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06.10.1978 - 

Die Arbeit der "Forschungsgruppe Wahlen" für das ZDF

Telegener DFÜ-Verbund für gebundene Hochrechnungen

Wenn am 8. Oktober um 18.00 Uhr die Wahllokale in Hessen schließen, dann wissen Fernsehzuschauer, daß sie spätestens nach einer Stunde damit rechnen können, aufgrund von Hochrechnungen das Ergebnis der Wahl zu erfahren. Für das Zweite Deutsche Fernsehen führt die Forschungsgruppe Wahlen e. V. seit 1971 regelmäßig Hochrechnungen und Analysen zu Landtags- und Bundestagswahlen durch. Inzwischen hat sich die Forschungsgruppe Wahlen e. V. bereits zu 14 Wahlsendungen aus dem Rechenzentrum der Universität Mannheim gemeldet und die Wahlausgänge schnell und präzise hochgerechnet. Die Unterschiede von der ersten Hochrechnung zum amtlichen Endergebnis sind oft nur noch geringfügig. So wurde bei der Landtagswahl in Niedersachsen am 4. Juni in der ersten Hochrechnung um 18.35 Uhr das richtige Ergebnis der CDU nur um 0.2 Prozent verfehlt und das von SPD und FDP um 0.3 Prozent.

Wie geht nun eine Hochrechnung vor sich? Einige Monate vor einer Wahl zieht die Forschungsgruppe Wahlen e. V. eine Stichprobe aus den Wahlbezirken, in denen am Wahltag gewählt wird. Bei einer Landtagswahl handelt es sich um zirka 180 Wahlbezirke, bei einer Bundestagswahl um doppelt soviele. Für diese ausgewählten Wahlbezirke, die ein verkleinertes Abbild des Wahlgebietes darstellen, werden Informationen über die Ergebnisse der vorhergehenden Bundes- und Landtagswahl erfaßt und im Computer gespeichert. Ebenso geschieht dies mit sozialstrukturellen Informationen über die Gemeinden, in denen diese Wahlbezirke liegen, wie Anteil der Katholiken, Arbeiter, Beamten und Angestellten oder Selbständigen an der ...hnbevölkerung. Am Wahlabend werden über ein vorher organisiertes Netz von Telefonisten die neuen Wahlergebnisse aus den ausgesuchten Wahlbezirken ins Rechenzentrum nach Mannheim gemeldet und in den Computer eingelesen. Erst nach genauen Prüfungen wird eine derartige Meldung akzeptiert und für die Hochrechnung freigegeben.

Oft können schon nach Meldung von 30 Wahlbezirken die ersten Hochrechnungen durchgeführt werden. Mit Hilfe von statistischen Methoden werden die Hochrechnungen ganz genau auf ihren Fehlerbereich untersucht. Erst wenn der mögliche Fehler ein Prozent nicht mehr übersteigt, erfolgt die Freigabe der Hochrechnung zur Veröffentlichung auf ... Fernsehschirm. In Verlauf des ...ends kommen die neuen Wahlbezirksergebnisse immer schneller im Rechenzentrum an. Ab ungefähr 100 Wahlbezirken stabilisiert sich die Hochrechnung, die Schwankungen der Parteiergebnisse ...en geringer, die Annäherung an das ...ergebnis immer genauer.

Die statistisch-mathematischen Methoden, mit denen die Hochrechnung durchgeführt wird, sind die Differenzenschätzung und die Regressionsrechnung. Die Differenzenschätzung wird am frühen Abend eingesetzt, wenn erst wenige Ergebnisse vorliegen. Diese Methode liefert auch mit wenig Neuwahlergebnissen eine erwartungstreue Schätzung. Zum späteren Zeitpunkt kommt dann die Regressionsrechnung zur Anwendung.

