Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

22.01.1988

Tele-Infrastruktur: Autobahnen ohne Verkehrsschilder?

Professor Herbert Kubicek Fachbereich Betriebswirtschaftslehre Universität Trier

Seit vielen Jahren arbeiten Techniker an der Entwicklung und Standardisierung des ISDN als Universalnetz. Hersteller und Politiker haben es geschafft, das Etikett ISDN mit der Assoziation "zukunftssicher" verbinden und bei Anwendern Interesse, zum Teil sogar Nachfrage nach Produkten zu erzeugen, die es noch nicht gibt. Ist somit Telekommunikation ohne ISDN heute gar nicht mehr denkbar und in einigen Jahren gar nicht mehr machbar?

Datenfernübertragungs-Anwender, die sich intensiver mit der ISDN-Technik, den Gebühren und Endgeräten befassen, bekommen teilweise Zweifel und fordern die Beibehaltung der vielfältigen Dienste im IDN. Die Bundespost gibt schon langfristige Garantien für die Aufrechterhaltung des IDN, insbesondere Datex-P. Ihre ökonomische Begründung für das ISDN, die Austrocknung der teuren Spezialnetze, wird brüchig. Aber ganz langfristig soll es sich doch lohnen, weil das ISDN den Durchbruch der Nicht-Sprachdienste zur Massenanwendung, also in die Privathaushalte, ermögliche.

Worauf beruht diese Erwartung? Reichen simple Trendprognosen und die Annahme einer Verbilligung von Gerätekosten und Übertragungskosten? Wie steht es mit Akzeptanzproblemen? Können sie durch Marketingkampagnen alleine überwunden werden?

Computergesteuerte Netze und eine darüber angestrebte Ausweitung der Datenfernverarbeitung in Form des Telebanking, Teleshopping, Informationsabrufs und anderes mehr werfen vielfältige Datenschutzprobleme auf. Und sie verändern Kommunikationsprozesse. Wie wird sich aber das Datenschutzbewußtsein und das Bewußtsein für die Verluste bei technisch vermittelter Kommunikation bis zum Jahr 2000 und in den folgenden Jahrzehnten verändern? Angenommen, es käme zu ähnlichen Bewußtseins- und Verhaltensänderungen, wie sie im Bereich der Umwelt, des Automobilverkehrs, der Nahrung und der medizinischen Versorgung in den letzten zehn Jahren zu beobachten sind. Was würde ein steigendes "kommunikationsökologisches" Bewußtsein für die Rentabilität der heutigen Investitionen in Netze und Endgeräteentwicklung bedeuten? Welche ökonomischen und politischen Folgen würden erfolgreiche Klagen gegen die Speicherung und Weitergabe personenbezogener Daten im ISDN und den vielen externen Rechnern haben, die sich auf das Volkszählungsurteil mit seinen Grundsätzen der Erforderlichkeit, der Transparenz und des Gesetzesvorbehalts stützen könnten?

Niemand kann diese Fragen mit Sicherheit beantworten. Die Kosten- und Marktprognosen stehen jedoch unter demselben Vorbehalt der Ungewißheit. Und in einem Zeitraum von 30 Jahren sind Trendbrüche (Wertewandel) genauso wahrscheinlich wie eine Trendverlängerung.

Großunternehmen reagieren auf die Ungewißheit langfristiger Investitionsprojekte mit Alternativplanungen, Diversifikation und Szenarienbildung. Die fernmeldetechnische Industrie und die Deutsche Bundespost scheinen dies nicht nötig zu haben. Sie setzen alles auf eine Karte und bestätigen sich gegenseitig ihre Wunschszenarien eines vollelektronisierten Alltags.

Die derzeitigen Deregulierungspläne sind vor diesem Hintergrund doppelt problematisch. Zum einen würde ihre Verwirklichung die Finanzkraft der Bundespost verringern, mit der sie ihren Kurs der angebotsorientierten Politik auch bei ausbleibender Nachfrage durchhalten konnte. Zum anderen geht die Politik der Deregulierung an allen Erfahrungen vorbei, die in anderen Bereichen in Phasen des Einstiegs in die Massenanwendung von Techniken gemacht worden sind.

