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17.07.1998 - 

"Virtuelle Werkstatt" bei Konstrukteuren hoch im Kurs

Tecoplan: Ein DMU-Spezialist klopft an die Tür zum Weltmarkt

Branchenexperten sind sich einig: Der Wettbewerb in der Autoindustrie findet nicht mehr primär in der Fertigung, sondern im Engineering statt. Einer der Akteure im Hintergrund ist dabei die Tecoplan Informatik GmbH, die 1992 als Management-Buyout aus der Tecoplan Prototyping GmbH hervorging. Das Softwarehaus vor den Toren Münchens entwickelt sogenannte digitale Arbeitsräume für die Planung und den Bau komplexer Komponenten, die vor allem in der Automobil- und Flugzeugindustrie zum Einsatz kommen.

Mit ihrer Software "Virtuelle Werkstatt" adressieren die Münchner den derzeit verheißungsvollen DMU-Markt. Komponenten, die dreidimensional mit Hilfe einer CAD-Lösung konstruiert wurden, lassen sich mit entsprechenden Lösungen wie reale Teile zusammensetzen. Folge: Komplette Entwicklungsprozesse können auf dem Bildschirm abgebildet werden. Eine etwas genauere Beschreibung für CAD-Fachleute liest sich dann so: DMU ist im wesentlichen die Kombination von Produktdaten-Management (PDM) mit CAD. Wird beispielsweise im PDM eine Stückliste gepflegt, in der alle denkbaren Komponenten für ein komplettes Baugruppenspektrum beschrieben sind, muß der Konstrukteur die von ihm benötigten Komponenten nur noch auswählen; das jeweilige CAD-System lädt die Teile und positioniert sie zueinander. Darüber hinaus kann es - um bei der Automobilindustrie zu bleiben - beim Einsatz der Tecoplan-Produkts zu Produktionspannen wie undichten Schiebedächern oder klemmenden Türen aufgrund eines speziellen Fehlersuchprogrammes gar nicht erst kommen.

Aber noch ein weiterer Vorzug macht die Software bei Entwicklern attraktiv: Das Datenvolumen läßt sich durch die Umwandlung von CAD- in Voxel-Daten auf bis zu ein Prozent reduzieren. Damit können Simulationen auf jedem Workstation-PC laufen, oftmals in nur wenigen Sekunden. Das schlägt vor allem auf der Kostenseite positiv zu Buche. "Die Entwicklung neuer Kfz-Modelle kann mit Hilfe von DMU-Verfahren um bis zu 50 Prozent je nach Umsetzungsgrad in der Organisation beschleunigt werden. Der Bau teurer Prototypen erübrigt sich damit", wirbt Andreas Mühlberger, neben den beiden Gründern Thomas Koytek und Klaus Rehm Mitglied der Tecoplan-Geschäftsführung.

BMW, der erste Kunde von Tecoplan, wolle beispielsweise mit Hilfe der Software von der Entwicklung bis zum Produktstart mindestens 30 Prozent Zeit sparen. Auch wenn sich die bayerischen Autobauer nicht genauer in die Karten schauen lassen, steht für Mühlberger fest: "Die Kostenersparnis bei der Entwicklung neuer Modelle kann bis zu 50 Prozent betragen. Inzwischen ist die Tecoplan-Software nicht nur bei BMW, sondern auch bei Audi, Mercedes-Benz, Volvo und Volkswagen im Einsatz. Einer der jüngsten Kunden der DMU-Spezialisten ist zudem der US-Luft- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin. Die Amerikaner wollen mit dem Produkt der Münchner ihre nächste Spaceshuttle-Generation "X-33" entwickeln.

Um den technologischen Vorsprung - Mühlberger schätzt diesen auf zwei Jahre - weiter auszubauen, genießen Forschung und Entwicklung bei Tecoplan oberste Priorität.

Der Markt für virtuelle Entwicklungssoftware verfügt nach Einschätzung von Branchenanalysten über ein riesiges Potential. Einer Untersuchung des US-Marktforschungsunternehmens Daratech zufolge lag das Marktvolumen für virtuelles Engineering 1997 bei 650 Millionen Mark, bis zum Jahr 2001 werden über eine Milliarde Mark erwartet. Tecoplan will bis dahin zu einem Anbieter mit rund 120 Millionen Mark Umsatz avancieren. Noch müssen die Münchner allerdings kleinere Brötchen backen. 1997 erzielte das knapp 100 Mitarbeiter zählende Softwarehaus Einnahmen von rund acht Millionen Mark, für das laufende Geschäftsjahr ist eine Verdoppelung des Umsatzes anvisiert.

Banken verweigerten bisher jeden Kredit

Um den geplanten Quantensprung auf über 100 Millionen Mark zu schaffen, versuchen die Münchner, die weltweite Expansion so schnell wie möglich voranzutreiben. Heute schon verfügt Tecoplan über Niederlassungen in Schweden, Frankreich, Japan, Südkorea und den USA (Detroit). Bereits 1997 kam jeder zweite Auftrag aus dem Ausland, im Jahr 1999 soll laut Mühlberger das internationale Business 80 Prozent zum Umsatz beitragen.

Das größte Problem bereitet den Newcomern bis dato die Finanzierung der globalen Expansion. Bei Banken das nötige Geld aufzutreiben gestaltete sich als äußerst schwierig. Vor kurzem wurde deshalb die Münchner Risikokapital-Gesellschaft Atlas Venture, die eine Minderheitsbeteiligung am Unternehmen hält, an Bord geholt. Um weitere Finanzierungslücken zu schließen, hält Tecoplan-Geschäftsführer Mühlberger eine zweite Venture-Capital-Runde im kommenden Jahr nicht für ausgeschlossen. Weiteres Kapital soll dann der ebenfalls für 1999 geplante Börsengang in die Unternehmenskasse bringen. Derzeit ist noch nicht entschieden, ob das Going Public am Neuen Markt in Frankfurt am Main oder an der New Yorker Nasdaq erfolgen wird. Die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft läuft jedoch bereits.

Andrea Goder ist freie Journalistin in München.