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28.01.1994

Telefon-Multi konzentriert sich auf "Global Information Solutions" Firmenname NCR faellt AT&T-Reform zum Opfer

MUENCHEN (ciw/hv) - Der seit 1896 existierende Name National Cash Register (NCR) verschwindet. Der 1990 von AT&T uebernommene Computerhersteller (siehe Bericht auf Seite 5) wird als Konsequenz eines grossangelegten Business-Re-Engineering-Programms in AT&T Global Information Solutions (GIS) umbenannt. Den Kern des Geschaefts bilden kuenftig kundenorientierte Komplettloesungen, die "neue Moeglichkeiten in der Verbindung von Telekommunikation und Computern eroeffnen" sollen (siehe auch Kolumne, Seite 9).

Eigenen Angaben zufolge reagiert das Unternehmen mit der Restrukturierung und Namensaenderung auf die Wuensche der Kunden und will ausserdem seine beiden Schwerpunkte Computer und Telekommunikation staerker in den Vordergrund ruecken. "Wir sind ein neues Unternehmen, das eine neue, kundenorientierte Strategie verfolgt", betont der NCR- und kuenftige GIS-Chef Jerre Stead.

Damit verschwindet der Name NCR, mit dem die AT&T Corp. bisher ihre vierte Business Group bezeichnete. Das Label bleibt lediglich auf Kassen, Geldautomaten und einigen wenigen Branchenprodukten erhalten. Die Rechnungen bekommen die Kunden indes kuenftig auf GIS- Papier.

Welche Chancen sich die reorganisierte AT&T-Business Group im Loesungsgeschaeft ausrechnet, in das auch viele andere Hardwarehersteller draengen, versucht Wolfgang Dalichau, Geschaeftsfuehrer der NCR GmbH, zu erlaeutern: "Die Verbindung von Computing und Telekommunikation gibt uns einen Vorsprung vor dem Mitbewerb."

"Durch die Kombination aus der neuen, in Teams arbeitenden Vertriebsorganisation, der Positionierung am Markt und der dahinter stehenden technologischen Kompetenz haben wir gute Aussichten auf Erfolg."

Da, wo es dem Konzern AT&T um unternehmensweite Informationsverarbeitung gehe, "um das Sammeln, Transportieren und Benutzen von Informationen", kommt laut Dalichau die bisherige NCR ins Spiel.

"Die Ausrichtung, die wir als AT&T im Markt verfolgen, ist absolut loesungsorientiert", betont auch NCR-Sprecher Lutz Leinert. Man sehe sich nicht mehr als Hardwarehersteller, sondern als Loesungsanbieter, dessen Offerte sowohl Hardware, Software und Professional Services als auch Beratung umfasse.

Nicht zuletzt deshalb ist die kuenftige GIS auch in Deutschland dabei, strategische Partnerschaften einzugehen. "Hierzulande verfuenfzehnfachen wir den Aufwand in Sachen Allianzen", berichtet Leinert. Aus unternehmensnahen Quellen war beispielsweise zu hoeren, dass die NCR bereits eine Kooperation mit SAP in Sachen Windows-NT-Produkte der Walldorfer vereinbart haben soll.

Die wesentliche Neuerung besteht jedoch nicht in der Namensaenderung, sondern in der organisatorischen Radikalkur, der sich die NCR unterzogen hat. Mit der Umfirmierung und der Ausrichtung als Loesungsanbieter schliesst die kuenftige GIS ein unternehmensweites Business-Re-Engineering-Projekt ab, das mit Hilfe des Beratungshauses McKinsey durchgefuehrt wurde.

Vor allem die Vertriebsorganisation des Herstellers wurde total umgekrempelt. Kuenftig kuemmern sich weltweit 530 Teams um die Versorgung der Kunden. "Sie agieren wie kleine selbstaendige GmbHs", erklaert Leinert. Bei Grosskunden ist jeweils eine Gruppe fuer einen Kunden zustaendig. Allerdings wurden auch Teams eingerichtet, die gleichzeitig zwei Klienten oder auch eine ganze Branche betreuen. "Das gilt bei uns zum Beispiel fuer die mittelstaendische Bauindustrie", erklaert der Sprecher. Der Deutschen Bank oder Karstadt hingegen sei jeweils ein Team fest zugeordnet.

Die Arbeitsgruppen setzen sich aus Verkaufs-, Produkt-, Verwaltungs- und teilweise auch aus Produktionsspezialisten zusammen. Dabei sind sie voellig frei, ihre Entscheidungen im Tagesgeschaeft eigenstaendig zu faellen.

Mit dieser Konstruktion hoffen die Verantwortlichen einerseits, kundenorientierter zu werden, enger mit dem jeweiligen Klienten zusammenzuarbeiten und ihm das Gefuehl zu geben, dass ein ganzes Expertenteam sich ausschliesslich um ihn kuemmert. Entscheidungen - zum Beispiel ueber Rabatte - kann die Gruppe treffen, ohne dass etliche Instanzen gefragt werden muessen.

