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13.10.1995

Telecom '95: Monopolisten geben sich die letzte Ehre Kuhhandel um Allianzen und vorzeitige Lizenzen

"Vorhang auf" heisst es alle vier Jahre zum groessten TK-Spektakel auf Mutter Erde. Traditionell gibt sich dann in Genf die International Telecommunications Union (ITU) - eine Organisation der Vereinten Nationen - die Ehre als Veranstalter der Telecom. Vom 5. bis 13.Oktober war es jetzt wieder einmal soweit, die grauen Eminenzen der UNO luden auf die Weltbuehne der Telekommunikation, und alle namhaften Akteure der Branche kamen. Zehn Tage nutzten die Vertreter der hohen Politik sowie die Vorstaende der maechtigen Carrier und Equipment-Produzenten das Theater Telecom zur Selbstdarstellung. Auf dem Programm stand auch ein Stueck deutsche TK-Politik. Gespielt wurde ein weiterer Akt der Liberalisierung, der den privaten Netzbetreibern - bislang nur Statisten - eine tragende Rolle auf den Brettern der Telecom-Buehne verspricht.

Als Wolfgang Boetsch - natuerlich mediengerecht am Tag der Deutschen Einheit - auf der Telecom '95 vor die Presse trat und in seiner charmant rustikalen Art die Verdienste der Telekom AG beim Aufbau Ost lobte, da sollte das dicke Ende fuer den deutschen Carrier noch kommen. Fast beilaeufig kuendigte der Minister fuer Post und Telekommunikation fuer den 1. Juli 1996 die Freigabe alternativer Netze in Deutschland an.

Geschickt nutzte Boetsch damit den Mega-Event, um als Mittler zwischen der Telekom, den Interessenten an Lizenzen zum Betrieb von Datennetzen sowie Bruessel einen Kompromiss zu schaffen.

Obwohl Boetsch die Freigabe an die Bedingung knuepfte, Bruessel muesse Atlas, dem geplanten Joint-venture zwischen France Telecom und der Telekom, zustimmen, duerfte sich Ron Sommer ueber den Auftritt des Ministers kaum gefreut haben. Tags zuvor hatte der Telekom-Chef den Medien noch den 1. Oktober 1996 als fruehestes Datum einer Oeffnung des deutschen Marktes genannt, wie es schien in Absprache mit Boetsch und vorbehaltlich eines Bruesseler Plazets fuer Atlas.

Tatsaechlich geraet die Telekom angesichts des 1996 anstehenden Ganges an die Boerse unter Zeitdruck. Wollen die Bonner ihren Unternehmenswert noch steigern, muessen sie sich rechtzeitig als Global Player praesentieren. Die harte Haltung von EU- Wettbewerbskommissar Karel van Miert in Sachen Atlas sowie die fruehzeitige Lizenzierung von alternativen Infrastrukturen in Deutschland koennte Sommer einen Strich durch seine Rechnung machen.

Der globale Telekommunikationsmarkt brauche mehr als nur eine Allianz, richtete der Telekom-Vorstand deshalb einen leidenschaftlichen Appell an die Zulassungsbehoerden in Bruessel und Washington. Ohne es direkt anzusprechen, warnte Sommer damit die Ordnungspolitiker davor, sich zum Helfershelfer von British Telecom (BT) und MCI zu machen. "Wer wie BT und MCI den kartellrechtlichen Segen bereits erhalten hat, will Konkurrenten vom Weltmarkt so lange wie moeglich fernhalten", sagte er. An die Adresse des weltweit groessten Carriers gerichtet, fuegte er hinzu, AT&T werde uer auslaendische Konkurrenten kaum den roten Teppich ausrollen, wenn es im US-Markt Deregulierungsbestrebungen ausgesetzt sei.

