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23.08.1996 - 

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Telearbeit: Neue Wege ins nächste Jahrtausend

Im Prinzip können alle als Telearbeiter gelten, die ihre Arbeit primär mittels Informations- und Kommunikationswerkzeugen teilweise oder ausschließlich unabhängig vom Ort der Auftragserteilung verrichten. Im Extremfall sitzen sie mit Laptop und Mobiltelefon auf der grünen Wiese und übermitteln Daten der Firma X an Firma Y, rufen Informationen vom Firmen-Host oder aus dem Internet ab und senden sie nach der Bearbeitung weiter gestalten mit Kollegen ein Bild, einen Text, eine Konstruktionsskizze oder nehmen aktiv an einer Konferenz teil, die keinen Tisch mehr braucht. Nicht der Hausbesitzer kassiert die Miete, sondern Provider und Telefongesellschaft.

"In keiner Arbeitsform ist die Diskrepanz so groß zwischen dem, was praktiziert wird, und dem, was möglich ist", so Reiner Clement, Regierungsdirektor im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) zur Telearbeit. Er beziffert, gestützt auf eine im Juli 1995 vom ZVEI/VDMA veröffentlichten Untersuchung, die Zahl der tatsächlichen Telearbeiter in Deutschland auf zirka 30000. Laut Werner Korte, Geschäftsführer der Bonner Empirica, sind es fünfmal mehr, nämlich 150000. Basis seiner Angaben ist eine 1994 im Auftrag der EU unter Federführung der Empirica durchgeführte Erhebung zur Telearbeit in fünf europäischen Staaten.

Peter Johnston, von Insidern in Brüssel Mr. Teleworking genannt, schiebt die Zahlen beiseite und konstatiert: "Telearbeit begann in Deutschland im Vergleich zu Großbritannien, Irland, den nordischen Ländern und Frankreich äußerst langsam, schreitet jetzt aber rasant fort." Diese Aussage korreliert mit den Ergebnissen der von Roland Berger & Partner im September 1995 vorgelegten Studie "Strategische Bedeutung der Telearbeit für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen". Danach hatten weniger als 25 Prozent der befragten Firmen, die bereits Telearbeit praktizierten, vor 1990 damit begonnen. Bei 81 Prozent der Unternehmen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung noch keine Telearbeit eingeführt hatten, stand sie aber zur Diskussion.

Die Arbeitszufriedenheit hat sich gesteigert

In Deutschland arbeiten zirka 35 Millionen Menschen. Das BMWi schätzt das Potential für Telearbeit auf fünf bis mittelfristig zehn Prozent aller Arbeitenden - was 1,75 bis 3,5 Millionen Bürostühle zumindest teilweise überflüssig machen würde. Um die Akzeptanz vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen zu fördern, startet die Bundesregierung im Herbst eine Aufklärungskampagne und erhofft sich dadurch neue Arbeitsplätze. Erfahrung hat der Arbeitsminister inzwischen mit acht Frauen und zwei Männern, die aus familiären Gründen einen Teil der Arbeit zu Hause erledigen. Gabriele Girnau, Referentin im Bundesministerium für Arbeit (BMA), stellt nach dem ersten Probejahr fest: "Die Arbeitszufriedenheit hat sich gesteigert. Alle Mitarbeiter machen weiter, die notwendigen Anträge wurden sehr frühzeitig gestellt." Seit letzten Monat gibt es 19 Telearbeiter, zwölf Frauen und sieben Männer, von zirka 1100 Mitarbeitern im Forschungsministerium (siehe Seite 36).

Bei aller Euphorie wird selten bedacht, daß es nicht nur Menschen wie Sabine Brand-Lehmann gibt, die froh ist, sich zu Hause ihrer Familie widmen zu können und gleichzeitig mittels Telearbeit im Job zu bleiben.

Wer beispielsweise allein lebt, verspürt keinen Drang, auch noch allein zu arbeiten. Ob sich Telearbeit in Großstädten bei anhaltender Tendenz zu Singlehaushalten wirklich durchsetzt, sei dahingestellt.

