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10.12.1993

Telearbeit: Outworking gewinnt langsam Freunde

Die wirtschaftlichen Zeichen der Zeit stehen schlecht, auch die lange erfolgsverwoehnte DV-Branche bleibt nicht verschont. Den Service verbessern und Kosten sparen heisst deshalb die Devise. Firmen engagieren externe Unternehmensberater, die nach Abgabe ihrer Analyse nicht selten das Haus gemeinsam mit denen verlassen, deren Organisation sie gerade gestrafft haben. Dabei koennten flexible Arbeitskonzepte wie mobile Bueros oder Telearbeitsplaetze dazu beitragen, Arbeitsplaetze zu sichern,neu zu schaffen und - neben der Steigerung der individuellen Arbeitszufriedenheit - nebenbei noch fuer einen Nachfrageschub bei den Herstellern von DV- Equipment sorgen.

Nach einer Studie der Londoner Ovum Ltd. sollen im Zeitraum zwischen 1993 und 1997 fuer die Hardware-Ausstattung von Telearbeitsplaetzen rund zehn Milliarden Dollar ausgegeben werden. Den Softwaremarkt fuer diesen Einsatzbereich beziffern die Analysten auf 29 Milliarden und den fuer Datenkommunikationsgeraete auf 7,2 Milliarden Dollar. Allein ueber Modems duerfte in diesem Zeitraum ein Datenverkehr generiert werden, der die Anwender rund 25 Milliarden Dollar kosten wird.

Dabei wird nach Meinung der Ovum-Analysten die Telearbeit erst ab 1998 so richtig in Schwung kommen. Bis dahin geben die DV- Verantwortlichen ihr Geld lieber fuer Downsizing-Projekte und die Ausstattung der Arbeitsplaetze mit PCs aus. Momentan sind die Arbeitnehmer, die zu Hause am Rechner arbeiten, kein nennenswerter Faktor in der Statistik. So beziffert Ovum die Anzahl der Telearbeitsplaetze fuer Angestellte in Europa und den USA auf nur rund 600 000. Diese Zahl soll sich 1997 auf 5,3 Millionen und im Jahr 2000 auf 11,7 Millionen erhoeht haben.

Hans Neisen, Geschaeftsfuehrer der Koelner Telmark Management Consultants GmbH, schaetzt, dass heute in Deutschland nur zwischen 5000 und 15 000 angestellte Telearbeiter zu finden sind. Allerdings beziffert er die Zahl der Selbstaendigen, die mit PC und Modem vom heimatlichen Schreibtisch aus operieren, auf 200 000 bis 300 000, und die, so Neisen, "arbeiten meist als Subunternehmer fuer ihre alte Firma. Das Potential sieht man in den Firmen nicht bei den Arbeitslosen oder den Mitarbeitern, sondern bei den Start- ups aus der eigenen Belegschaft, die mit Hilfe der Telekommunikation ganz neue Formen der Zusammenarbeit praktizieren".

Als Gruende fuer die Zurueckhaltung der Arbeitgeber fuehrt Neisen einmal die Gewerkschaften an, die "das wegen des Heimarbeitergesetzes wirklich blockiert haben". Eine Anwendung dieses Gesetzes aus dem Jahr 1951 auf die Telearbeit haette nach Ansicht der Gewerkschaften erhebliche Rechtsverluste fuer die betroffenen Arbeitnehmer zur Folge gehabt. In der Vergangenheit kam es aufgrund der starken Abhaengigkeit von Konjunkturschwankungen bei der Heimarbeit zu sozialen Missstaenden. Beispielsweise sind die Kuendigungsfristen der - traditionell zu 90 Prozent mit handwerklichen Taetigkeiten betrauten - Heimarbeiter auf wenige Tage reduziert. Die IG Metall forderte aus diesen und anderen Gruenden ("elektronische Einsiedelei") 1983 ein Verbot der Telearbeit. Moderne Telearbeitsplaetze - das zeigt die Ovum-Studie - sind aber mit herkoemmlicher Heimarbeit nicht zu vergleichen. Die hauptsaechlichen Einsatzbereiche umfassen Verkauf, Instandhaltung, Dateneingangsbearbeitung, Inspektion, Software-Entwicklung, Praesentation, Kalkulation und Beratung.

Mittlerweile ist die Statusdiskussion von den Arbeitsrechtlern geklaert: Telearbeit bedeutet keine Aenderung des normalen Arbeitsverhaeltnisses.

Ausser den Gewerkschaften hat auch mancher Betriebsrat Vorbehalte gegenueber den Arbeitsplaetzen ausser Haus. Heinz Wittke, Betriebsrat bei der Integrata AG, die vorwiegend fuer Programmierer Telearbeitsplaetze anbietet, sieht seine Belegschaft zersplittert und damit weniger homogen bei der Durchsetzung von strittigen Fragen.

Andererseits macht er bei den Telearbeitnehmern eine Ignoranz gegenueber innerbetrieblichen Problemen aus. Auch dem Engagement des Betriebsrats stuenden sie gleichgueltig gegenueber: "Die Verhandlungen mit der Geschaeftsleitung ueber Spesen, Fahrtgeld und dergleichen interessiert die nicht, da es sie nicht betrifft."

