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20.03.1992 - 

Nachfolgedienst Datex-J zielt primär auf professionelle Benutzer

Telekom erklärt ursprüngliche Btx-Konzeption für gescheitert

BONN (gh/pg) - Goodbye Btx, welcome Datex-J! Die Telekom will ihren defizitären Bildschirmtext in der bisherigen Form zum Jahresende einstellen und die jährlichen Verluste in dreistelliger Millionenhöhe abschreiben. Zugleich präsentieren die Post-Planer einen Newcomer: Unter dem Schlagwort "Datex für jedermann" wird ab 1993 ein Dienst an den Start gehen, der sowohl Datex-P- als auch frühere Btx-Anwender ansprechen soll.

Elf Jahre nach der Premiere von Btx zieht das Postunternehmen die Notbremse. Ausgestattet mit einer für eine Million und mehr Teilnehmer konzipierten technischen Infrastruktur brachte der "als DV für Otto Normalverbraucher" apostrophierte Dienst seinen Bonner Betreibern bisher nichts als Ärger und vor allem rote Zahlen.

Bereits 1988 wiesen Prüfer des Frankfurter Bundesrechnungshofes den Btx-Planern ein jährliches Minus von 240 Millionen Mark nach, jüngste Zahlen bewegen sich Gerüchten zufolge bei einem Saldo von mehr als einer Viertel Milliarde Mark. Demgegenüber standen zur Jahreswende 1991/92 lediglich rund 300 000 Teilnehmer - zu wenig, um überhaupt jemals in die Nähe eines Break-even zu kommen.

Trotz dieser Bilanz will man beim Bonner Carrier von einer Fehlkalkulation nichts wissen. "Wir müssen im Zusammenhang mit Btx endlich aufhören, von einem Flop zu reden", ging Carl-Friedrich Meißner, Mitglied des Vorstandes der Telekom, in einem Gespräch mit der COMPUTERWOCHE in die Offensive.

Gemessen daran etwa, wie viele Benutzerstunden über das Netz generiert werden, sei Btx, so der für den Non-Voice-Bereich der Telekom Verantwortliche, durchaus erfolgreich und vergleichsweise nutzungsintensiver als das französische "Minitel" mit seinen rund 5,6 Millionen Teilnehmern.

Um nun aber auch - zumindest mittelfristig - den Blick auf schwarze Zahlen richten zu können, war Meißners Stab zu einer Kurskorrektur gezwungen. Mit einem völlig überarbeiteten Netzkonzept, neuer Vermittlungstechnik sowie Zugangsmöglichkeiten sowohl über das analoge als auch das ISDN-Netz unter Einschluß eines für die Anwender attraktiven Zeittaktes will man bisherigen Btx-Kunden und vor allem Datex-P-Benutzern ab 1993 unter dem voraussichtlichen Produktnamen "Datex-J" (Datex für jedermann) den neuen Dienst anbieten.

Endgültig beseitigen will Meißner mit Datex-J auch den Kardinalfehler der bisherigen Btx-Ausrichtung - nämlich die Bedienung eines Massenmarktes.

Entgegen den Vorstellungen Ende der siebziger Jahre, einen Dienst für Millionen zu bieten, ist man mittlerweile auch in der Telekom-Chefetage zu der Einsicht gelangt, daß die Vermarktungsstrategie überdacht werden muß. Konsequenz: Die ursprüngliche Konzeption wird es", so Meißner, "nicht mehr geben." Das neue Netz ist kompatibel zum alten Btx-Netz, alle gewohnten Applikationen können weiterlaufen - sofern sie noch angeboten werden. Hauptzielgruppe von Datex-J sind jedoch in erster Linie semiprofessionelle und professionelle Benutzergruppen, insbesondere Anwender, für die bisher nur Datex-P als Transportweg in Frage kam.

Mit der neuen Konzeption angefreundet hat sich offensichtlich auch Eric Danke, arg gebeutelter Btx-Verfechter der ersten Stunde. "Wir haben schon länger gesehen, daß das Btx-Netz nicht nur für bunte Bilder genutzt wurde", weiß der Projektleiter der Telekom zu berichten, wohl wissend, daß seine zum Großteil gewerbliche Kundschaft Btx aufgrund der günstigen Tarife hauptsächlich als Daten-Übertragungsweg nutzte. Bereits seit 1989 habe man daher, so Danke, Überlegungen hinsichtlich einer erweiterten Plattform sowie eines kostengünstigeren Zugangsnetzes angestellt.