Anders sieht hingegen die Situation auf dem Land aus: In Retzstadt, einem 1700-Seelen-Dorf, sind bis auf eine Handvoll Landwirte alle Arbeitenden gezwungen zu pendeln. Die Schule hat geschlossen, der Pfarrer ist gegangen, vier Kneipen haben dichtgemacht. Die Verwaltung wurde in den Nachbarort verlegt, das Rathaus kaum mehr benutzt. Die Kommunikation untereinander war so gut wie tot. Um den "Funktionsverlust zu stoppen", bot Bürgermeister Reinhold Möller städtischen Unternehmern leerstehende Räume für Telearbeit an, wollte dabei die Kosten für Büroarbeit durch gemeinsame Gerätenutzung minimieren sowie die soziale Isolation, die durch Heimarbeit entsteht, und damit Anreize für die Einwohner schaffen, ihr Dorf selbst wieder zu beleben. Doch in den Unternehmen stieß er auf erheblichen Widerstand: "Vor allem das mittlere Management mauert." Dennoch arbeiten heute fünf Telearbeiter im Rathaus für verschiedene Auftraggeber.

Möller will mehr. Eine ehemalige Jugendherberge wird zur Zeit zu einem "Center of Competence" umgebaut. Ende August sollen dort zehn Telearbeiter beginnen geplant sind 25 Teleplätze - für Selbständige und Angestellte. Wichtig ist Möller, daß alle Beteiligten "soziale Kontakte erleben", am Arbeitsplatz wie im Dorf. Damit will er "den Zentralitätswert des Ortes erhöhen" und hofft, daß "Arzt, Apotheker und Geschäfte, die es früher gab, mitten ins Dorf zurückkehren". Eine Grundschule gibt es seit dem letzten Jahr wieder. Auch für eine Gaststätte beständen wieder Chancen.

Inwieweit die Hersteller am Gewinn der mit Telearbeit verbundenen Umsatzsteigerung an Hard- und Software beteiligt sein werden, hängt auch von der Vermarktungsstrategie ab. Sucht man auf Messen wie der CeBIT, der Systems, der Exponet und der Networld per Katalogindex, CD-ROM oder elektronisches Auskunftssystem nach Anbietern von Komplettlösungen für vernetzte Telearbeit, findet man unter dem Stichwort "Telearbeit" nichts. Ein Grund mag darin liegen, daß sich eine bereits vorhandene Anlage mit einer Komponente komplettieren läßt, die nicht vom gleichen Hersteller stammen muß. Ein Telefon von Siemens erfordert keinen SNI-PC: ein Vorteil der Telearbeit vor allem für Selbständige sowie kleine und mittlere Unternehmen, die mit begrenzten Budgets auskommen müssen.

Mit der Telearbeit verringern sich die Verkehrskosten, dafür steigen die Ausgaben für Kommunikation. Trotz einer Öffnung des Markts am 1. Januar 1998 wird die Deutsche Telekom auch lange danach den Preis für die letzte Meile zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer bestimmen. Private Kabelnetze und Funk werden auf absehbare Zeit nur Nischenlösungen darstellen. Bei großen Datenmengen reicht ISDN unter Umständen nicht. ATM wäre für Reiner Lanninger, Chef vom Dienst beim Münchner Nachrichtenmagazin "Focus", "die Lösung zur Übertragung von Feindatenbildern", wenn es nicht so "tierisch teuer" wäre. Während der Telearbeiter mit Sitz in den USA seine Grafiken via Compuserve an den Münchner Rechner sendet, von dort Textdateien, Grafiken und Layoutdaten per ISDN an die entfernte Druckerei gehen, startet bislang noch am Freitag ein Helikopter, um die Bildvorlagen für die nächste Ausgabe nach Offenburg zu bringen.

Telearbeit beginnt mit dem Telefon und endet mit kompletten Systemen. Je nach Ausstattung, und damit Anschaffungskosten, ist das Telefon das Standardwerkzeug für die Verbindung schlechthin, ob zwischen Rechnern, zwischen Menschen oder zwischen Rechnern und Menschen. Ob der Telearbeiter allerdings ein Bildtelefon möchte, darf angezweifelt werden. Denn ein sozialer Vorteil: nicht permanent beobachtet und damit kontrolliert zu werden, entfällt mit dieser Technologie. Reiner Lanninger hat es mit der Berliner "Focus"-Redaktion probiert, stieß damit jedoch auf totale Ablehnung: "Umsonst viel Geld investiert."

