Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

11.01.1985

Technischer Wandel zwingt zu sozialer Innovation

Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg

Mit dem Ende der Vollbeschäftigung zu Beginn der 70er Jahre ist auch die Technik mehr und mehr ins Gerede gekommen. Schon beim Beschäftigungseinbruch 1974/75, der unter anderem durch die Ölkrise ausgelöst worden war, wurden neben wirtschaftlichen Fragen auch die Auswirkungen des technischen Wandels diskutiert. Diese Diskussion wurde unter dem Eindruck einer drastisch verschlechterten Arbeitsmarktlage immer heftiger und hat zur Zeit einen gewissen Höhepunkt erreicht. Polarisierende Schlagworte wie "Job-Killer" auf der einen und "Job-Knüller" auf der anderen Seite machen die Runde und erhitzen die Gemüter.

Fast alle von uns erleben derzeit in der eigenen Arbeit die Auswirkungen des technischen Wandels, an dem vor allem die EDV und Mikroelektronik beteiligt sind. Ihre Einflüsse auf den Arbeitsmarkt, die Arbeitsbedingungen und Berufsinhalte sind nicht zu bestreiten. Man sollte deshalb die Befürchtungen, die in der Bevölkerung gegenüber solchen Einflüssen bestehen, nicht einfach beiseite schieben. Sie prägen das Bewußtsein vieler, vor allem junger Menschen in den Industrienationen. Um so wichtiger ist es, die Auswirkungen des technischen Wandels auf die Berufs- und Arbeitswelt möglichst sachlich und vorurteilsfrei zu untersuchen und sich ihren Herausforderungen zu stellen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit hat versucht, die quantitativen Auswirkungen technischer Änderungen in wichtigen Branchen der verarbeitenden Industrie in den 70er Jahren mit Hilfe von systematischen Befragungen festzustellen. Die Ergebnisse zeigen ohne wesentliche Unterschiede, daß die negativen - strukturbedingten - Auswirkungen auf die zahlenmäßige Beschäftigung in der öffentlichen Diskussion vielfach überschätzt werden; sie sind weit weniger dramatisch, als sie oft hingestellt werden. Viel stärker schlägt bei der Beschäftigung die Konjunktur- und Bevölkerungsentwicklung zu Buche. Zum einen ist es in erheblichem Umfang gelungen, Entlassungen durch Umsetzungen und Versetzungen innerhalb der Betriebe zu vermeiden, zum anderen erfolgten und erfolgen keine "technologischen Schübe", sondern die Anpassungsgeschwindigkeit der Wirtschaft an neue Techniken ist relativ langsam. Weitgehend unberücksichtigt bei den Diskussionen blieb auch das wirtschaftliche und soziale Umfeld, in dem die neuen Techniken angewandt wurden. Die Technikfolgen ergeben sich jedoch nicht nur aus der Entwicklung der Technik selbst, sondern ganz entscheidend aus der Technikgestaltung und -Anwendung.

Noch auf einen anderen wesentlichen Punkt hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hingewiesen: Nur in den seltensten Fällen ist eine direkte Zuordnung von technischen Veränderungen und Arbeitsplatzwirkung möglich. Immer spielen auch andere Aspekte eine Rolle: beispielsweise die Herstellung neuer Technik, die selbst wieder Arbeitskraft bindet, die komplexen internationalen Produktions- und Lieferverpflichtungen, Änderungen von Markt- und Absatzstrategien der Unternehmen, Gestaltung der Produktpalette und der Produktionsorganisation. Dennoch kann man "Wegrationalisierungen" nicht leugnen, etwa beim Einsatz von Industrierobotern. Hier zeigt sich deutlich, wie menschliche Arbeitskraft durch ein technisches Gerät ersetzt werden kann.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Der Einsatz neuer technischer Verfahren ist für eine Reihe von Arbeitnehmern mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes verbunden. Unbestritten ist aber auch, daß der technische Fortschritt gleichzeitig in anderen Bereichen neue Arbeitsplätze schafft und bestehende langfristig sichern hilft.