Mit Blick auf das Geschaeft in Amerika hofft Sommer auf einen schnellen und positiven Bescheid der Federal Communications Commission. Die Organisation befindet derzeit ueber den Einstieg von Telekom und France Telecom bei der US-Telefongesellschaft Sprint. Gemeinsam will das Trio dann ueber das Joint-venture

"Phoenix" seine Dienste vermarkten.

Rueckendeckung erhielt Sommer in Genf ausgerechnet von AT&T-Partner Unisource. Viesturs Vucins, President der Unisource Business Networks, beschuldigte Bruessel, Wettbewerb aus rein politischen Motiven zu verhindern. Es gehe der Kommission nur darum, die EU- Staaten - insbesondere Frankreich und Deutschland - unter Druck zu setzen. Die Eurokraten wollten die Maerkte noch vor 1998 oeffnen, kritisierte Vucins.

Der Schulterschluss des Schweden mit den Franzosen und Deutschen hatte natuerlich Methode. Unisource, ein Konsortium aus der PTT Netherland, der schwedischen Telia, der Swiss PTT sowie der spanischen Telefonica, unterzeichnete in Genf offiziell ein Abkommen mit AT&T. Das Ziel: Die Gruendung eines Joint-ventures mit der Bezeichnung "Uniworld". Ebenso wie Atlas beabsichtigt Uniworld, Grosskunden in Europa Services zur Daten- und Sprachuebertragung anzubieten.

Die Spitze gegen Bruessel ist der Versuch Vucins, die Kommission seinerseits in Zugzwang zu bringen. AT&T und Unisource legten van Miert, der auch Uniworld genehmigen muss, vor zwei Wochen eine detaillierte Dokumentation ueber das geplante Unternehmen vor. Der designierte Uniworld-Chef hofft noch in diesem Jahr auf ein Ja aus der belgischen Hauptstadt.

Sowohl Sommer wie auch Vucins argumentierten auf der Telecom bewusst mit der Option des Wettbwerbs fuer ihre Projekte. Bruessel, so das Credo der beiden, muesse ein handfestes Interesse an der Zulassung von Atlas und Uniworld haben. Nur mehrere Anbieter am Markt wuerden zu sinkenden Preisen und einem breiteren Dienstespektrum fuer Kunden fuehren.

Auch Sommer gab sich zuversichtlich, Anfang 1996 mit Atlas starten zu koennen. Seinen Optimismus bezieht der Manager aus einem Gespraech, das kuerzlich in Bruessel mit van Miert gefuehrt wurde. Mit von der Partie war neben Boetsch und dessen franzoesischem Kollegen Francois Fillon auch der neue Praesident von France Telecom, Michel Bon. Bei dem Treffen wurden dem EU-Funktionaer nach Ansicht Sommers drei wesentliche Zusagen gemacht: Erstens unterstuetzen die beiden Carrier die Liberalisierung alternativer Netze vor dem 1. Januar 1998. Zweitens sichern sie Wettbewerbern den freien Zugang zu den oeffentlichen Datennetzen. Drittens schliesslich suchen sie eine Loesung fuer die in Deutschland operierende Info AG, eine Tochtergesellschaft fuer Datenuebertragungsdienste der France Telecom.

Die Hoffnung des Duos, aus Bruessel jetzt rasch gruenes Licht zu bekommen, erfuhr in Genf allerdings einen Daempfer. Aus Kreisen der Europaeischen Kommission verlautete, mit einem Plazet zu Atlas koenne nicht vor Mai 1996 gerechnet werden. Es seien hinsichtlich der Partnerschaft noch einige Fragen offen.

Selbst das von Boetsch am Genfer See geleistete Versprechen, spaetestens im Sommer 1996 das liberalste TK-Gesetz der Welt zu verabschieden, scheint die EU-Politiker nicht zu beeindrucken. Waehrend bei der Telekom also Bangen angesagt ist, herrscht bei den in den Startloechern stehenden alternativen Netzbetreibern das Prinzip Hoffnung.

