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25.04.2006

Telcos bleibt nur die Flucht nach vorn

Der anhaltende Preisverfall im Fest- und Mobilfunknetz, aber auch die eigene Unbeweglichkeit setzen den großen Telco-Gesellschaften zu. Vor allem die ehemals staatlichen Carrier haben zu kämpfen.

Das klassische Festnetzgeschäft war unter staatlicher Obhut eine Art Lizenz zum Gelddrucken. Doch seit einigen Jahren sind die Grenzen offen: Die Marktliberalisierung und der technische Fortschritt haben zu einem Veränderungsdruck geführt, dem die Ex-Monopolisten kaum noch gewachsen sind - Unternehmen wie die Deutsche Telekom müssen sich nicht nur mit City- und Regional-Carriern herumschlagen, die seit der Marktöffnung vor zehn Jahren die von ihnen kontrollierten Teilnehmeranschlussleitungen (TAL) anmieten und mit ihrer eigenen Infrastruktur verbinden.

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Eine weitere Bedrohung für das Festnetzgeschäft ist der Mobilfunk. Welcher Sturm sich hier zusammenbrauen könnte, zeigt ein Blick in die USA: Dort haben laut einer Untersuchung von Forrester inzwischen mehr als sechs Millionen Haushalte oder knapp sechs Prozent der Bevölkerung ihre Festnetzverbindungen gekappt und telefonieren ausschließlich mobil.

Handy-Telefonie noch teuer

Auch in Europa zeichnet sich eine solche Entwicklung ab: Einer aktuellen Studie des Beratungshauses Arthur D. Little zufolge werden in Deutschland bislang nur 18 Prozent des Sprachverkehrs über Handys abgewickelt. Frankreich liegt mit einem Anteil von 45 Prozent in Europa vorne, der Durchschnitt beträgt bereits 33 Prozent. Möglicher Grund für den hiesigen Rückstand sind die hohen Handy-Gesprächsgebühren von etwa 23 Cent pro Minute. Der europäische Durchschnitt liegt bei 17 Cent, die Franzosen zahlen sogar nur 14 Cent pro Minute.

Marktbeobachter sind sich darin einig, dass im Zuge des von Billiganbietern initiierten Preisverfalls auch in Deutschland ein zunehmender Teil der Festnetzgespräche durch Mobiltelefonie ersetzt wird. Als Reaktion auf die Bedrohung haben europäische Festnetz-Carrier wie die Deutsche Telekom, France Télécom, Telefónica und Telecom Italia bereits damit begonnen, Mobilfunk und Netzwerk zusammenwachsen zu lassen.

Anbieter schnüren Kombipakete

Mit der wachsenden Bedeutung von Fixed-to-Mobile-Convergence (FMC) einher gehen die Bemühungen der Telcos, ihre Mobilfunktöchter wieder in den Konzern zurückzuführen. Unterdessen schaut sich der Mobilfunkriese Vodafone nach weiteren Festnetzanbietern um, damit auch er Kombipakete aus Mobil- und Festnetztelefonie sowie Breitband-Internet schnüren kann.

Eine weitere - zumindest potenziell große - Bedrohung für die Carrier stellt IP-Telefonie oder Voice over IP (VoIP) dar. Auf dem Papier besitzen die von Skype oder Google, aber auch von TV-Kabelgesellschaften und verschiedenen Internet-Providern angebotenen VoIP-Dienste einen klaren Preisvorteil gegenüber der klassischen Telefonie: Web-to-Web-Gespräche sind auf Basis der Internet-Flatrate kostenlos, für Gespräche zu herkömmlichen Festnetzanschlüssen fallen nur geringe Minutenpreise an.

Arno Wilfert, TK-Experte bei Arthur D. Little, hält denn auch Unternehmen wie Skype oder Google für die eigentlichen Herausforderer der ehemaligen Staats-Carrier: "Sie bedrohen die hohen Einnahmen, die die Telcos aus Mobilfunk-Roaming-Gebühren und internationalen Gesprächen ziehen." Vor allem Geschäfts- und Urlaubsreisende nutzten die Billigalternativen. Wegen der extrem niedrigen Sprachtarife in Deutschland sei der Anreiz dagegen nicht sehr hoch, Ortsgespräche per Skype zu führen. Dieser Punkt wird aus Sicht des Branchenexperten häufig überschätzt: Privatkunden sei es in der Regel egal, ob sie via VoIP oder ISDN telefonieren, solange Preis und Qualität stimmen.

