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29.11.1996 - 

Irrweg oder Baustein zur Arbeitsorganisation

Telearbeit: Rexrodt erwartet Milliarden-Investitionen

Auf dem mit 270 Teilnehmern gut besuchten Kongreß stellten Unternehmen Initiativen und Ideen zur Einführung von Telearbeit vor. Die Veranstaltung war Bestandteil des "Forum Info 2000", einer Initiative der Bundesregierung, die Deutschland erfolgreich in die Informationsgesellschaft führen will. Betreut wurde die Initiative von den Bundesministerien für Wirtschaft (BMWI) beziehungsweise für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF).

Ein wesentlicher Bestandteil ist die Einführung und Erprobung von Telearbeit als Alternative zur bisherigen, räumlich und zeitlich gebundenen Erwerbstätigkeit. "Wir sehen in der Telearbeit eine einzigartige Chance, die Interessen von Beschäftigten und Unternehmen auf einen Nenner zu bringen", meinte Wirtschaftsminister Günter Rexrodt in seiner Eröffnungsrede. Eine Produktivitätssteigerung von bis zu 20 Prozent und mehrere Milliarden Mark an Investitionen, die "damit nennenswert unsere Beschäftigungsbilanz verbessern, erwartet der Minister von dieser Form der Arbeitsorganisation.Die Europäische Union prognostiziert 800 000 Telearbeitsplätze in Deutschland bis zum Jahr 2000, und das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet sogar mit 2,8 Millionen bis zur Jahrtausendwende.

Zur Zeit gibt es in Deutschland zirka 200 000 virtuelle Büroarbeiter, die als freie oder feste Mitarbeiter teilweise oder ausschließlich ihren Beruf an ihrem PC zu Hause oder in sogenannten Nachbarschafts- oder Satellitenbüros ausüben. Besonders stark vertreten sind hier Dienstleistungen, Versicherungen und Finanzunternehmen. Deutschland befindet sich nicht mehr auf dem Weg zu einer, sondern ist bereits eine Informationsgesellschaft.

"Heute sind etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen in Informationsberufen tätig", beschrieb Werner Dostal, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, die moderne Arbeitswelt. Die Informatisierung der Arbeit und Beschäftigung habe die Globalisierung verstärkt und praktikabel gemacht. Dadurch seien auch die Transport- und Logistiksysteme weiterentwickelt worden. Im Verbund von Informations- und Warentransport würde die ganze Welt zugreifbar und versorgbar.

Damit ergebe sich nicht nur für Waren und Dienstleistungen eine internationale Konkurrenz, sondern auch für Arbeitskräfte, Infrastrukturen, Sozialsysteme und Produktionsstrukturen. Die räumlich und zeitlich festgelegte, ontinuierlich abzuleistende Erwerbsarbeit sei eine Begleiterscheinung der frühen Industrialisierung.

Altvertraute Beschäftigungsmuster lösten sich zur Zeit auf. Das Zerbrechen überkommener Arbeitsstrukturen führe zur Orientierungslosigkeit. Die bisher eher als Ausnahme geltenden Phänomene würden zur Normalität und damit möglicherweise zum Problem. Hierzu gehörte: virtuelle Arbeit als räumliche und zeitliche Entkopplung von Arbeit und offene Arbeitsformen wie Teilzeitarbeit, befristete Erwerbstätigkeit, Arbeitnehmerüberlassung und Erwerbstätigkeit unterhalb der Sozialversicherungspflicht.

Telearbeit darf nicht teurer als betriebsgebundene sein

Arbeit und Erwerbsarbeit müßten neu definiert, verhandelt und optimiert werden. Dieser Prozeß brauche Zeit, so Dostal. Telearbeit habe sich als abhängige Erwerbsarbeit bis heute kaum durchsetzen können und sei in diesem Rahmen schwer zu organisieren. Die Kopplung der sozialen Sicherung an die abhängige Arbeit behindere die Ausbreitung von Telearbeit. Eine Arbeitsbewertung durch unmittelbare Überwachung von Anwesenheitszeiten sei zudem problematisch.

Telearbeit sei für Unternehmen nur dann attraktiv, wenn sie nicht mehr koste als betriebsgebundene Arbeit. Dies könne man heute nur dann erwarten, wenn die Arbeitskosten in dem Maße fielen, wie die zusätzliche Kommunikation und die Ausstattung der Teleworker zu Mehrausgaben führten.

