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23.03.1990 - 

EG-Kommission erklärt Lab-Testzertifikate europaweit für gültig

Telekom: Eurolab spekuliert auf Boom bei offenen Systemen

WIESBADEN (pg) - Die Deutsche Bundespost Telekom hat neues Serviceterrain betreten. Nach zweijähriger Vorlaufzeit wurde jetzt in Wiesbaden das Eurolab offiziell seiner Bestimmung übergeben. Hersteller können dort ihre Produkte auf Normenkonformität prüfen und sich beraten lassen.

Unter Federführung der EG-Kommission und aufgrund deren im Grünbuch für die Telekommunikation vorgegebenen Richtlinien für offene Kommunikation haben sich bisher sieben Gesellschaften verpflichtet, europäische Testlaboratorien einzurichten. Sie sind außer in der Bundesrepublik in Dänemark, England, Frankreich, Irland, Italien und Spanien angesiedelt.

Rund zwei Millionen Mark hat der gelbe Riese seit 1988 in das deutsche Eurolab gesteckt, das im Fernmeldeamt Wiesbaden beheimatet ist. Die Wahl, so Albert Albensöder, Präsident der Oberpostdirektion Frankfurt, sei nach anfänglichem Zögern auf die hessische Stadt gefallen - wegen ihrer Nähe zum Fernmeldetechnischen Zentralamt (FTZ) in Darmstadt und der infrastrukturell zentralen Lage in Europa.

Unter dem Projektnamen "Roland" - er steht für die Realisierung offener Kommunikationssysteme auf der Grundlage anerkannter europäischer Normen und der Durchführung harmonisierter Testverfahren - hat das mittlerweile 24 Mann starke Team seine Arbeit vor zwei Jahren aufgenommen. Die Wiesbadener bieten Herstellern von Endgeräten und Systemen sowie deren Kunden die Prüfung der Produkte auf Normenkonformität an, wie die anderen Eurolabs auch.

Die deutsche Institution hat sich dabei, so Kurt Grosse, Leiter der Projektgruppe, auf die Standards X.21, X.25, MHS (Message Handling System) und FTAM (File Transfer, Access and Management) spezialisiert. Seit Einführung des deutschen Labs sind laut Grosse weit über hundert Tests für Hersteller und Anwender durchgeführt worden, wobei der Löwenanteil auf Datex-L und Datex-P entfiel. Immerhin, so der Projektleiter, seien auch schon zwölf MHS-Aufträge über die Bühne gegangen; bei FTAM beginne sich jetzt langsam Interesse zu regen.

Die Expertisen aus Wiesbaden und den anderen Eurolabs basieren auf einheitlichen und harmonisierten Testverfahren sowie -werkzeugen. Für den Auftraggeber hat dies den Vorteil, daß im Falle der Normenkonformität seines Produkts der Testreport und das ausgestellte Zertifikat bei allen Zulassungsbehörden in Europa Anerkennung findet. Allerdings, so führte Albensöder aus, könne vom absoluten Durchbruch erst dann gesprochen werden, wenn auch die Zulassungsverfahren europaweit harmonisiert seien. Daran arbeite eine Gruppe der EG-Kommission momentan.

Private Anbieter werden als Konkurrenz auftreten

Um den angestrebten Wettbewerb durch die Vergabe der Testrechte nicht zu blockieren, hat Brüssel zur Auflage gemacht, daß mindestens je zwei Eurolabs in Konkurrenz Tests für die gleichen Standards anbieten. Außerdem können auch private Anbieter bei der EG die Lizenz für Prüfverfahren erwerben, vorausgesetzt sie realisieren die von der EG vorgeschriebenen Testkriterien.