Fuer Vebacom, einem dieser alternativen Anbieter, hatte Boetsch gleich ein Bonbon nach Genf mitgebracht. Das Unternehmen wird Ende des Monats von Bonn die Genehmigung fuer ein Projekt zur breitbandigen Verbindung aller ARD-Fernsehstudios erhalten. Solche Teilerfolge und das sich abzeichnende Ende des Netzmonopols der Telekom kurbelten auf der Messe erneut das Karussell der Spekulationen bezueglich der neuen Netzbetreiber in Deutschland an.

Kommt er nun, oder kommt er nicht, war dabei im uebertragenen Sinne die wohl wichtigste Frage. Die Rede ist von Heinz Duerr, dem Chef der Deutschen Bahn AG, wobei es um die Telecom-Plaene des Bahnunternehmens geht, das noch im Oktober zu diesem Zweck ein eigenes Tochterunternehmen gruenden will und dafuer einen potenten und kompetenten Partner sucht. Duerr wurde uebrigens tatsaechlich gesichtet, und zwar auf dem Vebacom-Stand, just zu dem Zeitpunkt, als Vebacom-Chef Ulf Bohla seine Pressekonferenz beeendet hatte. Ob Zufall oder nicht - optimales Timing fuer die Duesseldorfer, die allerdings, glaubt man Insidern, bei dem Bahnchef nicht mehr die besten Karten im Spiel haben.

Bohla war jedenfalls sichtlich bemueht, das Thema nicht allzusehr an die grosse Glocke zu haengen. Status quo ist offensichtlich immer noch das bereits vor Monaten unterzeichnete Memorandum of Understanding, wonach eine gemeinsame Nutzung der bahneigenen Netze und Wegerechte vorgesehen ist. Gespraeche ueber eine Mehrheitsbeteiligung an der noch zu gruendenden "DB-Com" (die Duerr- Company hatte vor einigen Wochen angekuendigt, einem potentiellen Partner die Mehrheit an DB-Com nzubieten), seien in einem "fortgeschrittenen Stadium", hiess es lapidar gegenueber der Presse.

Viel lieber wollte der Vebacom-Chef denn auch ueber die schon erwaehnte Sonderlizenz reden, oder ueber eine weitere Datenautobahn und damit breitbandiges Vorzeigeprojekt seines Hauses, das demnaechst die wichtigsten Ballungszentren des Rhein-Ruhr-Gebietes via Glasfaser verbinden wird.

Erster Schritt auf diesem Weg ist das auf der Telecom '95 vorgestellte Pilotprojekt "Infocity", wo kuenftig Unternehmen und privaten Haushalten in Nordrhein-Westfalen Multimedia- und Unterhaltungsdienste bereitgestellt werden sollen. In mehreren Schritten ist dabei vorgesehen, bis zu 15000 Haushalte ueber Kabelfernsehnetze mit den Segnungen der neuen Multimedia-Welt, etwa Video on demand, Teleshopping, Telebanking oder auch Teleteaching zu versorgen.

Ungeachtet der lauten Zukunftsmusik wollen die Duesseldorfer natuerlich auch schon handfestere Ware, naemlich bundesweite Telefon- und Datendienste, an den Mann beziehungsweise die Frau bringen. Hier hat Bohla seiner Mannschaft drei Gebote eingeimpft: Kundenorientierung, Kundenorientierung und ... Auch ein weiteres, bereits bekanntes Vebacom-Statement war in Genf zu hoeren: "Wir wollen als der nach der Deutschen Telekom fuehrende Anbieter ins naechste Jahrtausend gehen", gab der Vebacom-Chef erneut als Devise aus. In Zahlen ausgedrueckt, bedeutet dies bis zum Jahr 2003 einen Anteil am deutschen Telecom-Markt von zehn Prozent beziehungsweise einen Umsatz von acht Milliarden Mark - inklusive der Schaffung von rund 10000 neuen Arbeitsplaetzen.