Dabei sind die Integrata-Telearbeiter nach Aussagen von Wittke bei den Aufstiegschancen eher benachteiligt. "Da sie nicht im Gefuege einer Kleingruppe integriert sind, koennen sie nicht spontan mitgestalten. Der persoenliche Kontakt fehlt." Hinzu kommt, dass die Telearbeiter selbst fuer ihr Equipment sorgen muessen, die Geschaeftsleitung leistet nur Zahlungen fuer die Datenkommunikation. Begruendet wird dies, so Wittke, mit der freiwilligen Entscheidung, daheim zu arbeiten; die Rueckkehr in das Buero sei indes jederzeit moeglich. Fuer viele Programmierer ist der Heimarbeitsplatz Anreiz genug, die Nachteile in Kauf zu nehmen. Hinzu komme, so der Betriebsrat weiter, dass bei Integrata hauptsaechlich Frauen dem Buero permanent fernbleiben, und die "arbeiten meist projektbezogen oder auf Teilzeitbasis".

Einen anderen Grund fuer die geringe Zahl von Telearbeitsplaetzen macht Analyst Neisen im Fuehrungsverhalten des Managements aus. "Viele Leute, die heute Mitarbeiter fuehren, koennen das nur qua Anwesenheit. Deutsche Unternehmer fuehren in der Regel nicht auf Basis von Zielvereinbarungen." Genau dies ist aber eine Voraussetzung fuer Telearbeit. Das bestaetigt Michael Burkhardt, Leiter der Personalentwicklung bei der IBM Deutschland GmbH. Als eines von wenigen Unternehmen schlossen Geschaeftsfuehrung und Betriebsrat von IBM bereits Mitte 1991 eine Betriebsvereinbarung zur Einrichtung sogenannter ausserbetrieblicher Arbeitsstaetten.

Mittlerweile arbeiten rund 320 IBMer - im Gegensatz zu den Integrata-Mitarbeitern - an sogenannten Mischarbeitsplaetzen, wobei mindestens ein Tag in der Woche im Buero verbracht wird. Hinzu kommen etliche hundert Aussendienstmitarbeiter, die ueber Btx Zugriff auf das elektronische Informationssystem der Firma haben und dort Vertriebsinformationen und Datenbankeintragungen abrufen koennen. Momentan soll das System auf mobile Stationen ausgeweitet werden, also, so Burkhardt, "Flexibilitaet nicht nur daheim, sondern total".

Was das Fuehrungsverhalten angeht, sieht Burkhardt - auch aufgrund einer begleitenden Studie, die das Psychologische Institut der Universitaet Tuebingen im Auftrag der IBM durchfuehrte - keine Probleme. "Unsere Manager sind es seit langem gewohnt, zielorientiert zu fuehren." In den Zeiten des Lean Managements mit den flacheren Hierarchien vergroessern sich die Kontrollspannen ueberall - und die Arbeitnehmer sitzen nicht unbedingt mehr alle in einem Gebaeude. "Unsere Manager haben Erfahrung im Remote Management, da gibt es praktisch keinen Unterschied mehr zu den Telearbeitsplaetzen", so Burkhardt.

Fuer die Abflachung der Hierarchien und ein veraendertes Verhaeltnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer brachte die vor zehn Jahren in den USA entwickelte Strategie des Total Quality Managements (TQM) wichtige Impulse. Wegen der sich verschaerfenden Konkurrenz am Markt richten die Firmen ihre Strategie darauf aus, alle Angestellten dazu zu verpflichten, die Kundenbeduerfnisse in der besten und effizientesten Weise zu befriedigen.

Dieses Konzept fuehrte nach Ansicht der Ovum-Analysten dazu, dass die Arbeitgeber den Angestellten mehr Vertrauen und groessere Spielraeume einraeumen mussten, was im Endeffekt zu den seit Beginn der 90er Jahren zu beobachtenden dezentraleren Strukturen fuehrte. Nach Auffassung der Londoner Forscher wird es allerdings noch bis Mitte der 90er Jahre dauern, bis die Organisationen die Vorteile der Restrukturierung evaluiert haben. Erst danach "werden sie wirklich anfangen, flexiblere Arbeitsumgebungen fuer ihre Angestellten zu schaffen".

Gerade hochqualifizierte Arbeitnehmer schaetzen die neugewonnene Freiheit in puncto selbstbestimmter Einteilung von Zeit und Arbeitspensum. Dank der ergebnisorientierten Leistungsbewertung, so Personalentwickler Burkhardt, habe die IBM bei diesen motivierten Mitarbeitern keinerlei Probleme. "Die wollen die Verantwortung tragen." Die Anwesenheit im Buero an mindestens einem Tag in der Woche fuehre dazu, dass dann gezielt Probleme besprochen wuerden. Aus diesem Grund sieht er auch keine Benachteiligung bei den Aufstiegschancen. "Natuerlich entfallen die informellen Gespraeche am Kaffeeautomaten, aber der Mitarbeiter kommuniziert effektiver, und das kommt auch positiv an."

