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04.12.1992 - 

Experten: EG-Markt für TK wächst auf 640 Milliarden Mark

Telekom und weitere vier Carrier planen europäisches ATM-Netz

MÜNCHEN (CW) - Unter dem Motto "Telekommunikation auf der Schwelle zum Europäischen Binnenmarkt" diskutierten auf einem Kongreß des Münchner Kreises Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik über den TK-Markt.

Im Mittelpunkt des Interesses standen des EG-weite Netzausbau und die internationalen Wettbewerbsbedingungen.

Für den TK-Binnenmarkt gehen Prognosen davon aus, daß das Marktpotential, das 1990 noch auf 180 Milliarden Mark veranschlagt wurde, bis 1995 um fast 50 Prozent und bis zum Jahre 2010 um das Dreieinhalbfache auf 640 Milliarden Mark anwachsen wird. Wer sich aus diesem Kuchen die größten Stücke sichert, ist noch offen. Im Prinzip hält sich Europas TK-Industrie, wie SEL-Chef Gerhard Zeidler und auch Siemens-Vorstand Hans Baur betonten, auf internationalem Parkett technisch durchaus für wettbewerbsfähig.

Europäer sind im Ausland benachteiligt

Wegen der Öffnung des Binnenmarktes erwarten die europäischen Unternehmen aber von der EG den Abbau von Handelshemmnissen auf den internationalen Märkten. In den USA ist es ausländischen Unternehmen beispielsweise untersagt, mehr als 20 Prozent eines Netzbetreibers zu erwerben, während US-Anbieter dies auf einem deregulierten EG-Markt können. Zusätzlich fühlen sich die deutschen Unternehmen durch die teilweise starke vertikale Integration zwischen Carriern und Herstellern auf den fremden Märkten benachteiligt.

Anwender dürften, so ein Ergebnis der Tagung, mit Beginn des europäischen Binnenmarktes am ehesten die mit der Einführung des Euro-ISDN verknüpften Änderungen bemerken. So wird das Protokoll des D-Kanals vom nationalen 1-TR6 auf den europäischen Standard E-DSS 1 umgestellt. Damit können künftig ISDN-Geräte nicht nur in einem Land eingesetzt werden, sondern überall in Europa, wo Netzbetreiber dem Euro-ISDN zugestimmt haben. Für Gerd Tenzer, Vorstandsmitglied Telekom im Bereich Netze, Satelliten und Logistik, ergeben sich daraus "größere Absatzmärkte für die Endgeräte-Hersteller, was wiederum zu sinkenden Endgerätepreisen führen wird. Dies dürfte die ISDN-Nachfrage weiter anregen."

Wie lange der Bonner Carrier jedoch noch das 1-TR6-Protokoll bereitstellt, ist ungewiß. Tenzer geht davon aus, daß man die 1-TR6-Anschlüsse solange behalten wird, bis Euro-ISDN den erwarteten Sog ausübt und alle Anwender migrieren. "Wenn die Preise für Euro-ISDN-Endgeräte purzeln, dann wird der Kunde schon von sich aus auf Euro-ISDN umstellen, weil er ein Interesse daran haben muß, Euro-ISDN-Protokolle zu fahren", so die Ansicht des Vorstandsmitglieds.

Neben der Einführung des Euro-ISDN arbeitet das Unternehmen, entsprechend den Ausführungen der Maastrichter Verträge zu den transeuropäischen Netzen, an Übertragungssystemen mit hohen Transferraten auf Fernebene. Die Telekom ist laut Tenzer heute in der Lage, kommerziell Daten mit 2 Gbit/s zu übertragen. Für die nahe Zukunft erwartet der Telekom-Manager Übertragungsgeschwindigkeiten von 10 Gbit/s - im Labor seien bereits Übertragungssysteme im Tbit-Bereich realisiert.

Im Frühjahr 1993 sollen im Rahmen des "Global European Networks" (GEN) Dienste mit Transferraten von 64 Kbit/s bis 2 Mbit/s europaweit angeboten werden. Für die Zukunft ist eine Erweiterung auf 140 Mbit/s vorgesehen. In einer weiteren Entwicklungsstufe wird GEN später durch "Managed European Transmission Network" (Metran) abgelöst. Mit Metran, einem fest geschalteten Netz, an dem über 25 europäische Netzbetreiber beteiligt sind, planen die Carrier ab 1995 Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 155 Mbit/S.