Keinesfalls geringere Ziele hat man sich beim RWE-Konzern gesteckt, auch wenn dessen Telecom-Division RWE Telliance im Moment andere Sorgen hat. Nach dem eben erst vollzogenen Ausstieg aus dem bis dato zusammen mit Mannesmann und Deutscher Bank betriebenen Joint-venture CNI brennt es den Essenern bei der Suche nach neuen Partnern kraeftig unter den Naegeln. Man wolle sich "zunaechst alleine aufstellen" und sehe "keinen Anlass zu uebertriebener Eile", hiess es offiziell. Was indes RWE-Telliance- Vorstandschef Volker Hoffmann nicht daran hinderte, freimuetig von einem grossen Interesse an einer Kooperation mit der Deutschen Bahn zu sprechen. Hier wolle man sich, so Hoffmann, an der "europaweiten Ausschreibung der Bahn beteiligen".

Unabhaengig davon war Bahnchef Heinz Duerr natuerlich auch auf dem RWE-Stand, und somit hat die deutsche Telecom-Branche fuer die naechsten Wochen ihr Thema: Das Wettrennen zwischen Vebacom und RWE Telliance um Leitungen und Wegerechte der Duerr-Company. Fest steht in jedem Fall, dass, wenn Hoffmann und Duerr handelseinig werden, der Deutschen Telekom ein ernstzunehmender Gigant in Sachen Netzinfrastruktur gegenueberstehen wird. Entsprechend selbstbewusst, als waere der Deal schon ueber die Buehne gegangen, sagte Hoffmann mit Blick auf den deutschen Markt: "Unser hauptsaechlicher Fokus liegt auf dem Telefon-Massenmarkt, und hier reden wir ueber andere Margen als etwa bei Corporate-Network-Diensten."

Bleibt im Zusammenhang mit RWE noch die Frage eines internationalen Partners. "Er muss zu uns passen und ein echtes Interesse am deutschen Markt mitbringen", skizzierte Hoffmann das Anforderungsprofil. Wer hat dies nicht, meinten hierzu spoettisch die meisten Insider - allen voran natuerlich AT&T, wenngleich sich die Amerikaner ueber den Umweg Unisource beziehungsweise CNI in dieser Hinsicht schon festgelegt haben. Ein zweifaches Engagement in Deutschland mache wenig Sinn, war dazu aus AT&T-Kreisen unter der Hand zu erfahren. Andere Stimmen sprachen davon, dass RWE und AT&T aufgrund sich weitgehend ergaenzender Interessen doch noch eine Allianz eingehen werden. In Angriff genommen werden soll in jedem Fall die Technologiepartnerschaft mit dem franzoesischen Mischkonzern Cie General des Eaux

(CGE), wo es vor allem um eine Kooperation beim DECT-Standard sowie der Entwicklung diverser Multimedia-Anwendungen gehen soll. Auch Gespraeche mit der einen oder anderen Bell-Company in den USA wollte man bei RWE Telliance nicht ausschliessen.

Laengst gefunden haben sich bekanntlich British Telecom

(BT) und der Muencher Viag-Konzern, deren vor rund einem halben Jahr gegruendetes Joint-venture Viag Interkom es allerdings bei all dem Spektakel am Genfer See fertigbrachte, vollkommen auf Tauchstation zu gehen. Wir haben offiziell nichts zu sagen, hiess es in gewohnt britischer Zurueckhaltung, was den seit einigen Wochen kursierenden Spekulationen um eine deutliche Klimaverschlechterung zwischen den Partnern neue Nahrung verlieh. Von einem in einer Pressemitteilung vollmundig angekuendigten gemeinsamen Messeauftritt konnte jedenfalls keine Rede sein, und die Ankuendigung eines flaechendeckenden Frame-Relay-Service in Deutschland war auch nicht unbedingt als Messeneuheit zu werten.

Peter Gruber, Gerhard Holzwart