBM für XT und AT sowie PS/2 eine S0-Karte einschließlich der Kommunikationssoftware an. Wird PC zusätzlich mit einer SNA-Schnittstelle an einen IBM-Hostrechner angeschlossen, so kann dieser so IBM als unbedientes Gateway für die anderen am Netz betriebenen PCs arbeiten.

Die vierte und fünfte Applikation sind vom Konzept her identisch. Sie kommen lediglich aus verschieden Häusern und unterscheiden sich geringfügig in den Möglichkeiten. Während Siemens (Applikation 4) mit seinem Server 3510 einen eigenen Unix-Rechner für die 3270-Emulation und andere Bürokommunikationsanwendungen verwendet und diesem die zugehörigen Multiterminals 3510 im Netz zuordnet, setzt TN (Applikation 5) seiden Integral-Server sowohl für die 3270-Emulation als auch als Gateway zu einem DEC-Host und zum Teletex-Dienst im IDN für die Multiterminals TX90 ein. Während der Server 3510 direkt an der U-Schnittstelle der TK-Anlage angeschaltet ist, wird der Integral-Server von TN über TA V.24 angeschlossen.

Die sechste Applikation nutzt die TK-Anlage lediglich ihrer Übertragungstechnik wegen. Protokollwandler setzen die 2-MBit/s-Koax-Schnittstelle zwischen 3274-Cluster-Controller und Datensichtgerät in einen 64-KBit/s-Kanal der U-Schnittstelle einer TK-Anlage um. So kann die normale Telefonverkabelung für die 3270-Datendialoganwendung verwendet werden, was mitunter gewaltige bauliche Vorteile bringen kann. Ein Wahlvorgang wird nicht notwendig, da in TK-Anlagen für diesen Zweck Fest- beziehungsweise Sofort-Verbindungen eingerichtet werden können. Da ferner TK-Anlagen sehr viel größere Verkehrswerte als bisherige Telefonanlagen zur Verfügung stellen, treten in der Regel selbst dann keine inneren Blockierungen auf, wenn alle angeschlossenen Datenendgeräte ihre Verbindung permanent stehen lassen.

Die siebente Applikation baut auf der dritten auf. Die Kombination aus PC und Host wird gedoppelt und müßte so einen, wenn auch etwas umständlichen Filetransfer über ISDN ermöglichen. Ein Vorteil dieses Konzepts liegt darin, daß die Systemsoftware der Hostrechner für diese Pilotanwendung nur den Filetransfer Host - PC behandeln muß.

Die achte Applikation schließlich, die TWS/F in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart beziehungsweise unter deren Federführung erproben will, nutzt den transparenten B-Kanal im ISDN für eine Decnet-Verbindung zwischen zwei Microvax-Rechnern. Die Anwendung soll ein Dialog zum dahinterliegenden Host der Universität sein, der aufgrund seiner grafikunterstützten Darstellung am Bildschirm nur mit einer Übertragungsrate von 64 KBit/s komfortabel zu handhaben ist.

ISDN wird und ist als Dienstenetz ein wesentlicher Standard für interne und externe Bürokommunikation. Dies schafft auch Probleme bei der Zusammenarbeit bisher traditionell getrennt operierender Bereiche eines Betriebes. Es ist notwendig, eine neue Qualität der Zusammenarbeit zwischen Organisation, Datenverarbeitung und Fernmeldewesen zu finden. Das ISDN-Pilotprojekt hat sich bereits im Vorfeld als geeignete "Spielwiese" hierfür erwiesen. Angesichts der gewaltigen Investitionen, die im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik auf Verwaltungen und Unternehmen zukommen und angesichts der zunehmenden Schlüsselstellung dieser Techniken in den organisatorischen Abläufen moderner Verwaltungen und Unternehmen kann dieser Problematik sicher kaum zuviel Bedeutung beigemessen werden.

Konfliktfelder

Wesentlich für eine reibungslose Abwicklung von zukünftigen Projekten ist der Dialog mit dem Personalrat (Stadtverwaltung) beziehungsweise dem Betriebsrat (TWS) während der ganzen Pilotlaufzeit, um gemeinsam Vorstellungen über die arbeitsplatzverändernden Auswirkungen von ISDN zu entwickeln. So lassen sich Konfliktfelder im Vorlauf zum Regeleinsatz von ISDN und seinen Diensten eventuell erkennen und ausräumen.

Eine wichtige Aufgabe im Pilotprojekt ist das Heranführen der Anwender an neue Möglichkeiten der Telekommunikation auch besonders deshalb, weil in öffentlichen Verwaltungen und kommunalen Unternehmen Telekommunikationsdienste bisher vorwiegend nach der Steuergelder sparenden Maxime verwaltet wurden: so wenig und so billig wie möglich. Ob diese Maxime auch in Zukunft dem sparsamen Umgang mit Steuergeldern dienen kann, darf bezweifelt werden.

Im ISDN-Pilotprojekt bieten wir den Teilnehmern unter anderem folgende Dienste an: Fernsprechen mit neuen Dienstmerkmalen, Voicemail, Telefax Klasse 3 und 4, Teletex, Display-Copy zwischen Multiterminals und Personal Computern, Fernskizzieren, "langsame" Bewegtbildübertragung und Misch- und Mehrfachkommunikation an der zweikanaligen ISDN-Schnittstelle. Telefax Klasse 3 kommt in relativ großem Umfang zum Einsatz, da dieser Dienst ohne wesentliche Anpassung des Arbeitsplatzumfeldes leicht eingeführt werden kann und Kommunikation auch mit Teilnehmern außerhalb der Pilotinsel erlaubt.