Die Befuerworter von Telearbeit fuehren allenthalben ins Feld, dass durch diese Arbeitsform die Produktivitaet steige. Das bestaetigt Roland Plankenbuehler vom Fraunhofer-Institut in Erlangen. Dort sammelt er zusammen mit zwei Kollegen im Selbstversuch erste Erfahrungen mit Telearbeit. Gegenwaertig verbringt das Team zehn bis 20 Prozent seiner Arbeitszeit zu Hause. Das Projekt ist so erfolgreich, dass man die Heimarbeit ausdehnen moechte. "Der Wirkungsgrad ist in dieser Zeit zwei- bis dreimal so hoch." Gerade fuer bestimmte Taetigkeiten wie Programmieren, Erstellen von Dokumentationen oder Kalkulationen schaetzt Plankenbuehler das ungestoerte Arbeiten daheim.

Auch bei den Telearbeitern der IBM zeigt sich eine Produktivitaetssteigerung von rund zehn bis 20 Prozent. Die Analysten von Ovum stuetzen sich auf eine Reihe von Studien, die die EG in Auftrag gegeben hat, und kommen zu dem Ergebnis, dass sich bei qualifizierten Arbeitnehmern daheim das Arbeitsergebnis sogar um 30 Prozent erhoehe. Fuer Verkaufspersonal, das mit Notebooks und mobilen Druckern ausgestattet ist, wachsen die Verkaufszahlen um fuenf bis zehn Prozent. Weitere Vorteile von mobilen Arbeitsplaetzen sehen die Ovum-Forscher im Bereich Service und Wartung, wo das schnellere Reagieren auf Pannen beim Kunden Vorsprung vor der Konkurrenz bringt.

Die Arbeitsorganisation ist, nicht zuletzt wegen DV und Telekommunikation, im Wandel begriffen. Der Run auf die Grossstaedte mit den bekannten Folgen fuer Verkehr und Umwelt und die Anwesenheitspflicht im Buero koennten abgeloest werden von der Rueckkehr zur Wohnung als Lebensmittelpunkt.

Manfred Ochs, bei IBM als Telearbeiter in der Software-Entwicklung taetig, moechte diese Arbeitsform jedenfalls nicht mehr missen: "Ich habe mehr Zeit fuer meine Familie, kann mir die Arbeit frei einteilen und spare taeglich Anfahrtszeiten ins Buero."

Momentan gibt es in Deutschland Bestrebungen, strukturschwachen laendlichen Gebieten zu neuer Prosperitaet zu verhelfen. Die teilweise aus EG-Mitteln finanzierten Projekte reichen von CAD- Arbeitsplaetzen fuer Nebenerwerbslandwirte bis zur Errichtung von unabhaengigen Satellitenbueros in doerflichen Gegenden oder am Stadtrand der grossen Metropolen.

Neben den klassischen Diensten wie Uebersetzungen oder Dateneingabe waere - aufgrund der technischen Ausstattung solcher auch Teleports genannter Einrichtungen - die Bereitstellung von Mehrwertdiensten, Stichwort Outsourcing, aller Art gegeben. Das ist zumindest von der Idee her nicht neu: Bereits 1980 entwarf der Amerikaner Alvin Toffler in seinem Buch "Die dritte Welle" die Vision eines elektronischen Dorfes als zukuenftige Lebens- und Arbeitsform.

Offenbar ist die Telearbeit ebenfalls eine geeignete Therapie, um dem Verkehrsinfarkt der Ballungszentren entgegenzuwirken. Die kalifornische Regierung jedenfalls raeumt den Betrieben Steuererleichterungen ein, die diese Art von Arbeitsplatz anbieten.

Ein Hemmschuh fuer all diese neuen Arbeitsformen, die auf Telekommunikation beruhen, sind aber die noch immer zu hohen Leitungs- und Uebertragungskosten. Zwar gibt es Pilotprojekte fuer Breitbandnetze und Initiativen wie den Berliner "Berkom"- Teledienst, der das kooperative Arbeiten von raeumlich verteilten Gruppen unterstuetzt, aber die Gebuehren fuer Stand- und Telefonleitungen sind fuer viele Arbeitgeber eine kritische Groesse. Initiativen wie der von Bill Clinton propagierte "Daten-Highway" koennten da Abhilfe Schaffen.

Die Londoner Ovum-Analysten machen zudem das Fehlen von Standardsoftware sowie von kompletten Hardware- und Integrationsloesungen als Hindernisse aus. Ausserdem sei eine 100prozentige ISDN-Verfuegbarkeit ein Muss fuer kostenguenstige Telearbeitsplaetze, nachdem die reinen Hardwarekosten nicht mehr ins Gewicht fielen. Die Softwarefirmen sollten ausserdem ihre Lizenzgebuehren ueberpruefen und fuer die Arbeitnehmer ausser Haus eine "Pay-by-Use"-Lizenz anbieten.