Eine weitere Grundvoraussetzung: der Computer. Je nach Arbeitsinhalt und -umfang stehen einfache PCs oder hochwertige Workstations in der Wohnung eines Telearbeiters oder im gemeinschaftlich genutzten Tele- büro, Telecottage, Nachbarschaftsbüro etc. Aus praktischen Erwägungen beispielsweise hinsichtlich Service, Updates und Haftung sollte sich ein Angestellter, der sich für die Telearbeit entscheidet, die notwendige Hard- und Software von seiner Firma zur Verfügung stellen lassen. Für Großunternehmen wie die Commerzbank in Frankfurt, die seit dem 1. Juli ein auf ein halbes Jahr angesetztes Pilotprojekt mit 16 Teilnehmern durchführt, je zur Hälfte Frauen und Männer, die in der Zentrale mit "Spezialistenaufgaben" betraut sind beziehungsweise Arbeitsplätze im Betriebs- und Vertriebsbereich haben, ist dies selbstverständlich, nicht nur wegen des Datenschutzes.

Jedes weitere Instrument wie Anrufbeantworter, Bildtelefon, Drucker, Fax, Modem bis hin zu kompletten Workstations mit Netzanbindung hängt von der Art der Tätigkeit, vom Stellenwert der Arbeit für das Unternehmen und wesentlich von den Qualitäten des Telearbeiters ab.

Vor allem im Bildbereich sind der Telearbeit noch Grenzen gesetzt. Erst wenige Agenturen haben ihr Bildangebot digitalisiert. Der Nutzen rechtfertigt den enormen Arbeits- und Kostenaufwand noch nicht. Gleiches gilt für umfangreiche Archive.

Bei Befragungen betonten die Arbeitgeber durchweg, daß Telearbeit nicht als Fronarbeit, sondern als Auszeichnung zu verstehen sei. Je stärker das Interesse des Arbeitnehmers an seinen Job, je höher sein Bildungsniveau und je größer die Vertrauensbasis, desto positiver beurteilt er seine Tätigkeit.

Freiwilligkeit ist eine Bedingung, Anbindung an das Unternehmen in Form von Weiterbildung, Einladung zu Betriebsfeiern sind weitere. Wie die Anbindung gestaltet wird, ob man einmal pro Woche im ehemaligen Büro zusammenkommt, ob dieses gar ganz aufgelöst wird und man sich zum Gedankenaustausch in der Cafeteria trifft, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, daß es überhaupt regelmäßig geschieht. Keine noch so perfekte Technologie kann den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch ersetzen.

Problematisch sind die Formen, die das Etikett "Heim" tragen, nicht nur aus juristischer, sondern vor allem aus gesellschaftlicher Sicht. Joachim Berndt, Abteilungsleiter bei der Niederlassung der Deutschen Telekom in Frankfurt an der Oder, spricht voller Begeisterung von den Vorteilen, die seine bis zu 75 Kilometer entfernt wohnenden Mitarbeiter seit Einführung der neuen Arbeitsform zu schätzen wissen. Weniger einverstanden ist er mit der offiziellen Bezeichnung "alternierende Teleheimarbeit", die auch im Haustarifvertrag zwischen Postgewerkschaft und Telekom (dem ersten zwischen einer Gewerkschaft und einem Unternehmen) verankert ist. Für ihn ist Heimarbeit eine "Altlast seit dem Weberaufstand". Echte Heimarbeit ohne physischen Kontakt zu den übrigen Mitarbeitern des Auftraggebers erinnert an frühkapitalistisches Ausbeutertum. Gefahren bergen hier die Call- Centers, denn unter Umständen sitzen deren Mitarbeiter (meist übrigens Frauen) den ganzen Tag mutterseelenallein in ihrer Wohnung am Telefon oder Bildschirm, um Aufträge abzuwickeln. Der Anrufer bemerkt nichts von der Einsamkeit am anderen Ende.

Daß Telearbeit aus dem sozialen Aus führen kann, hat das Arbeitsamt Heilbronn bewiesen. Neun Monate lang - bis Ende Juli dieses Jahres - waren 18 arbeitslose Frauen und sechs Männer - unter anderem Kaufleute, Ingenieure, Sekretärinnen - vom Bildungsträger Ibis in "TeleArbyte" geschult worden. Bis auf zwei, die sich noch nicht entscheiden konnten, arbeiten jetzt alle zu Hause, als Selbständige oder Angestellte. Im September beginnt ein neuer Kurs, Ibis beabsichtigt nun, das Modell auf andere Bundesländer auszuweiten. Basis sind gegenseitiges Vertrauen, Flexibilität im Denken und Mobilität im Handeln, Lust auf lebenslanges Lernen, die Bereitschaft, Verantwortung abzugeben beziehungsweise zu übernehmen sowie eigenständig und verläßlich zu handeln. Der gleiche Job am gleichen Ort ein Leben lang ist ein Modell dieses Jahrhunderts. Chancen, das nächste Jahrtausend mit Optimismus zu starten, bieten sich Auftraggebern und -nehmern, die heute auf starre Arbeitsformen verzichten, um morgen auf neue Ideen reagieren zu können.