In der Bundesrepublik tritt zur Zeit neben der Telekom noch kein anderes Unternehmen offiziell als Eurolab-Mitbewerber auf. Dennoch rechnet die Bundespost bald mit Nebenbuhlern. Um Kunden für die Einrichtung der Telekom zu gewinnen, so Grosse, habe man sich entschieden, die Gutachten zunächst zu Subskriptionspreisen durchzuführen. Für MHS-Tests muß der Auftraggeber 6000 Mark Fixpreis plus TK-Kosten berappen, das Prüfverfahren für X.21 kostet 1500 Mark, das für X.25 3000 Mark. Grosse: "Gemessen an den Analysen privater Anbieter, die bis zu 50 000 Mark verlangen, ist das geschenkt."

Allerdings wird die Telekom dieses Preisniveau, das noch vor der Postreform festgelegt wurde, nicht halten können, will die Prüfinstanz mittelfristig gewinnbringend wirtschaften. Der Etat liegt, so war von Insidern zu hören, jährlich bei rund vier Millionen Mark. Trotzdem verbreitet Grosse Optimismus: "Wir hoffen, daß die Dienstleistung des Eurolab nicht nur national, sondern auch international in Anspruch genommen wird." Gutachten für ausländische Kunden sind laut Telekom kein Problem, weil die Analyse auch von Wiesbaden aus über TK-Leitungen durchgeführt werden kann. Anfragen aus dem Ausland liegen bereits vor.

Als Zielgruppe haben die Strategen der Post generell Unternehmen im Auge, die sich selbst die teuren Labors und die Manpower nicht leisten können. "Große Hersteller", so der Projektleiter, "haben ihre eigenen Prüfstellen und werden sich von uns nicht abhängig machen." Da dem Markt für Telekommunikation aber ein großes Wachstum prophezeit wird, rechnet die Telekom mit vielen Kunden aus dem Kreis kleiner Anbieter. Grosse hoffnungsfroh: "Kein Produkt ist von Anfang an fehlerfrei."

Neben der Normenkonformitätsprüfung setzt die Eurolab-Riege noch auf ein zweites Standbein - auf die Beratung. Mit Seminaren in Wiesbaden und Bad Kreuznach (ISDN und Temex) sowie individueller Beratung soll den Kunden geholfen werden, die europäischen Normen in marktfähige Produkte umzusetzen. In naher Zukunft, so Grosse, sei es denkbar, daß das deutsche Eurolab dem Kunden als Consultant beim gesamten Zulassungsprocedere zur Seite stehe. Mehrere Kunden seien mit dieser Bitte schon an die Telekom herangetreten.

Ein Loblied auf die Eurokraten

Wer Kritik übt, der soll auch mit Lob nicht sparen. Beifall haben jetzt einmal die so häufig geschmähten Brüsseler Eurokraten verdient. Ihre Bemühungen, den durch Monopole verkrusteten Telecom-Markt in Europa mit Wettbewerb zu beleben, gleichen fast einer Sisyphusarbeit.

Trotzdem ist den EG-Beamten mit der Schaffung der Eurolabs ein weiterer Schritt in Richtung Binnenmarkt gelungen. Dort werden Produkte in Sachen OSI auf Herz und Nieren geprüft und nach bestandenem Test mit einem EG-weit anerkannten Zertifikat versehen. Davon profitieren Hersteller wie Anwender: Die einen ersparen sich mit dem Gütesiegel "normenkonform" den Gang von Pontius zu Pilatus; die anderen erhalten Produkte, die offene Standards garantieren.

Obwohl erst sieben Labs existieren, hat die EG-Kommission monopolistischen Tendenzen vorgebeugt. Die Prüfinstanzen stehen nämlich in Wettbewerb und werden Konkurrenz von privaten Anbietern bekommen.

Wie sich das deutsche Eurolab dann aus der Affäre zieht, bleibt abzuwarten. Im eigenen Land momentan noch ohne Nebenbuhler versucht es, Kunden mit Schleuderpreisen zu ködern. Mittelfristig kann diese Rechnung jedoch nicht aufgehen. Andere Bereiche der Telekom werden auf Dauer nicht die Melkkuh für Subventionen spielen - nun, da auch postintern Wettbewerb angesagt ist. pg