Nun gibt es die These, daß die Einführung neuer Techniken eine Dequalifizierung der betroffenen Arbeitnehmer nach sich ziehe. Eine Reihe von Untersuchungen belegt jedoch das Gegenteil: Die Qualifikationsanforderungen werden in der Regel steigen. Die Arbeit wird insgesamt abstrakter. Die Komplexität der Arbeit und damit ihr Abstraktionsgrad wachsen an. Es müssen Prozeßabläufe erfaßt und Zusammenhänge begriffen werden. Teilaufgaben, die bisher mehrere Mitarbeiter erledigt haben, werden über Terminals zusammengeführt. Man kann daher eine klare Verschiebung zu den qualifizierten Berufen hin feststellen, die nicht zu Lasten der mittleren Qualifikationen, sondern vor allem der am wenigsten Qualifizierten geht.

Sehen muß man auch, daß durch neue Techniken einzelne Berufe in ihrem Tätigkeitsspektrum erweitert werden. Es läßt sich sogar die These wagen: Je größer der Technikeinsatz in einem Unternehmen ist, um so größer sind die Anforderungen, die an das selbständige Handeln und Entscheiden der Mitarbeiter gestellt werden müssen. Für den einzelnen ergeben sich hier möglicherweise Chancen größerer beruflicher Zufriedenheit und persönlicher Erfüllung.

Diese Entwicklung hat natürlich Konsequenzen für die schulische und berufliche Bildung. Hier liegt einer der wichtigsten Schlüssel zur Bewältigung des technischen Wandels. Negative Folgen für den einzelnen können nur dann vermieden werden, wenn die Bereitschaft und - was genauso wichtig ist - auch die Chance zu beruflicher Flexibilität und Anpassung an neue Erfordernisse gegeben sind. Die fachübergreifenden Qualifikationen müssen bereits im allgemeinbildenden Schulsystem gelegt werden. Die fachlichen Qualifikationen werden danach in der beruflichen Ausbildung erworben - im Betrieb, in der Fachschule, auf der Hochschule -, sind aber in permanenter Weiterbildung zu aktualisieren. Gerade der letzteren kommt immer mehr die Funktion zu, den veränderten fachlichen und menschlichen Anforderungen im Zuge des technischen Wandels Rechnung zu tragen. Mit anderen Worten: In die "Berufe mit Zukunft" wächst der einzelne heute immer mehr über die Weiterbildung hinein. Diese kann allerdings nur dann fruchtbar sein, wenn die vorausgegangene Bildung das Fundament hierzu gelegt hat.

Befürchtungen und Ängsten im Zusammenhang mit dem technischen Wandel muß Rechnung getragen werden. Die Angst vor der Technik ist zu einem guten Teil bedingt durch Unkenntnis: Sie ist Angst vor dem Unbekannten und dem Unverstandenen. Um diese Ängste zu beseitigen, sind vor allem eine breite öffentliche Diskussion und Information darüber nötig, was diese Techniken für unser Leben, für unsere Zukunft bedeuten. Es muß verhindert werden, daß der einzelne sich der neuen technischen Entwicklung ohnmächtig ausgeliefert fühlt.

Hier tragen auch die Tarifvertragsparteienc große Verantwortung. Die Arbeitnehmer müssen an allen Entscheidungen beteiligt werden, die ihre Arbeit und Lebensbedingungen tiefgreifend verändern. Nur so werden diese in die Lage versetzt, auch Mitverantwortung im Innovationsprozeß zu tragen.

Der vielfältige Wandel in Wirtschaft und Technik kann für den arbeitenden Menschen bei allen Risiken und Unwägbarkeiten, die er mit sich bringt, auch eine große Chance sein. Freilich darf der Mensch nicht wehrlos und unvorbereitet dem Prozeß der technischen Innovation ausgeliefert sein, sondern muß in ihm selbst als der entscheidende Akteur auftreten. Nur so bleibt er Subjekt und wird nicht zum Objekt der Arbeit beziehungsweise zum Spielball der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Gerade deshalb sind technischer Wandel und soziale Innovation untrennbar.