ANGEKLICKT

Ein Selbstläufer ist Telearbeit hierzulande noch nicht, zu zögerlich sind deutsche Unternehmen, aber auch Arbeitnehmer der neuen Arbeitsform gegenüber. Doch scheint sich dieser spezielle Arbeitsmarkt auf der Schwelle zu einem "rasanten Fortschritt" zu befinden, so der Unternehmensberater Roland Berger. Das Wirtschaftsministerium vermutet ein Potential von fünf bis zehn Prozent aller Arbeitenden, die ihre Tätigkeit zu großen Teilen zu Hause erledigen könnten. Pilotanwendungen sind im Gange: Besonders positiv werde Telearbeit von Arbeitnehmern mit hohem Bildungsniveau und Anspruch an den Job beurteilt.

Tele-Chancen

"Keine Herzschrittmacher. Keine Schwangeren": Damit wirbt die Firma 1x1 um Besucher für ihren Stand auf der CeBIT HOME. Dagegen wehren sich vor allem Frauen, die der "Technik neue Impulse" geben wollen. Reichlich Gelegenheit, sich bei jenen zu informieren, die von der Vorbereitung bis zur praktischen Durchführung in Telearbeit fit sind, bietet sich in Hannover vom 28. August bis zum 1. September auf der Messe bei "Chancen 2000 inter-aktiv". Mitarbeiterinnen der Bundesanstalt für Arbeit und der Deutschen Angestellten Gewerkschaft, der Deutschen Telekom und der Real Consulting - um nur einige zu nennen - stehen Auftraggebern wie Auftragnehmern, Wiedereinsteigern und Jungunternehmern Rede und Antwort. Modelle und individuelle Möglichkeiten werden im Chancen- 2000-Forum von Befürwortern und Gegnern diskutiert. Daß Telearbeit auch Behinderten Chancen bieten kann, beweist der Ziese Verlag. Er zeigt, wie eine querschnittsgelähmte Person mittels Telearbeit in die Produktion einer Zeitschrift eingebunden wird. Auf europäischer Ebene empfiehlt sich die "European Telework Week" unter dem Patronat von EU-Kommissar Martin Bangemann. In Wien, London und Bonn finden zwischen dem 4. und 13. November Veranstaltungen statt, die Einblicke in "Neue Formen und Wege zu Arbeit und Beschäftigung" geben, so der Bonner Titel. Details erhält man über Telefon 01 30/82 19 43, per Fax 00 32/2/2 99 41 80 oder E-Mail ispoispo.cec.be. Verbunden wird man mit ISPO, dem am 1. Februar gegründeten Information Society Projekt Office der EU, das "Unterstützung und Anleitung für alle Interessenten an der Informationsgesellschaft" bietet. Unsere Erfahrung: ein zuverlässiger, postwendend arbeitender Service.

Tips für die Praxis

Jedem Arbeitgeber und Arbeitnehmer, jedem Betriebsrat und Selbständigen, der sich mit Telearbeit befassen will, sei das Buch "Telearbeit" von Peter Wedde, Professor für Recht und Informationstechnik, aus dem Bund-Verlag empfohlen, das 1994 in zweiter Auflage erschienen ist. Die Investition in Höhe von 42 Mark zahlt sich aus: Juristische Fallstricke können vermieden werden

Unter dem gleichen Titel im gleichen Jahr erschienen im Westdeutschen Verlag für 54 Mark die Ergebnisse einer in Nordrhein-Westfalen unter Leitung der Autorin Birgit Godehardt durchgeführten Untersuchung. Große Hindernisse sieht sie im Management: "Führungskräfte müssen gewohntes Führungsverhalten ablegen."

Ende August legt der Vieweg Verlag "Telearbeit erfolgreich realisieren" von Norbert Kordey und Werner Korte vor. Basis bildet die Empirica-EU-Studie aus dem Jahr 1994. Im Anhang werden 25 in- und ausländische Projekte ausführlich dargestellt, die, sofern es sich um bei Godehardt bereits beschriebene handelt, mit neuerem Datenmaterial versehen sind. Fragt sich nur, ob der stolze Preis von 198 Mark gerechtfertigt ist.

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.