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07.08.1998 - 

Arbeiten in der Informationsgesellschaft/Nicht jeder eignet sich für neue Arbeitsformen

"Telearbeiter brauchen Selbstbewußtsein und Disziplin"

CW: Eignet sich Telearbeit für jeden Mitarbeiter?

Kordey: Auf keinen Fall. Die elektronische Heimarbeit eignet sich für Menschen, die ihren Arbeitsablauf selbständig gestalten können und wollen. Außerdem müssen sie die Sorgfaltspflicht gegenüber sich selbst wahren. Damit meine ich, daß sie sich vor Überforderung schützen.

CW: Welche Rolle spielen psychologische Aspekte?

Kordey: Eine sehr große. Für so wichtige Faktoren wie Selbstdisziplin, Eigenmotivation oder Zeit-Management ist ein gesundes Selbstbewußtsein die Voraussetzung. Wer sein Leben lang daran gewöhnt war, fremdbestimmt zu arbeiten, hat als Telearbeiter möglicherweise Schwierigkeiten, sich zu motivieren und die Zeit einzuteilen. Dazu gehört auch, morgens pünktlich beginnen und abends rechtzeitig aufhören zu können. Der Telearbeiter muß von seiner Persönlichkeit her für diese Art der Tätigkeit geeignet sein.

CW: Das heißt, Telearbeit bringt große Veränderungen mit sich?

Kordey: Selbstverständlich. Bei der Arbeit zu Hause treten nun einmal Defizite auf. Deshalb sollte eine gewisse Frustrationstoleranz vorhanden sein. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Wenn technische Probleme auftauchen, ist im Büro immer ein Kollege in der Nähe, den man um Rat fragen kann. Jedesmal gleich in der Firma anzurufen, davor scheuen jedoch viele Telearbeiter zurück. Zu Hause ist man mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Deshalb müssen Heimarbeiter lernen, an die Probleme offensiv heranzugehen.

CW: Welche Mitarbeiter sind für die Arbeit weniger oder überhaupt nicht geeignet?

Kordey: Für alkoholkranke oder kontaktscheue Personen ist Telearbeit völlig ungeeignet. Solche Mitarbeiter sind auf die soziale Umgebung, aber auch auf die Kontrollmechanismen im Unternehmen angewiesen. Das heißt nicht, daß sie die schlechteren Mitarbeiter sind, aber sie benötigen ihr soziales Korsett.

CW: Viele Telearbeiter vermissen die menschliche Einbindung. Sie fühlen sich von den Kollegen isoliert und haben Angst vor Vereinsamung. Ist diese verbreitete Befürchtung berechtigt?

Kordey: Nach unserer Erfahrung haben nur wenige Telearbeiter dieses Gefühl. Trotzdem muß man solche Ängste ernst nehmen. Die meisten Unternehmen beugen dem vor, indem sie alternierende Telearbeit anbieten.

In diesen Fällen tritt so gut wie nie soziale Isolation oder ein Verlust der Firmenidentifikation ein. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, mittels E-Mail oder Voice-Mail verstärkten Kontakt zu den Kollegen zu halten.

CW: Viele Mitarbeiter fürchten, durch ihre häufige Abwesenheit vom Büro bei den anstehenden Beförderungen übergangen zu werden. Ist diese Furcht berechtigt?

Kordey: An der Floskel "Out of sight - out of mind" ist schon etwas dran. Ob sich Telearbeit langfristig negativ auf die Karriere auswirkt, läßt sich heute noch nicht sagen. Dazu ist die Geschichte dieser Arbeitsform noch zu jung. Über Befürchtungen dieser Art sollte der Telearbeiter mit seinem Vorgesetzten ganz offen reden.

CW: Arbeitnehmervertreter warnen zunehmend vor der Gefahr der Selbstausbeutung. Sehen Sie das ähnlich?

Kordey: Natürlich gibt es Telearbeiter, die das Wort Feierabend nicht mehr kennen. Für sie ist es wichtig, daß Arbeitsumgebung und Privatsphäre getrennt sind. Hier helfen oftmals ein eigenes Arbeitszimmer und geregelte Arbeitszeiten. Der Telearbeiter muß seinen persönlichen Rhythmus finden - egal wie ungewöhnlich der auch sein mag. Für einige ist es beispielsweise wichtig, Bürokleidung zu tragen - andere wiederum können darüber nur lachen.

CW: Bei einem Versicherungsunternehmen sind Telearbeiter nach kurzer Zeit wieder ins Unternehmen zurückgekehrt. Begründung: Sie hätten sich nicht wohl gefühlt, da sie von Nachbarn ständig auf ihre vermeintliche Arbeitslosigkeit angesprochen worden seien. Hat das nur etwas mit mangelndem Selbstbewußtsein zu tun?

Kordey: In Deutschland wird Arbeiten noch immer mit Festanstellung beziehungsweise Acht-Stunden-Job außerhalb des Hauses gleichgesetzt. Andere Arbeitsformen gelten als unnormal und stoßen vielfach auf Ablehnung. Skepsis herrscht auch bei den Kollegen im Büro gegenüber den Tele-Kollegen. Sie müssen sich erst einmal daran gewöhnen, daß der Telearbeiter von zu Hause aus seine Arbeit genauso gut macht wie vorher. Das ist nur eine Frage der Zeit. Je mehr sich die Telearbeit in den nächsten Jahren durchsetzen wird, desto mehr wird diese Arbeitsform akzeptiert werden.

CW: Telearbeit hat sich hierzulande noch nicht richtig etablieren können. Sehen Sie eher psychologische oder mehr organisatorische Gründe?

Kordey: Technisch und organisatorisch ist Telearbeit seit langem möglich. Die psychologischen Faktoren gehören zu den größten Barrieren. Das gilt weniger für die Telearbeiter selbst als für deren Vorgesetzte. Manche Chefs fühlen sich degradiert, wenn ihre Mitarbeiter nicht um sie herum sind. Dazu kommt das schleichende Gefühl, daß ihre Mitarbeiter zu Hause auf der Terrasse liegen könnten. Doch Führungskräfte, die einem alten Management-Stil anhängen, kommen zunehmend unter Druck. Die Mitarbeiter wollen zu Hause arbeiten, und die Führungsetage denkt an die Kostenvorteile. Entweder die mittlere Führungsebene denkt hier um, oder sie bleibt auf der Strecke.

Angeklickt

Wer sein Leben lang daran gewohnt war, fremdbestimmt zu arbeiten, hat als Telearbeiter unter Umständen Schwierigkeiten, sich zu motivieren, meint Telearbeitsexperte Norbert Kordey. Zudem sei nicht jeder Mitarbeiter dazu geeignet, diese Arbeitsform zu praktizieren. Für alkoholkranke sowie kontaktscheue Personen sei Telearbeit ungeeignet. Solche Beschäftigte sind auf die soziale Umgebung und auch auf die Kontrollmechanismen im Unternehmen angewiesen. Der Telearbeiter muß von seiner Persönlichkeit her für diese Art der Tätigkeit geeignet sein.

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.