Ein ATM-Netz soll eingeführt worden

Die nächste Ausbaustufe des europäischen B-ISDN wurde im November in einem Memorandum of Understanding zwischen der Telekom, British Telecom, France Télécom, Telefonica und STET verabredet: Beabsichtigt ist die Einführung eines ATM-Netzes. Mitte 1993 werden auf der Basis einer Eurescom-Empfehlung die technischen Einrichtungen in Auftrag gegeben. Ab Mitte 1994 soll das Netz für den Betrieb mit Pilotkunden zur Verfügung stehen: Zunächst wird dazu eine Verbundlösung mit 34-Mbit/s-Leitungen realisiert. An die volle Nutzung der Leistungsfähigkeit der ATM-Knoten, die heute im Bereich von 10 Gbit/s liegt, ist erst zu einem späteren Zeitpunkt gedacht. Bereits im Jahr 2000 erwartet Tenzer den zehnfachen Durchsatz und unmittelbar danach die optische Vermittlung, mit der ein Datenvolumen von mehreren Tbit/s erreicht werden soll.

Weltweit ist allerdings die Frage einer möglichen Tarifierung der ATM-Netze noch nicht gelöst. Für Tenzer sind hier ähnliche Ansätze wie bei Datex-P vorstellbare. Damit die Kunden die neuen Leistungsmerkmale auch voll ausnutzen können mit den herkömmlichen Kupferkabeln sind nur Datenraten von bis zu 2 Mbit/s realisierbar, will das magentafarbene Unternehmen mit Fiber in the Loop (FITL) die Glasfaserverbindungen von den Vermittlungsstellen bis zum Kunden ausbauen. Bis 1994 möchte der Carrier bereits 500 000 Anschlüsse vorlegen.

Belegen diese Zahlen die Entwicklung der TK in den nächsten Jahren, so machen sie auch den zu erwartenden Investitionsaufwand deutlich. Für Helmut Ricke, Vorstandsvorsitzender der Telekom, ist deshalb der Gang seines Unternehmens an die Börse bis spätestens 1996 unverzichtbar, um die sinkende Eigenkapitalquote aufzufüllen. Außerdem müsse es erstes Ziel seines Unternehmens sein, die Produktivitätswerte zu verbessern. So sei der Umsatz pro Kopf 20 Prozent niedriger als bei den amerikanischen Wettbewerbern. Deshalb will der Carrier bis zur Jahrtausendwende 20 000 Stellen abbauen. Der Münchner Unternehmensberater Seebauer bezweifelt jedoch in einem Gutachten, erstellt im Auftrag der Deutschen Postgewerkschaft, daß an der Börse der angenommene Wert des Unternehmens von 55 bis 65 Milliarden Mark erzielt werden kann. Er glaubt, eine Entscheidung über die Privatisierung könne frühestens 1998 fallen.

ISDN: Mehr Info für den Anwender

Einig wie selten sind Politik und Wirtschaft, wenn es um die Bewertung des künftigen europaweiten TK-Marktes geht. Sie jubilieren über hohe Wachstumsraten in schwindelerregenden Höhen und heben die TK-Industrie in den Rang der Automobilbranche. Zuglokomotive dieser TK-Welt soll Euro-ISDN sein, auf das künftig - geht es nach dem Willen der Telekom - niemand mehr verzichten kann.

Doch wo bleibt der Anwender bei all der Euphorie? Der bemängelt die Informationspolitik des Bonner Carriers. Was die Telekom mit ISDN anbietet, ist den meisten zwar klar: ein Netz zur Übertragung von Daten mit 64 Kbit/s. Wenn es aber um die Praxis geht, herrscht große Verwirrung. Wie es ein Entscheidungsträger eines Privatsenders formuliert: "Wenn ich in unseren Büros das Stichwort ISDN erwähne, bekomme ich zur Antwort, "das war doch unter Präsident Reagan ein Programm für den Sky-Krieg"." Die künftigen Anwender können mit abstrakten Daten über ISDN wenig anfangen, sie wollen konkrete Anwendungsbeispiele und gezielte Beratung.

Weit verbreitet ist beispielsweise der Glaube, mit der Einführung von ISDN könnte künftig auf Ethernet- und ähnliche LANs verzichtet werden. Dabei wird oft vergessen: Die LANs realisieren Geschwindigkeiten von über 10 Mbit/s, ISDN bietet aber nur 64 Kbit/s pro Kanal. Der Traum von weniger Kabeln wird sich wohl nur in den seltensten Fällen erfüllen.

Dazu kommt die Unsicherheit über das Protokoll im D-Kanal. Favorisierte die Telekom im nationalen Alleingang das 1-TR6-Protokoll, so wird im Zuge der EG-Harmonisierung ab 1993 das europäische E-DSS 1-Protokoll eingesetzt. Und die Besitzer alter 1-TR6-Geräte? Für sie läuft die Schonfrist ab, sobald genügend Käufer auf den Euro-ISDN-Zug aufgesprungen sind. Dann will der Carrier nur noch E-DSS 1 unterstützen - auch eine Methode, den Absatz neuer Geräte anzukurbeln. Doch genug der Schelte Nach drei Jahren ISDN-Betrieb führt die Telekom jetzt eine Studie durch, um die Bedürfnisse der professionellen, Kunden zu erforschen.

CW-Mitarbeiter Jürgen Hill