Andererseits sieht man die Chance, ueber diese Zellenorganisation staerker ins Loesungsgeschaeft einzusteigen. "Die Teams koennen komplexe Projekte betreuen, dabei auf die weltweiten NCR- Ressourcen zurueckgreifen oder andere Hersteller ins Boot holen. Der Teamleiter muss lediglich seine Profit- und Loss-Struktur im Auge behalten, seine Kunden begeistern und seine Mitarbeiter motivieren", sagt Dalichau. Schafft er das nicht - Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit werden einmal pro Jahr per Umfrage eruiert -, muss er sich den Fragen seiner Geschaeftsfuehrung stellen und gegebenenfalls eingeschraenkte Bonuszahlungen hinnehmen. Ueber den 25 hiesigen Teamleitern existieren nur zwei weitere Hierarchieebenen - die deutsche Geschaeftsfuehrung und die Konzernzentrale. Mit der Reorganisation des Vertriebs wurden die NCR-Regionalorganisationen Europa, Lateinamerika, Pazifik sowie Mittlerer Osten/Afrika ueberfluessig. Die AT&T GIS verfuegt jetzt lediglich noch ueber eine International-Sales-Organisation, die vom bisherigen Chef der NCR Europe, Jo Stephan, gefuehrt wird.

Die bisherigen NCR- und AT&T-Organisationen sollen auch in Deutschland zusammengefasst werden. Das Dach bildet die bereits seit dem 1. Dezember 1993 in die AT&T Holding GmbH umfirmierte NCR Holding GmbH; Vorsitzender der Geschaeftsfuehrung bleibt Rainer Liebich. Daran angegliedert sind vier andere Gesellschaften. Die AT&T GmbH, Frankfurt, wird als einzige ihren Namen nicht aendern muessen. Die bisherige NCR GmbH - unter Leitung von Dalichau - wird umgetauft in AT&T Global Information Solutions GmbH. In den naechsten ein bis zwei Monaten wird die NCR OEM Europe GmbH und die NCR Osteuropa GmbH das gleiche Schicksal ereilen.

Nicht oder kaum beruehrt von der Umstrukturierung sind die NCR- Fabriken. Die Standorte, auch das PC-Werk in Ausgsburg, bleiben erhalten. Die indirekten Vertriebsformen wie Haendler-, VAR- Geschaeft, NCR-Direkt und der Verkauf ab Fabrik werden ebenfalls wie bisher weitergefuehrt. "Die Teams koennen allerdings in Abstimmung mit ihren Kunden den Vertriebsweg frei waehlen", fuegt der NCR-Sprecher hinzu.

Trotz der radikalen Hinwendung zum Loesungsgeschaeft soll das Hardware-Business einer der Schwerpunkte bleiben. Neben dem Unix- orientierten Server-Markt nimmt das Unternehmen die Windows-NT- Entwicklung ernst und will auch in diesem Sektor skalierbare Hardware verkaufen. Ein weiteres Thema sind Netzwerk-Betriebs- und Management-Systeme im WAN- sowie im LAN-Bereich. Dabei handelt es sich in erster Linie um Produktentwicklungen, die NCR im Zuge der Fusion von AT&T uebernommen hat. "In diesem Bereich wollen wir das Portfolio stark verbreitern", berichtet Leinert.

Als Grund fuer die Reorganisation und fuer das Business-Re- Engineering-Projekt gibt NCR die "Sicherung kuenftiger Profite" an. Der gesamte DV-Markt stehe so unter Druck, dass "wir die Art und Weise, wie wir Geschaefte machen, drastisch aendern mussten. Die NCR hat im vergangenen Jahr zwei Quartale mit operativem Minus abgeschlossen. Daran wird deutlich, dass ein Unternehmen, das in den vergangenen 15 Jahren immer profitabel war, dringend aufgerufen ist, etwas zu aendern", meint Leinert.

Wie andere Firmen muss auch die GIS im von AT&T verordneten Reorganisationsprozess Federn lassen. So wurde bereits im Herbst letzten Jahres angekuendigt, dass man sich von zehn bis 15 Prozent der weltweit 50000 Mitarbeiter trennen muss. Zur Zeit laufen entsprechende Fruehpensionierungs- und andere Programme zum "freiwilligen" Ausstieg.

In Deutschland gelte die 15-Prozent-Marke. "Aber das ist fuer uns nichts Neues", so der Sprecher. "Wir stellen bereits seit zwei Jahren keine neuen Leute mehr ein und versuchen, den Abbau durch die natuerliche Fluktuation zu realisieren." Allerdings konnte Leinert Entlassungen "angesichts der augenblicklichen wirtschaftlichen Situation" nicht ausschliessen. "Es wird weiter Druck auf den Zahlen liegen, und wir werden weiter, soweit es geht, sozialvertraeglich Stellen abbauen."