Mit dem Einstieg in die Massenautomobilisierung wurden nicht die damals wenigen Verkehrsschilder weggeräumt und die Straßenverkehrsordnung und Zulassungsbedingungen gelockert. Mit dem Anstieg der Arten und Mengen von chemischen Arbeitsstoffen und Arzneimitteln wurden nicht Gesetze und Verordnungen ausschließlich den Absatzinteressen der Hersteller angepaßt. Nicht Deregulierung, sondern Regulierung wurde von Verbrauchern und einigen vorausschauenden Politikern gefordert, teilweise gegen laute Töne der Hersteller durchgesetzt und letztlich von diesen akzeptiert.

Wenn nun Privatunternehmen Mehrwertdienste anbieten können sollen und dabei auch- zum Beispiel bei Temex-Anwendungen - personenbezogene oder -beziehbare Daten speichern, verarbeiten und weiterleiten, so wäre dies ein Rückschritt hinter die bisher schon unzureichenden Einflußmöglichkeiten des Bundesdatenschutzbeauftragten. Für die Bundespost gelten immerhin einige in die Telekommunikations-Ordnung (TKO) zuletzt aufgenommene Datenschutzbestimmungen. Für die Privaten gelten nur die allgemeinen Datenschutzgesetze, deren Unzulänglichkeit erst die Spezialregelungen in der TKO begründet hat.

Da es beim Datenschutz um Grundrechte geht, ist eine Deregulierung rechtsstaatlich höchst bedenklich. Ob sie wirklich der Akzeptanzsteigerung dient, muß bezweifelt werden. Wichtiger als ein Postverfassungsgesetz erscheint daher ein Telekommunikationsverkehrsgesetz, in dem auch den sozialen Risiken beziehungsweise Schutzrechten der Bürger/innen, Verbraucher/innen und Arbeitnehmer/innen in den Anwenderbetrieben Rechnung getragen wird.

Bevor Gesetze geändert werden, um noch partiellen Umsatzinteressen Weichen für einen Weg in die Zukunft zu stellen, sollten verschiedene technische und ordnungspolitische Alternativen zu Optionen zusammengefaßt und hinsichtlich möglichst vieler ökonomischer, sozialer und rechtlicher Aspekte in Szenarien für unterschiedliche Anwendungsbereiche verglichen werden. Dies reduziert nicht die Ungewißheit, verbreitert jedoch die Informationsgrundlage und schafft eine größere Problemlösungsumsicht, die ihrerseits die Chancen für einen breiten politischen Konsens erhöht. Je einseitiger und starrer die derzeitigen technischen und ordnungspolitischen Ziele verfolgt werden und je mehr Werbeanzeigen die kontroverse Sachdiskussion ersetzen sollen, um so mehr wird Akzeptanzverweigerung und Widerstand provoziert.

Nicht zuletzt aus diesem Grund hat das Präsidium der Gesellschaft für Informatik im Frühsommer 1987 in einer Stellungnahme zum Für und Wider des ISDN eine breitere Diskussion, einen systematischen Vergleich von Alternativen und verstärkte Aktivitäten des Gesetzgebers zur Regelung von Problembereichen wie Datenschutz und Mitbestimmung gefordert. Das ebenfalls im vergangenen Jahr abgeschlossene interdisziplinäre Projekt "Optionen der Telekommunikations-Infrastruktur" (siehe auch "Optek-Forscher warnen vor Risiken" auf Seite 45) hat in diesem Sinne vier unterschiedliche Optionen gebildet und unter Risikoaspekten in Form von Anwendungs- und Wirkungsszenarien verglichen.

Dem einen oder anderen Leser mag die betont kritische Grundhaltung ideologisch nicht passen. Die Hersteller- und Postverlautbarungen sind jedoch nicht weniger einseitig. Und bei Langfristplanungen empfiehlt die Betriebswirtschaftslehre nicht nur die Konzentration auf die günstigsten Umweltbedingungen, sondern auch eine Analyse nach der "Worst-Case-Methode". In diesem Sinne erscheint es dringend erforderlich, die aktuelle Neuordnungsdiskussion auf eine breitere Basis zu stellen damit aus den geplanten Autobahnen keine Sackgassen und aus den Vorleistungen keine Fehlleistungen werden.