Ergebnis dreijähriger Planungen ist nun eine Netzstruktur, die laut Danke "zwischen dem Trägersystem und den Diensten, die darauf laufen, unterscheidet". Bisherige Btx-Services bleiben bis auf weiteres im Angebot, allerdings - getrennt vom eigentlichen Netz - verpackt in insgesamt vier "Container-Gruppen", mittels derer die jeweiligen Anbieter ihre Dienstleistungen unter einer eigenen Zugangsnummer anbieten können. Darüber hinaus wird es das "alte Btx" weiter geben, aber eben nur noch als Teilapplikation mit einer geänderten Oberfläche für geschlossene Benutzergruppen.

Dem Großreinemachen zum Opfer fällt auch die für die Kostenintensität hauptsächlich verantwortliche, mehr als zehn Jahre alte Vermittlungstechnik. Bis Ende des Jahres werden alle IBM-Rechner der Serie 1 ausgemustert und durch leistungsfähigere, in der Anschaffung billigere Industriecomputer von Big Blue ersetzt. Statt wie bisher 50 Vermittlungsstellen sollen künftig in einer ersten Installationsphase 72 Knoten mit neuer Technik bereitstehen, in der Endausbaustufe will die Telekom bis 1995 das Datex-J-Netz auf insgesamt 150 Vermittlungsstellen erweitern. Erleichtert werden soll der Zugang zu Datex-J darüber hinaus durch X.29, einem zusätzlichen, einfacheren Übertragungsprotokoll für externe Rechner.

Positiver Cash-Flow

Mitte des Jahrzehnts

Durch diesen Kraftakt erhofft sich Meißner jährliche Zuwachsraten von 80 000 bis 100 000 Teilnehmer - zumindest ab dem Zeitpunkt, "an dem sich die Diskussion und die Unsicherheit um Btx gelegt hat". Tritt dies ein, könne man sich vielleicht sogar, wie der Telekom-Manager insgeheim hofft, bis Mitte der neunziger Jahre doch noch an die Millionengrenze herantasten, zumindest aber "einen positiven Cash-Flow" vorweisen - ein Ergebnis, daß dann auch der Forderung von Telekom-Chef Helmut Ricke nach Kostendeckung aller Telekom-Dienste entgegenkommen würde.

Um dies zu erreichen, soll ein externer Mitstreiter verpflichtet werden, da, wie Meißner das Dilemma einer nach wie vor starren, im Beamtenrecht verhafteten Organisationsstruktur umschreibt, "die Telekom Netze, aber nicht erfolgreiches Marketing in Sub-Branchen betreiben kann". Bereits bei der jüngsten Sitzung des traditionellen Btx-Vermarktungskreises Ende Februar ließen die Post-Planer die Katze aus dem Sack und präsentierten die Axel Springer Verlag AG als zukünftigen potentiellen Partner der Telekom.

Die Verhandlungen mit dem Verlagshaus sind laut Danke zwar noch nicht abgeschlossen, aber in einem Stadium, "wo man von einer Einigung ausgehen kann". Von der Gründung einer Vermarktungsgesellschaft zusammen mit dem Hamburger Medienriesen will der Btx-Chef nichts wissen, vorgesehen sei jedoch "die Schaffung eines homogenen Qualitätsangebotes, das später unter einem eigenen Produktnamen vermerktet werden kann". In diesem Zusammenhang sollen auch Kooperationsgespräche mit allen interessierten Btx-Anbietern stattfinden.

Verabschieden hingegen will sich der Bonner Carrier von den Hunderten von Millionen Mark, die das Btx-Abenteuer bisher gekostet hat. Den Verlust betrachtet man als Lehre der Vergangenheit und, wie Meißner es ausdrückt, "gute Investition in die Aufbereitung breiter Anwenderschichten bei interaktiven Diensten".

In seiner Bilanz jedenfalls möchte der Telekom-Verantwortliche reinen Tisch machen: "Wenn wir auf die Zukunft bezogen von schwarzen Zahlen reden, sagen wir, wir machen einen buchhalterischen Schnitt zum Zeitpunkt x und fangen neu an".