Auf positive Erfahrungen bei der Einführung von Telearbeit verwies Edmund Hug, Vorsitzender der Geschäftsführung der IBM Deutschland GmbH. Bis Ende nächsten Jahres werden in seinem Unternehmen 2000 der insgesamt 3000 Systemingenieure und Vertriebsbeauftragten flexible Arbeitsplätze besitzen, insgesamt sollen 20 Prozent der Mitarbeiter Telearbeit praktizieren. Zur Zeit gibt es beim Computerhersteller 600 flexible Arbeitsplätze im Außendienst, bei denen sich zwei bis drei Mitarbeiter, ausgestattet mit einem Laptop, einen Büroplatz teilen.

Insgesamt arbeiten 2400 IBMer mit einem PC und einem Modem von zu Hause aus. Diese Mitarbeiter seien 15 bis 30 Prozent produktiver als im Büro, zudem konnten die Kosten für Bürogebäude gesenkt werden. Arbeitsrechtliche Fragen bezüglich des Arbeitsschutzes und der Haftung wurden durch entsprechende Betriebs- und standardisierte Einzelvereinbarungen geregelt. Eine gesetzliche Regelung der neuen Arbeitsverhältnisse lehnte Hug ab: "Sonst wandert diese besonders rasch und leicht zu verlagernde Arbeit in andere Länder ab."

Dies praktiziert bereits die Deutsche Lufthansa. Seit 1994 transportiert sie beschädigte Flugtickets nach Gurgaon, 30 Kilometer außerhalb von Neu Dehli, Indien, um sie dort bearbeiten zu lassen. Im Rahmen eines Joint-ventures mit der indischen Firma Reservation Data Maintenance India Pvt. Ltd. (RDM) werden dort Verkaufsabrechnungen erfaßt und korrigiert. Via Satellit werden die Daten dann aus Indien in das Lufthansa-Großrechnersystem in Kelsterbach bei Frankfurt am Main eingespeist.

Formen der Telearbeit erprobt zur Zeit auch die Allianz Lebensversicherungs-AG (Allianz Leben) in Stuttgart. Bis Ende 1996 läuft das Projekt "Hausverbundene Arbeit" (HVA). Die Versicherer untersuchen dabei das Arbeits- und Sozialverhalten der Mitarbeiter, Arbeitsplatzkosten, Arbeitsproduktivität, die Zweckmäßigkeit und Zuverlässigkeit der Kommunikationstechnik und die Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation.

Nach Einschätzung des Unternehmens eignen sich nicht alle Tätigkeiten, zum Beispiel in Stab, Linie, DV und Management, für die Telearbeit. Ausgesucht für das Testfeld wurden Sachbearbeiter mit einem hohen Qualifikationsprofil, die sich nicht in Führungspositionen befinden. Zu ihren Tätigkeiten gehÜren die Bearbeitung von Kunden- und Vertreterpost und Auftragsabwicklung auf eingehende Telefonate hin.

Beim Abarbeiten der Geschäftsvorfälle wird der Sachbearbeiter durch DV-Anwendungen unterstützt, die die einzelnen Bearbeitungsschritte standardisiert. Nur in wenigen Fällen ist eine Weitergabe der Unterlagen notwendig. Als bevorzugte Form hat die Allianz die Teleheimarbeit ausgesucht, die als vollwertige Alternative zur Arbeit im Büro untersucht wird, wobei die Betriebsvereinbarung garantiert, daß keine Änderung des bestehenden Arbeitsverhältnisses erfolgt. Die Beschäftigten arbeiten in der Regel vier Tage zu Hause und einen Tag im firmeneigenen Büro.

Die Versicherung hat die Heimarbeitsplätze ausgestattet. Die Kommunikation erfolgt über ISDN-Leitungen. Eine sozialwissenschaftliche Begleitung erhält der Testversuch durch die Universität Tübingen. Diese kam bisher zu dem Ergebnis, daß das Arbeits- und Sozialverhalten positiv ausfällt, ein HVA-Platz mehr kostet als ein interner Büroplatz und mit HVA die Arbeitsproduktivität erhöht werden könne.

Bei der Ablauforganisation ergaben sich keine nennenswerten Probleme. Für die hohen Kosten von zirka 350 Mark pro Arbeitsplatz monatlich wurden die Ausgaben für die Datenübertragung zum und vom HVA-Arbeitsplatz als Ursache angeführt. Die Lebensversicherung plant die Anwendung von Telearbeit in weiteren Bereichen, jedoch in anderer Ausgestaltung.

*Veronika Renkes ist freie Journalistin in Bonn.