Die Auswirkungen durch VoIP-Dienste, die von fast allen DSL-Providern angeboten werden, sind laut Wilfert nicht so gravierend. Die Telcos hätten darauf mit Pauschaltarifen (Flatfees) reagiert. Bei Geschäftskunden sei die Situation anders, da Unternehmen mit VoIP womöglich die Mietkosten für die eine oder andere PBX-Telefonanlage einsparen können. Dafür müssen sie aber die Breite der Datenleitungen aufstocken. Ob sich VoIP damit unter dem Strich rechnet, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Carrier wie die Telekom oder France Télécom haben längst erkannt, dass der Trend zu IP-basierender Telefonie nicht aufzuhalten ist. Sie bieten inzwischen eigene VoIP-Angebote an - und riskieren damit, die Erosion im Festnetzgeschäft noch zu beschleunigen. Indem France Télécom selbst VoIP-Pakete offeriere, könne der Konzern Kunden halten und einen Teil der verlorenen Festnetzerlöse durch neue Dienste kompensieren, begründet CEO Didier Lombard die entsprechende Strategie seines Unternehmens.

Mit Produkten wie der "Livebox", einen WLAN-Router, der integrierte Dienste aus Telefonie und Internet bereitstellt, agiere France Télécom viel aggressiver als die Telekom, meint Arthur-D. Little-Analyst Wilfert. Die Bonner gingen zwar den gleichen Weg, befänden sich jedoch vergleichsweise in einer frühen Marktphase. "Die Telekom hat zu viel Angst, sich selbst zu kannibalisieren", kritisiert der TK-Experte.

Content is king?

Die Strategie des magentafarbenen Carriers zielt aktuell darauf, das Abwandern der Festnetzkunden zu stoppen und mobile Nutzer mit einem Dual-Phone-Angebot zu umgarnen. Gleichzeitig setzen die Deutschen auf Triple Play: Mit einem Kombinationsangebot von Telefonie, Breitband-Internet und IP-TV sollen die bundesdeutschen Wohnzimmer in Beschlag genommen werden. Thorsten Wichmann, Geschäftsführer des Berliner Marktforschungs- und Beratungshauses Berlecon, ist skeptisch: "Content ist sexy. Es stellt sich nur die Frage, inwieweit man damit zusätzliches Geld verdienen kann." Bei TK-Diensten gehe es in erster Linie immer noch um Kommunikation. Sein Kollege Wilfert von Arthur D. Little hingegen meint, dass sich die Telekom mit IP-TV-Inhalten wie der Übertragung von Bundesliga-Spielen in die richtige Richtung bewegt.

Angesichts der Umsatzentwicklung im Festnetzgeschäft steht die Telekom zumindest mittelfristig vor einem Problem. So gingen die Einnahmen im Geschäftsjahr 2005 um 0,9 Milliarden auf 24,7 Milliarden Euro zurück. Gleichzeitig sank die Anzahl der Festnetzanschlüsse um 1,6 auf 35,2 Millionen.

Was den Bonnern im Festnetz verloren geht, können sie nur bedingt durch Arbeitsplatzabbau und Effizienzverbesserungen kompensieren. Auch fällt es angesichts der sinkenden Preise für Internet-Dienste und Mobilfunk zumindest im innerdeutschen Geschäft schwer, hier einen Ausgleich für das schwache Festnetzgeschäft zu schaffen. Ein Hoffnungsträger ist zwar das geplante Hochleistungsnetz, das Anwendern Video on Demand und Fußball-Live-Übertragungen via VDSL bescheren soll. Bis es aber so weit ist, müssen die Bonner noch einige Zeit warten - und Milliardenkosten für die neue Infrastruktur in Kauf nehmen.

Unsichere Zukunft

"Die großen Carrier haben keine sichere Zukunft. Keinen einzigen Tag mehr", fasst Kenn Walters, TK-Experte der Experton Group, die gegenwärtige Situation der TK-Branche zusammen. "Natürlich werden viele von ihnen überleben, aber viele andere werden aufgekauft." Berlecon-Analyst Wichmann ist ähnlicher Ansicht, wobei es seiner Meinung nach vor allem bei kleineren Anbietern zu Fusionen oder Aufkäufen kommt. Die Telekom sei nach wie vor stark und könne ihre Kundenbasis bei gutem Management weiter ausbauen. In Newcomern wie Skype oder Google sieht Wichmann dagegen Nischenanbieter. Sie können die klassischen Telcos allein wegen der hohen Markteintrittsbarrieren nicht so schnell ablösen. Dass die traditionellen Carrier am Ende doch am längeren Hebel säßen, zeige sich etwa an der Diskussion darüber, ob sie von Internet-Companies wie Google oder Yahoo eine Art Maut für Traffic erheben sollen. Auch Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke hatte sich für einen solchen Schritt ausgesprochen. (mb)