Bei der Anwendung beider Methoden wird das Neuwahlergebnis eines Wahlbezirkes mit früheren Wahlergebnissen dieses Bezirks in Beziehung gesetzt. Man spricht daher auch von "gebundenen" Hochrechnungen.

Die Hochrechnungen finden in der Öffentlichkeit zwar die meiste Beachtung, dennoch stellen sie nicht die einzige Arbeit am Wahlabend dar. Sie werden ergänzt durch umfangreiche und differenzierte Analysen des Wählerverhaltens in den verschiedenen Regionen des Wahlgebiets.

Die Durchführung von Hochrechnungen und Analysen mit Hilfe von EDV ist gekennzeichnet durch die beiden Forderungen nach Schnelligkeit und Sicherheit der Arbeiten.

Bei der Rechenanlage der Universität Mannheim, die für diese Arbeiten eingesetzt wird, handelt es sich um eine Siemens-Anlage 4004/151 mit über 1000 KB, die im Betriebssystem BS 2000 gefahren wird. Da aus räumlichen Gründen die Durchführung der Arbeiten in der Nähe des Rechners nicht möglich ist, ergab sich die Notwendigkeit zu Datenfernverarbeitung.

Im Mannheimer Schloß, dort ist auch das Fernsehstudio des Zweiten Deutschen Fernsehens aufgebaut, erfolgt die Eingabe der Daten und die Ausgabe der Ergebnisse über Datenübertragungsleitungen. Die Dateneingabe erfolgt über acht Siemens-Bildschirmgeräte, die Ausgabe auf eine Datenstation für Stapelfernverarbeitung DATA 100 Modell 78, Druckergeschwindigkeit 1250 Z/min. Bei einem möglichen Ausfall de Bildschirmgeräte übernimmt der Kartenleser der DATA 100 auch die Eingabe mit einer Geschwindigkeit von 1000 K/min.

Das starke Bedürfnis nach Sicherheit der EDV-Seite wird am Wahlabend durch die Einbeziehung der IBM-Rechenanlage 370-168 der Universität Heidelberg befriedigt. Über die Rechnerkopplung (Breitbandleitung) der Siemens-Anlage in Mannheim und des IBM-Rechners in Heidelberg werden alle Neuwahlergebnisse permanent an die Heidelberger Anlage gemeldet. Eine zweite Datenstation für Stapelfernverarbeitung im Mannheimer Schloß, eine DATA 100, Modell 76, ist mit einer Standleitung (4,8 KB) mit dem Heidelberger Rechner verbunden.

Für die Situation des Ausfalls des Mannheimer Rechners können Hochrechnungen und Analysen sofort vom Heidelberger Rechner abgerufen werden. Da in diesem Falle auch die Rechnerkopplung ausfällt, werden dann die Neuwahldaten - als Lochkarten - über die mit Heidelberg verbundene DATA 100 eingelesen. Da die DATA-100-Anlagen untereinander voll Hardware- und Software-kompatibel sind, ist eine problemlose Umschaltung von DFÜ-Leitungen und Peripheriegeräten vom Modell 78 auf das Modell 76 und umgekehrt ohne weiteres möglich.

Die hier so beschriebene Konfiguration ist speziell auf die Erfordernisse des Wahlabends ausgerichtet. Die Geräte werden daher kurz vor einer Wahl, in der Regel eine Woche zuvor, aufgestellt und angeschlossen.

Eine weitere Besonderheit der EDV-Konfiguration am Wahlabend ist die Kopplung zwischen dem Siemens-Rechner und dem Prozeßrechner PDP-11-34. Durch das Programmsystem Vitex werden rechnergesteuerte Fernsehbilder erzeugt. Vitex läuft auf der PDP-11-34 mit dem Vidioterminal VT 30C mit externer Synchronisierung. Durch die Kopplung mit dem Siemens-Rechner wird Vitex ständig mit neuen Daten versorgt.

Dipl.-Volkswirt Wolfgang G. Gibowski ist Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen e. V., Mannheim