Ferner ist es wichtig, die Mitarbeiter im Fernmeldebereich an die neue Technologie heranzuführen. Im Bereich von Wartung und Betrieb von TK-Anlagen müssen sich die Mitarbeiter grundlegend neue Kenntnisse aneignen, um die bisher praktizierte Eigenwartung der Systeme auch in Zukunft übernehmen zu können. Im Bereich der Prüf- und Meßtechnik ergeben sich neue Aufgaben sowohl hinsichtlich der Fehlerdiagnose an Systemen als auch hinsichtlich der Übertragungstechnik auf den Leitungen. Stadtverwaltung und TWS brauchen angesichts der umfangreichen privaten internen und Außen-Kabelnetze eigene Erfahrungen bezüglich der Zuverlässigkeit der Übertragungstechnik, denn 144 Kilobaud über unterschiedlichste Kabel stellen doch gemessen am Bisherigen exotische Anforderungen.

Nach Beendigung des Pilotprojektes erwarten wir modulare Endgeräte hinsichtlich Schnittstellen und Diensten beziehungsweise Dienstmerkmalen. Sehr wichtig ist die Austauschbarkeit der Schnittstelle S0 in Up oder Uk, damit Endgeräte zwischen Basisanschluß (Universalanschluß) und TK-Anlagen portabel werden. Angesichts des größeren Diensteumfangs an TK-Anlagen gegenüber dem Basisanschluß am öffentlichen Netz sollten auch die Protokolle in gewisser Weise modular und herstellerunabhängig erweiterbar sein, damit Endgeräte unterschiedlicher Hersteller an einer TK-Anlage betrieben werden können. Die modulare Konfigurierbarkeit, die heute Personal Computer bieten, sollte das künftige Telematikendgerät auszeichnen, ohne daß damit die anwendungsoptimierte Bedieneroberfläche heutiger Telematikendgeräte verlorengeht.

Wir erwarten ferner die rasche Verwirklichung der Absichten großer DV-Anlagenhersteller hinsichtlich OSI, so daß zumindest in Schicht 1 die S-Schnittstelle als Systemschnittstelle die Diskussion um die V.24-Schnittstelle in Zukunft rasch erübrigt. Wir erwarten von der Deutschen Bundespost ein flexibles Eingehen auf die Probleme bei der Anschaltung außenliegender Nebenstellen, auch bei Verwendung privater Kabel. Die Chance, daß Bildschirmtext mit neuem Leistungsprofil im ISDN und Gateway-Verbindungen zu den anderen Telematikdiensten die Funktion des breiten "Low-end"-Ausläufer für jedermann für die professionellen Telematikdienste übernehmen könnte, sollte genutzt werden. Der rasch wachsende Markt leistungsfähiger Heimcomputer wäre hierfür der richtige Ansatzpunkt.

Angesichts der weltweiten Bedeutung von ISDN sind Anstrengungen, die einer raschen und umfassenden Realisierung dienen, für Unternehmen und Verwaltungen gleichermaßen wie für die Postverwaltungen gut angelegtes Kapital. Diskussionen über ISDN oder LAN über ISDN oder firmenspezifische Datennetze entsprechend sogenannter Industriestandards werden durch die Praxis überholt werden. Ein aufgabenoptimiertes Mit- und Nebeneinander wird sich herausbilden.

ISDN mindestens als Transportnetz

Die Vielzahl der untereinander inkompatiblen Applikationen ist - leider - charakteristisch für die Schwellensituation, in der sich die Kommunikationstechnik heute befindet. Reminiszenzen an das Bisherige sind notwendig, auch wenn sie nicht wesentlich weiterführen. Daß auch Lösungen dabei sind, die ISDN-Schnittstellen verwenden, kann als sichtbares Zeichen interpretiert werden, daß die Computerindustrie ISDN mindestens als Transportnetz entgegen manchen bisherigen Aussagen ernst nimmt. Die Möglichkeiten, der Datenübertragung und Datenkommunikation im ISDN sind dennoch nur eines der Themen, die an dem Pilotprojekt interessieren.

Zwei TK-Anlagen

Die Hauptabteilung Fernmeldewesen der Technischen Werke der Stadt Stuttgart AG (TWS/F) hat sich sehr frühzeitig im Namen der TWS und im Namen der Stadtverwaltung Stuttgart, für die TWS/F als zuständige Fachabteilung die Fernmeldevollmacht gegenüber der Bundespost wahrnimmt, um die Teilnahme am ISDN-Pilotprojekt bemüht. Ferner hat TWS ein Konzept entwickelt, das zusätzlich zur Teilnahme mit Post-Endgeräten an Basisanschlüssen den Einsatz von zwei Telekommunikations-Anlagen vorsieht. Dieses Gesamtkonzept soll so früh wie möglich die Grundlage schaffen, um mit entsprechendem Technik- und Anwendungs-Know-how den Regeleinsatz zu planen, strategische Unternehmensentscheidungen im Bereich der Kommunikationstechnik auf eine solide Basis zu stellen und um ferner Betrieb und Wartung TK-Anlagen mit eigenem Personal auch in Zukunft übernehmen zu können.